Teil 38  der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: Heinrich Heeger (1923- ?)

Tödliche Denunziation in Bramsche

Unter Kindern nannte man das verharmlosend „Petzen“, wenn jemand etwas „Verbotenes“ gemacht hatte und ein anderer darüber den Eltern berichtete, so dass diese es bestraften. Unter Erwachsenen, gerade im diktatorischen NS-System, hieß es „Denunzieren“. Und die Folgen konnten weitaus verheerender sein, ja sogar tödlich. Ein solcher Fall ereignete sich in Bramsche …


Fahrradpanne

Es ist im Frühjahr 1944. Elisabeth O, die als Hausangestellte bei Heinrich und Margarethe Heeger (geb. Krauthausen) in der Bismarckstraße 7 in Bramsche arbeitet, ist an einem Sonntagnachmittag mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause. Die 21-jährige wohnt bei ihren Eltern in Thiene bei Alfhausen. Der Weg führt entlang des Fliegerhorstes in Hesepe. Etwa dort hat sie mit ihrem Fahrrad eine Panne und muss anhalten. Ein Soldat des Fliegerhorstes hat das gesehen und kommt ihr zu Hilfe. Da das Fahrrad nicht mehr fahrtüchtig ist, begleitet er sie ein Stück auf dem Weg nach Thiene. Dabei unterhalten sich die beiden und Elisabeth O. erzählt, dass sie sich Sorgen macht, weil ihr Bruder als Wehrmachtssoldat in Russland vermisst ist. Der sie begleitende Soldat versucht sie zu beruhigen und erzählt ihr, dass ihr Bruder es bestimmt gut hat bei den Russen. Er begründete das damit, dass er Russland aus eigener Anschauung kenne, weil er als Sportler zweimal dort gewesen sei, gibt Elisabeth O. bei ihrer Vernehmung nach dem Krieg zu Protokoll. Im Verlauf des Gespräches habe er dann erzählt,“ dass Deutschland den Krieg nie gewinnen würde“ und „auf Adolf Hitler, die Regierung und die Wehrmacht geschimpft“, wie sie weiter ausführt. Soweit die Geschichte, die Elisabeth nach der Rückkehr nach Bramsche der Frau Heeger erzählt, als diese Elisabeth O. auf ihren Bruder anspricht. Daraufhin habe ihr Frau Heeger noch gesagt, „das dürfe ich nicht ihrem Manne erzählen.“

Heinrich Heeger, der bei der Bramscher Konservenfabrik Vahrmeyer und Kruse beschäftigt war, hatte Prokura und leitete einen Treuhandbetrieb der Bramscher Firma in Melitopol in der Ukraine.  Er erfährt von jenem Vorfall erst Wochen später als er aus der Ukraine auf Urlaub nach Bramsche zurückkehrt. Dieser habe sie dann plötzlich auf den Vorfall mit dem Soldaten angesprochen, berichtet Elisabeth O., und sie danach aufgefordert, dass sie das bei der Gestapo anzeigen müsse, weil es sich nach seiner Auffassung um Landesverrat handele, wie auch er später den Ermittlungsbehörden gegenüber nach dem Krieg bestätigt. Elisabeth O. weigerte sich jedoch, dies zu tun, obwohl dies noch einige Male in der Familie Heegers thematisiert wurde.


Im Zug

Einige Tage später: Heinrich Heeger war auf dem Weg mit dem Zug nach Osnabrück, wo er beruflich zu tun hatte. Im Abteil des Personenzuges sei er mit zwei Herren ins Gespräch gekommen. Einer der beiden habe „von irgendwelchen defaitistischen Vorgängen an der Front“ erzählt. Daraufhin habe er selbst von der Geschichte seiner Hausangestellten mit dem Soldaten erzählt. Nach Aussage Heegers habe sich „einer der Herren dann als Kriminalbeamter zu erkennen gegeben und verlangt, dass er bei der Gestapo eine Anzeige erstatten müsse“, was Heeger zunächst abgelehnt haben will. Der Kriminalbeamte sei dann aber mitgegangen und habe sich davon überzeugt, ob Heeger „auch innerhalb des Gestapogebäudes zu dem richtigen Sachbearbeiter hinging“. So habe er, Heeger, dann die Anzeige „wider seinen Willen bei der Gestapo erstattet.“

