Der VfL Osnabrück gewinnt nach großem Kampf 1:0 gegen den VfL Bochum

Der VfL holt vor 3.000 mitgereisten Fans den ersten Sieg in diesee Zweiligasaison. Badjies Treffer aus der 4. Minute reicht tatsächlich. Danach gibt es Pfosten, aberkanntes Tor, Bochumer Dauerdruck und kurz vor Schluss Hofmanns Lattentreffer – also alles, was man braucht, um die letzten Minuten ausschließlich über die Lebenserwartung zu definieren.

Für den VfL Osnabrück stehen nun tatsächlich gleich drei Heimspiele in Folge auf dem Programm. Den Auftakt macht am Mittwoch, 2. September, um 20.45 Uhr das DFB-Pokalspiel gegen den FC Bayern München. Nach dieser Laufkundschaft kreuzt am Sonntag, 6. September, um 13.30 Uhr Eintracht Braunschweig an der Brücke auf, ehe eine Woche später, am Sonntag, 13. September, ebenfalls um 13.30 Uhr Hertha BSC zu Gast ist.

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Vorspiel im Gästezimmer: Der VfL gegen den VfL aus Bochum

Vor dem Spiel

Zwei Spiele, null Punkte – man kann dem VfL derzeit wirklich nicht vorwerfen, die Tabelle unnötig mit Zahlen zu belasten. Am heutigen Freitagabend geht es nach Bochum an die Castroper Straße. Für mich fast ein Heimspiel, schließlich stammt meine Familie mütterlicherseits aus Bochum – und auf Grönemeyers „Bochum“ freue ich mich jetzt schon.

Höchste Zeit also, dass die Lila-Weißen dort mal etwas Zählbares mitnehmen und die Saison nicht länger den Eindruck erweckt, sie habe in Osnabrück schlicht noch nicht angefangen.

So schickt Trainer Timo Schultz seine Mannschaft ins Rennen:
Krumrey – Fabinski, Müller, Wiemann – Münst, Jacobsen, Wagner, Kammerbauer – Beck, Meißner, Badjie.
Neu in der Startelf sind Leonhard Münst und Adrian Beck.


Beginn

Schiedsrichter Felix Wagner (25!) aus Glött, das liegt im Landkreis Dillingen, pfeift bei Temperaturen um die 20 Grad und leicht bewölktem Himmel an. Der VfL – dann ist immer von unserem VfL die Rede – hat Anstoß und spielt zunächst in Richtung eigener Fankurve.

Der VfL startet mit breiter Brust in dieses Spiel und erzielt nach druckvollem Beginn bereits in der 4. Minute die Führung: Münst schickt Badjie mit einem herrlichen Vertikalpass auf die Reise, Steinwender beschränkt sich weitgehend auf die Rolle des interessierten Beobachters, und Badjie schlenzt den Ball aus rund 18 Metern traumhaft ins lange Eck. Horn sieht ihn kommen, kommt aber nicht mehr dran. Nach nicht einmal fünf Minuten ist für mich zumindest schon mal geklärt, wer hier nicht zum Sightseeing angereist ist.

Der VfL bleibt frech und spielt richtig gut, wenngleich Bochum langsam wach wird. Miyoshi narrt Wiemann auf rechts, Müller fälscht den Abschluss noch gefährlich ab – der Ball rauscht knapp vorbei. Viel knapper sollte man den Gastgeber bitte nicht ins Spiel zurückholen.

Ansonsten sehe ich: Osnabrück läuft, stört, spielt vertikal und zwingt Bochum bislang zu erstaunlich viel Improvisation. Meißner holt zudem in Strafraumnähe einen Freistoß heraus.


Nach einer Viertelstunde …

… wirkt der VfL hier für mich jedenfalls nicht wie die Mannschaft, die erst noch herausfinden muss, wo oben und unten in der Tabelle ist. Ein klasse Auftritt bislang.

Bochum arbeitet sich langsam ins Spiel: Erst muss Fabinski gegen Holtmann nach eigenem Stellungsfehler noch in höchster Not reparieren, dann holt Taz 19 Meter vor dem Tor in der 20. Minute einen Freistoß heraus. Der landet zwar auf Steinwenders Kopf, aber nicht dort, wo es weh tut.

Osnabrück führt weiter 1:0 – und wie nicht anders zu erwarten ist, wird das hier kein gemütlicher Abendspaziergang an der Castroper Straße. Aber allein das Gefühl, bei einem Topteam der 2. Liga in Führung zu liegen, tut meiner Fanseele enorm gut, was sich auch darin äußert, dass der Osnabrücker Anhang aktiver und lauter ist als der aus Bochum.

