Erzählt und übermittelt von Volker Johannes Trieb
Der nicht nur in unserer Region für sein Engagement bekannte Künstler Volker Johannes Trieb übermittelte der OR-Redaktion einen sehr ungewühnlichen Beitrag. Allerorten werden die hiesigen Grünen Finger betrachtet. Trieb erzählt dazu eine Sage, die es wert ist, weitererzählt zu werden.

Also ward einst im Lande um Osnabrück erzählt, wie die Stadt nicht allein aus Mauern, Gassen und Türmen bestehe, sondern dass zwischen ihrem Pflaster ein leises lebendiges Herz schlage.
Vor mehr denn 100 Jahren, als die Dampfwolken der neuen Zeit sich über die Dächer legten und mancher Baum gefällt war, fanden einige Holzhauer im Gehölz am Hüggel eine sonderbare Wurzel. Sie war gewunden wie eine schlafende Schlange und hohl in Ihrem Inneren. In ihr lag, wohl verwahrt in einem alten Fell, ein beschriebenes Blatt. Die Schrift war schmal und dunkel, wie von Tinte aus Eichenrinde bereitet.

Auf jenem Blatt stand folgende Sage:
Es sind dreizehn Finger aus Grün,
die Strecken sich aus Feld und Wald hinein in die steinerne Stadt.
Sie tragen Wind in Ihren Händen und Schatten in ihren Ärmeln.
Wo Sie gehen, atmet die Erde.
Also heißt es, dass zur Stunde, da die Stadt zu schwer atmete und die Sommerhitze wie ein bleierner Mantel lag, die Hüter des Landes sich erhoben.
Im Hügelwalde wohnten seit Alters her die Hüggelzwerge, klein von Gestalt und kundig aller Wurzeln. Sie verstehen die Sprache der Quellen und wissen um die Wege der Luft unter und über dem Erdreich.
Und nahe der Stadt Melle, so berichtet man, schreiten die Meller Riesen durch Stein und Wald. Wenn sie den Fuß setzen, bebt der Boden. Und wenn sie atmen, hebt sich der Nebel.
Als die Hitze kam und die Menschen klagten, sandten die Hüggelzwerge eine Botschaft an die Riesen. Und diese antworteten mit einem tiefen Grollen, das wie ferner Donner klang.
Da riefen sie die dreizehn grünen Finger beim alten Namen.
Und einer nach dem andern erhob sich.
Der erste trug den Duft des Waldes.
Der zweite führte den kühlenden Morgenwind.
Der dritte ließ Tau über die Wiesen sinken.
Der vierte brachte Vögel in die Gärten.
Und so weiter bis zum dreizehnten, welcher die Kraft hatte, selbst zwischen Mauern neues Leben zu säen.
Unsichtbar für die meisten Augen, doch fühlbar auf der Haut, glitten sie durch die Stadt. Sie kühlten die Plätze, ließen Linden rauschen und führten frische Luft in die schmalsten Gassen.
Doch auf dem Blatt in der Wurzel stand auch dies geschrieben:
Nur solange die Menschen achten
was grün ist zwischen ihren Steinen,
nur solange sie Raum lassen
für Wiese Baum und Wind
werden die 13 Finger
Ihre schützende Hand
über die Stadt halten.
So ward die Sage bewahrt.
Und manch einer will in lauen Nächten noch heute ein leises Wispern hören wenn der Wind aus dem Lande kommt. Dann, so heißt es, strecken die dreizehn Finger sich erneut aus und legen ihre kühle Hand um Osnabrück, auf dass die Stadt nicht vergesse dass auch sie ein Teil der lebendigen Erde sei.
Und wer je ein Altes wurzelverwachsenes Holzstück findet, der lese darin wie in einem Spiegel der Zeit.
Denn die Erde nährt uns nur so lange, wie wir Sie achten und die Wälder Wiesen und Winde sind nicht unser Werk, sondern unser anvertrautes Gut.














