Mittwoch, 5. Juni 2024

“Letztendlich werden die Leute ein Stück herausgeschoben“

 

Interview mit Paul Lücke vom Verein „Stigma e.V.“

Seit 2017 verfolgt der Verein Stigma e. V. in Osnabrück das Ziel, sich im Bereich der Präventiv- und Aufklärungsarbeit gegen die Stigmatisierung von Minderheiten stark zu machen. Wir sprachen mit Geschäftsführer Paul Lücke über aktuelle Projekte, die Situation der obdach- und wohnungslosen Menschen in Osnabrück. Eine wichtige Frage war auch, welche Auswirkungen das 10-Punkte-Programm der Stadt Osnabrück aus Lückes Sicht für viele Betroffene rund um den Neumarkt und die Johannistraße haben wird.

Guten Tag, Herr Lücke. Vielen Dank, dass Sie mit uns über einige Themen um Stigma e. V. und weiteren Themen sprechen. Kommen wir mal auf Ihre Projekte zu sprechen. Welches davon stand bei Ihnen zuletzt an?

Paul Lücke: Im März veranstalteten wir gemeinsam mit dem Literaturbüro der Stadt Osnabrück anlässlich der internationalen Wochen gegen Rassismus eine Lesung im Haus der Jugend. Zu Gast war David Mayonga aka Roger Rekless, der sich selbst als „Schwarzer in Bayern“ bezeichnet. In seinem Buch „Ein Nxxxx darf nicht neben mir sitzen“ beschreibt er eindrücklich seine Erfahrungen mit diskriminierendem Alltagsrassismus. Er beleuchtet die Rolle der Mediennarrative und erörtert sozialpsychologische Hintergründe zum Thema Rassismus. Gleichzeitig bietet er Lösungsansätze zum besseren Umgang innerhalb der Gesellschaft. Das Ganze in einem unterhaltsamen Mix aus Erzählung, Lesung und Konzert. Ein sehr gelungener Abend! Bereits zu Beginn des Jahres durften wir in der Hase29 unser Fotoprojekt „Einblicke durch Einwegkameras“ ausstellen. Unter dem Titel „Homeoffice/Homeless – Wie definiert man einen Haushalt, wenn das Zuhause die Straße ist?“

Wie sind Sie auf die Idee zum Projekt gekommen – und was war zu sehen?

Paul Lücke: Das Projekt startete schon im Jahr 2020. Der Beginn der Pandemie bedeutete auch für uns als Verein eine sehr große Zäsur. Ein neuer Vorstand wurde gewählt und wir hatten Pläne für einige Projekte und öffentliche Veranstaltungen. Das war so nicht mehr möglich. Auch unser analoger Stammtisch war auf Eis gelegt. So haben wir dann einen digitalen Stammtisch gemacht. In den Gesprächen drehte sich dann viel um die Vernachlässigung der Menschengruppen, die sowieso keine Lobby haben. Zum Beispiel die Fragen von Hygienevorschriften in Massenunterkünften oder die Versorgung in der niedrigschwelligen Suchthilfe. Wir haben dann erstmal eine Social-Media-Kampagne #UnterdemBrennglas gestartet und verstärkt Artikel zum Thema geteilt. Irgendwann kam dann die Idee auf, die Lebenswelten im öffentlichen Raum zu Zeiten der Pandemie aus der Perspektive der Menschen festzuhalten. Als Medium wählten wir Einwegkameras und verteilten diese über die Multiplikatorenstellen Café Connection und SKM. Zurück kamen drei Kameras der Künstler:innen CopyHope, Franky und Guido. Es entstanden beeindruckende, individuelle, künstlerische Einblicke in die Lebenswelt der Menschen, die uns ihre Perspektiven eröffnen und neue Perspektiven auf Osnabrück und das Leben im öffentlichen Raum ermöglichen. Die unschätzbar wertvolle Basis für die Ausstellung.

