Teil 23 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: Karl Unfug (1906–1993)

„Strammer Nazi“ inmitten der Osnabrücker Stadtverwaltung

„Bei der Stadtverwaltung hat jemand gearbeitet, der nach dem Krieg seinen Namen geändert hat. Trotzdem wurde er von vielen, die mit ihm zu tun hatten, wiedererkannt: als ehemals strammer Nazi.“ Als ich den 1970er Jahren im Rahmen meiner Ausbildung bei der Stadt Osnabrück auch in der Abteilung für Kriegsopferfürsorge, die sich seinerzeit noch in der Arndtstraße befand, eingesetzt wurde, gab es diese Person dort schon nicht mehr. Dennoch machte diese Geschichte noch in den 1990er Jahren unter den Kolleg:innen bei der Stadt Osnabrück die Runde …

Um den es geht, ist Karl (Leonhard Michael Wilhelm) Unfug. Er wurde am 14. Februar 1906 in Reinickendorf geboren, damals noch ein Vorort von Berlin. Seine Eltern waren der Ingenieur Michael Unfug und seine Frau Helene, geborene Kottke, beide evangelisch. Am 22. Juli 1908 wurde in Reinickendorf der zweite Sohn Georg geboren und am 6. Juli 1910 die Schwester Marie. Weitere Kinder der Familie sind nicht bekannt. Die Familie wohnte bis Oktober 1909 in Reinickendorf, Hoppestr. 19 und danach für ein paar Jahre in Bruchsal in Baden, bevor sie 1912 nach Osnabrück kamen. Karl Unfug besuchte dort bis 1915 die Mittelschule und anschließend das Ratsgymnasium. Ab dem 1. April 1924 hatte er eine Anstellung bei der Stadt Osnabrück und wurde 1927 zum Stadtsekretär ernannt.

Während die Eltern 1926 weiterzogen nach Braunschweig blieb Karl Unfug in Osnabrück. Im Jahre 1929 wurde von Unfug, der zu dieser Zeit in der Teutoburger Str. 39 wohnte, wegen seiner Tätigkeit im Staatsdienst (bei der Stadt Osnabrück) offenbar verlangt, dass er die preußische Staatsangehörigkeit erlangte, indem er „die Aufnahme in den preußischen Untertanen-Verband“ beantragte. Bis dahin besaß er aufgrund der Abstammung seiner Eltern, die ursprünglich aus dem Bayrischen kamen, die bayrische Staatsangehörigkeit. Dem Antrag wurde durch Überreichung der Aufnahmeurkunde am 20. Juli 1929 stattgegeben. Danach konnte Unfug die Beamtenfachschule in Hannover besuchen und legte dort 1930 erfolgreich die Inspektorenprüfung ab. Ein Studium an der Westfälischen Wilhelm-Universität in Münster, das er mit Einwilligung des Magistrats nebenberuflich absolvierte, schloss er im Juli 1931 mit dem Sozialdiplom ab.

In einer Familienanzeige in den Neuesten Westfälischen Nachrichten vom 16. März 1934 wurde die Verlobung von Karl Unfug mit Gertrud Averbeck bekanntgegeben, die er kurze Zeit später, am 29. September desselben Jahres in Osnabrück heiratete. Das Ehepaar bezog eine städtische Mietwohnung im Hause Rehmstr. 30.


Werdegang in der NS-Zeit

Karl Unfug wurde am 1. Oktober 1932 unter der Mitgliedsnummer 1.365.418 in die NSDAP aufgenommen. 1933 ist er in die SA eingetreten und war Mitglied der Standarte 78. Auch in anderen NS-Organisationen ist er aktiv gewesen.

Karte der NSDAP-Mitgliederkartei für Karl Unfug Foto. National Archives

Von 1940 bis Kriegsende 1945 war Unfug als Soldat bei der Wehrmacht, wo er als Schreiber verschiedener Kompanien eingesetzt war. Bemerkenswert ist ein Schreiben, das er im Februar 1945 von der Südfront an Osnabrücks Oberbürgermeister Dr. Gaertner schickte. Darin teilte er diesem mit, dass am 21. Januar sein dritter Sohn geboren war und er um die Bewilligung einer Kinderzulage und um eine Neuberechnung seiner Lohnsteuer bat. Er und seine Männer würden sich in einem Frontabschnitt befinden, wo es „z. Zt. merkwürdig ruhig“ sei und ihnen nur wenige Granatsplitter „um die Ohren fliegen würden. Sein kurzes Schreiben endet mit herzlichen Grüßen an „alle Arbeitskameraden und die Heimat! Heil Hitler!“ und dem Schlusssatz „Deutschland wird bestehen, wenn alle freudig die Waffen ergreifen.“

Unfug wird offenbar gegen Kriegsende verwundet und gerät in amerikanische Gefangenschaft. Anfang 1946 wird er auf eigenen Wunsch aus dem Lazarett der amerikanischen Armee in Bayern entlassen und kommt Mitte Januar 1946 vorübergehend in Neuenkirchen im Kreis Melle unter, wohin seine Familie wegen der Bombardierung Osnabrücks in den letzten Kriegsmonaten evakuiert worden war.


