Ein persönlicher Erkundungsbericht aus Hamburg
Ich habe Hamburg immer als eine sehr kühl wirkende Stadt empfunden. Das mag an der Elbe liegen oder dem rauen Wind, der hier von der Nordsee herüberweht – und an manchen Stellen auch herrscht. Aber, wer einmal (oder auch öfter …) auf dem Rasen des Elsa-Brandström-Hauses in Blankenese gelegen hat, mit herrlichem Blick auf die großen Schiffe in der Elbmündung …
Oder wer mit der Fähre in Entenwerder angekommen ist und im rustikalen Lagerhauscafé am Elbufer bei leckerem Kuchen einen verträumten Blick aufs Wasser wirft und sich plötzlich die Augen reibt, weil ein paar Meter weiter ein vollbesetzter Bus über eine Rampe ins Wasser fährt und bald am Horizont verschwunden ist … Ja, der ist doch etwas angefixt von dieser Stadt.
Kiez-Club FC St. Pauli: politisch das exakte Gegenteil von braun
Ach ja, da wäre ja noch der Fußball mit dem FC St. Pauli und „dem anderen Verein“, wie Pauli-Fans den HSV nennen. In der HSV-Arena habe ich bisher nur Länderspiele verfolgen können. Das Millerntorstadion habe ich bisher nur von dem „Grünen“ Bunker am Heiligengeistfeld sehen können, aber nicht von innen – leider. Die „Braunhemden“, die dort spielen, habe ich noch aus den Regionalliga-Spitzenspielen der 1960er und 1970er Jahre in Erinnerung. Beispielsweise, als sie vor über 30.000 (!) Zuschauern an der Bremer Brücke gegen „meinen“ lilaweißen VfL gespielt – und leider gewonnen haben.
Aber der Klub vom Kiez ist gar nicht „braun“. Er setzt sich mit „klarer Kante“ gegen alles Rechtsradikale und alle rechten Tendenzen auf dem Platz und mit vielfältigen Aktivitäten auch außerhalb des Stadions ein. Da sind sich beide Vereine – „mein“ VfL und der FC St. Pauli – sehr ähnlich. Und bei Pauli gibt es einen ganz besonderen Menschen unter den Fans: Chris. Ihn haben wir bei unserem letzten Besuch in Hamburg kennengelernt.
Chris und Struppi live
Chris trägt seine Jacke offen, damit das „St.Pauli“ auf seinem schwarzen T-Shirt auch jeder sehen kann. Und er erwähnt seinen Lieblingsverein gleich in den ersten Sätzen, mit denen er sich und seinen Hund Struppi, den er aus einem Tierheim geholt hat, vorstellt, während er sich eine Zigarette dreht. Wir haben uns mit mehreren auf dem weitläufigen Platz vor der öffentlichen Stadtbibliothek neben dem Hamburger Hauptbahnhof mit ihm getroffen. Chris ist Stadtführer, aber einer der besonderen Art. Nachdem auch wir uns alle mit Vornamen vorgestellt und kurz erzählt haben, was wir so machen, nimmt er uns mit auf einen ungewöhnlichen Stadtrundgang.
Chris berichtet uns aus seinem Leben, aus seiner Jugendzeit und wie er plötzlich „auf der Straße“ landete, als Obdachloser. Und wie er aus der schwierigen Situation wieder herausfand. „Solche Menschen werden für gewöhnlich nicht alt“, erzählt er uns wie beiläufig als wir in Richtung des Anlaufzentrums für Süchtige blicken, wo nahezu alle anfangs landen. Die Sucht beginne so banal wie vielfältig mit den einfachsten Handlungen, die sich zunächst kaum merkbar aber stetig steigern würden.
Wir gehen ein Stück und bleiben vor einem Gebäude stehen, das in einem außergewöhnlichen Architekturstil gebaut ist. Das Grundstück hier im Kiez unweit der ersten Anlaufstelle für Drogensüchtige sei seinerzeit für viel Geld an einen Investor verkauft worden, der darauf eben dieses Gebäude errichtete. „Die Wohnungen waren ursprünglich für Studierende“, könnten aber heute nur noch von „sehr gut Betuchten“ bezahlt werden, erzählt uns Chris, um den krassen Kontrast deutlich zu machen, den es wohl nicht nur in Hamburg gibt.
