Wehrwirtschaftsführer und „Hilfsorgan der Gestapo“?
Als Automobilzulieferer erfolgreich und mit der Produktion von Rüstungsgütern reich geworden. Der IHK-Präsident von Coburg, der im Krieg Wehrwirtschaftsführer wurde, beschäftigte Zwangsarbeiter, war NSDAP-Mitglied, profitierte von Arisierungen und war Helfer der Gestapo.
Heinrich Hermann „Max“ Brose wurde am 4. Januar 1884 in Osnabrück geboren. Seine Eltern waren der Wagenbauer Johann Carl Hermann Brose, der sich „Karl“ nannte, und Maria Elisabeth Brose, geborene Bußmann.
Vater wurde vom Postgehilfen zum Wagenlieferanten
Max Broses Vater firmierte seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts als „Wagenlieferant“. Offenbar war diese berufliche Verbesserung eine Folge seiner Hochzeit mit Maria Elisabeth Bußmann, die am 7. Februar 1852 als Tochter des Wagenfabrikanten Erich Bußmann in Osnabrück geboren worden ist. Denn als Karl Brose am 27. Juli 1875 Maria Elisabeth Bußmann heiratete, war er noch „Postgehilfe“. Bald danach firmierte Brose als Inhaber der Firma J.E. Bußmann – jedenfalls bis 1887.
Warum Karl Brose vier Jahre nach Max`Geburt Osnabrück verließ, wissen wir nicht. Wie die verfügbaren Informationen über ihn und seine Familie nur ein spärliches Licht auf die Osnabrücker Zeit werfen. Nach wenigen Jahren in Münster zog die Familie nach Elberfeld, wo Max Broses Vater dann dem Beruf des „Reisenden“ nachging und später mit Carl Wiedemann, dem langjährigen Geschäftsführer, als neue Inhaber der Firma Carl Erbschloe sel. Wwe. 1894/85 im Adressbuch auftauchten. Als nach der Jahrhundertwende aus der Fabrik für Sattler und Wagenbauer, eine „Metallwarenfabrik“ wurde, bezeichnete sich Karl Brose fortan als Kaufmann.
Max Brose besuchte zunächst für einige Jahre die Volksschule und danach die Realschule zu Elberfeld. Dann wurde er bis zum Schuljahr 1897/98 in die Sexta aufgenommen und anschließend seit Frühjahr 1898 die Obertertia der Oberrealschule in Elberfeld. Im März 1900 legte er die Abschlussprüfungen der Untersekunda ab. Von Frühjahr 1900 bis zum Herbst 1906 absolvierte Max Brose offenbar in großen Firmen des In- und Auslandes eine kaufmännische Ausbildung, arbeitete danach noch in der väterlichen Fabrik in Elberfeld und leitete zuletzt deren Filialbetrieb in Berlin. Erst danach, am 1. Oktober 1906 trat er seinen Militärdienst beim Fußartillerie Regiment 14 an.
1908 Gründung der Firma Max Brose
Nach Ablauf der Militärzeit von Max Brose wurde am 4. März 1908 die „Firma Max Brose“ unter der Nummer 31 763 in das Handelsregister des Königlichen Amtsgerichts Berlin-Mitte, Abteilung A, eingetragen. Bei der Firma handelte es sich um eine „Agentur“ und ein „Kommissionsgeschäft“. Ihr Sitz war in der Charlottenstraße. Keine schlechte Adresse. Hier begann die Geschichte eines Familienunternehmens, das sich im Laufe eines Jahrhunderts zu einem der weltweit bedeutendsten Automobilzulieferer entwickelte. Gleichzeitig war Max Brose außerdem als Generalvertreter der Elberfelder Firma Carl Erbschloe seelig Wittib tätig, stand also unternehmerisch auf zwei Beinen. Am 17. April 1911 hatte der Kaufmann Max Brose, „katholisch“, Elfriede Anna Auguste Lehmann, „evangelisch“, geheiratet. Am 4. Februar 1912 wurde die erste Tochter, Gisela Maria Johanna Brose, geboren.
