Verantwortlich für das „Gästezimmer“ ist Janis Weber, der schon einige interessante Beiträge für die OR verfasst hat und VfL-Fans vom Podcast Ostkurvenchor hinlänglich bekannt sein dürfte.
Das Wohnzimmer räumt Lars Mosel vor jedem Heimspiel auf, der vor allem als Mitglied der ersten Stunde des VfL-Podcasts auf OS-Radio 104,8 berühmt und zugleich berüchtigt wurde: „Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten“, ein unvergessener Satz, mit dem der erste VfL-Podcast eröffnet wurde und der schon früh die mafiöse Grundstruktur der OR offenbarte.
Vorschau auf das Auswärtsspiel in Kiel
mit persönlichen Einschätzungen von Lars Mosel, Janis Weber und Sven Dirkes
Am Samstag um 13:00 Uhr tritt der VfL in Kiel gegen die KSV Holstein an. Dabei dürften die Schleswig-Holsteiner einer der Gegner sein, gegen die der VfL nach Ende des Zweiten Weltkriegs am häufigsten gespielt hat. Oberliga Nord, die alte Regionalliga Nord, die etwas weniger alte Regionalliga Nord, 2. Bundesliga Nord, 2. Bundesliga, 3. Liga. In keiner Spielklasse ist man nicht auf die Störche getroffen. Und diese Aufeinandertreffen liefen oftmals durchaus positiv für den VfL. 44 Siegen stehen 34 Niederlagen gegenüber, 14 mal spielten beide Remis. In der 2. Liga konnte man die Bilanz ebenfalls positiv für sich gestalten: von zwölf Spielen wurden sechs gewonnen und vier verloren. Das letzte Spiel im Holstein-Stadion am 29. Spieltag der Abstiegssaison 23/24 ging zwar deutlich mit 4:0 verloren, die vier Auswärtsreisen in den hohen Norden zuvor wurden jedoch allesamt mit drei Punkten belohnt.
Auf’m Platz
Nachdem Marcel Rapp am 23. Spieltag der letzten Saison nach einer 3:1 Niederlage in Karlsruhe auf den 15. Tabellenplatz abgerutscht und daraufhin entlassen worden war, übernahm Tim Walter den Job an der Seitenlinie der Störche. Und auch wenn Walter in seinen ersten drei Spielen als Trainer lediglich ein mageres Pünktchen einheimsen konnte, führte er die Kieler mit fünf Siegen aus den darauffolgenden sechs Spielen raus aus dem Tabellenkeller. Nach dem feststehenden Klassenerhalt gingen die letzten beiden Spiele verloren, doch Olaf Rebbe entschied sich mit Walter auch in der neuen Saison weiterzumachen.
Ob Rebbe diese Entscheidung bereits bereut hat wissen wir nicht, aber nach fünf sieglosen Ligaspielen in der neuen Saison steht Tim Walter zu diesem frühen Zeitpunkt bereits mit dem Rücken zur Wand. Der oft aufregende, aber auch kompliziert zu spielende Walter-Fußball lässt bislang die erwünschte Effizienz vermissen. Am Willen fehlt es nicht: bei der Anzahl der Sprints steht man auf dem zweiten Platz, bei der Anzahl der intensiven Läufe auf dem fünften Platz der Liga. In den Strafraum schaffen es die Kieler trotz dieses Aufwands aber eher selten, nur Kaiserslautern und Darmstadt gaben in dieser Zweitligasaison bisher weniger Torschüsse ab.
Doch so richtig unter die Räder gekommen sind die Kieler bislang nicht. Gegen Darmstadt, St. Pauli und Nürnberg gab es jeweils ein 2:2 Unentschieden, bei starken Magdeburgern verlor man mit 0:2 und am letzten Sonntag musste man sich den Heidenheimern in der Ostalb mit 0:1 geschlagen geben. Nach xGoals-Werten wäre bei den Auswärtsspielen in Darmstadt und Magdeburg dabei durchaus mehr drin gewesen, aber wer die Tore nicht macht, darf sich auch nicht beschweren. Das weiß man auch beim VfL nach der Heimniederlage gegen die Hertha.
