Kritik an Neumarktumfahrung

Protestbündnis fordert Freiheit für die Johannisfreiheit

Am Sonntag, den 23. August, folgten zahlreiche Bürgerinnen und Bürger dem Aufruf vom zuFuß e. V. zu einer Kundgebung mit Bustour, die an der geplanten Umleitung um den Neumarkt führte. Neben zuFuß e. V. nahmen auch Vertreter von Fridays for Future und PRO BAHN an der Kundgebung teil. Die Teilnehmenden machten auf die verkehrlichen Folgen und den Zeitverlust aufmerksam, die eine Verlegung des Busverkehrs aus einer Richtung vom Neumarkt über das historische Viertel mit sich bringen würde.

Das verkehrspolitische Konzept der Stadt sieht vor, den Busverkehr zur Entlastung des Neumarkts in eine Richtung über die Johannisfreiheit und die Fußgängerzone der Johannisstraße umzuleiten. Während zwei Busfahrten im Rahmen der Aktion maßen die Veranstaltenden die Fahrzeitverzögerungen auf der Umfahrungsstrecke. Trotz des geringen sonntäglichen Verkehrsaufkommens ergab die Messung eine Verlagerung und Verlängerung der Fahrzeit um jeweils rund sieben Minuten im Vergleich zur direkten Verbindung. Ein Vertreter vom Fahrgastverband Pro Bahn betonte die infrastrukturellen Schwellenwerte dieser Routenführung für den öffentlichen Personennahverkehr. Ein Zeitverlust von sieben Minuten führe im Taktgefüge dazu, dass Anschlüsse an weiterführende Linien verpasst würden. Dies verringere die Attraktivität des öffentlichen Nahverkehrs nachhaltig. Zudem wies das Bündnis darauf hin, dass die betroffenen Straßenabschnitte sensible Einrichtungen wie das Marienhospital, das Hospiz, eine Kita sowie Pflegeheime passieren und eine 14 Meter breite Betontrasse erfordern würden, für die bestehender Baumbestand weichen müsste.


Ergebnisse der Testfahrt durch die Johannisfreiheit

Während zweier Busfahrten über die geplante Umleitungsstrecke diskutierten die Veranstalter mit den Teilnehmer:innen über die baulichen und logistischen Herausforderungen der Trassenführung. Die Route führt über insgesamt fünf zusätzliche Kurven durch verengte Straßenräume, die künftig von bis zu 20 Meter langen Gelenkbussen der Stadt- und Landkreislinien befahren werden müssten. Durch die geplante Verlegung von täglich rund 500 zusätzlichen Bussen würde sich das Aufkommen in der bereits belasteten Johannisstraße auf etwa 1.400 Fahrten pro Tag summieren.

Neben den betrieblichen Zusatzkosten für die Umleitung, die seitens der Stadtwerke auf etwa eine Million Euro jährlich beziffert werden, fallen für den Ausbau des Fahrbahnuntergrunds geschätzte Investitionen von drei bis vier Millionen Euro an. Kritisiert wurde während der Fahrt zudem die Gefährdung des denkmalgeschützten Ensembles rund um die im 10. Jahrhundert gegründete Johanniskirche sowie das historische Neustädter Rathaus. Die Streckenführung passe nicht zu den engen Platzverhältnissen und den Sicherheitsanforderungen der Fußgängerzone.


Oberbürgermeisterin Pötter verteidigt Kompromiss

Am Montag bezog Oberbürgermeisterin Katharina Pötter bei einer Podiumsdiskussion zur Oberbürgermeisterwahl in der Angelaschule auf Anfrage eines Bürgers Stellung. Das aktuelle Konzept sei das Ergebnis eines längeren politischen Prozesses über mehrere Legislaturperioden hinweg gewesen. Die beteiligten Parteien seien jeweils von ihren ursprünglichen Positionen abgerückt, um eine gemeinsame Kompromisslösung für die Gestaltung des Neumarkts zu finden. Dieser Kompromiss sieht vor, den motorisierten Individualverkehr an dieser Stelle herauszunehmen und das Areal neu zu ordnen. Ziel ist es, einen attraktiven Stadtplatz mit hoher Aufenthaltsqualität zu schaffen, der durch Grünflächen und Wasserelemente geprägt ist. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse der Busverkehr auf dem Platz maximal reduziert werden. Dies gelinge durch eine geänderte Linienführung, bei der Busse vom Berliner Platz in Richtung Erich-Maria-Remarque-Ring / Kurt-Schumacher-Damm weiterverlaufen, was letztlich die Neugestaltung des Neumarkts nach den Ansprüchen einer modernen Innenstadt überhaupt erst ermögliche.


