Vom Heizungsmonteur in Osnabrück zur Karriere in SS und Konzentrationslagern
Den Werdegang dieses Nationalsozialisten dokumentieren bereits wenige Stichworte in der NS-Karriereleiter: Rapportführer in den Konzentrationslagern Esterwegen und Sachsenhausen, zweiter Schutzhaftlagerführer im KZ Buchenwald, Schutzhaftlagerführer im KZ Neuengamme, Kommandant im KZ Arbeitsdorf, höherer SS- und Polizeiführer Ostland in Riga.
Wilhelm Schitli wurde lt. dem Bundesarchiv R 9361-III/553160 am 26. Juni 1912 als Sohn des Zigarrenmachers Gerhard Schitli und dessen Frau Luise in Osnabrück geboren, machte nach dem Besuch der Mittelschule in Osnabrück ab 1928 eine Lehre als Installateur, erwarb anschließend einen Meisterbrief und arbeitete als Heizungsmonteur. Schitli trat zum 15. März 1933 der SS bei (SS-Nummer 88.647) und im Mai 1933 der NSDAP (Mitgliedsnummer 2.907.236).
Trotz der krisenhaften wirtschaftlichen Lage ab 1929 lebte Schitli während der Weimarer Republik in gesicherten Verhältnissen und hatte stets Arbeit in seinem Beruf. Erst nach Hitlers Machtübernahme schloss er sich den Nationalsozialisten an, fand dann aber offenbar großes Gefallen an deren Politik: 1934 gab er seine langjährige Anstellung als Handwerksmeister auf und wechselte als einfacher Wachmann zur Konzentrationslager-SS bzw. zum SS-Totenkopfverband „Ostfriesland“, der Wachtruppe des KZ Esterwegen. Hier arbeitete er sich schnell nach oben.
Aufstieg in den Kommandanturstab und zum Rapportführer
In Esterwegen war Schitli für acht Monate in der Wachmannschaft eingesetzt. Dort bewährte sich der damals 23-jährige offenbar schnell: im Mai 1935 wurde er in den Kommandanturstab des Lagers übernommen und mit der Führung eines Häftlingskommandos betraut, im Juli 1936 stieg er dann zum Rapportführer auf. Mittlerweile hatte er einen Unterführer-Dienstgrad erreicht.

Wenig später wurde das KZ Esterwegen aufgelöst. Die Häftlinge wurden in das neue KZ Sachsenhausen nach Oranienburg verlegt, auch viele Mitglieder der Lager-SS – unter ihnen Schitli – wechselten dorthin. In Sachsenhausen wurde Schitli nach kurzer Einarbeitungszeit als Rapportführer eingesetzt. Als solcher war er für die Erfassung des Häftlingsbestandes im Rahmen der täglichen Zählappelle zuständig sowie für die Einteilung der Blockführer und die Durchführung und Überwachung von Lagerstrafen.
Widersprüchliche Beschreibungen zu Schitli
Von ehemaligen Häftlingen liegen widersprüchliche Urteile über Schitli vor. Manche beschrieben ihn als brutalen Schläger, andere als verträglichen Charakter. Seine Vorgesetzten schätzten ihn wohl vor allem wegen seiner Führungsstärke und Organisationsfähigkeit. Einen entflohenen Häftling habe er nach der Wiederergreifung persönlich auf dem Bock verprügelt, und zwar so schlimm, dass er wenig später im Zellenbau verstorben sei. Andere ehemalige Gefangene dagegen berichteten von Strafaktionen von Schitli, bei denen er die Schläge bewusst abschwächte. Offenbar kamen vor allem solche Häftlinge mit Schitli aus, die ihn bereits aus dem KZ Esterwegen kannten. Einer dieser Männer beschrieb ihn später als „verträglichen Menschen“, der ihnen zwar drohte und Ohrfeigen verpasste, aber nicht brutal oder hinterhältig gewesen sei.

