Samstag, 26. November 2022

Schicksale, die unter die Haut gehen

„Vergiss nie: Ich bin ein Mensch!“:
Bündnis lud zum Ortstermin auf dem Heger Friedhof

Gedenkveranstaltungen auf Friedhöfen zählen mittlerweile zu den besonders eindrucksvollen Aktivitäten lebendiger Erinnerungskultur. Auf den ersten Blick erscheint dies verwunderlich: Denn fast immer geht es um Grabstätten, die sich bereits viele Jahrzehnte an Ort und Stelle befinden. Doch erst in jüngster Zeit sind sie in den Fokus einer größeren Öffentlichkeit geraten. Auch bürgerschaftliche Zusammenschlüsse haben stets in besonderer Weise dazu beigetragen,
Ein aktuelles Beispiel für besonders nahegehende Informationen lieferte am Dienstagabend ein breites Bündnis, das zu einer Begehung der Heger Friedhofes aufgerufen hatte: Es ging dabei um Grabstätten, in denen zur Zeit der Nazi-Diktatur Menschen aus verschiedenen Staaten bestattet worden sind. Allen war gemeinsam, dass die Umstände des jeweiligen Todes mit den Leiden der Zwangsarbeit unter NS-Aufsicht zu tun hatten.

 

Schicksale von Zwangsarbeitenden

Rund 20 Millionen Zwangsarbeitende waren im damaligen Deutschen Reich unter strenger NS-Aufsicht beschäftigt.  Allein im Stadtgebiet von Osnabrück existierten rund hundert Zwangsarbeitslager. Viele der dort Untergebrachten waren ehemalige Kriegsgefangene, etliche, auch Frauen und Heranwachsende, waren aus den besetzten Ländern verschleppt worden. Hinzu traten politische Häftlinge der Nationalsozialisten. In der Hasestadt waren gegen Kriegsende weit über 10.000 Zwangsarbeitende tätig. Etliche, insbesondere die Betroffenen aus osteuropäischen Staaten, welche die Nazis als „Untermenschen“ betrachteten, mussten ihre Arbeit und die karge Freizeit unter furchtbaren Bedingungen verbringen. Besonders die Betroffenen aus der Sowjetunion hatten vor ihrer aufgezwungenen Tätigkeit sogar noch schlimmere Erfahrungen machen müssen: Rund 3,3 von 5,7 Millionen Kriegsgefangene hatten schon zuvor als „unwertes Leben“, ohne Nahrung und medizinische Betreuung, erbärmlich in Gefangenenlagern hinter der Front sterben müssen.

Die Einsatzorte der Überlebenden und solcher aus anderen Staaten reichten in Osnabrück von Familie, Bauernhof über den Handwerksbetrieb und öffentliche Dienste bis hin zu Rüstungsbetrieben. Es zählte zu tragischen Folgeerscheinungen ihrer Lebenssituation, dass viele der zur Arbeit gezwungenen Menschen, Männer wie Frauen, die miserablen Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht überlebten. Ihre Gräber, vor allem auch jene auf dem Heger Friedhof, dokumentieren diese Schicksale. Im Deutschen Reich starben in den Kriegsjahren von insgesamt 2,5 Millionen Zwangsarbeitenden rund 625.000 – vorwiegend Menschen aus der damaligen Sowjetunion. Mindestens 300 Kriegsgefangene, Häftlinge oder Zwangsarbeitende wurden in Osnabrück allein Opfer des Bombenkrieges, dem sie häufig ohne Unterschlupf in einen Bunker schutzlos ausgeliefert gewesen waren.

Am niederländischen Ehrenmal
An der Klarinette: Jan Kampmeier. Foto: OR

Besinnung mit Haltepunkten

Bestimmte Haltepunkte hatte sich der Zusammenschluss aus dem Verein Spurensuche Osnabrück e.V., dem DGB, dem Bürgerverein Katharinenviertel, der VVN sowie den „OMAS GEGEN RECHTS“ vorgenommen. Es begann auf einem imposanten Ehrenfeld für umgekommene niederländische Zwangsarbeitende. Nachverfolgt wurde das Leben eines zu Tode gekommenen Menschen. Danach folgten weitere Haltepunkte für verstorbene Menschen aus der Sowjetunion sowie weiterer „Feindstaaten“ des Deutschen Reiches. Allen Stationen gemein war ein sich wiederholender Ablauf: Jan Kampmeier stimmte mit seinem dezenten Klarinettenspiel behutsam auf das jeweilige Thema ein. Stets folgte ein kurzer Vortrag, der immer auf besonders typische Einzelschicksale aufmerksam machte. Die letzten Vorträge stammten von Petra Joachimmeyer, die hauptberuflich im Osnabrücker Servicebetrieb, ehrenamtlich mit hohem Engagement für den Spurensuche-Verein tätig ist.

Federführend vorbereitet hatte alles auch Anika Groskurt, die sich als zuständige Friedhofsgärtnerin im Osnabrücker Servicebetrieb (OSB) besonders gut vor Ort auskennt und in den letzten Jahren maßgeblich dazu beigetragen hat, Menschen und Schicksale, die sich um verschiedene Grabstätten ranken, in Erinnerung zu rufen.

Gedenktafel für verstorbene Kinder
Diese Kinder von Zwangsarbeiterinnen starben aufgrund mangelhafter Betreuung. Foto: OR

Gedenkort für verstorbene Kinder

Besonders unter die Haut ging dem Publikum ein Gedenkort, der annähernd 100 verstorbenen Kindern von früheren Zwangsarbeiterinnen gewidmet ist. Erst im Herbst 2016 waren, wie der OR auf Anfrage berichtet wurde, im Archiv des Heger-Friedhofs alte Unterlagen mit Aufzeichnungen zu den Kindern und ihren Gräbern gefunden worden. Nach weiteren Recherchen in verschiedenen Quellen sind die mittlerweile am Gedenkort auf großen Tafeln lesbaren Einzelschicksale nun namentlich und mit ihren Lebensdaten bekannt.

Gemeinsam war den so früh verstorbenen Menschen, dass sie zwischen 1942 und 1945 in den Barackenlagern für „Ostarbeiterinnen“ geboren wurden. Die allermeisten verloren bereits nach wenigen Tagen oder Wochen ihr Leben. Bereits die Geburt der Kleinen hatte unter unsäglichen Bedingungen stattgefunden. Alle waren miserabel betreut, weil ihre Mütter sich wegen ihrer täglichen Zwangsarbeit nicht um ihre Kinder kümmern konnten. Alle Verstorbenen waren mangelernährt und in den in den einzelnen Lagern grassierenden Krankheiten ausgeliefert gewesen, im NS-Deutsch wurde die Todesursache oft mit „Lebensschwäche“ vermerkt.

 

Die letzten Toten: Drei Zwangsarbeiterinnen verbrennen nach der Befreiung

Besonders betroffen machte die Schlussstation. Petra Joachimmeyer verlas den fiktiven Text einer zu Tode gekommenen ehemaligen Zwangsarbeiterin, der damals 22-jährigen Maria Kupina. Jene war, gemeinsam mit einer Schicksalsgenossin, noch nach der Befreiung Osnabrücks durch die Briten von deutschen Hilfspolizisten in einem Keller in der Johannisstraße eingesperrt, von unbelehrbaren Einheimischen entdeckt und bei lebendigem Leibe verbrannt worden. Aus den USA zugestellte Meldungen und Dokumente, die in Osnabrück bis heute weitgehend unbekannt sind, haben das damalige Ereignis mittlerweile öffentlich gemacht.

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