Im Ersten Weltkrieg Adjutant bei den Kraftfahrtruppen
Der Reserveoffizier Max Brose, inzwischen zum Leutnant befördert, wurde bereits am 18. Juli 1914 zum Kraftfahrbataillon eingezogen, kam zur Etappen-Kraftwagenkolonne 39 und von dort zur Tankkolonne der 5. Armee. Seit Ende März 1915 war er in dieser Armee Adjutant beim Kommandeur der Kraftfahrtruppen. Bis Mitte Januar 1917 blieb Brose an der Westfront. Nach diversen weiteren Stationen, unter anderem im Kriegsministerium, wurde er am Ende des Krieges von Berlin nach Elbing in Ostpreußen geschickt, um dort ein Kraftwagendepot aufzulösen. Insgesamt wurde Brose während des Kriegs mit rund einem Dutzend Orden ausgezeichnet, darunter das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse.
Was die Familie angeht, blieben Elfriede Brose und Tochter Gisela während des Krieges in Berlin, zogen aber mehrfach um, zuletzt in die Charlottenburger Windscheidtstrasse 36/I. Dort wurde am 6. Juni 1918 die zweite Tochter Christa Eva Elfriede Anna geboren, die in der Familie „Christel“ genannt wurde. Noch im selben Jahr hat Max Brose auch seinen Wohnsitz nach Coburg verlegt.
Firmenübernahme in Coburg
In Coburg traf Max Brose auf Ernst Otto Jühling, der über die verwandtschaftlichen Beziehungen seiner Frau in eine führende Position im Unternehmen der Chemie-Dynastie Boehringer Ingelheim gelangt war, jedoch nach der Trennung von seiner Frau wieder aus dem Unternehmen ausschied.
Als Max Brose zum Jahresende 1926 in die Industrie- und Handelskammer gewählt wurde, war er bereits einer der bekanntesten Unternehmer der Stadt. Nach wie vor hatte er geschäftlich zwei Standbeine. Allerdings nicht mehr nur in Berlin, sondern auch in Coburg, wobei die Hauptstadt bald nur noch eine untergeordnete Rolle spielte. Am 14. Juni 1919 ist das „Metallwerk Max Brose & Co.“ In Coburg angemeldet. Gesellschafter waren Max Brose und Ernst Jühling, die das Gesellschaftskapital von 500.000 Reichsmark je zur Hälfte einbrachten. Am Tag der Firmengründung kauften die beiden von Kommerzienrat Alfred Haußknecht nicht nur das Grundstück Ketschendorfer Straße 28, die heutige Nr. 44, und die dazugehörigen Gebäude, sondern auch die Maschinen und Werkzeuge von Haußknecht & Comp.
Schwache Automobilindustrie in Deutschland
Der Autoabsatz in Deutschland ließ im Vergleich zu den USA, Großbritannien und auch Frankreich 1920 zu wünschen übrig. Die konjunkturellen Schwankungen der zwanziger Jahre gingen auch an Brose nicht spurlos vorüber. Dennoch war die Firma im Dezember 1924 erstmals auf einer Deutschen Automobil-Ausstellung in Berlin vertreten. Als am 24. Oktober 1929 an der New Yorker Wall Street die Aktienkurse einbrachen, hatte dieses in den Folgejahren Auswirkungen auf die Firma Brose: Der Umsatz der Firma Brose ging auf 270.000 Reichsmark im Jahre 1932 zurück und erstmals in der Firmengeschichte wurde ein Verlust von gut 20.000 Reichsmark geschrieben. Überraschenderweise fand die deutsche Automobilindustrie, und damit auch die Firma Brose, recht schnell aus diesem Tief heraus und erholte sich zusehends bis Mitte der 1930er Jahre, als der Ausstoß an Vierradfahrzeugen sich gegenüber dem Spitzenjahr sogar verdoppelte.
