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Freitag, April 16, 2021

Judith Kessler erinnert an Elise und Otto Hampel, die heute vor 78 Jahren unter dem Fallbeil starben

Otto (*1897) und Elise (*1903) waren einfache Arbeiter. Er Hilfsarbeiter im Kabelwerk von Siemens-Schuckert, sie Näherin. Sie hatten 1937 geheiratet, wohnten in der Amsterdamer Straße 10 im Berliner Wedding und lebten ein angepasstes unauffälliges Kleine-Leute-Leben – bis Elises jüngerer Bruder Kurt Anfang 1940 als Wehrmachtssoldat in Frankreich fiel. Ein Verlust, der beide zu einem radikalen Umdenken brachte und dazu, unter Einsatz ihres Lebens gegen einen übermächtigen Strom anzuschwimmen.

Otto und Elise begannen Handzettel und Postkarten zu verfassen, in denen sie zum Widerstand gegen das Regime und den Krieg aufriefen und die sie in Treppenhäusern und Hausfluren ablegten, bei sich im Wedding, aber auch in Moabit, Charlottenburg, Schöneberg und Kreuzberg. Nachgewiesen sind über 200 dieser ungelenken, fehlerhaft handgeschriebenen kleinen Botschaften, mit denen sie hofften, ihre Mitmenschen aufzurütteln, und die im Laufe der zwei Jahre, in denen sie geschrieben und unter enormen Risiko verteilt wurden, immer dringlicher klangen:

Keine Fotobeschreibung verfügbar.„Deutsche passt auf! Lasst Euch nicht Dicktatorisch unter kriegen was sind wir noch! dass stumme Vieh! Gegen diese Fesseln müssen wir uns wehren sonst ist es zu spät! ist es jetzt noch ein ehrlicher Krieg! Nein eine brutale Vernichtung wird von unserer Regierung geführt, wir werden es genau so verspüren wie alle anderen Staaten … Nieder mit dem Vernichtungs Sistem! Verachtet jede Straßensammlung! Ein deutscher. Weiter geben!“

Doch die Leute lieferten fast alle dieser Karten direkt bei der Gestapo oder der Polizei ab (nur auf einer einzigen Karte, die im Bundesarchiv verwahrt wird, hatte ein Finder geschrieben: „Bitte Karte wandern lassen – Sondermeldung.“)

Der Gestapo gelang es zwei Jahre lang nicht, die Urheber ausfindig zu machen, trotz Handschriftenvergleichen, Bewegungsprofilen usw., vor allem aber wohl, weil die beiden ihren stillen Kampf völlig im Alleingang führten und keiner Widerstandsgruppe angehörten. Es war dann die 64-jährige Witwe Gertrud Waschke aus Schöneberg, die beobachtete, wie das Ehepaar in ihrem Hausflur Flugblätter ablegte, und die Polizei rief. Wenig später wurden die Hampels verhaftet und in den Kellern der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße verhört. Sie gestanden bereits bei den ersten Vernehmungen. Im Dezember 1942 erhob der Oberreichsanwalt Anklage. Am 22. Januar verurteilte der Volksgerichtshof (Witwe Waschke bekam 3,10 Reichsmark plus Fahrgeld für die Zeugenaussage) Otto und Elise Hampel „wegen Zersetzung der Wehrkraft“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode.

Die Hinrichtung am 8. April 1943 in Plötzensee dauerte von der „Vorführung bis zur Vollzugsmeldung“ laut Protokoll bei Otto 14 und bei Elise 16 Sekunden. Die Leichen wurden dem anatomischen Institut der Charité überlassen.

 

 

 

Hans Fallada hat Otto und Elise Hampel mit seinem letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ ein Denkmal gesetzt.

 

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