Alfred Mozer: Deutscher, Niederländer und Europäer. Letzter Teil 3

„Unruhestand“ und Aufbau der EUREGIO 1970-1979
Von Raphael Völler

Nach seiner Pensionierung erfüllte Alfred Mozer sich mit seiner Frau ihren schon 1954 durch einen Hauskauf in Gelderland begründeten Wunsch eines ruhigeren Landlebens, was für ihn aber keineswegs bedeutete, dass er ‚nun nur noch Rosen züchten wolle‘, wie er gerne kolportierte. Auf Vorträgen und mit einer breiten Artikelserie in diversen nationalen und internationalen Zeitungen warb er öffentlichkeitswirksam weiter für sein politisches Ideal der europäischen Idee, wobei er die langsame Geschwindigkeit des europäischen Zusammenwachsens kritisierte.


Aktiv in Achterhoek

Zunehmend verlagerte er seinen Schwerpunkt von der gesamteuropäischen auf die eher regionale Ebene der niederländisch-deutschen Grenzregion, in der er nun lebte und deren Bewohner beiderseits mit den direkten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen leben mussten. In der langen Phase des ‘Kalten Krieges‘ führten die aus Grenzkontrollen, Sprachbarrieren und unterschiedlichen Gesetzen resultierenden faktischen Behinderungen nachweislich zu schlechteren wirtschaftlichen Entwicklungsbedingungen, die sich in der niederländischen Regionsbezeichnung als sog. Achterhoek (Hinterhof) oder auf deutscher Seite als ‚Zonenrandgebiet‘ ausdrückt.

Erschwerend kamen kurz nach Kriegsende im gesellschaftlichen Miteinander die nahezu von allen Niederländern erlebten tatsächlichen, mentalen und nationalen Verwundungen aus fünf langen Jahren deutscher Besatzung hinzu, die sich gerade in der Person Alfred Mozer stellvertretend deutlich manifestierten. Als Deutscher vom Naziregime lebensbedrohlich verfolgt, im politischen Widerstand mit Hilfe niederländischer Freunde überlebt und zum niederländischen Staatsbürger ernannt, wird sein Lebenswerk im unermüdlichen Einsatz am Aufbau des europäischen Einigungswerkes nachvollziehbar, das für ihn in der – allen Ressentiments zum Trotz – unvoreingenommen persönlichen Auseinandersetzung der Menschen beider Nationen bestand.

Vor diesem Hintergrund ist diesbezüglich sein besonderer Einsatz für den in der damaligen niederländischen Öffentlichkeit mit unbewiesenen Vermutungen mit einer „Nazivergangenheit“ verdächtigten deutschen Juristen Claus von Amberg, auserwählter Ehemann der damaligen Prinzessin Beatrix, als zukünftiger niederländischer Königin nachvollziehbar. Seine in einer landesweiten Zeitungsserie öffentlichkeitswirksam publizierten Nachforschungsergebnisse zur Entlastung Claus von Ambergs waren ein wesentlicher Grund der – für die spätere Heirat erforderlichen – Zustimmungsbeschlüsse der niederländischen Regierung.

Am 6. Juni 1974 empfing Mozer Prinz Klaus von Amsberg als Gast bei einem Euregio-Zusammenkunft in Zutphen.

Für sein niederländisch-deutsches Verständigungswerk wurde Mozer der niederländische Verdienstorden „Orde van de Nederlandse Leeuw“ ebenso verliehen, wie das deutsche Bundesverdienstkreuz. Seine bei der Verleihung ausgesprochene Kommentierung „nach 32 Jahren wieder wert gefunden, Deutscher zu sein“ waren sinngemäß die Umkehrung der gleichen Worte, mit der ihm 1938 seitens des Naziregimes die Aberkennung seiner deutschen Staatsbürgerschaft übermittelt worden war.

Gewissermaßen als Abschiedswerk setzte sich Mozer in den letzten Jahren vor seinem durch eine Krebserkrankung frühen Ableben im Jahre 1979 mit aller verbliebenen Kraft und unter Nutzung all seiner Beziehungen – hier auch der engen Freundschaft mit Königin Beatrix und Prinz Claus – für die Gründung und den nachfolgenden pragmatischen Aufbau der ersten EUREGIO ein. Die Gründung erfolgte schon im Jahre 1958.