„Dieter, was daddelst du da ständig auf deinem Handy rum?“ raunzt mich unser Stadtführer zwischendurch nicht ohne einen gewissen Charme an. „Ich schreibe nur mit, was du sagst“, erkläre ich ihm. „Na dann …“ entspannt sich seine Miene schnell wieder. Eine gewisse Gelassenheit strahlt Chris auch aus, wenn wir auch mal warten müssen, wenn sein Hund Struppi sich von etwas angezogen fühlt, was für Menschen nicht gleich erkennbar scheint.
Tägliche Fragen wohnungsloser Menschen
„Der kommt gleich schon …“, vertröstet uns Chris und dreht sich eine Zigarette.
Mit klaren Worten erfahren wir, dass Obdachlose sich ständig Gedanken darüber machen müssen, nicht nur um einen Schlafplatz für die Nacht, sondern auch um andere Angelegenheiten, die für uns selbstverständlich sind: Wo finde ich eine Toilette? „Wild Pinkeln“ kostet ein hohes Bußgeld und selten findet man eine Toilette, die kein Geld kostet.
Wo kann ich mich waschen? Wo bekomme ich für kleines Geld etwas zu essen und zu trinken? Die wenige Kleidung muss auch mal gewaschen werden, aber wo? Und wenn man mal einen Arzt benötige, wer bezahlt den? Alles Fragen, die das Leben eines Obdachlosen – in Großstädten wie Hamburg gibt es viele davon – täglich beeinflussen. Und alles dreht sich ums Geld: ein Obdachloser benötige pro Tag ca. 30 € in einer Großstadt wie Hamburg „mit seinen ca. 40.000 Millionären“, schiebt er mit einer gewissen Bitterkeit in der Stimme hinterher.
Manche hätten auch noch einen Hund als einzige „Bezugsperson“ in ihrem Leben, für dessen Verpflegung dann noch zusätzliches Geld benötigt werde. Und klar, man könne in Obdachlosenunterkünften übernachten, aber dann müsse man auch bereit sein, auf ein Minimum an Privatsphäre zu verzichten, berichtet uns Chris aus seinen Erfahrungen. Ein weiteres Hemmnis sei, dass in diesen Obdachlosenunterkünften oder Tageseinrichtungen keine Hunde erlaubt seien.
Vom Münzviertel weiter mit der U-Bahn
Wie zufällig haben wir gerade das sogenannte Münzviertel durchquert, „wo die letzten 10-Pfennigstücke geprägt worden sind“, weiß Chris zu berichten, als wir wieder bei der auch an diesem Sonntag geöffneten Stadtbücherei ankommen, wo eine Toilettenpause eingelegt wird. „Obdachlose, die sich anständig verhalten, dürfen hier sogar rein“, erzählt Chris. Manche von ihnen würden das auch nutzen, um in einem Buch zu lesen.
„Wir fahren jetzt mit der U-Bahn zwei Stationen, dazu braucht ihr ein Deutschland- oder ein Kurzstreckenticket, ansonsten müsst ihr schwarz fahren.“ An der Haltestelle Lohmühlenstraße steigen wir aus und gehen die letzten Hundert Meter zu Hinz & Kunzt, der Anlaufstelle für Obdachlose in der Minenstraße. „Struppi darf hier rein, denn hier sind Hunde erlaubt“, erfahren wir von Chris. In der Einrichtung selbst ist sonst niemand zu sehen. Während wir so langsam im Gebäude eintrudeln, hat Chris schon Kaffee und Teewasser bereitet und teilt auch andere Getränke aus, mit denen wir uns in den Vortragsraum im Untergeschoss begeben, wo zunächst auch Struppi etwas zum „Futtern“ bekommt.