Elisabeth O. erfuhr davon am Mittag nach Heegers Rückkehr. Ihr gegenüber habe er erklärt, dass sie „nunmehr auch nach Osnabrück müsse, um seine Angaben zu bestätigen“, was sie erneut verweigerte. Daraufhin habe er sie unter Druck gesetzt mit den Worten, wenn sie nicht freiwillig ihre Angaben machte, würde sie von der Gestapo geholt werden. „In meiner Angst bin ich dann am Tage darauf mit ihm nach Osnabrück gefahren, wo er mit mir zum Gerichtsgebäude ging. Wir gingen dann zusammen in ein Zimmer, in dem ein Herr in zivil saß. Ich wurde aber sofort wieder herausgeschickt. Nach geraumer Zeit holte mich Heeger wieder zurück. Mir wurde dann schon ein fertig gestelltes Protokoll vorgelesen und ich wurde aufgefordert, dieses zu unterschreiben“, erinnert sich Elisabeth O.  Da dieses Protokoll wahrheitsgemäß die Erklärungen des Deichmann ihr gegenüber wiedergegeben habe, habe sie das – nach erneuter Aufforderung – auch unterschrieben.


Die Folgen für den Soldaten

Der Soldat, um den es hier geht ist Artur Deichmann, geboren am 14. Februar 1900 in Solingen. Als bekennender Hitlergegner wurde er bereits am 7. März 1933 in Schutzhaft genommen und im Konzentrationslager Börgermoor interniert. Nach seiner Entlassung am 4. April 1934 wurde er von Juli bis Ende 1934 und von August bis November 1937 erneut inhaftiert. Im Herbst 1943 kam es dann zu diesem für ihn schicksalsträchtigen Ereignis beim Fliegerhorst Hesepe.

Hermann Schröder von der Kommandantur des Fliegerhorstes Hesepe schilderte den weiteren Ablauf der Ereignisse wie folgt:

Eines Tages erschien auf meiner Kommandantur die Gestapo, welche mir die Denunziation eines Mädchens vorlegte über angeblich defaitistische Äußerungen meines Horstes. Dieses Schreiben war unterzeichnet mit dem Namen Elisabeth O. Aus der Anzeige ging eine genaue Beschreibung des Soldaten hervor, der für die defaitistischen Äußerungen infrage kam. Außerdem war angegeben, dass der Betreffende Frisör sei. Die Beschreibung passte genau auf Deichmann… Außerdem waren angegeben das Alter, woher er stammte usw.‘ Schröder schickte die Gestapo zunächst wieder weg und überlegte nach seinen Angaben, wie er die Sache ohne großes Aufsehen aus der Welt schaffen konnte. Er ließ Elisabeth O. mit einem Auto abholen in der Hoffnung, dass sie Deichmann eventuell nicht wiedererkennen würde und unterhielt sich zunächst mit ihr. Währenddessen warteten vor der Zimmertür einige Soldaten, darunter auch Deichmann. Als plötzlich die Tür geöffnet wurde und Elisabeth O. einen Blick in den Flur werfen konnte, zeigte habe sie sofort auf Deichmann gezeigt und ihn als den gesuchten Mann bezeichnet. Hierauf habe er Deichmann ins Zimmer kommen lassen und im Beisein von Elisabeth O. gefragt: ‚Kennt ihr euch?‘ Was beide bejaht hätten. Anschließend habe er sich mit Deichmann beraten, wie man die Angelegenheit bereinigen könne, eventuell durch Versetzung an einen anderen Fliegerhorst. Aber Deichmann befürchtete, dass die Gestapo nicht lockerlassen würde. Schröder erinnerte sich an die Bekanntschaft eines Kriegsgerichtsrats aus Bremen, mit dem er telefonisch die Angelegenheit besprach. Dieser habe den Fall nicht so dramatisch gesehen, da die Aussagen nicht gegenüber einem Soldaten gemacht worden seien. Er müsse sich aber für eine endgültige Bewertung mit Deichmann einmal persönlich unterhalten und sich die Anzeige einmal genauer ansehen. Daher habe Schröder die Anzeige Deichmann in die Hand gedrückt und ihn damit zu dem Kriegsgerichtsrat nach Bremen fahren lassen. Was daraus geworden sei, könne er nicht sagen. Deichmann sei auf jeden Fall nicht wieder zum Fliegerhorst Hesepe zurückgekehrt. Auf telefonische Rückfrage in Bremen habe man ihm gesagt, das Verfahren sei noch in der Schwebe.

