Gymnasium „In der Wüste“ gestaltet Gedenkveranstaltung zum 9. November: ein Interview mit Lehrerin Miriam Meyer
Jedes Jahr gestalten Osnabrücker Schulen im Wechsel die städtische Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 mit. In diesem Jahr ist das Gymnasium „In der Wüste“ an der Reihe. Seit Beginn des Schuljahres 2025/2026 laufen dort die Vorbereitungen für die Veranstaltung am 9. November 2026 in der Schlossaula. Die Koordination hat Lehrerin Miriam Meyer übernommen. Die Osnabrücker Rundschau hat mit ihr über die Vorbereitungen, die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler und die Bedeutung des Erinnerns gesprochen.

Frau Meyer, welchen persönlichen Bezug haben Sie zum 9. November 1938? Was bedeutet dieser Tag für Sie?
Ich verbinde mit dem 9. November 1938 große Scham über das ungeheuerliche Unrecht, welches jüdischen Mitmenschen in unserer Mitte angetan wurde. Gleichzeitig ist der 9. November für mich persönlich auch mit einem ganz anderen historischen Ereignis verbunden: Als junges Mädchen aus dem Emsland habe ich 1989 den Fall der Berliner Mauer erlebt. Damit ist dieser Tag für mich auch ein Tag der Freiheit und der friedlichen Überwindung eines Unrechtsstaates auf dem Weg zu Wiedervereinigung und Demokratie. Bei aller Verantwortung, die mit der Erinnerung an den 9. November 1938 verbunden ist, verbinde ich mit diesem Datum deshalb auch Hoffnung.
Was genau ist im Rahmen der städtischen Gedenkveranstaltung in diesem Jahr geplant?
Wir werden „Nie wieder ist jetzt!“ aufführen, eine von meiner AG selbst geschriebene szenische Darstellung, die musikalisch vom Wüstenorchester begleitet wird. Eingeleitet wird das Theaterstück durch unsere Ausstellung „Menschenwürde“. Diese ist im Rahmen der Projektwoche unserer Schule vor den Sommerferien entstanden und wird nach der Gedenkveranstaltung auch im Theater am Domhof zu sehen sein. Ab dem 10. November kann die Ausstellung dort im oberen Marmorfoyer besucht werden.
Wie laufen die Vorbereitungen – und womit haben sich die Schülerinnen und Schüler in den vergangenen Monaten beschäftigt?
Zu Beginn haben wir uns intensiv mit unterschiedlichen Quellen und Orten der Erinnerung beschäftigt. Wir haben Stolpersteine und „Die Villa_“ besucht, uns mit dem Leben Hans Calmeyers auseinandergesetzt und das Tagebuch von Anne Frank gelesen. Dieser Text hat uns sehr gepackt – besonders das Schicksal des weniger bekannten Peter van Pels, der aus Osnabrück stammte und am 8. November 2026 100 Jahre alt geworden wäre. Uns war schnell klar, dass Peter in unserer Gedenkveranstaltung einen besonderen Platz bekommen sollte. Danach haben wir viel gelesen, geschrieben, geprobt und immer wieder umgearbeitet. Inzwischen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.
Die Schauspielerinnen und Schauspieler feilen an letzten Formulierungen und an ihrer Betonung. Die Musikerinnen und Musiker unseres Wüstenorchesters proben die Stücke, mit denen sie einen der beiden Handlungsstränge musikalisch begleiten werden. Auch die Aulatechnik-AG bereitet Licht und Ton für die Aufführung in der Schlossaula vor. Unsere Begleitausstellung „Menschenwürde“ ist bereits fertig. Im Rahmen der Projektwoche kurz vor den Sommerferien haben wir mit zwei Gruppen die Exponate für die Ausstellung erstellt. Diese sind aus zwei Kunstklassen und der Beschäftigung mit einem Modell für ein Mahnmal sowie zwei Geschichtskursen und deren Beschäftigung mit der Menschenwürde in philosophischen Texten der letzten 2.000 Jahre entstanden. Da sich auch das städtische Theater mit Peters Schicksal beschäftigt, haben wir die Gelegenheit bekommen, unsere Ausstellung dort ab dem 10. November auszustellen. Ein solches Projekt mit so vielen Beteiligten auf die Beine zu stellen, ist sicherlich nicht ganz einfach.
Was ist für Sie dabei die größte Herausforderung?
Zunächst einmal möchte ich betonen, wie viel Freude es mir macht, diese Gedenkveranstaltung gemeinsam mit unseren Schülerinnen und Schülern sowie meinen Kolleginnen und Kollegen vorzubereiten. Das ist für uns alle etwas ganz Besonderes. Die größte Herausforderung besteht sicherlich darin, neben dem normalen Schulalltag genügend Zeit zu finden und bei den vielen Beteiligten und unterschiedlichen Projektteilen alle Fäden zusammenzuhalten.
Wer ist an der Schule alles an dem Projekt beteiligt?
Viele Menschen unserer Schule wirken daran mit – und das Schöne ist, dass alle sofort zugesagt haben. Neben meiner AG beteiligt sich das Wüstenorchester unter der Leitung von Dr. Volker Fastenau. Meine Kolleginnen Dr. Carolin Artz, Dr. Anna-Katharina Lienau und Kathrin Weidmann haben gemeinsam mit vielen Schülerinnen und Schülern während der Projektwoche die Ausstellung „Menschenwürde“ erarbeitet. Hinzu kommt die Aulatechnik-AG, die für Licht und Ton sorgt. Und auch darüber hinaus unterstützen uns zahlreiche Kolleginnen und Kollegen, etwa durch die Vorbereitungen, die während der Projektwoche gelaufen sind, oder indem sie Schülerinnen und Schüler für Proben und Projektarbeit vom Unterricht freistellen. Es ist wirklich ein Gemeinschaftsprojekt unserer Schule.
Warum ist es Ihnen wichtig, dass junge Menschen sich heute noch so intensiv mit den Ereignissen vom 9. November 1938 beschäftigen?
Mir ist es als Geschichtslehrerin wichtig, aus den Erfahrungen der Vergangenheit für die Gestaltung unserer Gegenwart und Zukunft zu lernen. Erinnerung und Verantwortung müssen von jeder Generation neu gestaltet, neu gedacht und lebendig gehalten werden. Das ist eine große gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Schule kann mit Projekten wie diesem ihren Beitrag dazu leisten. Ich bin davon überzeugt, dass es einen Unterschied macht, wenn wir den jungen Menschen die Möglichkeit geben, sich intensiv mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und gleichzeitig darüber nachzudenken, was Menschenwürde, Verantwortung und Demokratie heute für sie bedeuten. Persönlich ist es mir auch sehr wichtig, dass wir die Unantastbarkeit der Menschenwürde als das Fundament unserer Demokratie sichtbar machen und für ihren Schutz einstehen.
Was haben Sie selbst aus der bisherigen Vorbereitung mitgenommen – gab es etwas, das Sie neu erfahren oder besonders bewegt hat?
Besonders beeindruckt haben mich die Ernsthaftigkeit und das Engagement unserer Schülerinnen und Schüler. Außerdem freue ich mich darüber, dass meine Kolleginnen und Kollegen aus den Fachbereichen Geschichte, Kunst und Musik sofort ihre Beteiligung zugesagt haben. Dadurch ist ein starkes interdisziplinäres Team entstanden, in dem wir gemeinsam etwas entwickeln können. Für eine solche intensive Zusammenarbeit gibt es im normalen Schulalltag nur selten Gelegenheit. Diese Teamarbeit macht mir – trotz des ernsten Themas – riesige Freude.