Aufschwung der Automobilindustrie und Hitler
Am 11. Februar 1933 hatte erstmals ein deutscher Reichskanzler die Internationale Automobil- und Motorradausstellung in Berlin eröffnet. Es war zugleich die erste öffentliche Amtshandlung Adolf Hitlers in seiner neuen Funktion. Im April 1933 wurde dann die Kfz-Steuer für alle neuzugelassenen Fahrzeuge abgeschafft und im gleichen Jahr bekam der Autobahnbau, mit der Arbeit an jeweils zwei Nord-Süd und Ost-West-Verbindungen einen massiven Schub. Dass Hitler die Motorisierung auch deshalb brauchte, um seine eigentlichen Ziele erreichen und einen beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug führen zu können, war allenfalls für den erkennbar, der ihn wörtlich nahm. Und das tat im In- wie im Ausland einstweilen kaum jemand.
Coburg: frühe Hochburg der Nationalsozialisten und Antisemitismuswelle
Derweil war die politische Karriere von Max Brose nur von kurzer Dauer: Nachdem er 1921 für die Vereinigte Bürgerliste in den Stadtrat von Coburg gewählt worden war, schied er wegen Querelen innerhalb der bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft nach gerade einmal zweieinhalb Jahren wieder aus. Max Brose schien nicht für die Politik geschaffen. Die Stadt Coburg gehörte zu den frühen Hochburgen der Nationalsozialisten. Tatsächlich rollte schon im Oktober 1919 eine erste antisemitische Welle über Coburg hinweg, und nachdem sich die vaterländischen Verbände drei Jahre später auf dem sogenannten Deutschen Tag in Coburg ein Stelldichein gegeben hatten, zu dem auch Hitler gekommen war, wurde am 24. Oktober 1922 die Ortsgruppe Coburg der NSDAP aus der Taufe gehoben, Ende Januar 1923 gefolgt von der Aufstellung einer lokalen SA-Truppe.
Seit 1929 war Coburg die erste Stadt in Deutschland mit einer frei gewählten NSDAP-Mehrheit, seit August 1930 die erste deutsche Stadt mit einem NSDAP-Bürgermeister, und seit Februar 1932 die erste Stadt in Deutschland, die Adolf Hitler, kaum dass dieser in Braunschweig die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hatte, die Ehrenbürgerrechte verliehen, wie später übrigens auch in Osnabrück und vielen anderen deutschen Städten. Nach der Machtübernahme der Partei in Berlin setzen in Coburg zunächst die Verfolgung der Juden, dann ihre Vernichtung besonders führ und heftig ein: Im September 1942 wurden die letzten Coburger Juden per Bahn über Nürnberg nach Theresienstadt deportiert und am 19. November des Jahres meldete der Oberbürgermeister die Stadt „judenfrei“.
NSDAP-Mitglied seit Mai 1933 und IHK-Präsident
Max Brose stellte nach eigenen Angaben am 8. Juni 1933 einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP. Das Datum ist bemerkenswert, weil zu diesem Zeitpunkt bereits eine Aufnahmesperre der Partei gilt. Sie ist am 1. Mai 1933 in Kraft getreten, um dem Ansturm der sogenannten Märzgefallenen aufzuhalten. Am 5. März 1933, also fünf Wochen nach der Machtübernahme durch Hitler, waren zum letzten Mal Reichstagswahlen in Deutschland durchgeführt worden, die zwar im Zeichen des Terrors vor allem gegen die Linke standen, deren Ergebnisse aber nicht manipuliert waren. Sie brachten mit 43,9 Prozent der Stimmen eine klare Mehrheit für die Nationalsozialisten. Kein Wunder, dass die Deutschen jetzt der Partei in Massen beitraten; kein Wunder aber auch, dass der Reichsschatzmeister der NSDAP deshalb am 19. April eine Aufnahmesperre verhängte, um den Charakter der Kader- bzw. Elitepartei zu wahren. Um nach dem 1. Mai 1933, dem Tag der Aufnahmesperre, und vor 1935 noch in die Partei aufgenommen zu werden, bedurfte es entweder sehr gute Beziehungen oder aber eines besonderen Interesses der Partei an einer solchen Aufnahme.