Viele Experimente in Sachen Formation und Aufstellung hat Tim Walter in dieser Saison noch nicht gewagt. Er lässt in einem 4-1-4-1 auflaufen, bei dem bislang Nekic und Zec als Innenverteidiger und Sekine als rechter Verteidiger gesetzt sind. Auf der linken Abwehrseite betreiben Tolkin und Parduzi Jobsharing. Jonas Meffert, der bereits von 2018 bis 2021 die Fußballschuhe für Holstein schnürte und in der letzten Winterpause wieder zurückkehrte, ist der Platzhirsch vor der Abwehr und damit Chef im Mittelfeld. Die offensiveren Positionen im Zentrum werden meist durch Balzi und Davidsen besetzt, im Sturmzentrum führt kein Weg am 1,93m großen Sturmtank Phil Harres vorbei.
Das 4-1-4-1 lässt sich aber genauso als ein 4-3-3 lesen, mit Balzi und Davidsen als Achtern und zwei klassischen Flügelstürmern in der Offensive. Auf der rechten Seite setzt Walter auf den sehr schnellen Adrián Kápralik, der in dieser Saison bereits mit 36,32 km/h geblitzt wurde. Nur Zoma vom 1. FC Nürnberg war bislang schneller.
Links favorisierte Walter in den ersten Spielen den Norweger Jonas Therkelsen, der in Heidenheim mit Gelb-Rot vom Platz flog und sich dafür in der anschließenden Pressekonferenz einen kleinen Rüffel von seinem Trainer anhören durfte. Damit ist Therkelsen am Samstag gegen den VfL gesperrt und dürfte durch Gyan de Regt ersetzt werden, der für 1,7 Millionen Euro von Excelsior Rotterdam als Ersatz für den nach Wolfsburg abgewanderten Alexander Bernhardsson verpflichtet wurde. De Regt wurde seitdem in allen drei Ligaspielen und beim Pokalsieg in Giesing eingewechselt, ein Scorer ist ihm dabei bisher nicht gelungen.
Ob Walter von seinen bisherigen Entscheidungen und Plänen großartig abweicht, darf also bezweifelt werden. Aber wer weiß? Vielleicht versucht er seinen Kollegen Timo Schultz mit der ein oder anderen Überraschung zu konfrontieren, um die vielleicht letzte Chance zu nutzen seinen Job zu retten. Denn sollte es am Samstag erneut eine Niederlage für Kiel hageln, dann wird Rebbe die Chance durch die lange Länderspielpause für einen Neustart nutzen wollen.
Im Fokus
Seit Sommer 2025 schnürt Kasper Davidsen die Schuhe für Holstein Kiel, die sich die Dienste des 1,93 Meter großen Dänen einiges haben kosten lassen. 1,6 Millionen Euro überwies man an Aalborg, in deren Jugendakademie Davidsen bereits als Zwölfjähriger eintrat und für die er im August 2023 sein Profidebüt feiern durfte. In Kiel wurde der Mittelfeldspieler, in einer für den Verein eher durchwachsenen Saison, direkt eine feste Größe, sowohl unter Marcel Rapp als auch unter Tim Walter. Während ersterer ihn meistens noch im defensiven Mittelfeld einsetzte, erfüllt Davidsen unter Walter eher die Rolle eines Achters, dessen Aktionsradius sich über den gesamten Platz erstreckt und der immer wieder durch intelligente Laufwege, auch in die Tiefe, auffällt.
In dieser Rolle zeigt er sich bislang äußerst zweikampfstark, dank seiner Größe vor allem in der Luft. Immer wieder greift der 21-Jährige dabei jedoch auch nach regelwidrigen Mitteln: in der noch kurzen Saison gehört er zu den Spielern mit den meisten Fouls in der Liga und steht bereits bei zwei gelben Karten.
Doch für den Fußball von Tim Walter braucht es mehr als nur Zweikämpfe im Mittelfeld, es braucht vor allem Passqualität. Auch die hat Davidsen im Portfolio, was nicht zuletzt mit ein Grund dafür sein dürfte, dass im Sommer Interesse aus der englischen Championship an einem Transfer bestand. Doch Walter und Rebbe blockten sämtliche Anfragen ab, sodass Davidsen auch den nächsten Schritt bei der KSV gehen wird.
