Thomas Mann und Kafka – zweimal ganz anders

Das Literaturbüro Westniedersachsen präsentierte zwei spannende Abende zu Franz Kafka und Thomas Mann mit Lioba Meyer und Helmut Thiele

„So müsste Deutschunterricht aussehen, dann klappt’s auch mit den Zensuren“ – das dachte ich mir bei jedem der beiden ganz unterschiedlichen, aber immer fesselnden Veranstaltungsabende. Beide Klassiker, die vorgestellt wurden (Thomas Manns „Tod in Venedig“ und Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“), sind in den neunzehnhundertzehner Jahren entstanden und handeln tatsächlich beide, so man denn einen Vergleich herstellen möchte, von einer gequälten Kreatur. Kafkas Erzählung von einem Affen, Manns Novelle von einem Künstler.

Die Novelle „Tod in Venedig“ wurde dem Publikum durch dreierlei Vorstellungen absolut gekonnt nahe gebracht:

Während Helmut Thiele spannungsgeladene Passagen aus Thomas Manns Buch vorlas, erläuterte Lioba Meyer diese kenntnisreich, immer auch versehen mit Hinweisen zu Parallelen zwischen dem Protagonisten Von Aschenbach und Mann selbst, der sein Leben lang mit seiner Homosexualität haderte und dieses auf seine Hauptfigur übertrug, zu den Todesahnungen und den Anleihen aus der Mythologie.

Zu guter Letzt ersetzten Filmausschnitte aus Viscontis Verfilmung die Lesung von Helmut Thiele, auch wieder toll von Lioba Meyer erklärt und gedeutet und dadurch keine Minute langweilig – im Gegenteil.

Der zweite Abend im Renaissancesaal des Ledenhofs wurde vom Osnabrücker Schauspieler Helmut Thiele alleine gestaltet:

Als Affe Rotpeter, der in Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ einen Vortrag über seine Menschwerdung halten soll, liest er die Erzählung mit einer solchen Überzeugung, dass man in ihm auch ohne Affenmaske den verzweifelten Rotpeter erkennt.

In Afrika gefangen, in einem engen Käfig auf einem Schiff nach Deutschland zu Hagenbeck transportiert sucht er unermütlich nach einem Ausweg aus seiner Lage.

Eine einerseits vergnügliche, andererseits durch die intensive Mimik und Betonung seitens Thiele eine unter die Haut gehende Lesung.

Vielen Dank an das Literaturbüro Westniedersachsen, namentlich Jens Peters – gerne mehr von solcher Art Veranstaltungen! Infos und Programmvorschau: www.literaturhaeuser-niedersachsen.de/

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