Über die Fähigkeit des Zuhörens, aufgeschreckte Winterschläfer und fragwürdige Toleranz
Eigentlich hatte ich mir als müder Igel vorgenommen, meinen Winterschlaf zum ersten Mal seit fünf Jahren endlich mal wieder in Ruhe beenden zu können. Gemütlich wollte ich mein stacheliges Dasein fristen – und mich nur noch im absoluten Notfall mit Heiko Pohlmanns Hasepost befassen.
Jetzt, das gebe ich unumwunden zu, ist tatsächlich gar kein Notfall eingetreten. Aber um meinen Winterschlaf hat mich Pohlmann trotzdem ruckartig gebracht. Sein Kommentar „Kritisiert die Meinung, nicht den Überbringer! Wie weit darf Medienkritik gehen?“ vom 26. Februar 2026 ist dermaßen schräg, dass es meine Stacheln noch immer weit in die Lüfte treibt. Meinen Winterschlaf kann ich damit vergessen.
Was war geschehen? Die Aktion NOZkritisch hatte am 24. Februar zu einem Austausch im Spitzboden geladen. Dabei sollte der offenkundige Rechtsdrall und das neue „Konzept“ der örtlichen Monopol-Tageszeitung NOZ debattiert werden. Die OR hatte die Veranstaltung angekündigt und natürlich auch darüber berichtet. Mahnungen gegen Rechtsaußen-Journalismus, Verleger-Hörigkeit und Beschneidung journalistischer Freiheiten hat schließlich auch die OR mit ihren elektronischen Beilagen IGELPOST und MOZPOST immer wieder erhoben.
Zur großen Überraschung weilte in der Lagerhalle auch Hasepost-Chef Heiko Pohlmann persönlich. Begleitet wurde er vom Redakteur Dominik Lapp, von dem man, dies sei zugestanden, normalerweise Kommentare und Berichte ohne Pohlmanns antiwoken wie antilinken Schaum vor dem Mund gewohnt ist. Nebenher: Von der NOZ-Redaktion war offenbar niemand erschienen.
Um es vorwegzusagen: Dass Pohlmann, die OR samt MOZ- und Igelpost das Geschehen in dieser Welt aus völlig gegensätzlichen Blickwinkeln bewerten, sind Lesende schon lange gewohnt. In einer Demokratie darf so etwas ausdrücklich passieren. Das ist ihr Lebenselixier.
Aber dass Menschen, die am 24. Februar nicht auf dem Spitzboden dabei waren, nach fast zeitgleicher Lektüre des Pohlmann-Kommentars und des OR-Berichts den Eindruck haben müssen, es würde über völlig unterschiedliche Zusammenkünfte berichtet, ist schon schräg, oder?
Um es noch einmal zu wiederholen: In nahezu allen Beiträgen der Spitzboden-Runde war die große Sorge geäußert worden, die Inhalte (!) vieler Kommentare der NOZ-Redakteure Michael Clasen (vor allem) oder Burkhard Ewert überschritten mehr als häufig die Grenzen nach rechtsaußen. Offen sahen etliche Stimmen im Plenum die Gefahr, Trump-Sympathie und Sehnsucht nach einem Unions-AfD-Bündnis nähmen in den NOZ-Kommentarspalten massiv zu. Insider-Berichte aus Reihen solide recherchierender Redakteur*innen (davon gibt es tatsächlich viele!) haben diese Sicht immer wieder bestätigt.
Was Pohlmann dagegen vernahm, war etwas, was in der Konsequenz des angeblichen Verbots von Kommentaren genannter Redakteure kein Mensch geäußert hatte. Schon die oben zitierte Überschrift „Kritisiert die Meinung, nicht den Überbringer!“ sagt ja alles darüber aus, welch skurrile Wahrnehmung der Hasepost-Chef nach Hause trug.
