OR-Serie zum „Stadtbild“ – Osnabrücker Motive per Pinsel und Farbe / Motiv 12

Anna Budina präsentiert den Nachtflohmarkt

Zur „Halbzeitpause“ unseres Tagesmagazins präsentieren wir weiter eine OR-Serie mit Motiven aus unserem Stadtbild. Zum aktuellen Werk schreibt die Künstlerin – diesmal einen erfreulich ausführlichen „Schaffensbericht“: 


Halb sechs in der Innenstadt

Es ist halb sechs, ein sonniger Abend in der Innenstadt. Hier und da sind kleinere Gruppen zu sehen, die sich gezielt in Richtung Stadtmitte bewegen. Vereinzelt laufen jedoch auch einige in die entgegengesetzte Richtung – jemand mit einem schicken Vintage-Nachttisch in den Armen, jemand mit vollen Stofftaschen.

Der frühe Vogel fängt den Wurm, und für den Osnabrücker Nachtflohmarkt ist halb sechs noch früh, offiziell läuft er bis Mitternacht. Wer vor 18 Uhr kommt, hat gute Chancen, ein besonderes Fundstück zu einem guten Preis zu ergattern.

Ich eile ebenfalls zum Domplatz: die Stativtasche über der Schulter, das Zeichenbrett unter dem Arm, den Rucksack gefüllt mit Malutensilien. Auch ich bin auf der Jagd, nicht nach Schnäppchen, sondern nach einem Bildmotiv. Das Besondere: Das Motiv, das ich bei Tageslicht auswähle, soll in der nächtlichen Beleuchtung spannend wirken.

Vor dem Domplatz biege ich zur Stadtbücherei ab. Auch hier haben sich Stände ausgebreitet. Ich gehe durch den Portikus der Bibliothek und komme auf dem Markt vor dem Rathaus wieder heraus. Der Platz ist proppenvoll: links Tische voller Kleidung, Geschirr, Bücher, Spielzeug; rechts Gastronomieterrassen mit Gästen, Menschen überall.

Ich gehe weiter zum Domplatz. Hier ist es etwas luftiger, die Tischreihen sind geordneter. Doch die Menge, die Vielfalt, das Getümmel bleiben überwältigend. Die Innereien von Kellern, Dachböden und Abstellräumen liegen hier offen zutage: Stücke menschlicher Leben, Erinnerungen von Generationen, stille Zeitzeugen. Mehrfach laufe ich die Reihen ab und versuche mir vorzustellen, wie es hier in ein paar Stunden aussehen wird, wenn die Dunkelheit einsetzt.


Impressive Animationen

Wo stehen die Straßenlaternen? Werden die Stände ausreichend beleuchtet sein? Gezeichnet wird noch bei Tageslicht, gemalt erst nach Sonnenuntergang, um die besondere Atmosphäre des nächtlichen Flohmarkts einzufangen.

Ein Stand zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Er ist nicht groß, hat aber alles, was ein typischer Flohmarktstand zu bieten hat: Kleidung auf zwei Bügelständern, eine weiße Teekanne auf einem Kerzenuntersetzer, zwei Dekofiguren, Kunstblumen in einer Porzellanvase, dazwischen ein Paar Schuhe, gerahmte Bilder, Koffer und Taschen im Hintergrund.

Ich gehe zunächst vorbei, schaue mir andere Reihen an, biege um die Ecke und bleibe schließlich bei der Bushaltestelle stehen. Von hier sehe ich denselben Stand von hinten.

Die Verkäuferin steht mit dem Rücken zu mir. Vor mir flaniert die Menge, mit ihren typischen Bewegungen: jemand zeigt auf Ware, jemand kramt im Portemonnaie, jemand probiert eine Jacke an. Im Hintergrund, vor Dom und Museum, stehen die Straßenlaternen in einer Reihe, sie werden später für schöne Lichteffekte sorgen.


Mein wenig einladender Standort

Mein Standort ist alles andere als einladend: links und rechts Toilettenhäuschen, daneben zwei überquellende Mülleimer. Doch der Blick auf den Stand überzeugt. Ich bleibe, packe mein Stativ aus, setze das Zeichenbrett darauf und öffne das Skizzenbuch. Hinter mir steht ein Rettungswagen, die Tür geöffnet.

Die Einsatzkräfte beobachten gelassen meine Arbeit. Vermutlich haben sie in dieser Stadt schon Seltsameres gesehen als jemanden, der eine Marktszene zeichnet. Die Verkäuferin in der roten Jacke bemerkt mich. Sie kommt kurz herüber, wirft einen Blick auf das Skizzenbuch und kehrt offenbar beruhigt zu ihrem Stand zurück.

Kaum setze ich die ersten Bleistiftlinien, bleiben zwei angeheiterte Männer neben mir stehen. „Was zeichnen Sie? Wollen Sie auch die Menschen dahinter festhalten?“

„Ich bin selbst gespannt, was daraus wird. Sie sehen, ich habe gerade erst angefangen.“
„Dann wollen wir nicht stören.“ Sie ziehen weiter.

Auf dem Markt zeichne ich immer zuerst das, was sich nicht bewegt, um die Szene zu definieren. Das Personal kommt später dazu, ich zeichne dann oft die Menschen direkt über die Gegenstände. So versuche ich es auch dieses Mal, aber immer wieder tauchen in der sich ständig bewegenden Masse Personen auf, die so markant aussehen oder sich so bewegen, dass ich sie schnell festhalten möchte.

Ein großer Herr mit langen weißen Haaren und Bart. Eine Frau im blauen Pelzmantel. Ein Mann mit Glatze. Ein Mann in der Baseballjacke. Eine Frau im pinken Pullover mit langen dunklen, gewellten Haaren.