Elisabeth O. erklärt, dass man bei der später durchgeführten Gerichtsverhandlung vor dem Feldgericht in Bremen das von ihr unterschriebene Protokoll vorgehalten habe und sie befragt wurde, ob sie dessen Inhalt bestätigen könne, was sie bejahen musste. ‚Mir tat das bitter leid, was aus meiner Erzählung an Heeger geworden war. Ich wollte nie daraus irgendetwas machen. Mir lag eine Bestrafung des Deichmann völlig fern.‘


Feldgericht der Luftwaffe

Deichmann wurde am 23. Dezember 1943 verhaftet und zunächst am 13. April 1944 von einem Feldgericht der Luftwaffe in Bremen zu zwölf Jahren Haft verurteilt, die nach Kriegsende zu verbüßen waren. Auf Befehl Görings, der als Oberbefehlshaber der Luftwaffe das Urteil genehmigen musste, was er ablehnte, kam es zu einer erneuten Verhandlung, bei der das Urteil am 26. Juni 1944 vom Feldgericht der Luftwaffe Bremen-Neulanderfeld in eine Todesstrafe umgewandelt wurde. Kurz vor seiner Hinrichtung am 14. September 1944 schrieb Artur Deichmann an seine Frau und seinen Sohn:

Es ist alles gekommen, wie ich es mir immer gedacht habe. – Fünf Uhr morgens und der Major Meier, der in meinen Verhandlungen Ankläger war, ist gerade fortgegangen. Er sagte mir, dass das Urteil bestätigt ist. – Werde um 7 Uhr erschossen!!!!! Du weißt und alle Geschwister, dass ich mich gerade hinstellen werde … Von meiner Schuld brauche ich ja nichts zu schreiben. Man soll mich nur nicht vergessen.

Am 18. September 1944 erhält Alma Deichmann in einem lapidar kurzen Schreiben die Mitteilung, dass das Urteil am 14. September 1944 vollstreckt worden sei und die Bestattung auf dem Friedhof in Bremen-Osterholz erfolgt ist. „Todesanzeigen oder Nachrufe in Zeitungen, Zeitschriften u. dergl. sind verboten.“ Über den Ausgang des Verfahrens wurde auch Hermann Schröder auf dem Fliegerhorst in Hesepe informiert. „Mit der Urteilshärte war ich nicht einverstanden“, erklärt er in einem Schreiben am 10. März 1948 gegenüber der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Solingen. „Ich habe daraufhin meinen Dienst niedergelegt, mich krankgemeldet und meine Entlassung noch vor Kriegsende erhalten. Es war mir nicht mehr möglich, selbst in der Luftwaffe länger mitzumachen.“

Schreiben über die Urteilsvollstreckung an Alma Deichmann vom 18. September 1944 (NLA OS Rep 945 Akz. 6/1983 Nr. 280, fol. 4)


Folgen für den Denunzianten?

Heinrich Heeger überlebte den Krieg. Nach eigenen Angaben sei Heger wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP vom 16. Januar 1946 bis zum 14. Februar 1947 interniert gewesen. Am 29. März 1947 sei er vom „englischen Sicherheitsdienst C.I.C. festgenommen und zunächst in einem „Lager für Schwerverbrecher“ in Fallingbostel interniert worden. Auf seine Beschwerde hin habe man ihn dann in ein „neutrales“ Internierungslager verlegt, aus dem er Anfang Juli 1948 nach Kleinwörden bei Hechthausen im Kreis Stade entlassen wurde. Am 8. Juli 1948 wurde Heeger von den deutschen Behörden verhaftet. Er wurde „wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit durch Denunziation eines Luftwaffenangehörigen bei der Gestapo“ angeklagt. Sein Rechtsanwalt legt dagegen Beschwerde ein mit der Begründung, Heeger habe Geständnis abgelegt und es bestehe von seiner Seite weder Verdunkelungsgefahr noch Fluchtverdacht. Außerdem stamme Heeger aus einer angesehenen Papenburger Familie. Der Vater sei vor einiger Zeit verstorben und war Senator. Vorbestraft sei Heeger bislang nicht; seine Führung sei bislang auch ohne jeden Tadel. „Im Interesse des Ansehens der Familie sollte eine sofortige Haftentlassung am Platze sein.“

Die Staatsanwaltschaft Osnabrück lehnt das jedoch ab und lässt Zeugen befragen, was sich wegen der schwierig zu ermittelnden Aufenthaltsorte über den Rest des Jahres 1948 bis hinein in die erste Jahreshälfte 1949 hinzieht.

