Verantwortlich für das „Gästezimmer“ ist Janis Weber, der schon einige interessante Beiträge für die OR verfasst hat und VfL-Fans vom Podcast Ostkurvenchor hinlänglich bekannt sein dürfte.
Das Wohnzimmer räumt Lars Mosel vor jedem Heimspiel auf, der vor allem als Mitglied der ersten Stunde des VfL-Podcasts auf OS-Radio 104,8 berühmt und zugleich berüchtigt wurde: „Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten“, ein unvergessener Satz, mit dem der erste VfL-Podcast eröffnet wurde und der schon früh die mafiöse Grundstruktur der OR offenbarte.
Vorschau auf das Auswärtsspiel bei Hansa Rostock
mit persönlichen Einschätzungen von Janis Weber, Lars Mosel und Sven Dirkes
Samstag um 14:00 tritt der VfL im Ostseestadion gegen die Kogge an. Dabei haben die Osnabrücker die Möglichkeit die Bilanz gegen die Rostocker wieder ins Gleichgewicht zu bringen: Neun Rostocker Siegen stehen acht Osnabrücker Siege gegenüber, neun mal endeten die Partien mit einem Unentschieden.
Die letzten Siege für den VfL haben dabei schon einige Jahre auf dem Buckel. In der Saison 2016/17 konnte man sowohl das Hin- als auch das Rückspiel mit 2:1 gewinnen. Seitdem entschied Hansa fünf Begegnungen für sich, viermal spielte man Remis. In Rostock ging der VfL in elf Anläufen lediglich zweimal als Sieger vom Platz.
Auf’m Platz
Trainer Daniel Brinkmann hatte Hansa in der Vorsaison zuerst stabilisiert und in der Rückrunde noch auf Platz fünf geführt, nun schien alles für die Jagd auf den Aufstieg angerichtet. Der vorher schon ordentliche Kader wurde im Sommer gezielt verstärkt: Krauß, Bergh, Holten, Carstens, Stock. Man ging als Aufstiegsfavorit in die Saison, wurde dieser Rolle zu Saisonbeginn nicht gerecht und erkämpfte sie sich über die restliche Hinrunde hinweg zurück. Und das hatte vor allem zwei Gründe: Naderi und die Viererkette.
Ohne Topstürmer Ryan Naderi, der schon den Sommer über verletzt ausfiel, war im Rostocker Spiel der Wurm drin: ein biederer 0:0 Auftakt gegen Aue, eine 0:4 Heimklatsche gegen die Zweitvertretung von Dietmar Hopp, eine deutliche 0:3 Niederlage gegen Koschinat an der Hafenstraße. Naderi stand am 9. Spieltag bei der 1:3 Niederlage gegen Cottbus zum ersten Mal in der Startelf und steuerte prompt den Ehrentreffer bei. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Hansa auf dem 15. Tabellenplatz, nur knapp vor den Abstiegsrängen. Mit Naderi, der danach jedes Spiel von Beginn an ran durfte und konnte, verlor Hansa bis zur Winterpause kein Spiel mehr und überwinterte auf Platz fünf.
Doch diese Kehrtwende lässt sich nicht so einfach monokausal erklären. Zu Beginn der neuen Saison setzte der Coach weiterhin auf das bewährte Erfolgsrezept der vergangenen Spielzeit – die Dreierkette. Gute Erfahrungen aus der Rückrunde und mehrere starke Innenverteidiger im Kader lassen diese Entscheidung von Brinkmann plausibel und logisch erscheinen. Doch als Naderi zum ersten Mal in der Startelf stand war auch die Dreierkette passé. Brinkmann implementierte, als einer von nur wenigen Drittligatrainern, die Viererkette und seitdem überzeugt Rostock in einem 4-3-1-2. Das Mittelfeld ist dicht, der Doppelsturm strahlt vorne Gefahr aus und in der Innenverteidigung hat Brinkmann die Qual der Wahl zwischen Spielern wie Gürleyen, Carstens, Wallner und Pfanne. Letztgenannter, nominell Kapitän und eigentlich unangefochtener Stammspieler, findet sich immer öfter auf der Bank wieder. Die Kapitänsbinde trägt daher aktuell der 31-Jährige Marco Schuster, der kaum eine Minute in dieser Saison verpasst hat. Er ist Dreh- und Angelpunkt des Rostocker Spiels, das zu einem großen Teil von seinen Stärken im Mittelfeld lebt.
