Der Mann mit den strahlend weißen Raffzähnen
Ich habe Jürgen Klopp lange gern zugesehen. Nicht, weil ich ihn für einen Heiligen des Fußballs hielt, sondern weil er den Eindruck vermittelte, als sei in diesem vollständig durchvermarkteten Betrieb noch ein Mensch übrig geblieben, der ein Spiel auch als Spiel begreifen konnte. Einer, der lachte, fluchte, umarmte und wenigstens so wirkte, als käme er gerade aus der Ostkurve und nicht aus einer Vorstandssitzung der Deutschen Vermögensberatung.
Inzwischen sehe ich vor allem eine perfekt in Szene gesetzte Werbeikone mit Bart. Einen wandelnden Imagefilm im Kapuzenpulli. Einen Mann, dessen absurd weiße Raffzähne selbst das Flutlicht wie romantisches Kerzenlicht erscheinen lassen.
Klopp spielt noch immer den Kumpel von nebenan und stellt sich gern an die Spitze jeder Bewegung, bei der Haltung gefragt ist – vorausgesetzt, sie kratzt nicht am Kumpelimage. Wo ein moralisches Vakuum entsteht, steht Jürgen schon im Gegenlicht, bereit für die nächste Stellungnahme. Nicht unbedingt, weil er etwas Erhellendes zu sagen hätte, sondern weil er verstanden hat, dass Haltung inzwischen ein Geschäftsmodell ist.
Ich halte Klopp nicht für einen Hetzer oder Demagogen. Dafür ist er viel zu glatt, markenkompatibel und hervorragend verkäuflich. Er ist kein Populist im politischen Sinn. Er ist etwas Raffinierteres: ein Populist für Fanwellness.
Er wickelt Hochleistungsfußball, Konzernlogik und Millionengehälter in eine flauschige Decke aus Emotionen und Wortkaskaden. Seine eigentliche Kunst besteht darin, die Champions League als Malocherromantik, Millionengehälter als Schichtzulage und Konzernfußball als Tante-Emma-Laden zu verkaufen.
Klopp ist längst keine bloße Trainerfigur mehr, sondern eine zur Litfaßsäule erstarrte Werbeikone. Zwieback, Tapetenkleister, Elektrorasierer, Elektronikmarkt, Biersorten, Finanzvertrieb, Brausekonzern – dieser Mann könnte selbst Rigipsplatten als zwingend notwendige Bausteine eines gut funktionierenden Teams verkaufen.
Der neue Bundestrainer ist von nun an ein Werbeblock mit DFB-Lizenz. Interessenkonflikt? Ach was. Im modernen Fußball nennt man das Markenarchitektur. Klopps Wechsel in das Brauseimperium war weder Betriebsunfall noch Entzauberung. Es war die logische Vollendung einer jahrelangen Initiativbewerbung, die nur niemand als solche erkennen wollte.
Schon 2022 erklärte Klopp: „Ich weiß, wie sehr die Idee Rasenball, Red Bull, in der Kritik steht bei Traditionalisten im Fußball. Und ich bin auch einer.“ Das muss man erst einmal schaffen: sich selbst zum Traditionalisten zu ernennen und im nächsten Atemzug die industrielle Herstellung von Tradition zu verteidigen.
Leipzig habe keinem Traditionsverein etwas weggenommen, sagte Klopp, sondern sei lediglich „einen neuen Weg gegangen“. Das klingt sehr viel freundlicher als: Ein Getränkekonzern kauft sich in den Fußball ein, erfindet auf dem Rücken von Traditionsvereinen einen an Absurdität kaum zu überbietenden Clubnamen, baut ein globales Netzwerk auf und lässt anschließend erklären, das alles sei eigentlich nur eine besonders moderne Form der Vereinsliebe.
Besonders rührend finde ich Klopps Feststellung: „Leipzig hat keinen Deut mehr Geld als andere Bundesligavereine.“ Der Etat sei nicht höher als der von Dortmund und „schon gar nicht als Bayern“. Da wurde aus dem finanzstarken Konzernprojekt plötzlich eine mittellose Straßenfußballinitiative, die sich ihre Trainingsbälle vermutlich durch Dosensammeln zusammensparen muss.