Nach Kriegsende

Am 21. August 1945 wendet sich ein Georg Michalski aus Melle an den von der britischen Militärregierung nach der Entlassung Dr. Gaertners eingesetzten Oberbürgermeister von Osnabrück. Er habe Ende der 1920er Jahre als Kriegsinvalide beim Nationaltheater in Osnabrück eine leichte Beschäftigung als Ankleider erhalten, damit er seine sehr niedrige Invalidenrente ein wenig aufbessern konnte.

Nach mehrjähriger Tätigkeit dort wurde ich etwa im Jahre 1935 auf Verlangen des damals allgewaltigen städtischen Beamten Herrn Unfug plötzlich ohne Angaben von Gründen fristlos entlassen. Da ich den Grund hierfür wissen wollte, bemühte ich mich um Aufklärung. Kurz und bündig erhielt ich von Herrn Unfug den Bescheid: „Wegen politischer Unzuverlässigkeit“.

Das Theater selbst habe ihn gern behalten wollen, „aber vor Unfug hatten sie alle Angst.“ Er beschreibt weiter, dass Unfug für seine Stelle einen Nationalsozialisten vorgesehen habe. Später sei er dann doch wieder eingestellt worden. Am Schluss seines Briefes fragt er, „ob dieser Herr Unfug noch in städtischen Diensten ist, wenn ja, ob sie gewillt sind, gegen diesen, vielleicht mit Hilfe des neuen Bürgerausschusses etwas zu unternehmen.“

Wenn dieser Mann nicht mehr in städtischen Diensten sei, bitte er um Mitteilung, „damit ich keine unnützen Handlungen mehr machen brauche.“


„Stets das Beste für mein Volk“

Karl Unfug selbst meldet sich mit einem Schreiben bei der Stadt Osnabrück, das dort am 1. März 1946 eingeht, allerdings mit einer anderen Intention: „Hiermit melde ich mich als Berufsbeamter der Stadt Osnabrück zum Dienst zurück“ heißt es darin. Er könne versuchsweise schon kurzfristig wieder seinen Dienst aufnehmen. Recht forsch fordert er zudem die „Auszahlung meines Gehaltes für die vergangenen Monate.“

Bei der Stadt Osnabrück nimmt man diese Ankündigung mit Verwunderung zur Kenntnis, denn Unfug sei mit Schreiben vom 23. Mai 1945 mitgeteilt worden, dass er „auf Anordnung der Militärregierung als ehemaliger aktiver Nationalsozialist aus dem Dienst entlassen“ worden sei. Er könne aber die Überprüfung seiner Entlassung beantragen, was Unfug umgehend macht.

In zwei ausführlich formulierten Schreiben begründet Unfug die Berechtigung seines Wunsches auf Wiedereinstellung gegenüber der Stadt. Er stellt fest, „dass ich als Deutscher, als deutscher Beamter wie als ehemaliger deutscher Soldat mit reinen Händen stets das Beste für den Staat, für mein Volk und alle Mitmenschen erstrebte, mithin das tat, was jeder anständige Bürger jeder anderen Nation nicht nur für sich in Anspruch nimmt, sondern was auch von ihm gefordert wird …“

Auch für seine Mitgliedschaft in der NSDAP hat er eine plausible Erklärung parat: „Als ich in die frühere NSDAP eintrat, war sie eine legale Partei im Sinne der Weimarer Reichsverfassung.“ Außerdem sei von der preußischen Staatsregierung „den Beamten bereits offiziell erlaubt [worden], Mitglied dieser Partei zu werden“, führt er zur weiteren Legitimation seiner NSDAP-Mitgliedschaft aus. „Ich habe als Beamter niemand wegen seiner politischen Gesinnung, Religionszugehörigkeit oder Rasse bevorzugt oder benachteiligt“, sieht er sich „als politisch minder belastet“. Daher verpflichte er sich, „als lebenserfahrener Mann, der nach wie vor sich im Dienste an seinen Mitbürgern verzehren möchte“, sich im Falle einer Wiedereinstellung sein „Amt streng nach den Weisungen der Militärregierung und im Geiste einer freien Demokratie nach den jetzt bestehenden Gesetzen zum Wohle meiner Mitmenschen auszuüben, wie ich es seit dem Jahre 1924 gewohnt bin.“ Die nahezu pathetischen Ausführungen Unfugs bleiben jedoch ohne Erfolg. Stattdessen muss er den umfangreichen Fragebogen der Militärregierung für das Entnazifizierungsverfahren ausfüllen.


Entnazifizierungsverfahren

Erste Seite des Fragebogens

Nach den Feststellungen der Militärregierung habe er als „Blockwalter“ gewirkt. 1933 war er in die SA eingetreten und habe den Rang eines Sturmführers bekleidet. Im Reichsbund der deutschen Beamten sei er stellvertretender Kreiswalter gewesen. Im Deutschen Roten Kreuz war er Hauptführer und Kreisgemeinschaftsleiter. Aus der Kirche sei er als Parteiangehöriger 1938 ausgetreten. Für den Entnazifizierungshauptausschuss gehe aus alle dem eindeutig hervor, „dass es sich bei Unfug um ein besonders aktives Mitglied der NSDAP handelte“.