Im neuen Jahr schien man exakt da weiterzumachen, wo man vor Weihnachten aufgehört hatte. Zum Rückrundenbeginn konnten Aue und Mannheim geschlagen werden, bevor es zu Hause gegen Ingolstadt die erste Niederlage seit September setzte. Am vergangenen Wochenende verschenkte man gegen Hoffenheim II eine 2:0 Führung, woran nicht zuletzt der Unparteiische mit einem nicht gegebenen Elfmeter seinen Anteil hatte. Nach dem 2:2 befindet sich Hansa aktuell auf dem sechsten Tabellenplatz.
Im Fokus
Die Kogge hatte ein echtes Juwel im Kader. Ryan Naderi war der vermutlich beste Spieler der 3. Liga, der mit dem meisten Potenzial war er allemal (die Zweitvertretungen lasse ich bei dieser Beurteilung mal bewusst außen vor). Doch das Juwel wurde veräußert und Amir Shapourzadeh hat sich den Klunker gut bezahlen lassen. Rund sechs Millionen Euro sollen die Dienste des 22-Jährigen den Rangers aus Glasgow wert gewesen sein. Rekordablöse für Hansa, Rekordablöse für die 3. Liga. Doch haben die Rostocker damit auch einen Teil ihrer Aufstiegsträume verkauft? Und spielt das angesichts dieser aberwitzigen Summe überhaupt noch eine Rolle?
Wir sollten einen Blick auf die Spieler werfen, die ihn ersetzen müssen. Auf dem Transfermarkt ist Shapourzadeh so kurzfristig nicht mehr aktiv gewesen. Der vorhandene Kader wird den Abgang Naderis auffangen müssen. Hansa spielt mit Doppelspitze, beim ersten Spiel nach Naderis Abgang, dem 2:2 gegen Hoffenheim II, brachte Brinkmann Andreas Voglsammer (3 Tore) und Emil Holten (5 Tore) von Beginn an. Beide werden in Rostock als Mittelstürmer eingesetzt, deren Revier der gegnerische Strafraum ist. Damit waren sie eine passende Ergänzung zu Naderi, der trotz Abschlussstärke und Körpergröße auch ein mitspielender Stürmer war, sich selbst Bälle abholte und im Kombinationsspiel zu überzeugen wusste. Den „spielerischen“ Part im Sturm wird der kleinere Voglsammer (1.78m) übernehmen müssen, der vor ein paar Jahren noch für Bielefeld in der Bundesliga über die Außen stürmen durfte. Der größere Holten (1.95m) spielt seine ganze Karriere über schon vorne im Zentrum, er muss mit Bällen gefüttert werden, was in dieser Saison, trotz nicht allzu viel Spielzeit, bisher ganz ordentlich gelang: Holten brauchte im Schnitt nur 128 Minuten für einen Treffer (zum Vergleich: bei Naderi waren es 146 Minuten) und konnte am letzten Wochenende bei seinem ersten Startelfeinsatz seit Ende September das zwischenzeitliche 2:0 erzielen.
Was Holten und Voglsammer auf jeden Fall mitbringen ist reichlich Erfahrung, leicht abkochen lassen werden sie sich nicht. Sollten sie wieder von Beginn an spielen, muss die VfL-Verteidigung beide im Blick behalten, denn bei Offensivaktionen rund um den Sechzehner werden sowohl Holten als auch Voglsammer stets in Lauerstellung sein.
Stadion
Man mag es kaum glauben, aber das Ostseestadion hat mittlerweile genauso viele BRD-Jahre wie DDR-Jahre auf dem Buckel, jeweils 36. Auch wenn das Stadion erst 1956 endgültig fertiggestellt wurde, fand die Eröffnung bereits 1954 durch die Endkämpfe der DDR-Leichtathletik-Meisterschaften statt. Noch im November des gleichen Jahres durfte auch der neu gegründete SC Empor Rostock beim 0:0 gegen die BSG Chemie Karl-Marx-Stadt seine Premiere im Ostseestadion feiern.