Seinen schönsten Satz lieferte Klopp aber gleich hinterher: „Die ganze Idee ist eine Fußballidee und nicht eine Geldidee.“ Natürlich. Und die DVAG ist eine Wohlfahrtsidee, der Tapetenkleister eine Zusammenhaltsidee und Erdinger Weißbräu, Carlsberg sowie Warsteiner sind die flüssigen Bestandteile der DFB-Idee „Keine Macht den Drogen“.
Bereits 2020 hatte Klopp die Spielweise aus Salzburg gelobt: „Das habe ich schon immer bewundert.“ Die eigene Art, Fußball spielen zu lassen, sei der „Salzburger Idee oder der Red-Bull-Idee“ gar nicht so unähnlich. Schon 2016 bescheinigte er Leipzig und Hoffenheim „allerhöchsten Respekt“. Qualität gepaart mit Ruhe nannte er das und nicht: „Milliardäre kaufen sich in den Fußball ein.“
Der Wechsel kam also keineswegs aus heiterem Himmel. Klopp hatte das Projekt jahrelang bewundert, gelobt und von jedem Verdacht wirtschaftlicher Interessen freigesprochen. Als sein Berater noch im Juni die Meldung über den künftigen Posten als „totalen Quatsch“ bezeichnete, fehlte offenbar nur noch der Brausesegen.
Und wer jahrelang für die DVAG Werbung macht, muss mir über Fußballromantik ohnehin nichts mehr erzählen. DVAG, AWD, Strukturvertrieb, Provisionspoesie – für mich ist das dieselbe Verarschung von Menschen, die glauben, ihr Finanzberater sei ihr Freund, weil er beim Vertragsabschluss warm lächelt, sich nach den Kindern erkundigt und zufällig bereits weiß, wie viel Geld auf dem Konto liegt. Klopp wirkt dabei ungefähr so glaubwürdig wie Carsten Maschmeyer als Schutzheiliger der Kleinanleger.
Für mich besteht Klopp aus seinen Widersprüchen. Den Rachen nicht vollzukriegen, ist bei ihm kein Schönheitsfehler, sondern Programm. Das Gesamtkunstwerk Klopp: ein Mann, der Authentizität so lange verkauft, bis sie selbst um einen Sponsor bittet.
Klopps klammheimliches Vorbild ist natürlich nicht Gianni Infantino, dieser durch und durch korrupte Sonnenkönig des Weltfußballs, der vermutlich selbst eine Menschenrechtsdebatte noch mit Sponsorenwand, Goldrand und gönnerhaftem Lächeln anmoderieren würde. Infantino ist machtversessen, selbstverliebt und allergisch gegen Scham.
Klopp und Infantino müssen einander nicht mögen, solange die gemeinsame Kasse klingelt. Der eine baut den Apparat, der andere verkauft ihn als Aufbruch. Infantino produziert die Zumutung, Klopp pinselt ihr ein freundliches Gesicht auf die Fratze und nennt das gesellschaftliche Verantwortung. Der eine trägt die goldene Krone, der andere den Kapuzenpulli. Der eine lässt sich feiern wie ein Diktator beim Staatsbesuch, der andere verkauft denselben Größenwahn als Mannschaftsabend im Dönerladen.
Ich mag Fußball noch immer. Ich liebe das Spiel, den Rasen, das Scheitern, das unerwartete Tor in der 96. Minute und die irrationale Freude über ein Ereignis, das auf meine reale Lebenssituation nicht die geringsten Auswirkungen hat. Fußball bietet mir auch die Chance, 90 Minuten lang das Gehirn auszuschalten und völlig blöd sein zu können, ohne dass es im kollektiven Wahn jemand um mich herum bemerken könnte. Wunderbar!
Jürgen Klopp ist nicht das Opfer der totalen und gnadenlosen Vermarktung dieses Sports. Er ist ihr freundlichstes Gesicht und ihr bestbezahlter Stimmungsmacher. Ach, aber klar doch, vermutlich habe ich das alles nur falsch verstanden. Die ganze Sache ist ja schließlich „eine Fußballidee und nicht eine Geldidee“.
A watt …