So auch im Falle Max Broses und Ernst Jühlings, die zum 1. Mai 1933 – also offensichtlich rückdatiert – in die NSDAP aufgenommen wurden, beide mit einer Mitgliedsnummer jenseits der drei Millionen. Mit dem Parteieintritt hoffe Brose angeblich, Ungemach von seiner Firma und von der Wirtschaft der Stadt abzuhalten und den Einfluss der Partei auf die lokale Wirtschaftsverwaltung oder auch auf Gremien wie die IHKZ zu begrenzen. Bezeichnenderweise stellte Brose seinen Aufnahmeantrag drei Wochen nachdem er am 20. Mai 1933 mit beinahe allen abgegebenen Stimmen wieder in die Industrie- und Handelskammer und von deren Mitgliedern zum Zweiten Vorsitzenden gewählt worden war. Fast zehn Jahre lange gehörte Max Brose dem Präsidium der Coburger Industrie- und Handelskammer bis zur Auflösung der Coburger IHK im April 1943 an. Wann er das Amt des Präsidenten der IHK angetreten hat, ließ sich nicht mehr genau ermitteln, da die Akten der Kammer als verschollen gelten. Vieles sprach dafür, dass Max Brose im Zuge er Reorganisation der Industrie- und Handelskammern Ende 1934 oder Anfang 1935 durch das Reichswirtschaftsministerium zum Präsidenten ernannt wurde.
Nach dem Krieg gab Max Brose zu Protokoll, im Mai 1942 als „Präsident der Industrie- und Handelskammer-Coburg“ das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse erhalten zu haben. Dieses wurde im Oktober 1939 von Hitler „als Zeichen der Anerkennung für Verdienste in dem uns aufgezwungenen Krieg, die keine Würdigung durch das Eiserne Kreuz finden können“, gestiftet und mehr als anderthalb Millionen Mal verliehen worden.
Von dem halben Dutzend weiterer – zum Großteil unterstützender – Mitgliedschaften, wie zum Beispiel im „NS-Reichsbund für Leibesübungen“, verdient diejenige im „Nationalsozialistischen Kraftfahr-Korps“ Erwähnung. Brose trat ihm im Herbst 1933 bei. Für das im August 1934 aus der SA herausgelöste NSKK war die Mitgliedschaft größerer Industrieller, besonders aus der Kraftfahrzeugindustrie, von erheblichem Interesse. Brose will Ende 1934 „wegen Nichtbeteiligung“ aus dem NSKK ausgeschieden sein, wurde aber nicht nur weiter als Mitglied geführt, sondern Ende Januar 1937 sogar zum „Truppführer“ befördert.
Brose hielt sich an Spielregeln der Nationalsozialisten
Dass Max Brose sich an die Spielregeln hielt, sobald die Nationalsozialisten ihr Macht gefestigt hatten, war unübersehbar. Dafür gab es Gründe, vor allem den, dass auch das Metallwerk Brose & Co., Coburg, von der Politik des Dritten Reiches profitierte. Dem Metallwerk Brose kam zunächst vor allem die automobilfreundliche Politik zugute, der Hitler schon wenige Tage nach der Machtübernahme das Wort redete. Sie trug mit dazu bei, dass der Umsatz der Firma 1933 erstmals seit 1928 wieder zulegte, um dann ungebremst nicht gekannte Dimensionen zu erreich: Bis 1944, also innerhalb von gut zehn Jahren, legte er um mehr als das Zwanzigfache zu. Das war auch dann noch beachtlich, wenn man in Rechnung stellte, dass der Umsatz 1932 im Keller war und dass er 1944 im Wesentlichen durch die Produktion von Rüstungsgütern erwirtschaftet wurde. 1934 beschäftigten Brose und Jühling schon wieder 262 Mitarbeiter, mehr als sechsmal so viele wie zwei Jahre zuvor. Dem steigenden Geschäftsumfang und der zunehmenden Mitarbeiterzahl folgend, wurden die Produktionsanlagen Schritt für Schritt ausgebaut.
