Mittwoch, 29. Mai 2024

„Ein Kluger bemerkt alles. Ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.“ (Heinrich Heine)

Liebe Leserin, lieber Leser, ich bin der schreibende Igel in der OR-Redaktion und verantwortlich für das Projekt „Das isso! Muss man wissen!“. Gepackt hat mich die Schreiberei, weil ich mich vor einiger Zeit dem Lesen einer quälenden Lektüre unterworfen habe. Sie nennt sich mit Zweitnamen ebenfalls „Post“, ist auch online unterwegs und besitzt als Vornamen nicht mich, sondern den eines hastig nagenden Langohrs. Ein Igel ist bekanntlich viel schneller und cleverer als dieser stets gehetzte Vierbeiner, der bei jeder Gelegenheit vor vermeintlich grünen Jägern oder roten Reitern in kopflose Panik gerät. Aber anstatt sich zu verziehen, plustert er sich dummdreist auf, und wenn jemand so aufgeblasen daherkommt, steche ich gern zu.

 

IGELPOST – die Online-Satirebeilage der OR – 4/24 – 3. Jahrgang – Satire ist Notwehr
Die neue Igelpost
Möser-Droschke versickert in muffiger Schmöttke 

Osnabrücks selbsternannte Wiedergeburt des Justus Möser hat sich in der Hasepost einmal mehr als Pseudobewahrer demokratischer Werte hervorgetan.

Tatzeit feudaler Schreibschwäche war der 6. April 2024. Anlass des erneuten Wutausbruchs ist ein 18-jähriger Niclas M. aus Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt, der offenbar durch Deutschland tourt, um Falschparker zu melden. Ja, richtig gelesen: um Falschparker zu melden. Als Igel denke ich zunächst einmal generell, dass es möglicherweise spannendere Themen gibt, als über die Anzeigewut eines übermotivierten jungen Verkehrsaktivisten zu berichten.

Spannend wird allerdings Mösers Reinkarnation bei dem Versuch, ein solches Verhalten in einen geschichtlichen Vergleich zu pressen. Vorsicht! Es bedarf viel schräger Phantasie und einfühlsamer Geduld oder vielleicht auch nur eines Kotzkübels, um jenen Originalton tatsächlich einigermaßen unbeschadet zu verdauen. Möser 2.0 skribiert:

„Ich habe den Eindruck, dass dieser ominöse ‘Anzeigenhauptmeister’ stellvertretend für einen Menschentyp steht, der das Resultat von politischen Entwicklungen der letzten Jahre darstellt. (…) Er will selber an die Front, so wie in den beiden Weltkriegen junge Männer für Kaiser, Führer, Volk und Vaterland ihr Leben gaben. Er scheut keinen Konflikt, um dem Staat zu seinem Recht zu verhelfen (…).Der ‘Anzeigenhauptmeister’ steht stellvertretend für all die Besserwisser, Schulmeister und Oberlehrer, die keine abweichenden Meinungen neben sich dulden. Wer in den Verdacht gerät, gegen die staatlichen Verordnungen zu verstoßen, der muss nunmal mit den härtesten Konsequenzen rechnen. Bis hin zur finanziellen und sozialen Vernichtung. Das hatten wir alles schonmal, das war Normalität in den finstersten Jahren der deutschen Geschichte.“

Wow! Da muss ich selbst als Igel, der von der Hasenpost scharfen Tobak und absurde Vergleiche gewohnt ist, schlucken. Anzeigen gegen Falschparker, die immerhin Verkehr behindern und andere Verkehrsteilnehmer gefährden können, wird mit Befürwortung imperialistischer Kriege und dem Holocaust gleichgesetzt. Mit Nazi-Denunzianten also, die andere ins KZ und in den Tod trieben.

In ehrlicher Sorge um die mentale Gesundheit des vormaligen BOB-Pressesprechers Wolfgang Niemeyer frage ich mich allmählich: Wie ist dieser selbsternannte Möser eigentlich gestrickt? Wie kann man unter Verweis auf angebliches historisches Wissen einen solch lupenreinen Blindflug zu Papier bringen? Und das alles mit Berufung auf einen heißblütigen Verfechter der feudalen Ständegesellschaft und Verächter „niederer Stände“, der in seinem Leben nie eine einzige Sekunde daran verschwendet hat, frühe Formen der Demokratie zu fordern.

Niemeyer alias Möser 2.0 geißelt also einen 18jährigen als Feind einer Staatsform, für die Ur-Möser zu Lebzeiten niemals eingetreten ist. Um den Anschluss zum Bund Osnabrücker Bürger*innen mit seinem Vorsitzenden Grüner, der sich der ultrarechten WerteUnion angeschlossen hat, anscheinend nicht verlieren zu wollen, verlinkt er mittlerweile auf seiner FB-Seite zwischen Bukowskis Sufflyrik und herzergreifenden Hundebildchen Artikel aus dem neurechten Magazin Tichys Einblick. Die Maske fällt und die Zeit der Scham ist offenbar vorbei.

Auweia …

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