Mit seiner kernigen Kommentierung „Das Vaterunser zählt 100 Wörter, die zehn Gebote 120 und die Erklärung der Menschenrechte gut 300, aber die Verordnung für die Einführung von Karamellprodukten in der (damaligen) EWG benötigt 29.400 Worte“ begründete er die konzeptionelle Ausrichtung der EUREGIO als einen vollständig neuen Ansatz und Prototyp einer europäischen Integration der Bürger auf freiwilliger Basis von unten als Modellfall für ganz Europa.

In dem 1971 unter seinem Vorsitz eingerichteten und auch heute noch namentlich bestehenden Ausschuss “Mozer – Gesellschaftliche Entwicklung (im Niederländischen ‘Mozer Commissie)“ wu(e)rden auf Finanzierungsgrundlage von EU-Fördermitteln zur Verbesserung der Wirtschafts- und Lebensbedingungen in europäischen Grenzregionen konkrete Projekte in grenzübergreifender Zusammenarbeit umgesetzt.

1978 erfolgte die formelle Gründung des EUREGIO-Rates, gewissermaßen als Parlament des freiwilligen Zusammenschlusses von heute 128 niederländischen und deutschen Gemeinden, Kreisen und Waterschapen sowie Wirtschaftverbänden und weitere gesellschaftlich relevanten Institutionen ohne formellen Mitgliedstatus als EUREGIO-Netzwerk zur Förderung der grenzüberschreitenden wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenarbeit.

In der EUREGIO-Geschäftsstelle, in unmittelbarer Grenznähe in Gronau-Enschede (Glanerbrug), wurde 1985 posthum eine von Königin Beatrix gestiftete Portraitbüste zu Ehren Alfred Mozers aufgestellt.


Ausblick

Die offensichtlichen Parallelen des Schicksalswegs von Alfred Mozers zu dem Osnabrücker Maler Friedrich Vordemberge-Gildewart und auch dem Galeristen Otto Meyer, die beide, im Gegensatz zu den bekannten Osnabrücker Familien Nussbaum und van Pels, ihr jahrelanges niederländisches Exil überlebt und in der Nachkriegszeit als niederländische Staatsbürger in hervorgehobener Stelle des niederländischen Kulturlebens und Politik tätig waren, sollen perspektivisch in einer Initiative zur niederländisch-deutschen Erinnerungskultur näher beleuchtet werden.

Für mich ist der mit Gründung 1958 etablierte Ansatz der EUREGIO zur Förderung direkter persönlicher Begegnung und Zusammenarbeit der Bewohner im niederländisch-deutschen Grenzraum ein entscheidender Beitrag zum Abbau nationaler Unterschiede sowie, nicht zuletzt, der in den vielen betroffenen Familien aus der nazideutschen Besatzung der Niederlande nachwirkenden Verletzungen und Vorurteile.

Niederländisches Ehrenmal auf dem Heger Friedhof. Foto: Reservistenverband der Bundeswehr

Die jährlichen Gedenkfeiern auf dem niederländischen Ehrenfriedhof Hellern und in der Gedenkstätte Augustaschacht, nicht zuletzt entspechende Ausstellungen, sind wichtige Anlässe für ein besseres gegenseitiges Verständnis im direkten persönlichen Austausch von Nachfahren betroffener Niederländer und der Bevölkerung im Osnabrücker Land.

Beide Fotos: Verein Gedenkstätte Augustaschacht-Gestapokeller
In der Gedenkstätte Augustaschacht erinnern auch niederländisch kommentierte Texte an die zahlreichen Opfer des früheren „Arbeitserziehungslagers“ für Zwangsarbeiter.

Die in den Jahren 2017/2018 unter Einschaltung des deutschen Botschafters in Den Haag und der damaligen Bundeskanzlerin niederländische Intervention zur Namensgebung im Vorfeld des Museumsumbaus der Villa Schlikker hat die weiter bestehende Aktualität niederländisch-deutscher Beziehungen deutlich sichtbar gemacht.