Beurteilung der Johannisstraße: Johannisfreiheit und soziale Aspekte

Hinsichtlich der Kritik an den Auswirkungen auf die Johannisstraße und die Johannisfreiheit vertritt Pötter die Ansicht, dass die Umstellung auch für diesen Bereich eine Chance darstellt. Sie weist Darstellungen zurück, wonach es sich bei der Johannisfreiheit derzeit um eine grüne Oase oder einen idealen Ort handle. Stattdessen verweist sie darauf, dass dieser Bereich in der Vergangenheit als Drogenumschlagplatz und Unsicherheitsort galt, den Bürgerinnen und Bürger – insbesondere in den Abendstunden – oft meiden. Durch die geänderte Verkehrsführung und die Erreichbarkeit von Zielen wie dem Krankenhaus sollen wieder gezielt Menschen in das Quartier gebracht werden. Dies versteht Pötter auch als einen Schritt, um bestehende soziale Probleme im öffentlichen Raum aktiv anzugehen und den Ort wieder zu beleben.


Verkehrspolitische Details und städtebaulicher Wettbewerb

Zur konkreten Ausgestaltung des Busverkehrs stellt die Oberbürgermeisterin klar, dass der Bus in der Johannisstraße keineswegs in beiden Richtungen fahren soll, was in der öffentlichen Diskussion oft falsch dargestellt werde. Es handle sich lediglich um eine Einrichtungsführung (Einbahnstraße für den Busverkehr). Um sicherzustellen, dass die Aufenthaltsqualität der Johannisstraße erhalten bleibt und ausgebaut werden kann, wird die Stadt die Gestaltung nicht vorschnell festlegen, sondern einen städtebaulichen Wettbewerb durchführen. Damit soll eine nachhaltige Lösung gefunden werden, die sowohl den Anforderungen des Stadtverkehrs als auch den Ansprüchen an die Straßenraumgestaltung gerecht wird.


Zeitlicher Ablauf der Maßnahmen

Bezüglich des Zeitplans führt Pötter aus, dass die Priorität zunächst auf der Neugestaltung des Neumarkts liegt. Die Straßenbauarbeiten und die Vorbereitung des gesamten Areals beginnen ab November. Während der Bauphase am Neumarkt verändert sich an der Johannisstraße zunächst noch nichts. Die Fertigstellung des Neumarkts wird in etwa zwei bis drei Jahren erwartet. Diesen Zeitraum will die Verwaltung nutzen, um parallel den gestalterischen Wettbewerb für die Johannisstraße durchzuführen, sodass im Anschluss mit fundierten und nachhaltigen Plänen an die Umgestaltung der Johannisstraße gegangen werden kann.


Hintergrund der Neumarkt-Planung

Die Diskussion um die Umgestaltung des Neumarkts und die Ausweichrouten über die Johannisfreiheit beschäftigt die Osnabrücker Kommunalpolitik seit vielen Jahren. Die Debatte bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der Beruhigung der zentralen Verkehrsachse und der Erhaltung der stadtökologischen sowie historischen Qualitäten der umliegenden Quartiere. Während die Ratsmehrheit aus CDU, Grünen und SPD den Kompromiss als Schritt zu einer moderneren Innenstadt sieht, fordern Umwelt- und Verkehrsverbände eine Revision der Pläne zugunsten des Erhalts des Baumbestands und eines leistungsfähigen Busnetzes. Weitere Bilder sind auf dem Blog von Toni Theilmeier zu sehen.

 

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