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Mittwoch, 18. Februar 2026

Mutiger Aufbruch: Wie die Alexanderschule Wallenhorst Bildung neu denkt und fühlt

Zum neuen Selbstverständnis einer engagierten Schule

Wenn man in Deutschland das Wort „Hauptschule“ hört, haben viele noch immer das Bild einer Einbahnstraße im Kopf. Doch wer der Diskussion in der Alexanderschule zuhört, aber auch den Schulalltag erlebt, merkt schnell: Diese Schule ist keine Sackgasse, sondern ein Verkehrsknotenpunkt.

Als Teil des niedersächsischen ,,Modellprojekt Zukunftsschule“ bricht die Alexanderschule Wallenhorst nicht nur mit starren Lehrplänen, sie reißt die Mauern zum echten Leben ein. Hintergrund: Das ,,Modellprojekt Zukunftsschule“ wurde unter dem ehemaligen Kultusminister Grant Hendrik Tonne initiiert, um einen Wandelprozess „von unten“ zu starten. Dieses erprobte Modell wird aktuell unter der Kultusministerin und stellvertretenden Ministerpräsidentin Julia Willie Hamburg in einen Freiräume-Prozess überführt, um den Wandel in die Fläche Niedersachsens zu tragen.


Der Mut zum Wandel

„Das Bild der Hauptschule in der Öffentlichkeit ist schlecht, das ist politisch leider auch befeuert worden“, sagt Schulleiter Arne Willms offen und spricht dabei auch das Stigma der „Restschule“ an. Doch statt sich in die Opferrolle zu begeben, hat sich die Schule entschieden, Vorreiter zu sein.

Der Weg zur „Zukunftsschule“ war kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung gegen das „Weiter so“ und den gesellschaftlichen Trend, der Kinder immer früher in leistungsoptimierte Systeme drängt – oft auf Kosten ihrer psychischen Gesundheit.


Ein sichtbares Zeichen: Auszeichnung für den Weg zur „Schule 2.0“

„Wir können die Herausforderungen der heutigen Zeit nicht allein im Klassenzimmer lösen“, macht Michael Hoffmann, Ansprechpartner für BNE und ,,Modellprojekt Zukunftsschule‘‘ deutlich. Ein sichtbares Zeichen für diesen Weg war die Übergabe des „Schule im Aufbruch“-Schildes im Anschluss an das Interview durch Thorsten Sandvoß, den Gründer des Netzwerks „Osnabrücker Schule im Aufbruch“ (OSIA).
Damit würdigen Schule im Aufbruch Deutschland und das regionale OSIA Netzwerk das Bestreben der Alexanderschule nach einem tiefgreifenden Lernkulturwandel in Richtung „Schule 2.0“. Als offizielles Vereinsmitglied ist die Schule nun auch sichtbar Teil einer Bewegung, die Bildung gemeinsam neu gestaltet.

Diese Netzwerke haben durch monatlich stattfindende OSIA-Austauschkreise in Kooperation mit der VHS Stadt Osnabrück und größere OSIA-Bildungsveranstaltungen mit anderen Best-Practice-Schulen unterstützend dazu beigetragen, die Schule mit weiteren Schulen im Aufbruch zusammenzubringen. Zudem nutzt die Schule die Kooperation mit SIA Deutschland, um souverän von überregionalen Angeboten zu profitieren und Impulse aus ganz Deutschland für die eigene Entwicklung zu nutzen.


Vom „Untergehen“ zum Aufblühen: Wenn Schüler wieder Menschen sind

Wie dringend dieser Wandel nötig ist, zeigen die bewegenden Geschichten von Schülersprecher Hamke und Vertreterin Vivien. Beide haben eine Odyssee durch andere Regelschulen hinter sich und sind dort, wie sie selbst sagen, „untergegangen“. Sie kamen mit dem hohen Lerntempo und der Art der reinen Wissensvermittlung nicht zurecht. Schlimmer noch: Sie fühlten sich in den anders funktionierenden Systemen oft nicht als Mensch wahrgenommen, sondern nur als Nummer, die funktionieren muss. „Man fühlt sich unwohl, man ist eigentlich gar nicht richtig da“, beschreibt Vivien ihre frühere Erfahrung.

Erst an der Alexanderschule haben sie erfahren, was sie wert sind. Dass dies möglich ist, liegt auch an den besonderen strukturellen Rahmenbedingungen der Hauptschule: Ein günstigerer Personalschlüssel sorgt für kleinere Klassen und mehr Lehrkräfte pro Schüler. Zudem unterstützen Schulsozialarbeiter die pädagogische Arbeit intensiv. So bleibt im Alltag schlichtweg mehr Zeit, um auf die Kinder und ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen. Dieser Rückhalt hat ihnen das Selbstvertrauen gegeben, heute im Rahmen der SV Verantwortung zu übernehmen.


Frei Day: Der strukturierte Freiheitstag

Ein Schlüssel für dieses neue Selbstwertgefühl ist der „Frei Day“ – ein strukturierter Freiheitstag. Vier Stunden pro Woche widmen sich die Jugendlichen Projekten, die an den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN (SDGs) orientiert sind. Dabei haben sie die Wahl: Sie können aus einem Pool bestehender FREI DAY-Projekte auswählen oder mutig sein und eigene Projektideen neu generieren. Hierbei verlassen sie auch das Schulgelände, nutzen die Kontakte zu Vereinen oder der Gemeinde.