Bedeutend schnell ging es mit der Baugenehmigung für die Villa Max Broses voran. Mitte März 1935 erteilte der Stadtrat die im Februar beantragte baupolizeiliche Erlaubnis für die „Erbauung eines Einfamilienhauses“ auf dem Grundstück Marienstraße 11, das Brose bereits im September 1928 erworben hatte.

Erwerb von Immobilie des jüdischen Industriellen Abraham Friedmann
Zum schrittweisen Ausbau des Metallwerks gehörte nicht zuletzt der Erwerb weiterer Immobilien, darunter das „Miet-Wohnhaus“ Ketschendorfer Straße 2 und Casimirstraße 6. Das Anwesen hatte zuvor jenem Abraham Friedmann gehört, der um die Jahrhundertwende nach Coburg gekommen war, sich mit der Fleischfabrik Großmann einen Namen gemacht hatte und Anfang der zwanziger Jahre ins Fadenkreuz des nationalsozialistisch gesteuerten Antisemitismus geraten war. Nachdem er im März 1933 entführt, misshandelt und am 25. März 1933 „namens der Coburger Aufsichtsratsmitglieder“ fristlos entlassen worden war, zog er zu seiner ersten Tochter nach Berlin, von dort 1935 zu seiner zweiten nach Paris, wo er 1938 starb. Die beiden Töchter Abraham Friedmanns hatten 1948 einen Antrag auf ein Rückerstattungsverfahren gestellt. Am 6. Mai 1953 einigten sich die Antragsgegner auf einen Vergleich, der zur „Abgeltung aller Rückerstattungsansprüche“ eine Zahlung von 25.000 DM vorsah. Das war nicht einmal ein Drittel der geforderten 80.000 DM, die in etwa dem aktuellen Verkehrswert entsprachen. Das Metallwerk nutzte die neuen Gebäude auch als Werkswohnungen. Die wurden dringend benötigt, um die rasch wachsende Zahl von Mitarbeitern, darunter jetzt auch einige leitende, unterbringen zu können.
Ab 1938 Produktion von Rüstungsgütern wie Einheitskanister und Zünder
Im Jahre 1938 nahm auch das Metallwerk Max Brose & Co. schließlich die Produktion von Rüstungsgütern auf. Am 11. Januar 1938 erschien das Oberkommando des Heeres erstmals in den Büchern des Metallwerks Max Brose. Um welche Produkte es sich dabei handelte, war nicht mehr festzustellen. Gesichert war der Umfang der Sonderfertigung, der mit 438.500 Reichsmark ein Siebtel zum Gesamtumsatz beitrug. Sicher ist schließlich, dass Brose spätestens zum Jahresende 1939 die Produktion des Aufschlagzünders 5045 aufnahm.
Weil die Aufträge mit den bestehenden Produktionsanlagen nicht mehr zu meistern waren, erwarb das Metallwerk Brose im Februar bzw. März 1939 von der Stadt Coburg – außer einem Miet-Wohnhaus an der Deyssingstr. 4 – das ehemalige Gelände der Dusko-Werke Derichs & Sauerteig, Holz- und Rohrmöbelfabrik, an der Uferstraße 7. Dort hatte sich zuvor ein städtisches Arbeitsdienstlager, wohl eines der ersten in Deutschland, befunden. Die neu erworbene Immobilie diente der Produktion „von weiterem, wichtigem Heeres-Material“ bei dem es sich um „Eisen- und Metall-Gegenstände“ handelte.
