Aktion NOZkritisch fühlt der Lokalzeitung auf den Zahn

Fragen zum neuen Redaktionskonzept

Von der „Aktion NOZkritisch“ (ANK) ging uns eine sehr ausführliche Stellungnahme zum „neuen“ redaktionellen Konzept der NOZ zu, wie es in der Neuen OZ am Freitag, dem 13.Februar 2026 veröffentlicht wurde. Die OR veröffentlicht den Text ungekürzt im Wortlaut.

Das „neue“ redaktionelle Konzept der NOZ steckt unseres Erachtens voller Widersprüche und Ungereimtheiten. Wir haben dazu die folgenden kritischen Anfragen:

  • Wie verträgt sich das Bekenntnis der Chefredaktion des Zeitungsverbundes von NOZ und SHZ zur journalistischen „Vielfalt“ mit der Tatsache, dass der Mantelbogen der NOZ nun von immer mehr kleineren Regionalzeitungen übernommen wird („20 Standorte“) – zu Lasten der dort bisher selbständig arbeitenden Redaktionen?
    Aus unserer Sicht bedeutet das eben nicht nur geschäftlichen Erfolg, sondern ebenso Verdrängung, Arbeitsplatzabbau und Uniformität statt der öffentlich beschworenen „Vielfalt“! Auch das inzwischen erfolgte Schließen der „Kommentarspalten“ der NOZ dient nicht der „Vielfalt“, sondern bedeutet eine redaktionelle Kanalisierung der ehemals offenen Debatte mit der Leserschaft!
  • Wie verträgt sich das Bekenntnis der „sieben publizistischen Leitlinien“ der NOZ zu einem Wertesystem, das auf der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“, auf der „sozialen Marktwirtschaft“ sowie einem „humanistischem Weltbild“ fußt, zu der erklärten Absicht des Chefredakteurs Burkhard Ewert, in Zukunft auch „rechten Meinungen“ eine Bühne in der NOZ zu bereiten?
  • Was bedeutet die Ankündigung: „wir ordnen ein und setzen uns kritisch mit dem politischen Mainstream auseinander“? Welcher „Mainstream“ ist hier gemeint? Der erkennbare Trend zu rechten Ansichten und Geschichts-Deutungen in Deutschland und Europa? Oder geht es hier doch wieder nur um die Fortsetzung des Kulturkampfs gegen alles angeblich „links-grün-woke“, dem sich die Redakteure Ewert, Clasen und Ebert so offensichtlich verschrieben haben?
  • Wie verhält sich die dreifache Ankündigung: „Wir filtern, wir erklären, wir ordnen ein“ zur versprochenen 360Grad Perspektive? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang das fehlende Bekenntnis der Chefredaktion zu einem klar wissenschafts- und faktenbasierten Journalismus?
  • Entscheiden Meinung und persönlicher Blickwinkel der Chefredaktion in Zukunft darüber, was den Leserinnen und Lesern der NOZ noch zugemutet werden darf?
  • Wie stark die Grenze zwischen Meinungsbeiträgen und faktenbasierter Berichterstattung in der NOZ inzwischen verschwimmt, zeigt nicht zuletzt das häufig zu beobachtende Framing von faktenbasierte Artikeln durch die alarmistischen Überschriften der Chefredaktion, die den Artikeln dadurch immer wieder einen konträren Spin verleiht.


Unser Verdacht ist der folgende:

Die Chefredaktionen des Zeitungsverbundes von NOZ und SHZ möchten sich mit ihrem „neuen“ Zeitungskonzept am geschäftlichen Erfolg der sozialen Netzwerke wie TikTok, Facebook oder Instagram orientieren. Dadurch droht jedoch der Anteil von klassischem, faktenbasierten Journalismus zu Lasten von polarisierenden Meinungsbeiträgen immer stärker ins Hintertreffen zu geraten.

Das plakative Bekenntnis zur „Meinungspluralität“ und zur „360Grad-Perspektive“ erscheint uns daher eher wie ein trojanisches Pferd, um in Zukunft noch mehr rechtspopulistische Meinungsbeiträge als bisher schon in der NOZ unterbringen zu können.