Egal, wie das Spiel endet, ist das für mich die bislang stärkste halbe Stunde des VfL in dieser Saison.

Wahnsinn! In der 34. Minute fast das 2:0 für den VfL: Beck marschiert durchs Zentrum, Bochum schaut wieder nur höflich zu, und sein Schuss knallt erst an den rechten Innenpfosten und von dort noch an den linken. Viel näher kann man einem Tor kaum kommen, ohne dass es zählt. Ärgerlich …

Der VfL steht weiter kompakt, kontert gefährlich – und führt völlig verdient mit 1:0. Und dann fällt in der 41. Minute fast das 2:0: Kammerbauer steckt durch, Beck ist frei, bleibt vor Horn cool und schiebt ins lange Eck. Der Ball liegt drin, nur das 2:0 steht wegen Abseits eben nicht auf der Anzeigetafel. Nach dem doppelten Pfostentreffer in der 34. Minute fehlt Beck inzwischen eigentlich nur noch ein Treffer, der auch amtlich genehmigt wird.

In der 44. Minute darf Kammerbauer am Bochumer Strafraum in aller Ruhe Maß nehmen: Der Raum ist da, der Gegner hält respektvollen Abstand, nur der Abschluss landet deutlich über dem Tor. Schade – das 2:0 liegt weiter ziemlich offen herum.


Halbzeitfazit

Was für eine erste Halbzeit: Für mich führt der VfL nicht nur zurecht, darüber hinaus sieht auch erstaunlich oft danach aus, als hätte man hier den besseren Plan mitgebracht. Badjie trifft früh, Beck erwischt danach innerhalb weniger Sekunden beide Pfosten und später auch noch das Netz, nur ohne gültigen Treffer. Für Bochum ist das ein Ergebnis, das deutlich freundlicher aussieht, als ich es nach dieser ersten Halbzeit hätte erwarten können. Hier ist noch nichts gewonnen, aber diese Halbzeit macht Hoffnung.

Tipp: Die Halbzeitgedanken, eine Melange aus Hintergrundinformation und Kommentar. Wem das Lesen der Halbzeitgedanken zu mühselig oder womöglich gar zu informativ ist: einfach weiter nach unten scrollen, dort geht es mit dem aktuellen Spielbericht weiter.

Halbzeitgedanken: Den VfL Bochum gibt es mitsamt seinen Vorgängervereinen seit 1848. An der Castroper Straße spielt man bereits seit 1911 Fußball, auch wenn außer der Adresse des Ruhrstadions kaum noch etwas an den damaligen Bolzplatz erinnert. Der VfL hat inzwischen mehr als 32.000 Mitglieder und Bochum rund 375.600 Einwohner, die im Gegensatz zu den meisten Ruhrgebiet-Kurzbesuchern ganz genau wissen, wo ihre Stadt aufhört und wo die nächste Vereinssippe ihre Zelte aufgeschlagen hat. Die Rivalität der Ruhrgebietsvereine ist schließlich legendär.

Dass mit Frank Goosen von 2010 bis 2017 ein Autor und Kabarettist im Aufsichtsrat des VfL saß, zeigt immerhin, dass man in Bochum schon früh verstanden hat, wie ernst Kabarettisten werden können, sobald es um Fußball geht. Neben Frank Goosen kann ich auch die Bücher und Veranstaltungen des Bochumers Ben Redelings empfehlen, der vor einigen Jahren schon einmal Gast auf meinem Heimatabend war und zu jenen Menschen gehört, die vermutlich selbst aus einem torlosen 0:0 zwischen zwei Betriebsmannschaften in Castrop-Rauxel noch drei Bücher, einen Bühnenabend und 47 bemerkenswerte Anekdoten herausbekämen.

Politisch ist Bochum ebenfalls noch immer ziemlich Bochum. Bei der Kommunalwahl am 14. September 2025 wurde die SPD mit 28,11 Prozent erneut stärkste Kraft, gefolgt von CDU mit 20,03 Prozent, AfD mit 14,85 Prozent, Grünen mit 14,39 Prozent und Linken mit 9,54 Prozent. Die AfD ist damit leider keine bloße Randerscheinung mehr und sitzt mit 14 von 92 Sitzen im Rat. Die etwas erfreulichere Nachricht lautet immerhin: 85,15 Prozent haben sie nicht gewählt.

Auch das Oberbürgermeisteramt bleibt dort, wo man es in Bochum vermutlich irgendwann versehentlich ins Grundbuch eingetragen hat: bei der SPD. Nach Thomas Eiskirch heißt der Oberbürgermeister seit 2025 Jörg Lukat, gemeinsamer Kandidat von SPD und Grünen, der die Stichwahl mit 64,67 Prozent gewann. Seit Christi Geburt stellt die SPD den Bochumer Oberbürgermeister also nicht ganz, aber gemessen an den Zeitdimensionen des Ruhrgebiets fehlt auch nicht mehr viel.