Ernennung zum Wehrwirtschaftsführer
Am 20. April 1938 wurde Brose zum „Wehrwirtschafts-Führer“ ernannt, eine Auszeichnung besonderer Leistungen für die Kriegswirtschaft. Dem Führer des Sicherheitsdienstes (SD) Bayrische Ostmark in Bayreuth wurde Ende 1939 von der SD-Außenstelle Coburg gemeldet, dass Brose als „national, ohne weitere Bindungen“ einzustufen sei. Er sei zwar 1933 unter anderem in die NSDAP und das NSKK eingetreten, aber „ohne weitere Tätigkeit in der Partei“. Seine Beziehungen zur Partei galten als „gut“, die zur Wehrmacht sind „unbekannt“, allerdings habe Brose „große Heeresaufträge“. Seine Eignung als „Abwehrbeauftragter“ sei „berufstechnisch gut“. Auch über den Privatmann ließ sich das Papier des Sicherheitsdienstes aus. Danach „bestehe die Ehe nur noch der Form nach“; Max Brose und Frau „Elfriede, geb. Lehmann, haben zwei unverheiratete Töchter von Anfang bis Mitte 20“.
Seit 1939 war das Unternehmen definitiv in der Rüstungsproduktion tätig. Seit 1939 wurden unter anderem Aufschlagzünder und Teile für 2 cm Panzergeschosse, seit Mai 1940 für die 2 cm Sprenggranate. Zutreffender müsste man wohl sagen, dass Brose diese Produkte liefern sollte. Tatsächlich ließ die Munitionsfertigung zu wünschen übrig: Im Februar 1940 wurde beim AZ 5045 ein Ausschuss von 45.000 Stück festgestellt, die nachgearbeitet oder zum Teil sogar ersetzt werden mussten. Anfang Mai lagen die gelieferten hinter den angeforderten um 740.000, im Juni sogar um 935.000 Einheiten zurück. Ein ähnliches Bild ergab sich bei Zünderersatzstücken und anderem mehr. Der Grund war rasch und eindeutig identifiziert, nämlich – so das Rüstungskommando Coburg – ein „Mangel geeigneter Arbeiter und Anlernschwierigkeiten“.
Seit 1940 Zuweisung von ausländischen Kriegsgefangenen
Im Dezember 1940 tauchte das Metallwerk Brose erstmals in der sogenannten Arbeitskräfte-Zuweisungstabelle der Rüstungsinspektion Nürnberg auf. Allerdings wurden von den geforderten „Ia-Kräften“ lediglich drei zugewiesen. Damit wurde der Einsatz ausländischer Arbeitskräfte auch für das Coburger Unternehmen zu einem Thema: Der Höchststand wurde im Sommer 1942 erreicht, als bei Brose 200 „Russen“, also Bürger der Sowjetunion, 60 Kroaten und etwa 20 Franzosen beschäftigt waren. Von den Kroaten abgesehen, handelte es sich um Kriegsgefangene. Das Metallwerk war für Unterbringung und Verpflegung der Kriegsgefangenen zuständig. Dafür wurden ihm vom „Büro Speer“ die „erforderlichen Heeresbaracken“ zugeteilt, die von der Firma auf einem von der Stadt gepachteten Gelände aufgestellt wurden. Die Kosten der Lagererstellung beliefen sich auf rund 47.000 Reichsmark.
Allerdings haben Max Brose und Ernst Jühling insofern Glück, als sie keine KZ-Häftlinge, auch keine jüdischen Zwangsarbeiter, einstellen beziehungsweise einstellen müssen. Wie sie sich in diesem Falle verhalten hätten, ist schwer einzuschätzen. Sicher ist, dass die dem Metallwerk von den staatlichen Behörden zur Verfügung gestellten Fremdarbeiter bei weitem nicht ausreichten, um den Produktionsvorgaben zu entsprechen – weil es zu wenige waren und weil sie in den allermeisten Fällen die qualifizierten, seit vielen Jahren im Unternehmen tätigen Mitarbeiter nicht ersetzen konnten. Im August 1944 zeigten die Ergebnisse einer Werkschutzprüfung, wie sich die Belegschaft zusammensetzte: von den 827 Beschäftigten waren 200 „russische“ und 17 französische Kriegsgefangene, 210 deutsche Männer und 400, also beinahe die Hälfte der Belegschaft, waren deutsche Frauen.
