Kallas Kolumne: PISA trifft Wutsmiley

Warum wir heute aufgrund dieser harmlosen Facebook-Meldung zig Konten blockiert haben

Schaut euch einfach die Deppen- und Wutsmileys unter politischen und gesellschaftlichen Beiträgen an und legt daneben die Entwicklung der PISA-Ergebnisse seit 2000. Mehr Beweisführung brauche ich nicht. Wer da noch von „Zufall“ spricht, glaubt vermutlich auch, dass Kommentarspalten zur geistigen Erbauung erfunden wurden.

Für mich steht der Zusammenhang fest: Je schlechter gelesen wird, desto schneller wird geklickt. Je weniger verstanden wird, desto größer die Wut. Und je geringer die Bereitschaft, sich mit einem Argument auseinanderzusetzen, desto beeindruckender das Arsenal an roten Köpfen und Deppensmileys. Früher musste man sich wenigstens noch die Mühe machen, einen falschen Gedanken in einen falschen Satz zu packen. Heute reicht ein Emoji. Das ist Inklusion auf ganz neuem Niveau: Auch wer inhaltlich nichts beizutragen hat, darf endlich sichtbar mitdiskutieren.

Die PISA-Studie misst Lesekompetenz. Facebook und ähnliche digitale Irrenanstalten liefern anschließend die praktische Prüfung. Da steht ein Text mit acht Absätzen, und bevor durchschnittliche WutbürgerInnen überhaupt beim dritten angekommen sein können, klebt schon der erste rote Kopf darunter. Vermutlich handelt es sich um eine bislang unbekannte Form des Schnelllesens: Überschrift erfassen, Blutdruck erhöhen, Hirn abschalten, Smiley drücken.

Besonders faszinierend sind jene ZeitgenossInnen, die auf einen Artikel mit einem Lachsmiley reagieren, dessen Inhalt sie offenkundig weder verstanden noch vollständig gelesen haben. Das ist intellektuell ungefähr so anspruchsvoll, wie bei einer Mathematikarbeit sämtliche Aufgaben unbeantwortet zu lassen und anschließend den Taschenrechner für das Ergebnis verantwortlich zu machen.

Eigentlich könnten wir uns PISA künftig sparen. Die OECD müsste nur einmal im Jahr die Kommentarspalten deutscher Medien auswerten. Wie viele LeserInnen reagieren auf komplexe politische Themen ausschließlich mit Wutgesicht? Wie viele beantworten einen sorgfältig recherchierten Artikel mit „😂😂😂“? Und wie viele schaffen es noch, einen vollständigen deutschen Satz zu schreiben, in dem Subjekt, Prädikat und Realität gleichzeitig vorkommen?

Daraus ließe sich sofort ein neuer Bildungsindex erstellen:

Stufe eins: Kann einen Artikel öffnen.
Stufe zwei: Schafft es bis zum zweiten Absatz.
Stufe drei: Versteht, dass die Überschrift nicht der gesamte Text ist.
Stufe vier: Formuliert eine eigene Meinung mit mehr als drei Wörtern.
Stufe fünf: Widerspricht, ohne „Lügenpresse“, „linksgrünversifft“, drei Ausrufezeichen und einen Wutsmiley zu benötigen.
Stufe sechs wäre vermutlich nur noch theoretischer Natur.

Natürlich werden jetzt irgendwelche WissenschaftlerInnen einwenden, Korrelation sei noch lange keine Kausalität. Das mag stimmen. Aber nach zwanzig Minuten in einer durchschnittlichen Kommentarspalte bin ich bereit, auch diese Erkenntnis zur Diskussion zu stellen.

Denn irgendwann ist die Häufung einfach zu auffällig: PISA geht runter, der Wutsmiley geht hoch. Lesekompetenz schwindet, Empörungskompetenz explodiert. Die Fähigkeit, einen längeren Gedankengang nachzuvollziehen, nimmt ab, während die Fähigkeit, innerhalb von drei Sekunden beleidigt zu sein, geradezu olympisches Niveau erreicht.

Vielleicht erleben wir also gar keinen Bildungsverfall. Vielleicht haben wir Bildung nur erfolgreich durch Befindlichkeit ersetzt.

PISA liefert die Statistik. Die Kommentarspalte liefert den Beweis. Und der Wutsmiley unterschreibt mit rotem Kopf.

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