Wörtlich dichtet Pohlmann heftig weiter: „Stimmen, die inzwischen offen fordern, dass bestimmte – ausdrücklich als solche gekennzeichnete – Kommentare einzelner Redakteure, darunter namentlich ein Chefredakteur und der Chef vom Dienst der Osnabrücker Tageszeitung NOZ, in dieser Form nicht mehr erscheinen sollen. (…) Sinngemäß läuft es darauf hinaus, dass kritische Stimmen zur vermeintlichen Mehrheitsmeinung im Blatt und der Redaktion keinen Platz mehr finden sollen. (…) . Wer Kommentare verbieten und einzelne Autoren faktisch zum Schweigen bringen möchte, verlässt die Ebene der inhaltlichen Auseinandersetzung.“ Häh?
Kein Pohlmann-Kommentar erfolgt ohne überflüssige Belehrungen: „Man kann selbstverständlich andere Meinungen ablehnen. Man darf sie kritisieren. Man kann sie pointiert zurückweisen. Wer Meinungsfreiheit ernst nimmt, kann von der Presse allerdings nicht verlangen, dass unliebsame Meinungen gar nicht erst erscheinen.“
Um im Klartext zu reden: Mit keinem einzigen Wort benennt Pohlmann Inhalte, gegen die sich das Plenum der Runde wehrte – und hier nur in wenigen Stichworten wiedergegeben werden sollen: Verherrlichung des Demokratie-Zersetzers Donald Trump, das Einfordern einer Kooperation von AfD und Unionsparteien, die Zunahme von rechten Wertungen zu Lasten recherchierter Berichte, Hineinregieren in journalistische Freiheiten bis hin zur Demaskierung eines Toleranzverständnisses in Gestalt einer Abschaffung der virtuellen Kommentarmöglichkeit, wonach Ewert- und vor allem Clasen-Texte künftig unkommentiert geschluckt werden müssen.
Um den Teufel mal mit einer bewussten Überzeichnung an die Wand zu pinseln: Sollten künftig auch das Hochjubeln von Diktatoren, Rassismus, völkisches Denken, Höcke-Verehrung oder eine Geschichtsrevision nach dem Motto „Ganz so schlimm war Hitler nicht“ von der Freiheit des Kommentars gedeckt werden? Um es deutlich zu sagen: Dermaßen schlimm gebärdet sich die NOZ aktuell keineswegs, aber es gibt sie nun mal, jene Grenzen der Toleranz im Sinne des Grundgesetzes. Und man muss rechtzeitig warnen dürfen, ehe irgendwann etwas als „normal“ akzeptiert wird. Mit einem Schreibverbot von Redakteur*innen hat dies absolut nichts zu tun – sehr wohl aber mit dem Rahmen demokratischer Debatte.
Um es noch einmal im Klartext zu wiederholen: Weder in der Reihen der Aktion NOZkritisch noch innerhalb der OR, MOZ- oder IGELPOST gibt es einen einzigen Menschen (oder schreibenden Igel), der ein Schreibverbot für Rechtsausleger wie Clasen, Ewert bis hin zu Ebert fordert. Aber wir möchten gerade in einem Monopol-Medium wie der Neuen OZ ausdrücklich keine unkritischen Sympathiebekundungen in Richtung des Autokraten Trump bis hin zur AfD. Da bleibt für uns nun mal eine Schwelle überschritten. Ist das zu viel verlangt?
Dass Heiko Pohlmann, in dessen Online-Medium sich die AfD bereits seit langem mit Eigenberichten ausgiebig ausbreiten darf, derartige Grenzlinien, von Brandmauern ganz zu schweigen, ablehnt, wussten wir vorher. Aber dass sich eine damit verwandte Praxis nun auch auf die Osnabrücker Monopolzeitung erstrecken könnte, werden IGELPOST, MOZPOST und OR auch weiterhin konsequent als Gefahr für unsere – auf Toleranz aufgebaute – Demokratie benennen.
Isso. Punkt.