Hinz & Kunzt: die „Abseits“ aus Hamburg
Hinz & Kunzt ist Anfang der 1990er Jahre von Pastor Reimers und Birgit Müller und anderen gegründet worden. Letztere hatte dafür sogar ihre Stelle beim Hamburger Abendblatt aufgegeben und führte H & K zum auflagenstärksten Straßenmagazin Deutschlands. Sie war es auch, die Chris 1995 bei Hinz & Kunzt aufnahm und seinem Leben eine neue Struktur gab. Bis dahin war der gebürtige Ruhrpottler eine Odyssee hinter sich: aufgewachsen in prekären Familienverhältnissen, landete er schnell in kirchlich geführten Heimen und musste unter den dortigen Methoden leiden.
Immerhin hatte er eine Ausbildung zum Dachdecker in einer Firma bei Detmold begonnen, konnte dieser aber nicht abschließen, weil er einen „solchen Bammel hatte“, dass er zur Prüfung nicht antrat – und keiner ihn in seiner Notlage unterstützte. So verlor er Arbeit, gesellschaftlichen Halt und landete „auf der Straße“. Hinzu kam der Alkohol: „ich habe zeitweise mehrere Flaschen Wodka am Tag getrunken“, gesteht er. Irgendwie sei er dann in Hamburg gelandet und traf zu seinem Glück Birgit Müller bei Hinz & Kunzt, die ihm einen neuen Weg aufzeigte, wie sein Leben einen neuen Inhalt bekommen konnte.
„Einen Alkoholentzug habe ich nie gemacht, aber ich habe gelernt, mit Alkohol umzugehen“, beteuert er. Die harten Getränke habe er seitdem weggelassen, nur ab und zu trinke er mal ein oder zwei Bier. Derweil ist Struppi auf den Tisch gehüpft und schlürft aus der Tasse mit Kaffee, aus der zuvor Chris gerade getrunken hat. „Das kommt schon mal vor“, reagiert er mit einem Lächeln in die Runde. Er habe jetzt auch eine kleine eigene Mietwohnung und damit einen weiteren Ankerpunkt in seinem Leben. Auch mit Schicksalsschlägen umzugehen habe er gelernt: als seine Freundin vor zwanzig Jahren plötzlich an Krebs verstarb, hat er bei den Menschen von Hinz & Kunzt Halt gefunden, erzählt er ohne eine Emotion zu zeigen … äußerlich.
Auch sein Lieblingsverein spielt eine wichtige Rolle in seinem Leben: Hinz & Kunzt haben engen Kontakt mit den Verantwortlichen des FC St. Pauli. „Die unterstützen uns bei vielen Projekten. Und da wir ein Ticketkontingent vom Verein bekommen haben, können manche die Spiele auch im Stadion live verfolgen, ich bin da auch öfter“, erzählt er mit einem Schmunzeln.
Vom richtigen und würdigen Kaufen
Zum Abschluss gibt es noch einen Werbeblock für die Zeitschriften von „Hinz & Kunzt“. Er hält ein Exemplar hoch und reicht auch anderes Lesematerial aus der H & K-Redaktion herum. In Hamburg würden inzwischen über 500 obdachlose und arme Menschen das Straßenmagazin im Auftrag von Hinz & Kunzt verkaufen. Damit sei es Hamburgs größtes Beschäftigungsprojekt. „Habt ihr sowas auch in Osnabrück?“ fragt er mich. „Ja klar, ABSEITS heißt die Zeitung, die es bei uns gibt“, bestätige ich ihm. Einen ganz wichtigen Tipp, den er schon auf dem Stadtrundgang mehrfach mit einer Randbemerkung hat einfließen lassen, gibt er uns mit auf den Heimweg:
„Wenn ihr einen Obdachlosen seht, der eine Zeitung anbietet, gebt ihm nicht nur das Geld (oder etwas mehr) für die Zeitung, sondern nehmt ihm auch die Zeitung ab. Damit lasst ihr ihm seine Würde!“ Mehr zur Zeitung und deren Hintergründen gibt es online.
Mein Fazit: dieser Stadtrundgang war eine ganz besonders eindrucksvolle Erfahrung. Eine Begegnung und das Gespräch mit Menschen wie Chris ist jede/m zu empfehlen, denn man merkt ganz schnell, dass manche „Probleme“, mit denen wir uns rumärgern, eigentlich gar keine sind!