Im Kern ging es dabei um die seitens der Stadt Osnabrück geplante Benennung einer mit Bundesmitteln geförderten Modernisierung und konzeptionellen Neuausrichtung der sogenannten Villa Schlikker neben dem Felix-Nussbaum-Museum als “Hans-Calmeyer-Haus“, wie es eine damalige Schlagzeile der Lokalpresse (NOZ vom 6.12.2017) “Stadt baut Museum für den ‚Schindler aus Osnabrück“ pointiert zusammenfasste. Damit sollte der 1972 verstorbene Rechtsanwalt Hans-Georg Calmeyer für eine Rettung von annähernd 3.000 Jüdinnen und Juden geehrt werden.

Eine nachfolgende Schlagzeile in der NOZ “250 Wissenschaftler und Künstler unter-zeichneten Anti-Calmeyer-Petition – Niederländische Initiative fordert Einschreiten Angela Merkels“ zeigt den intensiven Widerstand einer von niederländischen Historikern, Wissenschaftlern und namhaften Privatpersonen gezeichneten Petition deutlich, die am Schicksal einer von Calmeyer abgelehnten niederländischen Holocaust-Überlebenden geführt wurde.

Die Villa im Museumsquartier setzt sich – auch mit niederländisch übersetzten Texten – unter anderem mit Hans Calmeyers Wirken in Den Haag, aber auch mit weiteren Aspekten deutsch-niederländischer Geschichte in der NS-Zeit auseinander. Foto: Stadt Osnabrück

Letztliches Ergebnis der – coronabedingt mehrjährigen – Diskussion in einem mit namhaften niederländischen und deutschen Historikern besetzten Begleitausschuss und abschließender öffentlicher Diskussion in einem Symposium im Oktober 2022 war die Empfehlung einer neutralen Benennung des Museums als Ort der Erinnerungskultur und Demokratie, in dem das ambivalente Wirken Calmeyers beispielhaft dargestellt ist. Nach zweijähriger Umbauzeit konnte das Museum im September 2024 mit der Bezeichnung ‘Die Villa_Forum Erinnerungskultur und Zeitgeschichte‘ offiziell eröffnet werden.

Unabhängig von diesem Ergebnis offenbart die intensive und kontroverse Diskussion das ganze Dilemma binationaler Erinnerungskultur an der Frage, inwieweit Calmeyer seine als Teil der deutschen Besatzungsverwaltung in den Niederlanden erreichte Rettung von fast 3.000 Juden über fingierte Ariernachweise im Vergleich zu den parallelen Fällen negativ attestierter Nachweise zu bewerten ist, die für die Betroffenen Todesur-teile bedeuteten. Es gibt bei dieser Frage wohl keine allgemeingültige Antwort, nur persönliche Wertungen.

Unzweifelhaft aber setzt jegliche Bewertung beiderseitig fundierte Kenntnisse der historischen Entwicklung voraus. Im beiderseitigen Sinne niederländisch-deutscher Erinnerungskultur und Demokratiestärkung soll das anfangs bezeichnete Projekt unter dem Arbeitstitel “Demokratie braucht Geschichte – Niederländisch-Deutsche Erinnerungskultur in der EUREGIO“ auf Grundlage von Mitteln der INTERREG-Förderung der EU in direkter Zusammenarbeit binationaler Institutionen und Bürger:innen entwickelt werden. Eine erste Vorstellung Ende Mai, im Rahmen einer Sitzung der für die Kulturentwicklung in der EUREGIO zuständigen Mozer Commissie mit Beteiligung von Vertretern von Museen im binationalen Grenzraum, wurde bereits grundsätzlich begrüßt.


Quellen/Fotos

Alle Fotos/Abbildungen, soweit nicht anders gekennzeichnet, aus der Biographie Paul Weller, Alfred Mozer Duitser . Nederlander – Europeaan (1905 – 1979), ISN 978 90 5345 548 7, 2019, Stichting Matrijs, Utrecht

spot_img
Oktober 2026spot_img
Oktober 2026spot_img
Oktober 2026spot_img
Oktober 2026spot_img
Oktober 2023spot_img
Oktober 2025spot_img
August 2024spot_img
August 2024spot_img
Juni 2025spot_img
2015spot_img