Verantwortlich für das „Gästezimmer“ ist Janis Weber, der schon einige interessante Beiträge für die OR verfasst hat und VfL-Fans vom Podcast Ostkurvenchor hinlänglich bekannt sein dürfte.
Das Wohnzimmer räumt Lars Mosel vor jedem Heimspiel auf, der vor allem als Mitglied der ersten Stunde des VfL-Podcasts auf OS-Radio 104,8 berühmt und zugleich berüchtigt wurde: „Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten“, ein unvergessener Satz, mit dem der erste VfL-Podcast eröffnet wurde und der schon früh die mafiöse Grundstruktur der OR offenbarte.
Vorschau auf das Auswärtsspiel in Bochum
mit persönlichen Einschätzungen von Lars Mosel, Janis Weber und Sven Dirkes
Am Freitagabend um 18:30 Uhr trifft der VfL Osnabrück auf seinen Namensvetter aus Bochum. Man könnte schon von einer kleinen Tradition sprechen, es ist das dritte Mal in Folge, dass die beiden Mannschaften im Ruhrstadion freitags unter Flutlicht um die Punkte kämpfen. Diese beiden Auswärtspartien beim vorletzten Ausflug der Lila-Weißen in die 2. Bundesliga endeten mit einem Remis, aus Osnabrück wiederum konnten die Bochumer zwei Auswärtssiege entführen. Zuvor traf man lediglich in der Saison 2010/11 und in der Regionalliga-Aufstiegsrunde 1970/71 aufeinander, alle vier Partien gewannen die Blau-Weißen aus dem Ruhrgebiet.
Was aus Osnabrücker Sicht etwas mehr Hoffnung macht: in der Länderspielpause im November letzten Jahres konnte das Testspiel gegen Bochum deutlich mit 4:1 gewonnen werden. Uwe Rösler hatte erst vier Wochen vorher zum 9. Spieltag den VfL Bochum übernommen und war mit vier Siegen und einem Unentschieden stark gestartet.
Auf’m Platz
„Graue Maus“. Dieser Spitzname klebte an den Bochumern seitdem man von Anfang der 70er bis Anfang der 90er zwar über zwanzig Jahre ununterbrochen erstklassig spielte, aber meist nur gegen den Abstieg kämpfte und nie über den achten Tabellenplatz hinaus kam. Ein paar Auf- und Abstiege, bunte Faber-Trikots, Ausflüge in den UEFA-Cup, zwei Bundesliga-Torjägerkanonen, Trainertypen wie Peter Neururer und Zauberfüße wie Dariusz Wosz später ist man diesen Spitznamen mühevoll wieder losgeworden. Doch es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass der oder die ein oder andere den Spitznamen in dieser Saison wieder aus der Mottenkiste holt, denn wenn der VfL eines während des bisherigen Saisonstarts nicht gezeigt hat, dann Spektakel.
Doch das muss gar nichts Schlechtes heißen. Schalke und Osnabrück haben in der vergangenen Saison eindrucksvoll gezeigt, dass erfolgreicher Fußball kein Spektakel braucht. Und so präsentieren sich bislang auch die Bochumer, eigentlich sogar noch ein Stück weit „grauer“ als die anderen beiden: defensive Stabilität, feste Abläufe, tiefes Mittelfeldpressing. Uwe Rösler erfindet das Rad nicht neu, wer nach taktischer Innovation sucht wird in Bochum nicht fündig werden. Doch das kann den Bochumern egal sein. Nur zwei Gegentore aus den ersten drei Pflichtspielen sprechen für sich. Abzusehen war das nicht unbedingt, denn drei von vier Innenverteidigern sind erst im Sommer dazugekommen und der einzig etablierte, Philipp Strompf, fiel zum Saisonstart aus. Doch mit den Neuzugängen Karol Mets und Michael Steinwender hat sich direkt ein Top-Duo für die Innenverteidigung gefunden. Beide sind groß, erfahren und strahlen sehr viel Souveränität und Ruhe aus. Am ersten Spieltag gegen Hertha stand noch Yigit Karademir in der Startelf, spielte eine ordentlich erste Halbzeit (in der sein Stellungsspiel beim Gegentor jedoch nicht optimal war) und wurde für Karol Mets in der Halbzeit wieder ausgewechselt. Ein Einsatz Karademirs gegen seinen Ex-Klub scheint daher aktuell eher unwahrscheinlich, es sei denn Uwe Rösler testet ihn in der Viererkette auf der Position des Rechtsverteidigers, wo Mbom definitiv und Olsen wahrscheinlich für das Spiel am Freitag verletzt ausfallen werden.