Und dann erscheint plötzlich ein wahres Geschenk für jeden Urban Sketcher. Wie ein Zeitreisender aus den 80er-Jahren taucht ein Punk in schwarzer Lederjacke mit einer rosa Stofftasche auf. Seine prächtige Irokesenfrisur schwebt über der Menschenmenge wie eine kostbare Monstranz aus dem gegenüberliegenden Diözesanmuseum.

Inzwischen ist die Zeichnung fast fertig, jetzt muss ich warten, bis es dunkel wird. Es dauert, bis die Sonne untergeht, aber dann wird es plötzlich schnell Nacht. Die Laternen leuchten in einem warmen, goldfarbenen Licht auf, die Verkäufer schalten die Lampen an, um ihre Ware sichtbar zu machen, auch die Passanten tragen kleine Taschenlampen bei sich. Ich hole Wasser, Farben und Pinsel raus und stelle eine Taschenlampe, die sich in eine kleine Tischlampe verwandeln lässt, neben das Skizzenbuch.


Der Stand, den ich male

Der Stand, den ich male, ist nun mit grellem weißem Licht angeleuchtet. Bei diesem Licht sieht das Porzellan auf dem Tisch aus, als ob es ausgeschnitten und an den schwarzen Papierhintergrund angeklebt worden wäre. Markante Schatten liegen auch auf den Menschen, die sich vor dem Stand tummeln. Ich sage mir, dass ich mit der Malposition die richtige Wahl für eine Nachtszene getroffen habe.

Zeichnet man nur mit Bleistift in der Öffentlichkeit, so wird man von den Passanten relativ wenig beachtet. Aber Farben scheinen eine beinahe magische Wirkung auf die Leute zu haben. Jemand mit Farben und Pinsel wird auf unerklärliche Weise zum Anziehungspunkt. Es sind immer dieselben Fragen und Kommentare, die ich schon tausendmal gehört habe.

„Darf ich schauen? Was malen Sie? Machen Sie das öfter? Was sind das für Farben? Sind Sie Künstlerin oder ist es ein Hobby? Meine Frau (Freundin, Schwägerin usw.) malt auch…“

Normalerweise lasse ich mich auf einige Gespräche ein, aber dieses Mal muss ich mich stark auf das Bild konzentrieren. Malen in der Dunkelheit ist anspruchsvoller als bei Tageslicht und erfordert mehr Aufmerksamkeit für jedes Detail. Eine Gruppe Jugendlicher hält vor mir und diskutiert laut über mein Bild. Dann wendet sich einer von ihnen direkt an mich: „Sprechen Sie Deutsch?“ „Wieso?“ staune ich. „Weil Sie nichts sagen!“ Ich muss fast lachen, denn die Jungs haben allem Anschein nach selbst einen Migrationshintergrund.

Ich erkläre, dass ich mich gerade sehr konzentrieren muss. Sie entschuldigen sich und wünschen mir gutes Gelingen. Ein großer Mann taucht vor mir auf und beugt sich über das Zeichenbrett. „Was verkaufst du hier?“ Ich frage mich, wie viele Biere er schon hinter sich hat, und antworte: „Nichts, aber Sie versperren mir komplett den Blick!“

Ein Flaschensammler wühlt im Mülleimer nebenan, heute Nacht hat er sicherlich eine reiche Beute. Er wirft einen schnellen, schiefen Blick zu mir, um sich zu vergewissern, dass ich die Wasserflasche, die ich zum Malen brauche, nicht abgeben will.

Der Tisch vor mir leert sich langsam, die Porzellanvase, die Teekanne und die Muschel im Glas sind verschwunden, sie sind nur auf meinem Bild dageblieben. Die Verkäuferin hat über ihre rote Jacke eine schwarze angezogen, es wird kälter. Der Irokese ist auch längst verschwunden, noch einige Male taucht seine leuchtende Monstranz in verschiedenen Ecken des Domplatzes auf, dann steht er noch am Straßenrand mit seiner Clique und zeigt ihnen das Erbeutete.

Die Ersthelfer hinter meinem Rücken versorgen in ihrem Wagen ein Kind. Die leeren Bierflaschen reihen sich vor der Bushaltestelle. Die Menschen ziehen zunehmend wieder stadtauswärts. Es ist auch für mich Zeit zu gehen. Ich sehe zu, dass die noch nasse Farbe auf dem Papier nicht verwischt wird, packe meinen Farbkasten, die Pinsel und die Wasserflasche in den Rucksack, klappe das Stativ zusammen und gehe langsam Richtung Parkplatz, mit einem Fragment aus dem heutigen Abend, einem Augenblick, der nun im Skizzenbuch festgehalten und versiegelt ist.

Foto: Jason P. Topp


Zur Künstlerin Anna Budina

Anna Budina lebt und arbeitet im Raum Osnabrück. Von 2016 bis 2020 studierte sie an der Universität Osnabrück Kunst, Kunstpädagogik und Kunstgeschichte (B.A.). Besonders verbunden fühlt sie sich der Aquarellmalerei und dem digitalen Zeichnen. Immer wieder ist sie in der Stadt mit Feldstaffelei und Skizzenbüchern zu sehen. Sie hält das städtische Leben in Farben fest und schafft somit eine reichhaltige Quelle für ihre weiteren Arbeiten.

Seit 2017 ist die Künstlerin regelmäßig auf regionalen und überregionalen Ausstellungen sowie Kunstprojekten vertreten und hat ihre Werke in mehreren Einzelausstellungen in der Stadt Osnabrück präsentiert. Darüber hinaus ist sie als Kunstdozentin tätig, unter anderem an den Volkshochschulen Osnabrück und Ibbenbüren sowie an der Katholischen FABI Osnabrück.

Mehr gibt es auf ihrer Homepage. www.annabudina.com

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