Größe, Alter, Position und Spielweise erinnern an Mats Pannewig von Bochum, der dem geneigten VfL-Fan noch aus dem Auswärtsspiel vom 3. Spieltag in Erinnerung sein dürfte. Pannewig konnte seine Klasse zwar andeuten, aber nicht komplett auf den Platz bringen. Somit sollten die Lila-Weißen auch gegen Davidsen Mittel finden, um ihn nicht zu sehr ins Spiel zu lassen. Und auch wenn Kiel nicht allzu viel mit langen Bällen von hinten raus arbeitet, dürfte doch das ein oder andere Kopfballduell mit Jacobsen im Bereich des Möglichen sein. Und die beiden dänischen Hünen im Luftzweikampf gegeneinander zu erleben ist doch schon Grund genug, die Reise gen Norden anzutreten.
Am letzten Wochenende musste Walter auf Davidsen verzichten, der sich eine Prellung am Knie zugezogen hatte. Ersetzt wurde er durch ein Talent aus dem eigenen Nachwuchs, dem ebenfalls 21-Jährigen Ikem Ugoh, der zuvor in dieser Saison nur eine Minute Zweitligaluft schnuppern durfte. Davidsen dürfte zum Wochenende jedoch wieder einsatzbereit sein und von Walter den Vorzug bekommen.
Stadion
Das Holstein-Stadion gehört zu den ältesten Spielstätten des deutschen Fußballs. 1911 als „Holstein-Platz“ mit einer Holztribüne für 200 Zuschauer*innen eröffnet, wurde er bis in 1940er-Jahre stetig erweitert, sodass zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs ca. 18.000 Zuschauer*innen beherbergt werden konnten. Nach dem Krieg musste der „Holstein-Platz“ (der Name „Holstein-Stadion“ wurde erst ab Mitte der 1960er-Jahre verwendet) komplett wieder aufgebaut werden, da er durch mehrere Bombentreffer zerstört worden war.
Bereits 1957 installierte man eine Flutlichtanlage und gehörte damit zu den Vorreitern in Norddeutschland. Zum Vergleich: beim VfL sollte es noch fast zwanzig weitere Jahre bis zur Einweihung der ersten Flutlichtmasten dauern. Die Flutlichtmasten in Kiel wiederum wurden wegen Auflagen des DFB 2009 abgerissen und durch neue ersetzt. Und auch diese Anlage musste mittlerweile aufgrund gestiegener Anforderungen ertüchtigt werden. Gestiegene Anforderungen und Auflagen sind dann auch die Überschriften für die jüngere Geschichte des Holstein-Stadions. Im Grunde genommen befindet sich das Stadion seit zwanzig Jahren in einem stetigen Umbau. Erweiterungen von Tribünen, das Errichten einer Stahlrohrtribüne, Vergrößerung von VIP- und Pressekapazitäten: an vielen Ecken wurde in dieser Zeit aufgrund des sportlichen Erfolgs der KSV ertüchtigt, erweitert, umgebaut. All das um ab diesem Sommer all die Arbeiten der letzten beiden Jahrzehnte wieder obsolet zu machen, da das Stadion Stück für Stück komplett neu gebaut wird. Der lila-weiße Gästeanhang darf dabei bereits auf einer neuen, fertigen Tribüne Platz nehmen. Bei geplanter Fertigstellung im Jahr 2030 soll das Holstein-Stadion 22.000 Plätze bieten, die zu 44% auf Steh- und zu 56% auf Sitzplätze entfallen werden. Was allerspätestens dann wirklich niemand mehr erkennen wird: dass es sich um eine der ältesten Fußballstätten Deutschlands handelt.
Geschichten aus der Geschichte
Vor 114 Jahren feierte die KSV ihren bis heute größten Erfolg: nur zehn Jahre nach Vereinsgründung gelang der Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Damit waren die Kieler die ersten, die den gesamtdeutschen Titel in den Norden holen konnten. Schon in den Jahren zuvor hatten sich die Kieler als eine Spitzenmannschaft des Norddeutschen Fußballverbands etabliert, der ab dem Jahr 1906 die Norddeutsche Meisterschaft ausspielen ließ, deren Gewinn zur Qualifikation für die Endrunde der Deutschen Meisterschaft führte.
1910 konnten die Kieler sich erstmals den Gewinn der Norddeutschen Meisterschaft sichern, scheiterten aber in der Endrunde im Finale in der Verlängerung am Karlsruher FV. Ein Jahr später war nach dem Gewinn der Norddeutschen Meisterschaft im Halbfinale gegen den späteren Sieger Viktoria 1889 aus Berlin Endstation.