Wenig abwegige Halbzeitgedanken: Das letzte Pflichtspiel der beiden Mannschaften liegt inzwischen fünfeinhalb Jahre zurück. Am 6. Februar 2021 gewann Bochum an der Bremer Brücke mit 2:1. Überhaupt wartet der VfL Osnabrück gegen den VfL Bochum noch immer auf seinen ersten Sieg. In sechs Zweitligaduellen gab es vier Bochumer Siege und zwei Unentschieden, und selbst in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga 1971 gewann Bochum beide Begegnungen. Man kann also sagen: Wenn es einen Gegner gibt, bei dem aus Osnabrücker Sicht seit Jahrzehnten dringender Renovierungsbedarf in der Bilanz besteht, dann wohnt er an der Castroper Straße. Irgendwann muss schließlich auch eine Tradition einmal daran glauben.

Abwegige Halbzeitgedanken: Meine Mutter stammt aus Bochum. Mein Großvater war dort bis zu seiner Pensionierung Apotheker im Knappschaftskrankenhaus. Ich habe meinen Opa als Kind einige Male für ein paar Tage in seiner recht bescheidenen Dreizimmerwohnung in der Uhlandstraße 4 besucht und erinnere mich vor allem an den damals rund um die Uhr und nahezu überall präsenten Ruhrpottsmog. Heutzutage würde man dafür vermutlich Eintritt nehmen und ihn als industriegeschichtliches Freilufterlebnis vermarkten.

Stadtbekannt wurde „Opa Voss“ durch seine Antiverkaufskampagnen gegen alkoholhaltige und abhängig machende Mittelchen, die seinerzeit als vermeintliche Medizin unter Namen wie „Klosterfrau Melissengeist“ oder „Frauengold“ sogar im Fernsehen beworben wurden. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Opa Voss bei uns in Osnabrück.

Im Gegensatz zu Herbert Grönemeyer bin ich also mütterlicherseits tatsächlich Halb-Bochumer. Herbert hingegen wurde bekanntlich in Göttingen geboren, bevor er als Kleinkind mit seiner Familie nach Bochum zog, dort aufwuchs und am ruhmreichen Bochumer Schauspielhaus seine musikalische wie schauspielerische Karriere begann. In diesem Jahr ist er 70 geworden, was einem wieder einmal vor Augen führt, dass offenbar nicht nur Fußballtabellen, sondern inzwischen auch Geburtsurkunden manipuliert werden.

Der Song „Bochum“ ist für mich bis heute einer der besten deutschen Rocksongs und damit auf jeden Fall die beste – wenn auch nur inoffizielle – Vereinshymne aller Zeiten. Da kann unser ganz netter, musikalisch allerdings eher braver Song „Nur für diesen Verein“ selbst in der grandiosen Fassung von Safkan nicht mithalten. Bei Grönemeyers „Bochum“ möchte ich als Osnabrücker für knapp vier Minuten an der Castroper Straße wohnen.

Danach ist allerdings auch wieder gut.

 


Beide Teams gehen unverändert in die zweite Hälfte …

… und ich erwarte nun mit gemischten Gefühlen einen Sturmlauf der Bochumer.

Krumrey stellt sich ziemlich dämlich an und macht es in der 54. Minute unnötig spannend: Erst wartet er mit dem Abschlag so lange, bis Taz Druck machen kann, dann wird auch noch Jacobsen mit einem riskanten Pass bedacht und verliert den Ball an Meyer. Plötzlich steht der 18-Jährige ziemlich frei vor Krumrey – bekommt aber zum Glück nicht genug Druck hinter seinen Schuss. Da ist er also wieder, der Moment, in dem ich mich frage, warum ein bis dahin so souveränes Spiel unbedingt noch künstlich mit Spannung versorgt werden muss.

Der VfL findet in der Offensiver derzeit gar nicht mehr statt, verteidigt aber bis auf das krumme Ding von Krumrey sehr gut alles vom Tor weg..


Nach 60 Minuten …

… Bochum erhöht jetzt deutlich den Druck. Erst jagt Pannewig einen satten Schuss knapp links vorbei, dann trifft Miyoshi aus spitzem Winkel nur das Außennetz. Kurz darauf bringt Badjie im Zweikampf Olsen ins Straucheln, sieht für eine völlig faire Aktion Gelb und darf wenig später Feierabend machen.

Beim VfL wird kräftig umgebaut: Abu Hanna kommt für Badjie, Kyereh für Münst und Faber für Kammerbauer.

