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Freitag, April 16, 2021

Erinnerungen an den Kabarettisten Fritz Grünbaum, der vor 141 Jahren geboren wurde …

Fritz Grünbaum, einer der begnadetesten, sprachbegabtesten Kabarettisten überhaupt („Für mich ist Denkmal ein lebenslanger Imperativ, der aus zwei Wörtern besteht.“), geboren am 7. April 1880 in Brünn, elendig verreckt am 14. Januar 1941 im KZ Dachau.

„Was nützt mir mein Geist, wenn mein Name mich schädigt? / Ein Dichter, der Grünbaum heißt, ist schon erledigt!“

 

Wikipedia widmet sich ausführlich dem Leben und Wirken Grünbaums 

Diese TV-Dokumentation des ORF sollte man sich nicht entgehen lassen …

 

DAS BABY GRÜNBAUM

Ein autobiographischer Essai

Achtzehnhundertachtzig, am sieb’ten April,
Montag, wenn man’s genau wissen will,
Hab‘ ich, vom Schöpfer der Erde geschickt,
Wie man sagt, »das Licht der Welt erblickt«.
Das heißt, »erblickt« ist nicht richtig erzählt,
Denn ich kam nicht sofort mit den Augen zur Welt,
Indem ich vielmehr – was soll mir die Scham! –
Auf die Welt erst mit jenem Körperteil kam,
Auf welchem sich, weil er am Leibe liegt hinten,
Bekanntlich keine Augen befinden.
Ich erschien also erst nur zu fünfzig Prozent,
Sie versteh’n, also nur mit dem hinteren End‘,
Doch im nächsten Moment schrie mein Vater »Hurra«,
Da war das vordere auch schon da!

Für das jüngste Schwesterlein meiner Mutter
War die ganze Geschichte ein Futter.
Sie war wohl noch ledig, doch riesig gescheit,
Stand an der Wiege die ganze Zeit,
Und nachdem sie, da sie vor Neugier getrieft hat,
Meine Bestandteile sorgsam geprüft hat,
Sah sie sich um voll Triumph in der Stub‘
Und sagte: »Kinder, es ist ein Bub!«
Da hat ihr mein Vater eine ‚runtergeschwappt.
Aber eigentlich hat sie doch recht gehabt.
Ich bin nämlich faktisch ein Bub gewesen.
Meine Tant‘ hat sofort gesagt: »Da spart ihr Spesen!
Denn wenn erst der Bub einmal groß wird und schön,
Braucht ihr mit ihm nicht auf Bälle geh’n,
Braucht nicht auf Freier zu warten mit Beben
Und – notabene – nicht Mitgift zu geben!«

Während mich so meine Tant‘ hat gesegnet,
Hat es in meiner Wiege geregnet.
Versteh’n Sie mich recht, ich umschreibe das,
Es war nicht g’rad Regen, es war aber naß.
Da hab‘ ich begonnen entsetzlich zu schrei’n,
Die Tante jedoch hat verlangt etwas Wein
(Es war ihr die Kehle zu trocken vielleicht!),
Kurz, sie war trocken, und ich – war feucht!
Hierauf hab‘ ich frische Wäsche bekommen,
Indes sich die Tant‘ ihren Wein hat genommen,
Und so war das Doppelziel einfach erreicht:
Ich war jetzt trocken, und sie – war feucht.

Jetzt haben die Leute Knochen und Haut
Und was sonst an mir dran war, näher beschaut.
Da war auch ein Nachbar, Herr Löbel, mit drunter,
Wie man so sagt, »ein Flegel« mitunter,
Der hat da erklärt: »Der Bub is ja süß,
Aber ich glaub, er hat krumme Füß‘!«
Da hat meine Tante gesagt sehr pikiert:
»Soll’n die Füß‘ krumm sein! – Was das geniert!
Sie wissen doch, Grünbaum hab’n einen Stolz,
Die Möbel von Thonet, gebogenes Holz.
Soll’n seine Füße nur krumm sein, Herr Löbel,
Wenigstens paßt dann der Bub zu die Möbel!«

Aus dieser Bemerkung entstand ein Streiten
Zwischen der Tant‘ und den Nachbarsleuten,
Doch als man dann schließlich zu End‘ hat gerauft,
Hat man mich feierlich »Friedrich« getauft.
Das heißt, »getauft« ist nicht richtig zu sagen,
Man gab mir einfach den Friedrich zu tragen.
Man gab mir den Namen nach unseren Sitten,
Das heißt, man hat mir – die Sache beschnitten,
Versteh’n Sie mich richtig, das ist kein Witz,
Man hat mir verkürzt den »Friedrich« in »Fritz«.

