Kallas Kolumne: Bayern gewinnt das Spiel – die VfL-Fanszene gewinnt den Fußball

Die Achterbahn-Choreo der VfL-Ultras wird weltweit gefeiert

Ich bin nach der gestrigen 1:4 Niederlage gegen Bayern München zu dem Schluss gekommen, dass Ergebnisse manchmal die langweiligste Art sind, ein Fußballspiel zu erzählen. Wer nur auf die Statistik schaut, sieht eine klare Niederlage. Wer aber an der Bremer Brücke war oder auch nur die Bilder gesehen hat, konnte ziemlich schnell erkennen, dass die eigentliche Geschichte dieses Abends gar nicht auf dem Rasen stattfand. Für mich stand der wahre Sieger auf der Tribüne.

Die VfL-Fanszene hatte vor dem Spiel eine komplette Achterbahn-Choreo auf die Beine gestellt, nicht bloß ein Spruchband und auch nicht die übliche Ladung Konfetti, sondern ein bewegliches Kunstwerk, das mir in wenigen Minuten mehr über diesen Verein erzählt hat als sämtliche Imagefilme, Sponsorenveranstaltungen und Hochglanzbroschüren zusammen. „VfL Osnabrück geht ab wie Achterbahn“ lautete das Motto, und ich wüsste kaum einen Satz, der diesen Verein besser zusammenfasst: Aufstieg, Abstieg, Wiederaufstieg, Euphorie, Absturz, Hoffnung, Verzweiflung und anschließend alles noch einmal von vorn. Liebe, Drama, Wahnsinn!

Ich finde es großartig und beruhigend zugleich, dass man dafür in Osnabrück keine Marketingagentur benötigt, sondern Fans mit Ideen, Zeit, Geduld und jener eigentümlichen Leidensfähigkeit, ohne die man es mit diesem Verein ohnehin nicht lange aushält. Genau diese Bilder gingen anschließend um die Welt. Plötzlich wurde in Spanien, England und auf internationalen Fußballseiten über Osnabrück gesprochen, und zwar nicht über Harry Kanes Gehalt, den Marktwert des Bayern-Kaders oder darüber, welcher Millionär gerade von welchem anderen Millionär für wie viele Millionen gekauft worden war, sondern über Fans. Das muss den modernen Profifußball geradezu verstört haben.

Beim FC Bayern kann man sich beinahe alles kaufen: Weltstars, Nachwuchsleistungszentren, Luxuskabinen, Berater, Analysten, Medienabteilungen und vermutlich auch jemanden, der den Spielern morgens erklärt, wie viele neue Follower sie seit dem Frühstück gewonnen haben. Eine solche Choreo dagegen lässt sich nicht einfach bestellen. Die muss wachsen. Sie braucht Geschichte und Menschen, die auch dann noch zum Verein stehen, wenn der Gegner nicht Real Madrid heißt, sondern Verl, Sandhausen oder irgendein anderer Ort, dessen Bahnhof ich normalerweise nur deshalb kenne, weil der Regionalexpress dort aus unerfindlichen Gründen hält.

Natürlich gewann Bayern am Ende 4:1. Herzlichen Glückwunsch, dafür gibt es einen Eintrag in der Statistik, die nächste Pokalrunde und vermutlich noch ein paar Millionen mehr auf irgendeinem Konto. Die VfL-Fanszene bekam dafür etwas anderes: weltweite Aufmerksamkeit , Anerkennung und höchstes Lob für eine Idee, die noch lange nach diesem Spiel in Erinnerung bleiben wird. Vor allem aber hat sie mir wieder gezeigt, dass ein Fußballverein eben mehr ist als elf gut bezahlte Angestellte auf dem Rasen und ein paar Funktionäre, die anschließend erklären, weshalb alles wirtschaftlich alternativlos ist.

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem für die großen Fußballkonzerne. Sie können Meisterschaften gewinnen, Pokale holen, Champions-League-Spiele für sich entscheiden, Marktanteile erhöhen und Followerzahlen steigern. Die besten Geschichten schreiben aber erstaunlich oft diejenigen, die sich all das gar nicht leisten können.

Ich habe an diesem Abend jedenfalls keinen Verlierer auf der Tribüne gesehen. Auf dem Rasen gewann Bayern 4:1, auf den Rängen gewann Osnabrück für mich sehr viel deutlicher. Harry Kane wird noch viele Tore schießen, Bayern wird noch viele Spiele gewinnen, und irgendwo in Leipzig wird womöglich bereits an einer Präsentation mit dem Titel „Fan Engagement Strategy 2027“ gearbeitet.

Die Achterbahn aber gehört der VfL-Fanszene und ist damit der klare K.o.-Sieger dieses Abends.

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