20. Juli 1944: Erinnern an Diktatur und Faschismus. Wann, wenn nicht besonders jetzt?

OR dokumentiert die Rede Robert Alferinks 

Es zählt lange Jahre zur Tradition in der Friedensstadt Osnabrück, dass sich Demokratinnen und Demokraten gemeinsam vor dem Mahnmal auf dem Platz des 20. Juli vor der Kunsthalle versammeln, um an jenem Jahrestag gemeinsam an die gescheiterten Hitler-Attentäter um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg sowie an die noch viel zahlreicheren Opfer von Verfolgung und Widerstand zu erinnern. Osnabrück besitzt eine besonders große Liste von Ermordeten durch den NS-Terror.


Geregelter Ablauf, bei dem Emotionen nie zu kurz kamen

Für einen Tag inmitten der Sommerferien war die Beteiligung sehr rege. Der Ablauf verlief gut vorbereitet und strukturiert – und zugleich vor allem dort menschlich bewegend, sobald auf den Widerstand und auf Opfer in Osnabrück hingewiesen wurde.

Für die Stadt verwies zunächst Bürgermeisterin Eva-Maria Westermann (CDU) auf die Bedeutung des Tages für die deutsche Demokratie. Nicht zu kurz kamen bei ihr Verweise auf das Geschehen in Osnabrück und auf Personen, die Widerspruch wagten und verfolgt wurden. Nach ihr sprach Robert Alferink für die Osnabrücker SPD, aus deren Partei, die in der NS-Zeit verboten und verfolgt wurde, in der Stadt besonders viele Opfer des Nationalsozialismus zu beklagen sind. An Kranzniederlegungen beteiligten sich die Freiwillige Feuerwehr Neustadt mit dem Kranz für die Stadt Osnabrück, das Bundeswehr-Kreisverbindungskommando Osnabrück, die Royal British Legion sowie die hiesige SPD.

Bei allen Teilnehmenden während und am Rande der Veranstaltung herrschte die einmütige Meinung, dass angesichts der aktuellen Gefahren von Rechtsaußen, die in diesem Jahr sogar zur Übernahme einer Landesregierung der AfD in Sachsen-Anhalt führen kann, nicht genug vor Rechtsextremen, Faschisten und Nationalisten gewarnt werden kann. „Wir müssen viel mehr solcher Erinnerungsorte nutzen, um immer wieder an die Gefahren einer Regierungsübernahme durch Rechtsextremisten zu erinnern“, brachte es Veranstaltungsteilnehmer, Gewerkschafter und Sozialdemokrat Timo Spreen treffend auf den Punkt.

Dieter Hölscher, früherer Betriebsratsvorsitzender des Klinikums, pflichtete ihm ausdrücklich bei: „Wenn die Rechten im Bundesland Sachsen-Anhalt die Wahlen gewinnen, ist das fatal und zerrüttet unsere Nachkriegsdemokratie. Wann, wenn nicht jetzt müssen wir laut und vernehmlich an die NS-Zeit erinnern? Nie wieder!“

Neuer Parteivorsitzender: Robert Alferink. Foto: SPD Osnabrück
OB-Kandidat Robert Alferink


Rede Robert Alferinks

Vielbeachtet war besonders die Ansprache des Osnabrücker Oberbürgermeister-Kandidaten und Sozialdemokraten Robert Alferink, die wir im Folgenden unverkürzt dokumentieren.

Sehr geehrte Mitglieder von Rat und Verwaltung, 
sehr geehrte Vertretungen der Bundeswehr und der British Legion, sehr geehrte Damen und Herren, 

wir stehen heute hier – am 20. Juli – um an ein Ereignis zu erinnern, das nicht nur ein historisches Datum ist, sondern ein Symbol für Mut, Gewissen und Widerstand gegen Unrecht: das Attentat auf Adolf Hitler im Jahr 1944. In einer Zeit, in der das nationalsozialistische Regime mit brutalster Härte herrschte, wagten Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter den Versuch, das Unrecht zu beenden. Sie wussten, dass sie mit ihrem Handeln ihr Leben riskierten – und viele von ihnen bezahlten mit dem Tod.

Auch in Osnabrück gab es Menschen, die sich nicht dem System beugten, die im Verborgenen halfen, die Fragen stellten, wo andere schwiegen. Ihr Mut erinnert uns heute daran: Zivilcourage beginnt im Kleinen – in Worten, in Gesten, in Haltung. Seit vielen Jahren ist es für uns als Osnabrücker Sozialdemokraten nicht nur selbstverständlich an dieser Gedenkfeier zu Ehren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus teilzunehmen, es ist uns zugleich auch eine Verpflichtung gegenüber den vielen Opfern des deutschen Faschismus. Denn: Viele dieser Opfer waren Genossinnen und Genossen unserer Partei.

An vier brutal von den Nazis im KZ ermordete Osnabrücker aus unseren Reihen erinnern wir traditionell und werden dies auch in diesem Jahr tun, ohne das Leid oder die Verdienste anderer mindern zu wollen. Diese vier zählten gemeinsam mit anderen Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaftern und Demokraten zu den Opfern der Verhaftungswelle im Nachgang des Attentats, die unter dem Namen „Aktion Gewitter“ in die Geschichte eingegangen ist. Sie waren aus Sicht der Nazis gefährlich. Gefährlich, weil andere sich ein Beispiel an ihnen nahmen. Gefährlich, weil sie sich nicht einfach beugen wollten.

