„Bitte denken Sie mehr“ – aber bitte das Richtige!
Ich gebe es zu: Manchmal beneide ich die Hasepost. Nicht um ihre Werbung, die inzwischen so üppig zwischen den Texten gedeiht, dass man sich freut, wenn gelegentlich noch ein Satz dazwischenpasst. Auch nicht um ihre Kommentarfunktion und schon gar nicht um ihren bemerkenswerten Vorrat an Autoren, die geistig gleichzeitig im 18. Jahrhundert wohnen und trotzdem zuverlässig wissen, welche Katastrophe Osnabrück spätestens heute heimsuchen wird.
Nein, ich beneide die Hasepost um Wolfgang Niemeyer, denn er besitzt eine Fähigkeit, die mir vollkommen fremd ist: Er kann sich als Justus Möser verkleiden, ohne dass Justus Möser Gelegenheit bekommt, die Polizei zu rufen. Die Hasepost präsentiert Niemeyer als eine Art gegenwärtigen Statthalter des großen Osnabrücker Aufklärers, der regelmäßig darüber sinniert, was Möser wohl heute sagen würde. Mich interessiert inzwischen eher: Was würde Möser wohl sagen, wenn er erführe, was ein Laiendarsteller wie Wolfgang Niemeyer heute in seinem Namen sagt?
Professor Dr. Rolf Wortmann, Autor der Osnabrücker Rundschau, hat über Möser und Kant übrigens ein kluges Buch geschrieben. Ohne Schaum vor dem Mund, ohne politische Feindbilder im Sonderangebot und sogar mit Gedanken, die länger als eine Überschrift durchhalten. So etwas geht also. Denn Möser mag vieles gewesen sein und bietet genügend Stoff für Kritik – nur dumm war er jedenfalls nicht.
Wolfgang Niemeyer stellt damit gewissermaßen den interessanten Gegenversuch an. Doch ehe ich kläre, ob Identitätsdiebstahl auch bei seit mehr als zweihundert Jahren Verstorbenen möglich ist, empfehle ich die Lektüre des Originals. Denn manchmal muss ich Satire gar nicht erfinden. Ich muss nur warten, bis die Hasepost sie veröffentlicht. Hier ist Niemeyers Realsatire im Original: Mösers Meinung: Über die Oberbürgermeisterwahl
Schon die Zahlen dürfen sich dort frei entfalten. Katharina Pötter habe im ersten Wahlgang „knapp 44 Prozent“ bekommen, schreibt Niemeyer. Tatsächlich waren es 42,2 Prozent. Zahlen sind bei ihm offenbar weniger mathematische Größen als Stimmungsbilder. „Unter 99 Prozent“ träfe schließlich auch zu. Warum sollte man eine schöne Botschaft mit übertriebenem Tatsachenfanatismus belästigen?
Richtig hübsch wird es bei Volt. Die SPD und die – ich zitiere voller Ehrfurcht – „linke Studentenvertretung Volt“ hätten sich hinter Volker Bajus gestellt. Ich musste zweimal hinschauen. Nicht weil der Satz kompliziert wäre – so etwas droht einem bei Niemeyer nicht –, sondern weil ich sicherstellen wollte, dass ein erwachsener Mann ihn tatsächlich geschrieben hat.
Volt ist keine Studentenvertretung. Aber „Partei“ oder gar „Ratsfraktion“ wäre vermutlich viel zu langweilig. „Studentenvertretung“ zaubert sofort drei langhaarige Gestalten mit Jutebeuteln in einen AStA-Keller, wo zwischen Mate-Flaschen, veganem Aufstrich und einem ausrangierten Lastenrad heimlich der Untergang des deutschen Verbrennungsmotors geplant wird.
So funktioniert politische Analyse nach Niemeyer: Man beschreibt den Gegner nicht, man schrumpft ihn passend fürs eigene Feindbild bis zur Unkenntlichkeit zusammen. Dann beginnt die kommunalpolitische Geisterbahn. Bajus steht dort für „radikale Verkehrswende“, „Verbannung von Autos“, Verpackungssteuer und – mein unangefochtener Liebling – „andere Grausamkeiten“.
Andere Grausamkeiten?! Früher verstand man darunter Krieg, Folter, Vertreibung, Hunger, Mord und heute das Lesen mancher Hasepost-Kommentare. 2026 genügt offenbar schon eine Abgabe auf Einwegverpackungen. Ich sehe das Mahnmal am Nikolaiort bereits vor mir: Hier verlor im Herbst 2026 ein unschuldiger Pappbecher seine steuerliche Unversehrtheit. Wir werden ihn nicht vergessen.
Fahnen auf Halbmast vor McDonald’s, Schweigeminute bei Burger King, Heiko Pohlmann legt feierlich eine Plastikgabel nieder. Niemeyer weiß allerdings nicht nur, was Bajus sagt. Er weiß auch schon, was Bajus tun wird: Menschen spalten, die eigene Klientel bedienen, die Wirtschaft links liegen lassen und wenig Rücksicht auf die „arbeitende Bevölkerung“ nehmen.