Die Leichtathletik spielt seit dem Umbau 2000 zu einem reinen Fußballstadion keine Rolle mehr, allgemein hat sich das Stadion von damals nur wenige Merkmale erhalten können. Eines dieser Merkmale, und mit Sicherheit auch das ikonischste, sind die Flutlichtmasten. Wahrscheinlich hat jeder Fußballfan in Deutschland sie vor dem inneren Auge, die vier schrägen „Leuchttürme“, 1970 errichtet, 58 Meter hoch und längst zu einem Wahrzeichen des Hansaviertels geworden. In den letzten Jahren drohte ein Stück Identitätsverlust für den Rostocker Fußball, als klar wurde, dass die Betriebserlaubnis der Flutlichtanlage 2025 ausläuft. Die Fans sammelten Spenden und kämpften erfolgreich für den Erhalt ihres Flutlichts, sodass zum Beginn dieser Saison die neuen, baugleichen Masten ihren Einstand feiern durften.
So gut man sich an diesen Masten außerhalb des Stadions orientieren kann, so schwer tat sich die Rostocker Anhängerschaft mit der Orientierung innerhalb des neuen Stadions ab 2001. Viele zogen zuerst in die Nordost-Ecke, wo bis heute noch Hansafans stehen, bis irgendwann ein Großteil der Fanszene seine Heimat auf der Südtribüne fand. Diese Entscheidung führt seitdem regelmäßig zu Problemen, da der Gästeblock sich unmittelbar daneben in der Südostecke befindet. Von fliegenden Gegenständen und anderen Konfrontationen abgesehen, nimmt diese Anordnung vor allem den Fans etwas weg, was in anderen Stadien selbstverständlich ist: dass man den Gegner auf den Rängen genauso sehen kann wie den Gegner auf dem Platz. Wenn die Hansa-Fans mit einer großen Choreo auf sich aufmerksam machen, ist das aus dem Gästeblock so gut wie nicht zu verfolgen und umgekehrt ist es das gleiche. Außerdem reduzieren die so nötigen Pufferblöcke die Kapazität des Stadions merklich. Es gibt immer wieder Überlegungen den Gästeblock in Richtung Norden zu verlegen, aber Lösungen scheinen noch in weiter Ferne.
Geschichten aus der Geschichte
Im Oktober 1986 herrscht Klassenkampf im Ostseestadion, Schalke 04 ist zum „internationalen Vergleich“ bei Hansa Rostock zu Gast. Ost gegen West, DDR gegen BRD, ein Spiel ohne große sportliche Bedeutung, aber dafür mit viel Bedeutung über das Sportliche hinaus, denn es geht ums Prestige.
In der Startelf der Ostdeutschen steht ein 19-jähriges Sturmtalent, auf dem die Rostocker Hoffnungen für die nächsten Jahre ruhen: Axel Kruse. Und dieser zahlt das Vertrauen von Trainer Werner Voigt zurück und wird mit zwei Toren gegen den „Klassenfeind“ zum Matchwinner – das Spiel endet 2:1. Der Osten feiert einen Sieg, den die Rostocker mit allen Mitteln erzwingen wollten, vielleicht sogar mit unlauteren? Kruse bekam eine Stunde vor dem Spiel drei Tabletten verabreicht, worum es sich dabei handelte, weiß er bis heute nicht, „aber ich sag‘ mal so: Magnesium war das nicht.“ So zumindest seine Worte.
Die Leistung von Kruse blieb auch dem Schalker Präsidenten Fenne nicht verborgen, doch anstatt Betrug zu wittern, scherzte dieser lieber rum, dass man ja einen Kruse gegen den anderen austauschen könnte. Thomas Kruse spielte zu der Zeit bei den Königsblauen in der Abwehr.
Ein Scherz mit verhängnisvollen Folgen für den Rostocker Kruse. Die Staatssicherheit schnappte diese Aussage auf und hatte ihn ab dem Zeitpunkt im Visier. Bereits in der Woche nach dem Spiel wurde er von zwei Stasi-Mitarbeitern erfolglos stundenlang verhört und daraufhin fortan überwacht. Außerdem wurde ihm jegliche Teilnahme an internationalen Spielen untersagt – Republikfluchtgefahr.
Die Ironie dabei: Kruse hatte nie darüber nachgedacht zu fliehen, er war ein junger Fußballspieler mit vielen Privilegien. Aber nach dem Verhör und der Gängelung durch die Stasi fasste er den Entschluss die Flucht in den Westen zu wagen, sollte sich jemals eine passende Situation für ihn ergeben.