Nach der Verhaftungswelle im KZ ermordet: Die Osnabrücker Sozialdemokraten (von links) Heinrich Niedergesäß, Wilhelm Mentrup. Heinrich Groos und Fritz Szalinski. Collage: Heiko Schulze

Ich erinnere an den früheren Osnabrücker Arbeitsamtsdirektor Heinrich Groos, verhaftet und ermordet von den Nazis. Ich erinnere an den Metall-Gewerkschafter Fritz Szalinski, verhaftet und ermordet von den Nazis. Ich erinnere an den AOK-Verwaltungsmitarbeiter Wilhelm Mentrup, verhaftet und ermordet von den Nazis. Und ich erinnere an den vormaligen SPD-Parteisekretär Heinrich Niedergesäß, verhaftet und ermordet von den Nazis. Die vier Genannten wären nach der Befreiung Osnabrück durch britische Streitkräfte am 4. April 1945 für den demokratischen Neuaufbau unserer Stadtgesellschaft ungemein wichtig gewesen. 

Auf der Schleife des SPD-Kranzes werden die Opfer namentlich benannt.

Sie reihen sich mit ihrem Schicksal ein in die wohl schrecklichste Zeit in der Geschichte unseres Landes und auch unserer Partei und in das Leid, das spätestens von 1933 an auch hier in Osnabrück von vielen braven Männern und Frauen erlitten wurde. Schon vor dem 20. Juli 1944 starben viel zu viele Osnabrückerinnen und Osnabrücker aufgrund des Wahns der Nazis. So etwa der bereits 1933 an seinen Haftfolgen verstorbene frühere SPD-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, Gustav Haas.

Die Schicksale dieser fünf Sozialdemokraten stehen beispielhaft für das Unrecht des NS-Regimes. Unrecht, das auch nach dem Krieg nicht ausreichend aufgearbeitet wurde. Viel zu viele Täter sind nur mild oder gar gänzlich ungeschoren davongekommen. Nur bespielhaft für diese Täter nenne ich den Namen des Nazi-Oberbürgermeisters Erich Gärtner, der für seine Taten, etwa die Ermordung der Osnabrücker Landwirtin Anna Daumeyer, die für das Hissen einer weißen Flagge wenige Stunden vor Kriegsende erschossen wurde, nie zur Verantwortung gezogen wurde.

Umso wichtiger ist es, auch derjenigen zu gedenken, die im Nachgang des 20. Juli verhaftet wurden, überlebten und das Erlebte als Ansporn dafür nahmen, ein besseres Osnabrück zu schaffen. Der vielen Männer und Frauen, die unsere Stadt zu der gemacht haben, in der wir heute leben.

Eine der frühen Amtshandlungen von NS-Regierungspräsident Eggers war die Ausreisegenehmigung der von NS-Verfolgungen bedrohten Sozialdemokratin Alwine Wellmann nach Bulgarien. Eggers droht in seinem Schreiben unwiderruflich mit KZ-Haft der SPD-Politikerin, falls sie sich weiter engagiert. Archiv Heiko Schulze

Stellvertretend für viele andere, nenne ich heute Alwine Wellmann. Alwine Wellmann war vor der Machtergreifung der Nazis SPD-Landtagsabgeordnete. Sie kehrte 1948 aus dem bulgarischem Exil nach Osnabrück zurück und wurde als ‚Vertrauensperson für die ehemaligen politisch, religiös und rassisch Verfolgten‘ in der Wiedergutmachungsstelle der Osnabrücker Regierung angestellt. Sie half auf diesem Posten vielen Osnabrückerinnen und Osnabrückern ihren Platz in unserer Heimatstadt wieder zu finden, sie half ihnen Wunden zu heilen und Existenzen wieder aufzubauen. 

Alwine Wellmann ist eine von vielen. An dieser Stelle möchte ich ganz ausdrücklich dem Osnabrücker ILEX-Kreis danken, der Kurzbiografien von mehr als 100 Menschen aus unserer Stadt veröffentlicht hat, die Widerstand gegen den Terrorstaat des Nationalsozialismus geleistet haben. 

Vielleicht sind es diese Erinnerungen, die unsere Heimatstadt Osnabrück lange Zeit immun gemacht hat gegen die Verlockungen der vermeintlich einfachen Lösungen und gegen den Extremismus. In acht Wochen wählt Osnabrück einen neuen Stadtrat. Wir Osnabrückerinnen und Osnabrücker haben die Möglichkeit, wieder zu beweisen, dass wir den Verlockungen der vermeintlich einfachen Lösungen und dem Extremismus widerstehen. Deshalb kann ich nur alle Menschen in unserer Heimatstadt dazu aufrufen, Ihrer Stimme Gehör zu verschaffen und wählen zu gehen.

Die Geschichte hat gezeigt: Demokratie stirbt nicht plötzlich – sie wird Stück für Stück ausgehöhlt. Deshalb ist es wichtig, Haltung zu zeigen, kritisch zu bleiben und die Demokratie auch hier in Osnabrück aktiv zu verteidigen – gegen den Faschismus.

Für die Osnabrücker SPD vor Ort, um auch an Opfer aus eigenen Reihen zu erinnern: Fraktionsvorsitzende Susanne Hambürger dos Reis und Oberbürgermeister-Kandidat Robert Alferink.

 

 

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