Ich bewundere diese Gabe: die Hasepost als legitimer Erbe von Astro-TV. Andere Menschen brauchen Wahlergebnisse, Mehrheiten, Ratsbeschlüsse und tatsächliche Politik, um deren Folgen beurteilen zu können. Wolfgang Niemeyer braucht offenbar nur eine Kneipe mit WLAN. Ein paar Tastenschläge später ist die komplette Amtszeit absolviert und der Niedergang Osnabrücks protokolliert.
Besonders schön ist die „arbeitende Bevölkerung“. Denn offenbar arbeiten Grüne nicht. Klar?
Und dann erscheint aus dem Nichts Katharina Pötter – und schlagartig ist das Unwetter vorbei. Wo eben noch Radikalismus, Grausamkeiten, Spaltung und Ideologie durch Osnabrück tobten, brechen plötzlich „Pragmatismus“, „Erfahrung“, „Augenmaß“ und Vernunft aus.
Bei Pötter kommt das Vokabular frisch gebügelt aus dem Sonntagsschrank, bei Bajus aus dem Giftschrank mit all den Warnaufklebern. Am Ende wird er sogar zum „Vollstreckungsbeamten des grünen Parteiprogramms“ befördert. Das klingt schon eher nach politischer Kriminalliteratur: Kommissar Möser und der grüne Vollstrecker – Ein Osnabrück-Krimi.
Und nachdem Niemeyer seinen Lesern ausführlich erklärt hat, wo Vernunft und Augenmaß wohnen und wo Grausamkeiten, Ideologen und Vollstreckungsbeamte hausen, schreibt er tatsächlich: „Möge der bzw. die Bessere gewinnen.“ Da gendert selbst Niemeyer mal, diese Koryphäe der deutschen Rechtschreibung, die bis heute nicht verstanden hat, wie dumm die alte ß-Schreibung war.
Zum Schluss betritt Herausgeber Heiko Pohlmann die pädagogische Bühne und erklärt wie üblich, solche Beiträge seien lediglich „Denkanstöße“. Dann zitiert er C. G. Jung: „Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ Und anschließend: „Bitte denken Sie mehr.“
Ich war den Tränen nahe. Gerade habe ich erfahren, dass Volt eine „linke Studentenvertretung“, eine Verpackungssteuer eine „Grausamkeit“ und ein noch gar nicht gewählter Kandidat bereits jetzt ein künftiger Spalter und Wirtschaftsverächter ist – und darunter werde ich zum Denken aufgefordert. Das ist, als würde mir jemand mit einer Bratpfanne auf den Kopf schlagen und anschließend einen Ratgeber über gewaltfreie Kommunikation schenken.
Aber ich nehme Herrn Pohlmann beim Wort. Denn tatsächlich gibt es einiges zu bedenken: warum eine Ratsfraktion zur Studentenvertretung verkleinert werden muss, warum kommunale Steuerpolitik als „Grausamkeit“ firmiert und warum die politische Überzeugung des einen „Ideologie“, die des anderen hingegen schlicht „Vernunft“ heißt.
Vor allem bewundere ich die Konstruktion: Oben liefert Niemeyer die Gebrauchsanweisung fürs politische Urteil, unten mahnt Pohlmann zum selbstständigen Denken. Denken Sie selbst, und hier steht vorsichtshalber schon einmal, was dabei herauskommen soll.
Vielleicht war Pohlmanns Aufforderung deshalb sogar riskanter, als er dachte. Wer wirklich anfängt zu denken, könnte am Ende nicht nur über Bajus und Pötter nachdenken, sondern auch über Wolfgang Niemeyer, seinen ausgeliehenen Justus Möser und die perfide publizistische Methode dahinter.
Deshalb schließe ich mich Heiko Pohlmann ausnahmsweise uneingeschränkt an: „Bitte denken Sie mehr.“ Vor allem beim Lesen der Hasepost.
PS: Der Igel empfiehlt übrigens, einfach zur Wahl zu gehen, ohne sich von ideologisch aufgeblähten Kolumnen im Stürmerstil beeindrucken zu lassen.
Dass ausgerechnet C. G. Jung von Pohlmann als Kronzeuge des Denkens herbeizitiert wird, ist schon, gelinde gesagt, schräg. Ein Mann, der in den dreißiger Jahren über „jüdische“ und „arische“ Psychologie schrieb, dem „arischen Unbewussten“ ein höheres Potenzial bescheinigte und dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus Historiker bis heute beschäftigt. Vielleicht hätte Herr Pohlmann seinen eigenen Ratschlag beherzigen und vor dem Zitieren ein klein wenig mehr denken sollen.













