Ein Jubiläum, ein Foto, zwei Songs: Alternative Country gegen Eurodisco
Wenn man nicht schnell genug an den Umschaltknopf gelangt, kann es passieren, dass man sich Modern Talkings Eurodisco-Hit „Geronimo’s Cadillac“ ausgesetzt sieht. Im Oktober 2026 jährt sich die Veröffentlichung des Songs zum vierzigsten Mal.
Für die musikalischen und textlichen Bastelarbeiten zeichnet Dieter Bohlen verantwortlich. Mit dem Text nun hat es eine besondere Bewandtnis. Geronimo, eigentlich Gokhlayeh, war ein Medizinmann und Anführer einer Stammesgemeinschaft, die lange Zeit erfolgreich gegen mexikanische und US-amerikanische Soldaten focht, nachdem die kolonialen Truppen bestialische Massaker an den Ureinwohnern begangen hatten. Gokhlayeh wurde festgesetzt, konnte wiederholt fliehen, ehe er 1886 letztendlich kapitulieren musste.
Mehrfach war ihm und den indigenen Stämmen Farmland zugesagt worden. Falsche Versprechungen. Vielmehr richtete die Regierung Reservate in der Wüste ein, wo weder Viehzucht noch Landbau betrieben werden konnte. Gokhlayeh wurde, auch das ein Wortbruch seitens der Weißen, in wechselnde Armeegefängnisse gesperrt. Zuweilen stellte man ihn der Öffentlichkeit zur Schau. Bei einer solchen Gelegenheit entstand ein Foto, das ihn in westlicher Kleidung inklusive Zylinder in einem dampfbetriebenen Automobil zeigt. Historiker sind sich uneins, ob der zum Christentum konvertierte Gokhlayeh diese Kleidung aus eigenem Willen gewählt hatte oder ob man sie ihm aufzwang, um ihn dem Gespött preiszugeben.
Anfang der 1970er inspirierte das Foto den Singer-Songwriter Michael Martin Murphey und den Lyriker Charles John Quarto zu einem gemeinsamen Song mit dem heute so bekannten Titel „Geronimo’s Cadillac“. Anders als Bohlen in seinem 80er-Jahre-Text verhandeln Murphey und Quarto das Unrecht, das den indigenen Völkern auf US-Boden angetan wurde. Unter anderem heißt es dort:
Warden, Warden, don’t you know
That prisoners have no place to go?
Took Old Geronimo by storm
Ripped off the feathers from his uniform
Jesus tells me, I believe it’s true
The red man is in the sunset too
Took all their land and they wont give it back
Sent Geronimo a Cadillac
Die beiden Autoren unterlagen einem Irrtum, als sie das Fahrzeug auf dem Foto als Cadillac identifizierten. Es handelt sich um ein Locomobile Typ C. Allerdings ist Cadillac als Marke bekannter und literarisch gesehen somit das besser funktionierende Symbol. Der Songtitel ging sogar in die Wissenschaft ein. Der Kulturwissenschaftler und Historiker John Robert Leo überschrieb seine Analyse von „Geronimos“ angeblicher Autobiographie mit dem Titel „Riding Geronimo’s Cadillac: His Own Story and the Circumstancing of Text“ (Journal of American Culture, Ausgabe Winter 1978). Es muss erstaunen, dass Dieter Bohlen auf denselben Songtitel kam. Beging er rein zufällig denselben Fehler wie Murphey? Cadillac statt Locomobile?