1912 gab es die Möglichkeit zur Revanche an beiden, und die Störche nutzten sie. Viktoria 1889 wurde im Halbfinale in der Verlängerung bezwungen, der Karlsruher FV im Finale mit einem 1:0 durch einen Elfmeter Anfang der zweiten Halbzeit. Und trotz der Kieler Dominanz im Norden kam dieser Erfolg für viele überraschend. Die Karlsruher hatten damals acht Nationalspieler (u.a. Julius Hirsch) in ihren Reihen, zwischen 1901 und 1912 acht Süddeutsche Meisterschaften gewonnen und sich als Pioniere des Fußballs in Deutschlands schon einen Namen gemacht als die KSV noch gar nicht gegründet war. Auf der anderen Seiten stand eine Kieler Mannschaft, die teilweise seit der Gründung 1902 im Verein aktiv war und somit aus Spielern bestand, die schon als Jugendliche zusammen Fußball gespielt hatten. Doch vielleicht lag genau darin das Geheimnis des Kieler Erfolgs: eine junge, aber eingeschworene Truppe, die gegen die erfahrenen Karlsruher mit ihrem Tempo immer wieder Nadelstiche zu setzen wussten. Oder um die Kieler Neuesten Nachrichten von damals zu zitieren: „Schon zu Beginn sah man, daß Karlsruhe über eine bessere Technik, die Kieler aber über eine viel größere Schnelligkeit verfügten.“
Der ganz große Wurf gelang den Kielern danach nie wieder, auch wenn man noch weitere Norddeutsche Meisterschaften gewinnen konnte und bis zur Gründung der Bundesliga durchgehend erstklassig spielte. Es folgten viele Jahre Zweitklassigkeit, dann viele Jahre Drittklassigkeit und schlussendlich sogar der Absturz in die vierte Liga. Und auch wenn der Pfeil von Holstein Kiel seit über zehn Jahren wieder deutlich nach oben zeigt, die Deutsche Meisterschaft wird so bald wohl nicht noch einmal nach Schleswig-Holstein geholt werden.
Prognose Lars Mosel (OS-Rundschau)
Der VfL spielt als 10. beim Tabellenletzten Kiel und was soll da schon schief gehen. Gut, dass Trainer und Mannschaft diese überhebliche Einstellung gar nicht haben und jedes Spiel sehr akribisch und engagiert angehen. Die Ausgangssituation ist klar. Gewinnt Kiel, sind sie vorbei. Gewinnt der VfL setzt er sich von Kiel ab. Also klar: Unentschieden. 1:1 mit dem Osnabrücker Ausgleich durch Meißner nach Steckpass von Beck. Verdienter und wichtiger Punktgewinn an der Förde!
Janis Weber (Ostkurvenchor)
An Spiele gegen Holstein Kiel dürften viele Lila-Weiße einige positive Erinnerungen haben. Lasst uns am Samstag eine weitere hinzufügen! Meißner hat glücklicherweise dieses Mal mehr Zielwasser getrunken als gegen Hertha und trifft früh in der Partie mit rechts ins lange Eck zum 1:0 für den VfL. Auch die Defensive zeigt sich diesmal verbessert, vor allem beim Verteidigen von Standards, sodass sich Jonas Krumrey gegen seinen ehemaligen (und zukünftigen?) Arbeitgeber über die zweite weiße Weste in dieser Saison freuen darf und die knappe Führung erfolgreich über die Zeit gebracht wird. Gästeblock und Mannschaft dürfen damit den neunten Auswärtssieg in Kiel seit der Jahrtausendwende feiern und ganz entspannt in die viel zu lange Länderspielpause gehen.
Sven Dirkes (Ostkurvenchor)
Der VfL als Aufbaugegner. So haben wir uns VfL-Fans lange selbst gesehen. Dementsprechend müsste es an der Förde ja null Punkte geben und nebenbei retten wir Tim Walter noch seinen Job. Doch unter Timo Schultz ist ja sowieso einiges anders beim VfL. Außerdem sind die Kieler arg ersatzgeschwächt und der Walter-Ball könnte uns in die Karten spielen. Also gewinnen wir auswärts 2:1 und gehen mit hervorragenden 9 Punkten in die Länderspielpause. Robin Meißner rehabilitiert sich mit einem Doppelpack. Schön wäre, wenn einer der Treffer zudem ein oben rechts verwandelter Elfmeter wäre.