Für Vivien und Hamke war diese Freiheit anfangs ein Kulturschock. „Niemand hat Lust, acht Stunden stur Aufgaben abzuarbeiten“, erklärt Vivien ehrlich. Doch die Struktur des Frei Days hilft: Lernen macht plötzlich Sinn. Die Schüler eignen sich die curricularen Vorgaben nicht mehr durch stumpfes Auswendiglernen an, sondern verstehen Zusammenhänge durch die praktische Anwendung.

Doch der Effekt geht noch tiefer: Durch das gemeinsame Handeln an konkreten Herausforderungen entwickeln die Jugendlichen echte Kooperation und Mitgefühl. Sie merken, dass sie im Team mehr erreichen, unterstützen sich gegenseitig und lernen, dass andere Mitschüler ganz andere Potenziale haben, die sie schätzen lernen. „Dadurch werden unsere Interessen gefördert und wir lernen fürs Leben“, bestätigt Hamke.


Geschichte als moralischer Kompass: Der ethische Code der Schule

Besonders eindrucksvoll zeigt sich die DNA der Alexanderschule im Bereich der Erinnerungsarbeit. Hier wird der ethische Code der Schule greifbar: Es geht nicht um das bloße Abhandeln von Jahreszahlen, sondern um die direkte Übertragung gesellschaftlicher Verantwortung. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti, dem 3-Stufen-Verein, der Gedenkstätte Augustaschacht oder auch der lettischen Partnerregion Augsdaugava (Latgalen) werden Geschichte, Politik und gesellschaftlicher Wandel durch „Lernen durch Erleben“ erfahrbar gemacht.

Fahrten zu Gedenkstätten wie Auschwitz oder Riga sind keine isolierten Schulausflüge, sondern tief im Schulprofil verankert. Dies geschieht oft im Verbund mit Partnerschulen, wie beispielsweise der Realschule Georgsmarienhütte oder der Oberschule Hasbergen „Wenn wir vor Ort in Riga sind, spielt es keine Rolle, welche Note man in Mathe hat“, erklärt Hoffmann. Die Schüler werden zu „Zweitzeugen“.

Hamke und Vivien berichten eindrucksvoll, wie diese Erfahrungen den Blick auf die Welt verändern: Sie verstehen sich als Teil einer größeren Gemeinschaft, die aus der Geschichte lernt, um heute Haltung zu zeigen und den gesellschaftlichen Wandel aktiv mitzugestalten.


Appell für Bildungsgerechtigkeit: Schluss mit dem frühen Selektieren

Das Engagement der Schule ist aber auch ein politisches Statement. Schulleiter Willms und sein Team formulieren einen deutlichen Appell für mehr Bildungsgerechtigkeit: Das starre Festhalten an der frühen Selektion nach der vierten Klasse produziert Verlierer, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat.

„Wir müssen weg davon, Kinder im Alter von zehn Jahren in Schubladen zu stecken“, so der Tenor. Würde er die bildungspolitischen Entscheidungen treffen, wäre für Schulleiter Willms der notwendige Schulsystemwandel klar: Eine Aufteilung der Schülerinnen und Schüler sollte frühestens nach der achten Klasse erfolgen. Nur so hängen Bildungschancen nicht vom Elternhaus oder dem Wohnort ab. Die Alexanderschule fordert ein System, das Potenziale sieht und Zeit zur Entwicklung gibt, statt Defizite zu verwalten.


Fazit: Schule als Lebensort

Die Alexanderschule beweist: Eine moderne Schule ist keine Insel. Dank Partnern wie dem OSIA Netzwerk, SIA Deutschland sowie weiterer Partnerschulen ist sie ein lebendiger Teil der Gesellschaft. Während anderswo noch über die Theorie der Inklusion gestritten wird, wird sie hier durch pragmatische Zusammenarbeit gelebt. Oder wie es Schülersprecher Hamke auf den Punkt brachte: „Hier sind wir nicht nur Schüler, hier sind wir Menschen.“


Info: Begriffe & Hintergründe

FREI DAY – Lernen, die Welt zu verändern Der FREI DAY ist ein Lernformat, bei dem Schülerinnen und Schüler sich selbst gewählten Zukunftsfragen widmen. Diese orientieren sich an den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen. Vier Stunden pro Woche arbeiten die Jugendlichen in Projekten an Lösungen für konkrete Herausforderungen – ohne Notendruck, aber mit Struktur.


Freiräume-Prozess (MK Niedersachsen)

Das ,,Modellprojekt Zukunftsschule“ ist in den „Freiräume-Prozess“ des Niedersächsischen Kultusministeriums übergegangen. Ziel ist es, Schulen mehr Gestaltungsspielräume zu ermöglichen, um innovative Lernformate zu erproben. Dies soll den Weg ebnen für eine zeitgemäße Lernkultur, die Potenziale entfaltet, statt nur Wissen abzuprüfen.

 

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