So wurde ich also im Polster gehutscht,
Hab‘ Fritz geheißen und Daumen gelutscht.
Ich war ja ein Baby und durfte hübsch ruh’n.
– Ich bitt‘ Sie, was hat so ein Baby zu tun? –
Höchstens probiert‘ ich nach Art der Toren,
Mit der großen Zeh‘ in der Nase zu bohren!
(Wie unfein benimmt man sich doch, wenn man jünger!
Dazu nimmt doch der Mensch, der korrekt ist, den Finger?!)
Aber ich war halt noch Baby und dumm,
Und so nahm man mir meine Entgleisung nicht krumm.
Ich hab‘ in der Wiege gemütlich gespielt,
Und trotzdem: ich hab‘ mich nicht wohl gefühlt!

Erstens allein schon die Konversation,
Die man mit mir hat geführt, war ein Hohn.
Ich hätt‘ gern gewußt, was es Neues gibt,
Wie sich die Lage im Osten verschiebt,
Was sich so tut zwischen Rom und Paris – –
Aber da packt meine Tant‘ mir die Füß‘
Und schreit mir gellend herein in die Wiegen:
»Atschatscha wird jetzt sein Milcherl kriegen!«
Ich will erfahr’n, was politisch geschah,
Und sie – erzählt mir von Atschatscha.
Aber kaum will ich mich von dem Blödsinn erholen,
Kitzelt mir wieder mein Onkel die Sohlen,
Klatscht mir hierauf auf den Bauch und lacht:
»Mutschutschu hat sich doch naß gemacht!«
Nu, sagen Sie, ist der Diskurs zu ertragen?
»Mutschutschu« soll man zum Grünbaum sagen!?

Entsetzt bin der Amme ans Herz ich gesunken
Und hab‘ aus Verzweiflung die Milch getrunken,
Seliger Kindheit gesegneter Schmaus . . .
Wenn ich dran denk‘, geht die Gall‘ mir heraus!
Achtmal im Tag ist die Amme gekommen,
Hat mich sanft aus der Wiege genommen,
Hat mich, und wenn ich sie noch so gezwickt,
An ihre Drillichbluse gedrückt,
Hat mich mit Zärtlichkeiten umsponnen,
Hat sich hierauf – zu entknöpfeln begonnen,
Und ihrer Bluse, weiß wie die Lilien,
Entnahm sie – die Nahrungsutensilien.

Da hab‘ ich gesagt mir in alter Erfahrung:
»O weh, schon wieder flüssige Nahrung!
Aber«, so hab‘ ich mir weiter gesagt,
»Hat denn die Amme nur Milch im Kontrakt?
Was kann man wissen bei so einer Frau,
Möglicherweis‘ gibt sie einmal – Kakao!«
No, ich fasse mich kurz, ohne Federlesen:
Es ist also kein Kakao gewesen!
Natürlich, wenn man sich einläßt mit Drillich,
Was kommt heraus dabei? Höchstens Millich!

So hab‘ ich denn bald auch das Baby-Leben,
Von Ekel erfüllt, endlich aufgegeben.
Erstens sagt‘ ich mir widerwillig:
»Milch wie Milch . . ., aber nix wie Millich . . .?!«
Zweitens war mir das Wiegengered‘,
Das »Atschatscha – Mutschutschu« schließlich blöd
Ich fand’s in der Wiege gehirnerweicht,
Und drittens – war mir das Klima zu feucht!
Man will sich nicht immer in Nässe bewegen,
Ich bin halt kein Freund von – Niederschlägen!

Drum hab‘ ich gesagt mir in bitterer Qual:
»Die Wiege ist für mich kein Lokal.«
Ich hab‘ meine Tante hinausgeschmissen,
Ich hab‘ mir die Zeh‘ aus der Nase gerissen,
Und der Amme, die sich g’rad aufknöpfeln wollte,
Hab‘ ich gesagt, daß sie zulassen sollte,
Und so hab‘ ich mich endlich, von Ekel erregt,
Auf ewige Zeiten – trocken gelegt!

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.

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