Das am 13.Februar 2026 veröffentlichte Bekenntnis der NOZ zu humanistischen Werten, zur sozialen Marktwirtschaft und zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist letztlich nichts wert, wenn deren Chefredakteur Burkhard Ewert seine Ankündigung wahrmacht, nun auch dezidiert „rechten“ Meinungen eine Bühne in der „neuen“ NOZ zu verschaffen.

Eine freiheitliche Demokratie lebt nämlich nicht nur vom Diskurs, sie lebt ebenso von dem Konsens, dass jeder demokratische Diskurs auf einer faktenbasierten und von liberalen Werten geprägten Grundlage zu erfolgen hat – was zum Beispiel bei der AFD mit ihrem Hang zum illiberalen, autoritären, völkisch-nationalistischen und antihumanistischen Agitieren nicht gegeben ist.

Daher kann eine Partei wie die AFD unseres Erachtens nicht denselben Anspruch auf Repräsentanz ihrer Meinung in der NOZ erheben, wie diejenigen politischen Akteure, die sich innerhalb des Spektrums einer offenen und liberalen Demokratie bewegen!


Die rechtspopulistische Narrative in der NOZ und ihre Folgen

Der deutsche Soziologe Aladin El-Mafaalanis beschreibt in seinem Buch „Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungstheorien“ (2025) das Entstehen von demokratiegefährdenden Misstrauensgemeinschaften und die Rolle der Medien dabei:

Vertrauen ist für die Handlungsfähigkeit von Menschen und für die Funktionsfähigkeit von komplexen Gesellschaften elementar. (S.15) Vertrauen erzeugt eine gewisse subjektive Sicherheit und reduziert soziale Komplexität. (S.18)

Vertrauen ist die unsichtbare Kraft, die eine überkomplexe Gesellschaft zusammenhält. (S.40).

Vertrauen kompensiert die strukturelle Unmöglichkeit, sämtliche Entscheidungsprozesse permanent zu überprüfen oder auch nur nachzuvollziehen. (S.41)

Globalisierung, Digitalisierung und funktionale Ausdifferenzierung haben die gesellschaftliche Komplexität weiter gesteigert. Moderne Gesellschaften ermöglichen eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensstile, Werteorientierungen und Identitätsentwürfe. (S.42)

Bei steigender Komplexität wird Vertrauen umso wichtiger. (S.39)

Medien sind ein „Komplexitätstreiber“, denn: „Nicht nur Gesellschaften werden immer komplexer, sondern auch die Informations- und Wissensbestände über die Gesellschaft – und damit werden die Deutungsangebote vielfältiger, widersprüchlicher und polarisierender.“ (…) „Desinformation und Verschwörungs-ideologie expandieren genauso, wie Informationsaustausch und Wissensaneignung. (S.45)

Es gibt bestimmte Grenzen oder Schwellen, an denen die Kraft des Vertrauens endet und abrupt in Misstrauen umschlägt. (S.47)

Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Coronakrise, Ukrainekrieg, Energiekrise, Inflation: „In Krisen werden die Unsicherheiten der Welt stärker wahrnehmbar – und damit auch die eigene Verletzlichkeit.“ (S.48)

Unternehmen, politische Parteien und Regierungen wirken vor dem Hintergrund der Komplexität machtlos. (…) Die Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologie lässt sich als Folge von Misstrauen begreifen. (S.49)

Populistische Akteure konstruieren eine polarisierte Gegenüberstellung zwischen „Volk“ und „Elite“ und lenken das Unbehagen gegenüber bestehenden Strukturen in ihre Richtung. Im Zentrum steht der Anspruch, den „wahren Willen des Volkes“ zu artikulieren und zu präsentieren. Der Populismus hat keine stabile eigene Substanz bzw. Wertorientierung, er kann sich flexibel mit unterschiedlichen politischen Strömungen – von links bis rechts – verbinden. (S.50)

Populismus lässt sich als relativ flexible politische Strategie zur Mobilisierung und zur Machtergreifung verstehen. (S.51)

Verschwörungsideologien sind umfassende Weltdeutungssysteme, die komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge und politische Ereignisse auf das geheime Wirken kleiner elitärer Gruppen zurückführen. Der öffentliche Diskurs über demokratische Institutionen, Medien und Wissenschaft wird hier grundlegend delegitimiert, da diese als Teil der Verschwörung gelten. (S.51)