„Humanitätserscheinungen sind keineswegs am Platz!“
Verbrieft ist ein von Brose unterschriebener Aufruf an die eigenen Mitarbeiter im Umgang mit den zwangsarbeitenden Kriegsgefangenen mit den Worten „Humanitätserscheinungen sind keineswegs am Platz!“ Abwehrbeauftragte wie Max Brose wurden vom Reichsführer SS oder dem Oberkommando der Wehrmacht ernannt, arbeiteten eng mit der Gestapo zusammen und sollten die Belegschaft kontrollieren. Ihnen unterstanden auch die Lagerführer der betriebseigenen Zwangsarbeiterlager. Der Geschichtsprofessor Andreas Dornheim bestätigte in einem Interview, dass es Indizien gäbe, dass Brose als „Hilfsorgan der Gestapo“ fungierte.
Am 13. Oktober 1944 hat Max Brose die „Gefolgschaftsmitglieder“ seines Betriebs zur Teilnahme an einer Großkundgebung zur „Erinnerung an den Einmarsch des Führers vor 22 Jahren in Coburg“ aufgerufen.
Enorme Umsätze unmittelbar nach dem Krieg
Und so produzierte das Metallwerk, zuletzt mit noch knapp 150 Mitarbeitern weiter, bis amerikanische Truppen am 11. April 1945 die Stadt einnahmen. Im beschlagnahmten Werk 2 ließ die Militärregierung später Maschinen der Firma Zeiss-Opton GmbH aufstellen, die dort bis 1951 „photographische Objektive“ produzierte. Am 20. September 1945 bestellte die Militärregierung Coburg Günter Skrobek zum Treuhänder und Geschäftsführer. Zum 1. Oktober 1945 nahm der Treuhänder seine Arbeit auf. Zu diesem Zeitpunkt zählte der Betrieb noch 19 Mitarbeiter. Am 15. Oktober 1945 lief die Produktion wieder an, und zum 7. Januar 1946 erteilte die Militärregierung in München die endgültige Produktionsgenehmigung. Schon der Firmenkatalog Nr. 48 hat 1946 auch wieder Vorkriegs-Produkte im Programm, darunter „Patent-Fensterheber für versenk- und verschiebbare Fenster“, außerdem den 20-Liter-Einheitskanister, aber auch neue Ware, darunter Möbelbeschläge, Bügeleisen der Marke „Atlas“, zwischenzeitlich auch Bratpfannen und Blumengießkannen. Letztere wurden unter anderem aus Gasmasken-Büchsen der Wehrmacht hergestellt. Unter dem eingeführten Markennamen „Atlas“ kamen seit Jahresende 1945 auch jene Küchenherde auf den Markt, die im Auftrag des Staatskommissars für das Flüchtlingswesen hergestellt wurden und in dieser Zeit besonders gefragt waren. Insgesamt wurde das Metallwerk mit der Herstellung von 6000 dieser Sparherde beauftragt, und so hatte dieses zeitlich begrenzte Angebot seinen Anteil daran, dass Brose bis Ende 1947 bereits wieder einen Umsatz von knapp 2,5 Millionen und einen Reingewinn von gut 220.000 Reichsmark erwirtschaftete.
Max Broses Villa in der Marienstraße 11 wurde für mehrere Jahre Sitz des amerikanischen Stadtkommandanten, er selbst bewohnte eine Dachkammer in der Alexandrinenstraße, seine Familie kam bei Bekannten in der Ehrenburg unter. Unmittelbar hatten Max Brose und Ernst Jühling an diesem Neubeginn keinen Anteil, da ihnen von der amerikanischen Militärregierung die Firmenleitung entzogen worden war.