Ich gebe zu: So langsam beginnt bei mir jene Phase eines Auswärtsspiels, in der jede Bochumer Annäherung an den Strafraum gefühlt drei Minuten länger dauert als nötig. Der VfL ist nun zu passiv.

Inzwischen wird es deutlich ungemütlicher. Bochum presst höher, erhöht die Schlagzahl und drückt den VfL immer tiefer in die eigene Hälfte. Entlastung gibt es kaum noch, dafür reichlich Arbeit: Abu Hanna klärt gegen Rasmussen mit einer riskanten, aber sauberen Grätsche, Isbruch köpft erst drüber und setzt wenig später auch den nächsten Ball vorbei. Wiemann holt sich zudem für einen taktischen Schubser gegen Miyoshi Gelb.

Nach 76 Minuten stecken wir mittendrin in einer Abwehrschlacht – und bislang machen die Lila-Weißen das verdammt ordentlich. Ich merke allerdings auch, wie sich meine persönliche Komfortzone inzwischen ungefähr auf die Größe des Osnabrücker Strafraums reduziert hat. Ich würde nu das Kommentieren am liebsten einstellen.

In der 79. Minute kommt Riesselmann für Meißner, Bochum bringt Karademir für Olsen. Noch gut zehn Minuten. In der VfL-Fankurve gibt es schon seit einigen Minuten das ein oder andere Pyrogedöns, hält sich aber in Grenzen.

Der VfL jetzt mit richtig viel Glück: Wittek flankt von links, Hofmann setzt sich im Zentrum durch und hämmert den Ball aus neun Metern an die Latte. Ich nehme diesen Querbalken in der 82. Minute ausdrücklich als aktives Mitglied unserer Abwehr zur Kenntnis. Weiter 0:1 – aber inzwischen weiß ich wieder sehr genau, warum Fußball bei mir alles andere als eine Entspannungsübung ist.

Endlich mal wieder Platz zum Kontern. Kyereh marschiert über links nach vorne, hat dann aber beim Pass in den Strafraum deutlich weniger Präzision als Tempo – Bochum fängt den Ball ab.

Ich hätte gegen ein zweites Tor inzwischen wirklich nichts einzuwenden. Schon aus medizinischen Gründen, aber dann ist Schluss und mir ist nun alles egal … Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!


Fazit:

Der VfL holt vor 3.000 mitgereisten Fans den ersten Sieg in diesee Zweiligasaison. Badjies Treffer aus der 4. Minute reicht tatsächlich. Danach gibt es Pfosten, aberkanntes Tor, Bochumer Dauerdruck und kurz vor Schluss Hofmanns Lattentreffer – also alles, was man braucht, um die letzten Minuten ausschließlich über die Lebenserwartung zu definieren.

Für den VfL Osnabrück stehen nun tatsächlich gleich drei Heimspiele in Folge auf dem Programm. Den Auftakt macht am Mittwoch, 2. September, um 20.45 Uhr das DFB-Pokalspiel gegen den FC Bayern München. Nach dieser Laufkundschaft kreuzt am Sonntag, 6. September, um 13.30 Uhr Eintracht Braunschweig an der Brücke auf, ehe eine Woche später, am Sonntag, 13. September, ebenfalls um 13.30 Uhr Hertha BSC zu Gast ist.


Zahlen, Daten & Fakten

 

Zuschauer*innen: 24000, davon fast 3.000 aus Osnabrück

Tore:
0:1 Badjie (4.)

Gelbe Karten:
(45.+2) Kammerbauer
(49.) Meyer
(64.) Badjie
(72.) Wiemann
(86.) Hofmann
(90.) Raimund
(92.+2) Pannewig

Gelb-Rote Karten:
(.)

Rote Karten:
(.)

VfL Bochum
Horn – Olsen (79. Karademir), Steinwender, Mets, Wittek – Meyer (60. Isbruch), Pannewig – Miyoshi, Taz (60. Rasmussen), Holtmann (79. Ouro-Tagba) – Hofmann
Trainer: Uwe Rösler

VfL Osnabrück
Krumrey – Fabinski, Müller, Wiemann – Münst (66. Kyereh), Jacobsen, Wagner, Kammerbauer – Beck (89. Raimund), Meißner (79. Riesselmann), Badjie (65. Abu Hanna)
Trainer: Timo Schultz

Schiedsrichter: Felix Wagner (25) aus Glött




Statistik:
Insgesamt trafen die beiden Clubs seit dem 26. Mai 1971 achtmal in Pflichtspielen aufeinander. Die ernüchternde Bilanz lautet 0-2-6.  Hier geht es zur kompletten Statistik von weltfussball.de“.

Tabellarisches:
Gibt es hier erst ab dem 5. Spieltag


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