Laut Otto Elsner, (einem Häftling im KZ Sachsenhausen 1936-39) in einer Aussage aus dem Jahre 1964: „Oberscharführer Schitli war bei der Prügelstrafe auch einer der schlimmsten Vollstrecker. Bei einer besonderen Aktion, bei der 38 Häftlinge (am Pfahl) aufgehängt wurden, hat Schitli diese Leute persönlich und willkürlich ausgesucht. Mit ihnen wurde das übliche „Hängen“ durchgeführt, das heißt sie wurden an den auf dem Rücken zusammengebundenen Händen aufgehängt und blieben stundenlang in dieser qualvollen Stellung.“
1939 wurde Schitli in Sachsenhausen zum Zweiten Schutzhaftlagerführer befördert, war also Vertreter des Lagerleiters, den er bei der Führung des SS-Lagerpersonals und der Organisation des KZ-Betriebs unterstütze.
SS-Hauptsturmführer im KZ Neuengamme und Kommandant im KZ Arbeitsdorf
Im November 1940 wurde Schitli zum SS-Hauptsturmführer (Hauptmann) ernannt und als Erster Schutzhaftlagerführer in das KZ Neuengamme versetzt, ein ehemaliges Außenlager des KZ Sachsenhausen, das im Frühjahr 1940 zu einem selbstständigen Konzentrationslager erklärt worden war.
Von hier wechselte er im März 1942 als stellvertretender Kommandant des SS-Hauptsturmführers Martin Gottfried Weiß in das KZ Arbeitsdorf im Volkswagenwerk in Fallersleben (heute: Wolfsburg), das von einem Häftlingskommando aus Neuengamme aufgebaut worden war. Die KZ-Gefangenen sollten dort Hallen für eine Leichtmetallgießerei errichten. Als Gegenleistung sagte Ferdinand Porsche die Lieferung von 4000 Kübelwagen für die Waffen-SS zu. Im KZ Arbeitsdorf stieg Schitli sogar noch zum Kommandanten auf, da Weiß sich zunehmend auf seine Funktion als Kommandant des KZ Neuengamme zurückzog, bevor das KZ Arbeitsdorf im Oktober 1942 aus kriegswirtschaftlichen Gründen und auf Anordnung von Reichsminister Prof. Speer aufgelöst wurde, weil die vom Volkswagenwerk dort vorgesehene Aluminiumfertigung vom Ministerium für Bewaffnung und Munition nicht genehmigt worden war. Das errichtete Fabrikgebäude wurde später für andere Zwecke genutzt. Im Rahmen der Pläne, KZ-Gefangene zum Nutzen der SS in der Rüstungsproduktion einzusetzen, erwies sich das KZ Arbeitsdorf gleichwohl als ein wichtiges Experiment für die systematische Ausbeutung von KZ-Häftlingen für industrielle Zwecke.
Einsätze in Polen und Riga sowie im Frontdienst bei der Waffen-SS
Nach seinem Weggang aus dem KZ Arbeitsdorf leitete Schitli zunächst ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter beim SS-Truppenübungsplatz Heidelager bei Debica (Polen), ab September 1943 war er beim „Höheren SS- und Polizeiführer Ostland“ in Riga eingesetzt. 1944 wurde er kurzzeitig von der Amtsgruppe D des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamts, der früheren Inspektion der Konzentrationslager als Mitarbeiter geführt, bis er gegen Kriegsende zum Frontdienst in die Waffen-SS eingezogen wurde. Seit dem 31. März 1945 gilt Schitli als vermisst, möglicherweise ist er gefallen.
Schitli war seit 1937 verheiratet und hatte zwei Kinder. Die Familie lebte in Bergedorf in der Adolf-Hitler-Straße 5 (heute: August-Bebel-Straße auf dem Gojenberg). Seine Ehefrau wohnte seit 1943 mit den beiden 1940 und 1943 geborenen Kindern mindestens bis 1947 bei einer Familie in Bergedorf. In den 1960-er Jahren ermittelte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wegen Verbrechen im KZ Sachsenhausen. Die Ermittlungen gegen Wilhelm Schitli wurden als ergebnislos wieder eingestellt.
Ausgewählte Quellen:
- „Exzess- und Direkttäter im KZ Sachsenhausen“, HG.: Morsch, Günter, Seiten 271-272 von Astrid Ley
- „Das Konzentrationslager Neuengamme 1938-1945“ von Kaienburg, Hermann, HG.: KZ-Gedenkstätte Neuengamme
- „Der Ort des Terrors – Band 7“, HG.: Benz, Wolfgang und Distel, Barbara
- Portrait Wilhelm Schitli auf der Website der KZ-Gedenkstätte Neuengamme