Entnazifizierungsverfahren: als „Mitläufer“ eingestuft
Das Entnazifizierungsverfahren von Max Brose begann am 22. März 1948 vor der Spruchkammer Coburg-Stadt und Brose wurde nicht – wie Ernst Jühling – als „Mitläufer“ eingestuft, sondern als Minderbelasteter. Die Berufungskammer Ansbach, Zweigstelle Bamberg, hat am 26. April 1948 den Spruch aufgehoben und Max Brose nunmehr in die Gruppe IV, also als „Mitläufer“ eingestuft. Damit wiederum konnten sich weder der Öffentliche Kläger noch die Amerikaner anfreunden, die zum Teil schwerwiegende Vorwürfe gegen Brose erhoben, so den, in seinem „Lager“ sei gemordet worden. Also brachte der Öffentliche Kläger den Fall vor den Kassationshof mit Sitz im Bayrischen Staatsministerium für Sonderaufgaben in München. Der hob sowohl den Coburger als auch den Bamberger Spruch auf und ordnete eine erneute Durchführung des Verfahrens durch die Hauptkammer Nürnberg, Zweigstelle Ansbach, an. Die stufte am 23. Juli 1949 Max Brose letztinstanzlich als „Mitläufer“ ein. Der Spruch sah die Zahlung von 2000 D-Mark in einen Wiedergutmachungsfonds vor. Die Kosten des Verfahrens, die später auf über 40.000 D-Mark beziffert wurden, hatte Brose zu tragen.
Im Herbst 1948 nahm Brose wieder hinter seinem Schreibtisch Platz. Die Produktion des Metallwerks war unter der Regie des Treuhänders quantitativ, wie vor allem qualitativ so eingebrochen, dass die zuständigen Stellen keine Einwände gegen die Rückkehr des Firmengründers erhoben. Für einige Jahre versuchten sich die Automobilisten als Hersteller einer Schreibmaschine, der legendären „Brosette“. Bis 1958 wurden insgesamt mehr als 40.000 Stück hergestellt. Allerdings konnte sich die Schreibmaschine auf Dauer nicht behaupten, weil ihre Produktion außergewöhnlich lohnintensiv war und weil der Trend zur elektrischen Schreibmaschine ging, und diese wiederum neue Konkurrenten ins Geschäft brachte.
Fortan setzte Max Brose ganz auf seine Fähigkeiten und Kenntnisse als Automobilzulieferer. So nahm die Produktion des Metallwerks zu Beginn der fünfziger Jahre rasant an Fahrt auf. Natürlich kam Max Brose dabei die allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zugute.
Am 3. September 1956 starb Ernst Jühling. Max Brose zahlte der Erbengemeinschaft eine Abfindung von 2,2 Millionen D-Mark und so schied die Erbengemeinschaft mit Wirkung vom 31.12.1956 aus der Firma Metallwerk Max Brose & Co., Coburg, aus.
Am 11. April 1968 starb Max Brose nach kurzer Krankheit. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte die Firma knapp 1.000 Mitarbeiter und machte einen Umsatz von fast 35 Millionen D-Mark und war schuldenfrei.

Seit 2015 gibt es – trotz Widerständen – eine Max-Brose-Straße in Coburg
Im Jahre 2015 wurde in Coburg eine Straße nach Max Brose benannt; eine Mehrheit von 26 zu 11 Stimmen hatte im Stadtrat sich für die Umbenennung entschieden. Wegen Broses Rolle in der NS-Zeit hatten Historiker im Vorfeld Bedenken geäußert. Aber auch der Zentralrat der Juden, Vertreter der Evangelischen Kirche und von Gewerkschaften hatten sich gegen eine Max-Brose-Straße ausgesprochen. Im Jahre 2004 hatte der Stadtrat es noch abgelehnt, eine Straße nach dem Gründer des Automobilzulieferers zu benennen. Seitdem waren die Fronten zwischen der Kommune und der Familie von Max Brose verhärtet.
Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises
Redaktioneller Hinweis
Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.