Bis zu einer solchen Möglichkeit vergingen noch fast drei Jahre. Im Juli 1989 trat Hansa im Intertoto-Cup in Kopenhagen an und Kruse durfte zum ersten Mal wieder mit auf Auslandsreise. Als er das erste Mal außer Sichtweite seiner Teamkollegen war, floh er mithilfe eines Taxis und anschließend per Fähre nach Fehmarn.
Axel Kruse war die Flucht in den Westen gelungen, ganze drei Monate vor dem Fall der Mauer. Und als wäre das nicht schon absurd genug, hat Kruse sich umgehend wieder in ein Flugzeug gesetzt um nach Berlin zu fliegen und sich in Charlottenburg vorzustellen – er wolle für die Hertha spielen. Die FIFA hatte ihn jedoch gesperrt, da er seinen Klub im Laufe des Vertrags verlassen hatte. Der Mauerfall machte die Sperre obsolet, Hertha zahlte sogar noch eine Ablöse in Höhe von 300.000 € an Rostock und Kruse brachte es für Vereine wie Hertha BSC, Eintracht Frankfurt und den VfB Stuttgart noch auf 141 Bundesliga- und 41 Zweitligaspiele.
Die Prognose Lars Mosel (VfL-Podcast der OS-Rundschau)
Dem VfL gelingt gegen eine starke und offensiv spielende Rostocker Mannschaft ein eher glückliches Unentschieden. Nach einem frühen Gegentor verteidigen die Lila-Weißen ordentlich, haben in einigen Situationen aber auch Glück, dass die Chancen der Hansestädter kläglich und teilweise auch mit Pech vergeben werden.
In der Schlussphase gelingt durch einen Konter gegen die weiterhin offensiv spielenden Rostocker das 1:1 durch Meißner nach Steckpass des eingewechselten Ismail Badjie. Ein glücklicher, aber aufgrund der kämpferischen Leistung nicht gänzlich unverdienter Punktgewinn.
Prognose Janis Weber (Ostkurvenchor)
Ich bin nicht gern Pessimist, aber falscher Optimismus hilft auch niemandem. In Rostock hat der VfL seit langem nichts mehr geholt, die 0:2 Niederlage im Ostseestadion gehörte zu einem der Tiefpunkte der letzten Saison. Und auch wenn unsere Truppe jetzt eine ganz andere ist, der VfL sich diesmal zu wehren weiß und Naderi gen Schottland abgewandert ist, ist Hansa am Samstag doch eine Nummer zu stark, um was Zählbares aus Mecklenburg-Vorpommern mitzunehmen.
Die Rostocker finden immer wieder Lösungen gegen unser Pressing und ersticken zugleich die meisten Umschaltmomente im Keim. Da jedoch die Osnabrücker Defensive größtenteils auch in Rostock sattelfest bleibt, fährt der VfL mit einer knappen 1:0 Niederlage nach einem schönen Treffer von Benno Dietze in der ersten Halbzeit wieder in die Heimat.
Prognose Sven Dirkes (Ostkurvenchor)
Eine treue Fanschar, lautstarke Unterstützung von den Rängen, ein traditionsreiches Stadion, der Anspruch eine Heimmacht zu sein. Das sind einige Attribute, welche sowohl Hansa als auch der VfL für sich beanspruchen. Hinzu kommt eine ausbaufähige Heimbilanz in der aktuellen Saison: Nach zwölf Spielen befindet sich Hansa mit 19 Punkten auf Platz 11 und der VfL mit der gleichen Punktezahl auf Platz 10 der Heimtabelle.
Auch wenn viele Fans den VfL üblicherweise als Underdog im Ostseestadion sehen, treten wir auf dem Papier als Auswärtstabellenführer bei einer grauen Maus der Heimtabelle an.
Die logische Konsequenz ist ein 2:1-Auswärtssieg des VfL. Dabei zeigt Robin Meißner der Welt (und seinem Ex-Klub), dass auch er sechs Millionen Euro wert ist. Neben einem Umschalttor verhilft noch ein Standardtor zu Big Points an der Ostsee und dem zweiten Sieg gegen ein Team aus der Spitzengruppe.













