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Montag, März 1, 2021

Judith Kessler: Aus der Rubrik „Unnützes Wissen“

Ich mag alte Zeitungsanzeigen. Den Steckbrief hab ich auf Pinterest entdeckt, kurz gedacht: Ojwej, Giftmörder und nach Amerika abgehauen … ob sie die wohl noch gekriegt haben? Und weitergeblättert.

Aber die beiden haben mich dann doch neugierig gemacht. Und manchmal ist es erstaunlich: Weil, googelt man z. B. einen alten Schulfreund, findet man auch mit „Engelsgeduld“ vielleicht gar nichts, und bei anderen Dingen wird man fündig, obwohl sie ewig her oder nur winzigste Fußnoten in der Geschichte sind – meist dank der vielen fleißigen Menschen, die alte Zeitungen digitalisiert haben, wie hier:

Der abgebildete Steckbrief vom 11. Mai 1895 erschien am 9. Juni 1895 im Beiblatt der Münchner Wochenschrift „Fliegende Blätter“ und ähnlichen Inhalts auch in deutschsprachigen Zeitungen in den USA.
Über den Steckbrief hinausgehende Umstände der Tat verrät z. B. „Der Deutsche Correspondent“ aus Baltimore vom 22. Juni. Demnach war Mathilde mit dem deutlich älteren Schwarzviehhändler Julius Heinze aus Sarnowko, Provinz Posen, verheiratet und hatte dort ihren späteren geliebten Oskar Heilmann, auch aus Sarnowko, kennengelernt.
Der Gatte soll von dem Verhältnis Wind bekommen und gedroht haben, sie unter Mitnahme seines Vermögens zu verlassen. Das Pärchen habe ihm daraufhin mehrfach pulverisiertes Glas, möglicherweise auch Arsenik, ins Essen getan, bis er hin war. Verdächtig gemacht habe sich die Witwe erst, als sie den Nachlass ihres Mannes verkauft habe und verzogen sei. Und wie im Steckbrief vermutet, hatten sich die beiden mit Mathildes kleinem Sohn Albert tatsächlich inzwischen aus New York abgesetzt …

Am 30. Juli ist dann u. a. in der „St. Louis Post-Dispatch“ zu lesen, dass ein „Hülfsbundesmarschall“ namens Bernhardt das Trio, obwohl es unter falschem Namen abgestiegen war, in Philadelphia aufgespürt und nach New York zurückgebracht habe. Da dem deutschen „General Consulat“ ausreichende Beweise und ein Auslieferungsantrag vorlagen, wurde die Auslieferung nach Deutschland angeordnet …

Aus späteren Artikeln in deutschen US-Zeitungen, aber auch aus der „Thorner Presse“ erfährt man, dass die beiden im Juni 1896 nach dreitägiger Verhandlung vom Schwurgericht in Lissa zum Tode verurteilt wurden Titel: „Dem Beile des Scharfrichters verfallen“), und ein halbes Jahr später, dass Mathilde Heinze im November 1896 enthauptet und die Strafe Oskar Heilmanns in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt worden war.
Nur, was aus dem kleinen Arthur wurde, steht nirgendwo.

 

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler (Jg. 1959) hat als Sozialwissenschaftlerin , Autorin und Redakteurin etliche Studien und Publikationen zur jüdischen Gegenwartskultur und sowjetisch-jüdischen Migration verfasst, darunter: "Von Aizenberg bis Zaidelman, Jüdische Migration aus der früheren Sowjetunion seit 1990", "Zum kulturell-religiösen Selbstverständnis Berliner Juden", "Klezmerfreie Zone oder Jewish Disneyland", "Zwischen Charlottengrad und Scheunenviertel", "Jüdisches im Grünen" (mit Lara Dämmig). Sie ist seit langem in der jüdischen Familienforschung unterwegs und wird ab und zu angesprochen, wenn Menschen nach Spuren ihrer Vorfahren oder Familien suchen. Manchmal ergeben sich daraus Geschichten (und Freundschaften) ...

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