Stefans Zweigs Friedenskultur
Von Michael Kröger
„Besonders wenn man auf Europa blickt, muss man das Gefühl haben, dass sich alle Völker und Nationen in einem Zustand krankhafter Reizbarkeit befinden. Der kleinste Anlass genügt, um grenzenlose Erregung hervorzurufen.“ Dies notierte Stefan Zweig 1939 hellsichtig in seiner heute höchst aktuell zu lesenden Rede „Geschichtsschreibung von morgen“. (vgl. Stefan Zweig, Die Monotonisierung der Welt. Aufsätze und Reden. Ffm 1988, S. 16 – 36).
Geschichte sei, so der Autor, immer gemeinsam erfahrene Geschichte: Kriege, würden zeigen, was wir als Menschen einander antaten und wir uns weiterhin antun. Mitten im sogenannten Frieden werde weiter Hass – Wir gegen die Anderen – geschürt und aktiv befeuert.
Kultur hingegen zeige, was wir Fremden und Fremde uns verdanken. Ein historischer Perspektivwechsel, der bisherige Maßstäbe verrückt und tendenziell Aufklärung zwischen Menschen befördert. Erfindungen, so Zweig weiter, seien Teil menschlicher Kultur; Techniken (aus heutiger Sicht etwa der Buchdruck, die Fotografie, der Computer) schaffen Erfahrungsweisen an denen wir uns als Menschen kulturell weiter entwickeln konnten und es werden weiter können. Letzter moralischer Maßstab der Geschichte sei es eben genau nicht, was ein einzelner Mensch in seinem Leben für und seine Nächsten geleistet hat, sondern was er tendenziell für nicht weniger als für die Freiheit der Menschheit getan hat – f ü r und nicht gegen sie.
Geschichte fremd zu erfahren heißt, sie neugieriger, anders als bisher zu lesen. Selbst denken heißt heute, Erfahrungen fremd gehen zu lassen. Der Chef des Unternehmens Miele äußerte kürzlich bei der Verleihung des Westfälischen Friedenspreises einen ungewohnten Gedanken: „Frieden entsteht, wenn wir lernen, mit Unterschieden umzugehen, ohne den anderen zum Feind zu machen.“ Zweig hätte dieser Idee wohl ohne Änderung zugestimmt.
Ob wir später als Helden in eine künftige Kriegsgeschichte eingegangen sind, wollen nur Heldenverehrer wissen; ob wir als Menschen umgekehrt als friedensbegabte „Kulturfolger“ der Menscheit zugearbeitet haben, können wir heute umso mehr erhoffen.
Heute, wo extreme politische Führer menschliche Affekte wie Stolz und Ressentiment für eigene Zwecke verwenden und nachdenklich Argumentierende zu Opfern von Anderen gemacht werden, wird es immer schwieriger, das Gemeinsame zwischen den Fronten zu erkennen. Nichts ist heute so widersprüchlich wie die Gewalt von Begriffen, die jeweils beide Seiten benutzen, aber Verständigung immer mehr in eine Ferne zu rücken scheint…
Geistig-zivilisatorischen Fortschritt nennt man später vielleicht den subtilen Charme, mit dem man sich als Mensch selbst im Rückschritt zu Gewalt und Krieg – noch einmal im Leben bewusst – wiedererkannt hat. Wir können uns als Menschen – trotz allem aktuell Erschreckendem – offenbar für einige historische Momente bewusster auf die Schliche kommen …