Ergänzend zu den Bildern wurden verschiedene audiovisuelle Einblicke in die Lebenswelten und stereotypische Gegenstände inszeniert. So kontrastiert die Ausstellung die beiden Lebensrealitäten „Homeoffce“ und „Homeless“, zieht gleichzeitig Verbindungslinien zwischen den Realitäten und löst so die scheinbare Trennung der Welten auf. Außerdem konnte man sich zu progressiven Projekten wie Housing First oder Go Banyo informieren, die nachhaltige, kreative Wege zur Veränderung aufzeigen. Ergänzt wurde es mit einem sozialen und kulturellen Rahmenprogramm.

Wie waren die Rückmeldungen aus der Bevölkerung auf Ihre Projekte?

Paul Lücke: Durchweg positiv. Es besteht ein großes Interesse an den Erfahrungen und Perspektiven der Menschen, um Themen besser zu verstehen. Die Erfahrungsexperten machen die Themen menschlich nachvollziehbar und sind die Brücke zu einem besseren gesellschaftlichen Verständnis. Unsere Leitsätze „Lernen aus Lebenserfahrung“ und „Entstigmatisierung durch Begegnung“ funktionieren. Im Übrigen auch in der Bildungsarbeit. Wir sind deutschlandweit mit Erfahrungsexperten an Schulen zur Suchtprävention und Vermittlung von Konsumkompetenz unterwegs, um so für einen besseren Gesundheitsschutz zu sorgen. Auch hier funktioniert die Vermittlung von Mensch zu Mensch, und die Konsumdynamik wird für einen selbst zugänglich. Abhängigkeit ist dann eben ein menschliches Thema und nichts, was nur anderen passiert, aber mir nicht! So wird ein Zugang zur Selbstreflexion des Einzelnen gelegt und die Vermittlung des präventiven Hintergrundwissens ganz anders aufgenommen.

Wie war die Rückmeldung bei der Vernissage zum Projekt „Einblicke durch Einwegkameras“, die auch im Kunstraum Hase29 ausgestellt war?

Paul Lücke: Jeder, mit dem ich an dem Abend gesprochen habe, war beeindruckt. Das Projektteam hat unter der Federführung der Kuratorin Eva Lause eine unglaubliche Leistung abgeliefert. Und das Ganze hat uns als Verein noch mehr Lust auf die Umsetzung weiterer kulturästhetischer Projekte mit sozialkritischem Hintergrund gemacht.

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit Eva Lause gekommen?

Paul Lücke: Wir haben bereits für ein Suizidpräventionsprojekt mit ihr überragend zusammengearbeitet und durften außerdem ihre Bilder zum Thema „Essstörungen“ auf einer Veranstaltung ausstellen. Eva und Stigma sind ein absolutes Match. Sowohl im zwischenmenschlichen Miteinander und beim Blick auf Mensch und Gesellschaft als auch im ästhetisch-künstlerischen Ausdruck. Wir freuen uns sehr, dass sie auch die Kuration in Ostercappeln weiter führt.

Sind die Ziele der Ausstellung in Bezug auf die Wirkung auf den Besuchenden zum Teil oder vollständig erreicht worden?

Paul Lücke: Also wir haben jetzt keine Evaluationsabfrage gemacht, und Kunst bedeutet ja immer auch eigene Zugänge in der Betrachtung zu finden. Von daher lässt sich die Frage so nicht beantworten. Auf jeden Fall hat das Thema eine Öffentlichkeit bekommen. Und in den Gesprächen hat sich gezeigt, dass die Bilder ihre Wirkung erzielen und in der Komposition der Ausstellung Perspektiven auf die Pandemie und Lebensgestaltung im Allgemeinen und im Speziellen auf Osnabrück neu angereichert wurden.

Kommen wir zum Thema der aktuellen Wohnungsmarktsituation für obdach- und wohnungslose Menschen in Osnabrück: Wie würden Sie die aktuelle Wohnungsmarktsituation für obdach- und wohnungslose Menschen in Osnabrück beschreiben?