Nach Angaben des Polizeipostens in Bramsche war der „Kaufmann Heinrich HEEGER seit Juli 1941 in Bramsche wohnhaft und polizeilich gemeldet.“ Er war bei der Firma Vahrmeyer & Kruse als Kaufmann tätig. Seit dem Sommer 1942 bis September 1943 war er mit der Leitung einer Filiale in Melitopol und später in Cherson (beide Ukraine) beauftragt. Nach Aufhebung der Filiale in der Ukraine September 1943 soll Heeger in Dortmund bei einer Kolonialwarengroßhandlung beschäftigt gewesen sein. „Es konnte hier ermittelt werden, dass H. hier in Bramsche politisch nicht in Erscheinung getreten ist, wohl war bekannt, dass er ein fanatischer Nationalsozialist gewesen ist.“ Demgegenüber habe man in Erfahrung bringen können, dass Heeger in seinem früheren Wohnort Düren bei der Kreisleitung der NSDAP als Kampfbundleiter, Propagandaleiter und Organisationsleiter tätig gewesen ist. Ferner soll er im Jahre 1939 in Hannover noch Gauredner gewesen sein.

NSDAP-Mitgliedskarte für Heinrich Heeger (Foto. National Archives)

Nach Ermittlung der Polizei in Düren sei Heinrich Heeger etwa im Jahr 1925 nach Düren gekommen. Er war Reisender und Vertreter einer Papiergroßhandelsfirma. Nach einigen Jahren wurde er dann selbständiger Papiergroßhändler. Sein Einkommen war bis zur Machtübernahme durch den Nationalsozialismus gering und er lebte bis dahin gewissermaßen „von der Hand in den Mund“. Den Auskunftspersonen sei schon vor dem Jahre 1933 die nationalsozialistische Gesinnung des Heeger aufgefallen. Allgemein werde angenommen, dass er im Jahre 1931 der NSDAP beigetreten ist. Bis zur Machtübernahme sei er jedoch nicht besonders hervorgetreten. Nach der Machtübernahme habe er sich besonders rührig an der sogenannten Gleichschaltung der Verbände beteiligt. Im Jahre 1934 wurde er Geschäftsführer des Konsum- und Sparvereins Düren. Er fiel bald durch seinen „üppigen Lebensaufwand“ auf. Von Seiten der Partei oder des Konsum- und Sparvereins habe ihm ständig ein Auto zur Verfügung gestanden.

Fast ständig habe er Parteiuniform getragen. Die Auskunftspersonen erzählten, dass Heeger seinen Aufgaben als Geschäftsführer nicht gewachsen war und dass er mehr die angenehmen Seiten seiner Stellung wahrgenommen habe. Heeger habe mit zum engsten Kreise der Mitarbeiter und Freunde des Kreisleiters Binz gehört. Von 1938 bis 1939 war er in Düren als Propagandaleiter tätig. Heeger erfüllte die von vorgesetzten Stellen übertragenen Aufgaben in „sachlicher und vornehmer Weise“. Gehässigkeit oder Brutalität seien bei ihm nicht beobachtet worden. Seine Stellungen während der nationalsozialistischen Herrschaft hätten ihm die Möglichkeit gegeben, einen „üppigen Lebensaufwand“ zu führen. Im Jahre 1939 habe Heeger die Stadt Düren verlassen. Wohin er sich gewandt habe, sei nicht bekannt.

Heeger selbst räumt in seiner Verteidigungsschrift zwar ein, dass er die Äußerungen im Zug über den Vorfall gemacht und auf Drängen der Gesprächspartner den Vorfall auch bei der Gestapo geschildert habe. Er weist aber jede Schuld von sich, weil er in dem Glauben gewesen sei, bei Deichmanns Verhalten handele es sich um Landesverrat.

Schließlich kommt es am 24. August 1949 zur Anklageerhebung vor dem Schwurgericht Osnabrück. Am 20. Februar 1950 wurde das Verfahren schließlich aufgrund § 3 des Gesetzes über die Gewährung von Straffreiheit vom 31.12.1949 auf Kosten der Staatskasse eingestellt. Zur Begründung wird vom Gericht unter anderem angeführt, dass nach Würdigung aller Aspekte nicht festgestellt werden konnte, dass Heeger jemandem etwas zuleide getan hätte bzw. tun wollte. Dafür spreche, dass Heeger der nicht freiwillig bereit war, eine Anzeige gegen einen politischen Gegner zu erstatten. „Damit gewinnt seine Einlassung an Glaubwürdigkeit, dass er zu seinem Verhalten jedenfalls durch das Gefühl bestimmt worden ist, es könne sich bei Deichmann, der davon gesprochen hatte, er unterhalte noch Beziehungen zu den Russen, möglicherweise um einen Landesverräter handeln, den man anzeigen müsse, um Unheil zu verhindern“, führte das Gericht weiter aus. Ihm wurde außerdem zugutegehalten,  dass er, obwohl alter Parteigenosse, zersetzende Reden in dem Betriebe, in dem er die Mitverantwortung trug, duldete, „einem Landstraßengespräch seiner Hausangestellten mit einem ihm fremden Soldaten dagegen größere Bedeutung beimaß.“

Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände erschien das Verhalten des Angeklagten – seine Schuld unterstellt – mit einer Strafe bis zu 6 Monaten Gefängnis ausreichend gesühnt. Dieses wiederum erfüllte die Voraussetzung des unter dem ersten Bundeskanzler der neu entstandenen Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer,  erlassenen Straffreiheitsgesetzes zum Erlass von Strafen für „leichtere Vergehen“ durch Einstellung des Verfahrens. Hintergrund dieses Gesetzes war, die Justiz zu entlasten und einen politischen Neuanfang zu erleichtern. Dass damit – gewollt oder ungewollt – auch laufende NS-Strafverfahren ohne Strafurteil endeten, wurde in Kauf genommen. Heinrich Heeger wurde für sein Verhalten also nicht zur Verantwortung gezogen.


Die Wahrheit kommt zu spät …

Wenige Jahre später meldet sich Heegers Vermieterin, Else Schmitt, aus Bremen bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Sie erklärte, dass Heinrich Heeger seit Mai 1952 bei ihr in Bremen eine Wohnung bewohnte. Sie und Heeger hätten öfters abends zusammengesessen und Gespräche geführt oder Schach gespielt. An einem dieser Abende habe Heeger, der ihr „sehr mitteilungsbedürftig war“, von einer besonderen Sache erzählt. Er sei wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit in einen Internierungslager gewesen, was mit dem Tode eines Soldaten in Zusammenhang gestanden habe. Dann habe er ihr erzählt, dass ein Soldat seinem früheren Hausmädchen gesagt habe, dass Hitler den Krieg nur darum verlängere, um selbst seinen Kopf oben zu behalten. Diese Äußerung sei dann vom den Mädchen an seine damalige Frau weitergegeben worden und die Frau hätte dann das Mädchen aufgefordert, diese Sache ihm noch einmal in seiner Gegenwart zu erzählen.

Dies habe das Mädchen dann auch gemacht. An einem der nächsten Tage sei er dann auf einer Fahrt im Zuge mit zwei Männern in ein Gespräch über die unsichere Lage gekommen und habe dabei auch diesen Vorfall in erwähnt. Die Herren hätten ihn aufgefordert, sofort eine Anzeige gegen den Soldaten zu erstatten, andernfalls sie gegen ihn vorgehen würde. Daraufhin will er die Anzeige dann gemacht haben, was er nach dem Kriege in dem Verfahren gegen ihn auch gegenüber dem Gericht erklärt habe und sei deshalb „freigesprochen“ worden. Diese seine Aussage vor dem Gericht sei aber eine Lüge gewesen. In Wirklichkeit habe er von sich aus, ohne jeglichen Zwang, die Anzeige erstattet. Die beiden angeblichen Herren im Zug seien nur eine Erfindung von ihm gewesen, um vor Gericht den Anschein zu erwecken, unter Zwang gehandelt zu haben.  Heeger habe sich wohl ihr gegenüber mit seinem Verhalten in dieser Angelegenheit brüsten wollen und Eindruck schinden.

Ein Verwandter der Familie Deichmann, der privat Recherchen zu Heeger anstellte, habe eines Tages bei Frau Schmitt in der Wohnung gestanden. Offenbar wusste er von den Äußerungen Heegers gegenüber Frau Schmitt, woher konnte sie sich jedoch nicht erklären. Wilhelm Mattes, so hieß der Mann, erzählte Else Schmitt von dem Gemütszustand der Hinterblieben von Artur Deichmann und appellierte an ihr Gewissen, diese Geschichte, die ihr Heinrich Heeger erzählt hatte, dem Bundesanwalt in Karlsruhe mitzuteilen. Am 13. Mai 1953 gibt Else Schmitt ihre Aussage zu Protokoll. Ein Wiederaufgreifen des Verfahrens findet jedoch nicht statt. Die Gründe dafür sind nicht bekannt.

So bleibt das niederträchtige Verhalten des Kaufmanns und NS-Mannes Heinrich Heeger letztlich ungesühnt.

4 Stolperstein für Artur Deichmann in Solingen (Foto: https://stolpersteine.wdr.de/web/de/stolperstein/6741)
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