Wer hinten tief und sicher steht, tut sich nach vorne meistens schwerer. Da bildet auch Bochum keine Ausnahme. Die Hoffnungen stecken in Berkan Taz, der sich direkt zum Dreh- und Angelpunkt in der Offensive entwickelt hat, und Philipp Hofmann, der trotz (oder vielleicht auch wegen) seiner 33 Jahre immer noch ein Top-Stürmer für die 2. Liga ist. Beide Spieler sind gesetzt und werden auch gegen Osnabrück starten.
Auf den offensiven Außen stellt sich die Situation weniger eindeutig dar. Rasmussen, Holtmann, Miyoshi und Youngster Crimaldi durften alle schon von Beginn an ran. Ob der schnelle Holtmann für Freitag wieder eine Alternative ist, ist noch unklar. Gegen Fürth im Pokal musste er pausieren. Eventuell wird Rösler auf seine Qualitäten als Einwechsler setzen können.
Im Fokus
Als Mats Pannewig im Mai beim Heimspiel gegen Hannover bereits nach rund einer Viertelstunde mit schmerzverzerrtem Gesicht ausgewechselt werden musste, befürchtete man das Schlimmste. Ein Kreuzbandriss stand im Raum, doch das MRT einige Tage später gab Entwarnung: „nur“ eine Schienbeinverletzung. Die größten Teile der Vorbereitung verpasste der 21-Jährige Mittelfeldspieler trotzdem, ganz zum Ärger seines Trainers Uwe Rösler, der große Stücke auf seinen Schützling hält, wie er schon letzte Saison deutlich machte: „Jeder weiß, was ich von Mats und seinen großartigen Fähigkeiten halte. Schon in diesem Jahr habe ich ihm immer mehr Spielzeit gegeben. Künftig soll er einer der Eckpfeiler unserer Mannschaft werden.“
Pannewig gilt als größtes Talent im Kader der Bochumer. Er ist das Verbindungsstück zwischen Defensive und Offensive, ein Box-to-Box-Spieler, der sich immer anspielbar zeigt und für seine Körpergröße von 1,95m eine bemerkenswerte Technik am Ball besitzt. Im zentralen Mittelfeld spielt er neben Enis Cokaj, der in den letzten beiden Jahren noch mit dem Osnabrücker Neuzugang Joel Abu Hanna für Leviadiakos in Griechenland aufgelaufen ist. Cokaj erfüllt den defensiveren Part der Bochumer Doppelsechs und ist der Spieler für Zweikämpfe und Drecksarbeit während Pannewig sich immer wieder offensiv mit einschaltet und auch regelmäßig an und im gegnerischen Strafraum auftaucht. Richtig torgefährlich hat sich Pannewig bei den Profis des VfL dabei bislang jedoch nicht gezeigt. In der U19 der Bochumer und während seiner Leihe nach Wiedenbrück vor drei Jahren sah das noch bedeutend besser aus. Vielleicht macht der 21-Jährige hier in dieser Saison den nächsten Schritt und spült den Bochumern im kommenden Sommer einen ähnlichen Betrag in die Kassen wie Cajetan Lenz in diesem Jahr. Sein Vertrag läuft noch bis 2028.
Stadion
Das Wort „Kult“ im Kontext Fußball ist durch inflationären Gebrauch mittlerweile abgenutzter als Wellenbrecher und Betonstufen auf den Stehplatzrängen der Bremer Brücke. Aber manchmal passt das Wort einfach: Das Ruhrstadion ist eine Kultstätte des deutschen Fußballs. Seit 115 Jahren wird an der Castroper Straße Fußball gespielt. Die Ränge nah am Spielfeld, die Lage in der Stadt, die Flutlichtmasten. Attribute, die Osnabrücker Fußballfans sehr vertraut vorkommen dürften und die bei Fußballromantikern Schwärmereien auslösen. Und was für die Brücke die abgeschrägten Betonpfeiler sind, sind für das Ruhrstadion die 38 Sichelträger, die ebenfalls aus Beton sind und die Außenansicht seit dem Umbau Ende der 70er Jahre prägen.