Paul Lücke: Wie wir ja schon länger wissen, ist der Wohnungsmarkt insgesamt schwierig und damit natürlich umso mehr für diejenigen, die bei der Vergabe immer weiter nach hinten rutschen. Wir haben durch die Arbeit am Projekt Geschichten über städtische Notwohnungen in katastrophalen Zuständen gehört. Und leider hat man bisher immer nur eine große Aufmerksamkeit für das Thema, wenn es in die kalten Monaten geht. Aber aktuell sind auch positive Entwicklungen für die Stadt Osnabrück zu erkennen. Mit dem Konzeptentwurf von Frau Rass-Turgut mit dem Untertitel „Wohnungslosigkeit verhindern & selbstbestimmtes Wohnen fördern und begleiten“ gibt es jetzt auch einen „Housing-First-Ansatz“ in der Stadt Osnabrück, was wir sehr begrüßen und einen Meilenstein bedeuten kann für die Beendigung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Osnabrück.

Herr Flint von der SKM sagte neulich bei der Stadtführung „Platte machen“, dass Obdachlosigkeit nach Feierabend und am Wochenende aus Sicht der Behörden nicht stattfindet. Was kann man tun, um den Betroffenen in diesem Zeitraum zu helfen?

Paul Lücke: So wichtig und gut die Arbeit des SKM und anderer Träger ist, mit den bestehenden Strukturen ist es unmöglich, das Problem strukturell, nachhaltig anzugehen. Nachhaltige Veränderungen wird es nur mit dem Housing-First-Konzept geben. Und es braucht Betreuungsangebote, die auch nachts und am Wochenende auf akuten Bedarf reagieren können. Außerdem braucht es eine ganzjährige Aufmerksamkeit. Die städtischen Programme und die öffentliche Aufmerksamkeit fokussieren sich zu sehr auf den Winter. Das ist überlebenswichtig, keine Frage, aber die Situation hat sich ja für die Menschen nicht geändert. Und im Sommer gibt es neben der Konstante des fehlenden Wohnraums andere Notwendigkeiten. Bei unserer Lesung zur Ausstellung mit dem Autor Dominik Bloh, der selber lange auf der Straße gelebt hat, ist mir ein Satz besonders im Gedächtnis geblieben: „Im Winter sterben die Menschen, und im Sommer verlieren sie ihre Extremitäten.“ Dabei ist die Wundversorgung ein großes Thema. Da häufig nur Notfallversorgung durchgeführt wird, entzünden sich Wunden, was letztendlich dazu führt, dass möglicherweise amputiert werden muss.

Was könnte Ihrer Meinung nach zum Beispiel im Sommer für Abhilfe schaffen?

Paul Lücke: Wie immer sind es die Bedarfe, die wir alle haben. Wir brauchen Wechselklamotten, weil wir schwitzen. Brauchen Vitamine, Wasser, Sonnencreme und ein schattiges Plätzchen zum Abkühlen. Ich bin froh über die Initiative im Stadtrat, mehr Wasserspender in öffentlichen Anlagen zu berücksichtigen, aber wir können hier noch ganzheitliche Abhilfe schaffen.

Sprechen wir das Thema „Housing First Konzept“ vom SKM und vom Fachbereich Soziales der Stadt Osnabrück an: Hätte man bei der Erstellung des Konzepts zur integrierten Notfallversorgung neben dem SKM noch weitere Akteure mit ins Boot holen sollen?

Paul Lücke: Das kann ich nicht beurteilen. Aber Thomas Kater vom SKM ist in jedem Fall der in unseren Augen wichtigste Akteur zu dem Thema in den Gesprächen. Thomas ist auch ein sehr wichtiger und geschätzter Ansprechpartner für uns zu dem Thema. Das SKM ist nah dran an den Menschen, und sie wollen nachhaltige Lösungen.

Lücke am Büro-Arbeitsplatz. Foto: OR
Lücke am Büro-Arbeitsplatz. Foto: OR

Nun gibt es ja den 10-Punkte-Plan der Stadt Osnabrück. Was halten Sie von dem, den OB Katharina Pötter öffentlich vorgestellt hat?

