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Montag, August 2, 2021

Heikos Rückblende: Schulöffnungen nach langem Unterrichtsausfall – ein OR-Thema schon vor 75 Jahren!

Schulschließungen und Schulöffnungen bilden in Corona-Zeiten ein beinah tägliches Thema der Berichterstattung. Völlig zu Recht debattieren wir über soziale Benachteiligungen, Lerndefizite und eine angekratzte Psyche unzähliger Kinder. Ist das Problem völlig neu und sogar einmalig? Oder hat man Ähnliches schon einmal erlebt? Grund genug für die OR-Redaktion, einmal in den angestaubten Ausgaben ihrer Vorgängerzeitung im einzigen Jahr ihres Bestehens zu blättern.

In der Tat: Verrammelte Lernorte bildeten auch anno 1946 ein heiß diskutiertes Thema. Die Ursachen des Problems besaßen natürlich eine weitaus dramatischere Vorgeschichte als unsere heutige Debatte.

Blenden wir zurück: Bis zum 4. April 1945, jenem Tag, als die britische Armee in Osnabrück den Nazi-Spuk beendete, hatten alle Pennäler-Jahrgänge unzählige Tage und Nächte unter Todesangst in Bunkern verbracht. Viele hatten tragischerweise zu jenen rund 1.400 Osnabrücker Bombenopfern gezählt, die das Kriegsinferno nicht überlebt hatten. Angst und Schrecken, die Sorge um das tägliche Überleben und fast flächendeckend zerstörte Wohnungen, Verwaltungsgebäude wie Schulen produzierten völlig andere Fragen als die baldige Teilnahme am Schulunterricht und wachsende Lerndefizite. All dies galt natürlich schon lange.

Der Briteneinmarsch konnte allenfalls die schlimmsten Überlebensängste beseitigen. Doch das Chaos der Nachkriegszeit schuf jetzt völlig andere Prioritäten als den schnellstmöglichen Schulbesuch. Allein die tägliche Suche nach Nahrung, Heizmitteln und notdürftigen Behausungen bezog naturgemäß auch die Schulkinder ein. Traumatische Erinnerungen aufgrund furchtbarer Kriegserlebnisse zählten zum Alltag. Diejenigen, deren ehemalige Schulen zu Trümmerbergen mutiert waren, mussten sich nicht einmal die schnöde Frage nach Unterrichtsaufnahme stellen. Fehlendes Lehrpersonal trat hinzu. Letzteres war logische Folge des Fronteinsatzes, der für viele der überlebenden Lehrer Kriegsgefangenschaft bedeutet hatte. Andere Lehrkräfte, männlich wie weiblich, waren für Briten und demokratische Stadt-Verantwortliche aufgrund ihrer braunen Gesinnung nicht mehr tragbar. Hinzu trat fehlendes Lernmaterial, das überdies, falls vorhanden, zum größten Teil ebenfalls noch jede Menge Nazi-Geist aufwies.

Kurzum: Für eine ganze städtische Schulgeneration zählte der Unterrichtsausfall für beinahe unzählige Monate zum Lebensalltag. Für nicht wenige Pennäler sollte es mehr als ein Jahr dauern, bis sie wieder ein halbwegs möbliertes Klassenzimmer von innen sahen. Und die im Bericht genannten 352 fehlenden Stellen für Lehrpersonen sprach Bände, so dass sich am Schulnotstand so bald nichts ändern sollte.

Unser Zeitdokument vom 22. März 1946, die OR gab es erst seit gut drei Wochen, verdient auch deshalb eine nachdenkliche Lektüre, weil darin im Grunde alle wichtigen Informationen jenes Frühjahres in Trümmern enthalten sind.

Thema des Berichts ist, dies ist zu ergänzen, die Unterrichtsversorung im alten Regierungebezirk Osnabrück. Zu dem zählten seinerzeit die damaligen Kreise Meppen, Aschendorf, Bersenbrück, die Grafschaft Bentheim, der Hümmling, der heutige Südkreis, aber auch Lingen, Melle sowie den Altkreis Wittlage. Da viele Ortschaften des Regierungsbezirks nicht einmal im Ansatz so viele Kriegsschäden aufwiesen wie das zu zwei Dritteln zerbombte Osnabrück, dürfen wir in der Rückbetrachtung davon ausgehen, dass die berichteten prozentualen Erfolgsmeldungen über begehbare Schulräume für die Hasestadt nur sehr bedingt galten. Daraus folgt, dass von den berichteten 11.000 Schülerinnen und Schülern, die noch keinen Unterrichtsbeginn in Sicht hatten, sehr viele in unserer Stadt lebten.

Osnabrücker Rundschau vom 22. März 1946

Doch nun soll der Originalton zählen. Einfach anklicken, lesen und ein wenig vom Zeitgeist des OR-Gründungsjahres  1946 aufnehmen!

Wir werden uns erlauben, fortan in unregelmäßigen Abständen besondere, in der OR vor 75 Jahren berichtete Zeitumstände, wieder in das Heute zu transportieren.

 

 

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