Ursprünglich war sogar ein kompletter Neubau geplant, so wie es Dortmund und Schalke gemacht hatten, die Konkurrenten aus der Nachbarschaft. Da dem Verein für einen Neubau jedoch eine Genehmigung fehlte, wird bis heute an der Castroper Straße gespielt. Und der nächste Umbau ist bereits im Gange: im Laufe der nächsten drei Jahre werden alle Tribünen peu á peu modernisiert, bei den Kosten von rund 90 Millionen Euro wird der VfL Bochum durch die Stadt unterstützt. Die Kapazität wird dabei minimal von 26.000 auf 28.000 erhöht, da die beengten Platzverhältnisse vor Ort nicht mehr hergeben. Die Parallelen zum lila-weißen VfL scheinen nicht abzureißen…
Doch es gibt selbstverständlich auch auch Unterschiede: Was in Osnabrück immer mal wieder (mal mehr, oft weniger sinnvoll) diskutiert wird, und zwar Konzerte im Stadion stattfinden zu lassen, ist in Bochum seit langer Zeit Realität. Alleine Herbert Grönemeyer ist rund ein Dutzend Mal im Ruhrstadion aufgetreten. Bleibt am Ende nur zu hoffen, dass der lila-weiße VfL am Freitag das „bessere Konzert“ spielt und die Frage, wer der größte Künstler ist, den das Ruhrstadion je gesehen hat: David Bowie oder Dariusz Wosz.
Geschichten aus der Geschichte
Wir schreiben den 18. September 1976. Am sechsten Spieltag der Bundesliga ist der FC Bayern München, der am Spieltag zuvor noch Tennis Borussia Berlin mit 9:0 aus dem Stadion geschossen hat, beim VfL Bochum zu Gast. Die Bayern treten mit fünf Weltmeistern von 1974 (Beckenbauer, Müller, Maier, Hoeneß und Schwarzenbeck) in der Startelf an und sitzen doch nach 45 Minuten Augen reibend in der Kabine. Durch zwei Tore von Ellbracht und einem Treffer durch Kaczor führt der VfL mit 3:0 zur Halbzeit. Und die Bochumer legen direkt nach Wiederanpfiff nach: Pochstein erhöht in der 53. Minute auf 4:0.
Jubelstürme, Unglaube, der amtierende Europapokalsieger der Landesmeister wird an der Castroper Straße vom Vorjahres-14. der Bundesliga deklassiert. Dachte man. Doch dann stellen die Bochumer jegliche Offensivbemühungen ein, die Bayern schießen innerhalb von zwanzig Minuten fünf Tore, das Spiel ist nach 75 Minuten auf den Kopf gestellt. Kaczor erzielt für den VfL fünf Minuten später zwar noch den Ausgleich, aber Hoeneß setzt mit seinem Treffer kurz vor dem Abpfiff den Schlussakkord. 5:6.
In Bochum ist dieses Spiel als „Jahrhundertspiel“ in die Geschichte eingegangen. Zum 50-Jährigen Jubiläum im September plant der VfL sogar Veranstaltungen, die sich mit diesem Spiel beschäftigen. Aber warum? Warum „feiert“ man eine Niederlage so sehr? Warum leuchten mehr Augen in Bochum als in München bei Erzählungen von damals?
Das mag dem FC Bayern fremd vorkommen, aber Fußball- und Sportfans haben eine Schwäche für tragische Helden, für große Niederlagen, für Scheitern in Schönheit. Raymond Poulidour gilt bis heute als einer der berühmtesten und beliebtesten Radsportler aller Zeiten. Bei der Tour de France schaffte er es zwischen 1962 und 1976 acht Mal auf das Podium, drei Mal wurde er Zweiter. Gewinnen konnte er die Tour nie, bis heute gilt er als der „Ewige Zweite“. Seinem Ruhm tat das allerdings keinen Abbruch, ganz im Gegenteil.