Paul Lücke: Erstmal denke ich, dass man gefühlte Unsicherheit und Ängste natürlich ernst nehmen muss. Und im Dunkeln wirkt die Ecke am Neumarkt durch die fortwährenden Baustellen, die gespenstischen Leerstände auch für mich irgendwie wie eine Kulisse für so einen Gruselschocker. Auf die Idee, hier mehr Beleuchtung zu installieren, hätte man auch durchaus früher kommen können. Das ändert aber auch nichts an der fehlenden Attraktivität des Bereichs. Denn auch tagsüber ist es kein Ort, an dem man sich gerne aufhält. Hier bräuchte es in erster Linie städtebauliche Maßnahmen, um den Übergang zur Fußgängerzone und den Bereich bis zum Rosenplatz einladender zu gestalten. Die vorgestellten Punkte sind insgesamt ein ziemlich wilder Mix und ändern an der Attraktivität und auch an der konkreten Sicherheit erstmal nichts. Es ist ja inzwischen wissenschaftlich gut belegt, dass Kameraüberwachung und Waffenverbotszonen potenzielle Straftäter:innen nicht abhalten. Gleichzeitig führen sie zu einer massiven Einschränkung der Privatsphäre und bieten einen Boden für vermehrte Kontrollen und damit zu einer verstärkten Stigmatisierung und Diskriminierung der Menschen vor Ort. Genauso ist es mit der Alkoholverbotszone, welche die Menschen trifft, die eben hier Ihren Gemeinschaftsplatz gefunden haben und sich nicht mal eben in den Biergarten setzen können. Sie werden öfter in Kontakt mit der Ordnungsbehörde kommen, weggeschickt. Und mit jedem Verweis drohen sie sich auch immer mehr emotional zu entfernen. Letztendlich werden die Phänomene mit den Maßnahmen nicht gelöst, sondern einfach nur weiter geschoben. Diese ordnungspolitische Law & Order Strategie fahren wir seit Jahrzehnten. Es wird endlich Zeit zu verstehen, dass es integrative, nachhaltige Lösungen braucht. Mehr Raum für Jugendliche in Stadtnähe zum Beispiel. Begrüßenswert sind in diesem Zusammenhang auf jeden Fall die verstärkte Streetwork-Tätigkeit und auch die Frauentaxis. Aber auch hier gilt es, die jungen Menschen möglichst schon früher aufzufangen und zu stärken, genauso wie übergriffiges Verhalten verstärkt in den Fokus der Bildungsarbeit gehört.

Rufen wir uns mal, auch angesichts der anstehenden Europawahl, die EU-Zielsetzung für 2030 ins Gedächtnis. Die Europäische Union hat sich vorgenommen, bis 2030 die Obdachlosigkeit zu beenden. Wie stehen Sie zu dieser Zielsetzung?

Paul Lücke: Das ist ein sehr sportliches Ziel. Aber aktuell fehlt mir die Fantasie, wie das erreicht werden soll. Gerade wenn man sich die Jahresziele der Bundesregierung für neuen Wohnraum anschaut und nicht mal ein Drittel tatsächlich geschaffen wurde. Letztendlich liegt es nun mal am Wohnraum. Es bedarf kreativer Lösungen, wie Wohnraum geschaffen werden kann. Man muss mit den Immobilienkonzernen anders umgehen. Hier ist eine elementare Frage, ob man sich weiter anschauen möchte, wie sich Immobilienbesitzer Wohnraum sichern, nur um damit zu spekulieren. Wir brauchen eine Umverteilung von Wohnraum und kluge Ideen für Wohnraumgesellschaften in öffentlicher Hand.

Vielen Dank, Herr Lücke, dass sie sich für uns Zeit genommen haben.

Hinweis der Redaktion: Die Ausstellung „Homeoffice/Homeless“ ist als Wanderformat konzipiert und kann gebucht werden. Vom 13. September bis zum 20. Oktober ist sie in der alten Mädchenschule in Ostercappeln jeweils zwischen 15 und 17 Uhr zu sehen.

 

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