Verlusterfahrungen, Identitätsbedrohungen und Entfremdungserfahrungen in überkomplexen Gesellschaften stiften Misstrauen und lassen die Verunsicherten nach „alternativen“ Ordnungs- und Annerkennungsmustern suchen oder nach solchen, die die alte Ordnung wiederherzustellen versprechen. (S.55)

Es sind „Misstrauensgemeinschaften“ entstanden, die die Anziehungskraft des Misstrauens noch weiter verstärken. (S.57)

Ob Alternative (digitale) Medien, Kryptowährung, Altenativmedizin oder die AFD: „Heute lassen sich umfassende Alternativangebote finden, die Misstrauen verbinden und strukturieren.“ (S.59)

Diese Alternativen … erzeugen neue Möglichkeiten des Denk- und Sagbaren und können zu einer neuen Gemeinschaftsbildung beitragen. Dadurch stabilisiert sich zugleich das Misstrauen. (S.59f)

Insbesondere die digitale Infrastruktur erschuf „Alternative Medienlandschaften“, die Skepsis und Misstrauen kultivieren- und dabei die Vielfalt und Widersprüchlichkeit von Deutungsangeboten enorm erhöhen. (S.63)

Es entstand ein „Resonanzraum, in dem Misstrauen nicht nur artikuliert, sondern durch Kommunikation und Kooperation verstärkt und stabilisiert werden konnte.(…) Die Dynamik sozialer Netzwerke, in denen Algorithmen Reichweite nach aufmerksamkeitsökonomischen Logiken verteilen, begünstigte den Erfolg alternativer Medien, die oft provokativ auftreten und eine Gegenöffentlichkeit konstituieren. Sie sind Manifestationen eines kulturell verankerten Misstrauens. (S.63)

Spätestens seit der erneuten Machtübernahme von Donald Trump werden die systematischen Bestrebungen der Sabotage von Standards und professionellen Funktionslogiken in Wissenschaft und Journalismus erkennbar. Und diese Entwicklung basiert … auf dem wachsenden Misstrauen und der Etablierung von Misstrauensgemeinschaften. (S.69)

Im kollektiven Misstrauen erfährt man sich als gestaltend und wirksam: „Innerhalb dieser Netzwerke wird Misstrauen nicht nur allein und damit isoliert erlebt, sondern kollektiv bestätigt. Auf diese Weise wird es von einem individuellen Problem zu einem sozialen Bindemittel transformiert. Es kann dadurch identitätsstiftend wirken und Zugehörigkeitsgefühl erzeugen. (S.71)

Das Misstrauen schlägt um in ein Vertrauen in andere Misstrauende und so kommt es zu einer „Vergemeinschaftung über Misstrauen“. Akteure, die bewusst eine affektive Polarisierung auszulösen versuchen, lassen sich als „Polarisierungsunternehmer“ bezeichnen. Die gesellschaftliche Wirkung solchen aktiven Provozierens ist alarmierend: „Das Beispiel der MAGA-Bewegung in den USA zeigt, dass es weniger auf überprüfbare Befunde oder politische Erfolge ankommt als auf die Demonstration einer bestimmten Haltung und Wertorientierung, d.h. die Repräsentanz einer Gemeinschaft. Fehler, Widersprüche oder inkonsistente Argumente sind zweitrangig. Eine sachliche Debatte ist in diesem Rahmen nicht mehr möglich.“ (S.73)


Wir von der „ANK“ ziehen daraus den folgenden Schluss:

Folgt man der Argumentation des Soziologen El-Mafaalani, dann lassen sich Chefredakteur Burkhard Ewert und sein Verleger Jan Dirk Elstermann mit guten Gründen als „Polarisierungsunternehmer“ bezeichnen. Sie betreiben mit der NOZ in ihrer gegenwärtigen Gestalt Misstrauensbewirtschaftung und begünstigen so das Entstehen und Wachsen von Misstrauensgemeinschaften zum Schaden unserer Demokratie. Das dürfen wir nicht tatenlos hinnehmen!

 

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