Oder Roberto Baggio, „il divin codino“, das göttliche Zöpfchen, einer der besten Fußballer der 90er-Jahre, vielleicht der beste italienische Spielmacher aller Zeiten. Er schoss Italien in der Qualifikation fast im Alleingang zur WM 1994, bei der WM erzielte er fünf von sechs italienischen Toren in den KO-Spielen, nur um im Finale, das er mit einer Oberschenkelzerrung angetreten hatte, den entscheidenden Elfmeter im Elfmeterschießen zu verschießen. Auch Daniele Massaro und der kürzlich verstorbene Franco Baresi verschossen ihre Elfmeter, aber im Gedächtnis blieb Baggio, wie er mit gesenktem Haupt am Elfmeterpunkt steht. Dieses Bild ist vermutlich eines der berühmtesten Fußballbilder aller Zeiten, Baggio wird seither mit diesem einen Fehlschuss verbunden und ist doch zur Fußballlegende geworden. Oder gerade deswegen?
In Leverkusen schaffte man 2002 das Kunststück sowohl in der Meisterschaft als auch im Pokal und in der Champions League jeweils Zweiter zu werden. Der Name „Vizekusen“ war geboren, der Retortenverein hatte auf einmal eine Geschichte zu erzählen und sich den Begriff im Nachhinein sogar markenrechtlich schützen lassen. Jeder Fußballfan in Deutschland kennt den Begriff „Vizekusen“. Scheitern als identitätsstiftendes Merkmal. Dass fünf Leverkusener Spieler nur wenig später auch noch Vize-Weltmeister werden sollten, verleiht der Geschichte nicht weniger Tragik, aber auch Charme.
Und natürlich können auch wir in Osnabrück uns von Niederlagen faszinieren lassen. Die knappe 2:3 Niederlage im Pokal 2004 gegen die Bayern, als Joe Enochs mit dem Tor des Monats ungeahnte Jubelstürme losbrechen und Roy Makaay kurz vor Schluss alle Träume wieder zerplatzen ließ. Oder der Pokalfight gegen Freiburg 2021 als man in der siebten Minute der Nachspielzeit noch den Ausgleich erzielte, in der Verlängerung sogar in Führung ging nur um selbst in der 120. Minute den Ausgleich zu kassieren um im Elfmeterschießen zu unterliegen.
Das alles sind schöne Erinnerungen, trotz Niederlage. Sport und Fußball werden immer auch die Leinwände für tragische Helden sein. Denn dem Scheitern wohnt ein Zauber inne. Auch, wenn man nach 4:0 Führung noch mit 5:6 verliert …
Prognose Lars Mosel (OS-Rundschau)
Der VfL spielt stark formverbessert in Bochum, geht aber punktlos aus dem Duell an der Castroper Straße. Dem Druck der Bochumer hält die Mannschaft nicht komplett Stand und kassiert in der ersten Hälfte zwei Gegentore. Hofmann und der glänzend aufgelegte Taz treffen.
Während in der ersten Halbzeit Nadelstiche gesetzt werden können, gelingt es Lila-Weiss nach der Pause das Spiel offen zu gestalten. Einem Tor von Meißner nach Vorlage von Kyereh folgt wenige Minuten später die Entscheidung durch Crimaldi.
Schade, aber auf der Leistung lässt sich aufbauen, wenn die Neuzugänge komplett integriert sind.
Janis Weber (Ostkurvenchor)
Drei Niederlagen in Folge fallen mir schwer zu akzeptieren, also prognostiziere ich sie gar nicht erst. Das Spiel entwickelt sich zu einer Abwehrschlacht, in der unsere beiden Neuzugänge Kyereh und Beck ihre Qualitäten zum ersten Mal im lila-weißen Dress aufblitzen lassen dürfen und das auch tun. Das reicht irgendwie zu einem 2:0 Auswärtssieg. Wie und warum genau? Keine Ahnung. Wer die Tore schießt? Mal sehen. Der Gästeblock wird auf drei Punkte brennen, so viel ist sicher …
Sven Dirkes (Ostkurvenchor)
Auswärtsspiel anne Castroper – Fußballherz, was willst du mehr? Das denken sich auch unsere Lila-Weißen und nehmen ihr Herz in die Hand. Wir hatten zwar am letzten Wochenende Pokalpause, doch das wird nicht erst am Mittwoch gegen die Bayern nachgeholt, sondern schon am Freitag in Bochum. Das Spiel nimmt unter Flutlicht schnell eine Pokaldynamik an und wird ein mitreißender Fight, den wir am Ende mit 1:0 gewinnen. Den späten Treffer erzielt Kofi Kyereh. Geschichten, die nur der Fußball schreibt!