Natürlich haben Bohlens Strophen keinerlei politischen Gehalt, jedenfalls nicht im Sinne Murpheys. Bohlen und sein Gesangspartner Thomas Anders besingen mit Geronimo einen Herzensbrecher, der mit seinem Cadillac den Damen den Kopf verdreht, weshalb der Erzähler vor dieser Person warnen zu müssen meint. Perfide daran ist, dass sich das zugehörige Musikvideo eindeutig auf die Kultur der indigenen Völker bezieht. Bohlen und Anders posieren auf nachgeahmtem Wüstenboden vor einem weißen Straßenkreuzer und vor einem mehr im Hintergrund platzierten, aber deutlich auszumachenden Tipi, jener kegelförmigen mobilen Behausung, die vom Publikum angesichts der Bauart und der außen aufgebrachten Muster unwillkürlich der Kultur der nomadischen indigenen Stämme zugeschrieben wird. Ein geschmackloser Missgriff.
Michael Martin Murpheys Originalsong wurde vielfach von anderen Musikerinnen und Musikern interpretiert. Dazu zählen Hoyt Axton, Cher, Manfred Mann’s Earth Band – gastiert am 25.11. im Rosenhof –, Chris Leslie von Fairport Convention, Johnny Rivers und der indigene Singer-Songwriter Bill Miller, der mit Murphey auf der Bühne und im Studio zusammenarbeitete. Murpheys und Quartos „Geronimo’s Cadillac“ war zeitweise die inoffizielle Hymne des American Indian Movement (AIM). Murphey wurde gar von einer Lakota-Familie adoptiert und somit in die Reihen der Ureinwohner aufgenommen. Dieter Bohlen läuft wohl kaum Gefahr, dass ihm Ähnliches widerfährt.
Als Michael Murphey, damals noch ohne zweiten Vornamen, mit der Single „Geronimo’s Cadillac“ und dem Album gleichen Titels erste Hitparadennotierungen verbuchte, blickte er bereits auf eine erfolgreiche Laufbahn als Komponist zurück. Begonnen hatte er seine musikalische Laufbahn im Teenageralter. In der Folkclub-Szene von Los Angeles schloss er Freundschaft mit dem Musikerkollegen Michael Nesmith. Als 1965 eine Retortenband für die Fernseh-Sitcom „The Monkees“ zusammengestellt wurde, war Nesmith einer von vier Bewerbern und wurde engagiert. Die in der Serie gespielten Songs wurden veröffentlicht, die meisten zu Hits. Nesmith bat Michael Murphey um einen Beitrag für das vierte Album der Band. Murphey und sein Koautor Owens „Boomer“ Castleman lieferten „(What Am I Doing) Hangin’ Round“. Murphey etablierte sich als Songlieferant für Alben von Bobbie Gentry, The Earl Scruggs Revue, Jerry Jeff Walker, Quincy Jones, Esther Ofarim. Kenny Rogers spielte mit Murphey das Konzeptalbum „The Ballad of Calico“ ein.
1971 zog Murphey nach Texas und wurde einer der Mitbegründer der Progressive-Country-Szene. Willie Nelson und Charlie Daniels zählten zu seinem Freundeskreis. Er bekam einen Plattenvertrag, „Geronimo’s Cadillac“ begründete seine Karriere als Solokünstler. Es folgten Hits wie „Wildfire”, „Carolina in the Pines“, „Cherokee Fiddle”. Mit den Jahren erweiterte Murphey sein Spektrum, gab Konzerte mit Sinfonieorchestern, schrieb Soundtracks, nahm weitere Konzeptalben auf. Ein Herzensprojekt war die Einspielung originaler überlieferter Cowboysongs, die einst während der Viehtriebe mangels anderer Unterhaltungsmöglichkeiten an den Lagerfeuern gesungen wurden. Eigentlich ein Nischenprodukt, das jedoch auf unerwartet großes Publikumsinteresse stieß und weitere Einspielungen ähnlicher Art auch anderer Künstler zur Folge hatte.
Neben seinen musikalischen Aktivitäten widmet sich der heute 81-jährige Murphey, ein studierter Historiker, der Pflege und dem Erhalt ländlicher Bräuche und Traditionen. Das National Cowboy and Western Heritage Museum würdigte sein Engagement bislang mit fünf Auszeichnungen.