Die Entscheidung des Entnazifizierungsausschusses im schriftlichen Verfahren vom 5. Dezember 1946 lautet folglich: „Unfug ist auf Grund seiner ganzen Einstellung als scharfer Nazi zu betrachten. Wiedereinstellung untragbar [handschriftlich eingefügt]. Für Stufe III“.

Gegen diese Einstufung geht Unfug in die Berufung. Zum einen sieht er sich gegenüber anderen Ex-Kollegen benachteiligt, die ebenfalls Mitglied der NSDAP gewesen seien, aber weitgehend unbehelligt ihre Arbeitsstelle bei der Stadtverwaltung nach Kriegsende wiederbekommen hätten.  Außerdem führt er an, dass er in seiner Position bei der Stadtverwaltung nicht befugt gewesen sei, irgendwelche Personalentscheidungen zu treffen. Er versucht dies mit eidesstattlichen Erklärungen des ehemaligen Oberbürgermeisters Dr. Gaertner und anderen ehemaligen Führungskräften sowie Ex-Kolleg:innen zu belegen. Darüber hinaus legt er eine Reihe von Leumundsbezeugungen aus seinem sozialen Umfeld in Neuenkirchen / Melle vor.

Im Zuge des Berufungsverfahrens werden auch von Seiten des „Öffentlichen Klägers“ weitere neue Aspekte angeführt. Anlass ist zunächst ein Hinweis im November 1948, dass Unfug im Wahlvorschlag der CDU für die Gemeinde Neuenkirchen vorgeschlagen sei. Außerdem hätten sich bei der Beweisaufnahme durch weitere Zeugen neue Erkenntnisse ergeben.


Entlastungszeugen

Oberbürgermeister a. D. Dr. Gaertner hebt in seiner schriftlichen Erklärung das hohe Engagement Unfugs hervor, der „viele Jahre zu den unbedingt zuverlässigen und unantastbaren Beamten der Stadtverwaltung“ gehört habe. „seine Zugehörigkeit zur NSDAP war dabei ohne Bedeutung“, hebt Dr. Gaertner besonders hervor. Zahlreiche Ex-Kolleg:innen bestätigen, dass Unfug keinerlei personalrechtliche Entscheidungen treffen konnte. Im Umgang mit dem Publikum und den Kolleg:innen habe sich Unfug stets freundlich und kooperativ verhalten.

Sein Rechtsanwalt, den Unfug inzwischen beauftragt hatte, seine Interessen mit wahrzunehmen, hob noch einmal hervor, dass Unfugs „Beitritt zur Partei im Jahre 1932, also wenige Monate vor der Machtübernahme […] aus ideellen Gründen“ erfolgte: „Unfug glaubte an die von der Partei propagierten Ziele, insbesondere soweit sie eine soziale Besserstellung der Bevölkerung zum Gegenstand hatte.“ Unfug selbst betont in einer Einlassung seine Einstellung als „überzeugter Sozialist […] wie ihn christliche Kreise innerhalb der SPD […] vertreten“ und geht sogar noch weiter, indem er behauptet:

Da ich immer wieder für die Verwirklichung der Sozialistischen Programmpunkte eingetreten bin und daher auch immer im inneren Gegensatz zum Militarismus und Kadavergehorsam, besonders nach meiner militärischen Ausbildung im Sommer 1939, gestanden habe, war ich in der früheren politischen Führung und den militärischen Vorgesetzten ein unbequemer Untergebener und bin daher in meiner beruflichen und militärischen [Karriere] dauernd benachteiligt worden.


Zeugen der „Anklage“

Eine Zeugin, die seit 1933 unter Unfug in der Abteilung für Kriegs- und Hinterbliebenenfürsorge tätig war, berichtet über viele Fälle, „in denen Unfug Fürsorgearbeiter, die aktive Nationalsozialisten waren, im Rahmen der Stadtverwaltung einsetzte, um sie dann später in führende Verwaltungsstellen zu bringen.“

Einem Zeugen, der als Ermittler beim Wohlfahrtsamt der Stadt tätig war, sei von Unfug ohne Angabe von Gründen wenige Tage vor dem 30. Juni 1933 zu dem genannten Zeitpunkt entlassen und das Betreten der Diensträume verboten worden mit den Worten: „Falls ich Sie hier nochmals antreffe, werde ich Sie über den Haufen schießen.“ Diese und weitere Zeugen haben bestätigt, dass Unfug sehr oft in Uniform zum Dienst erschienen sei und „fast mehr Zeit auf der Kreisleitung zugebracht habe als im Amt.“

Ein Dokument aus den Papieren der NS-Kreisleitung, die dem verstorbenen Historiker Dr. Volker Issmer in Kopie vorgelegen haben, scheint offensichtlich im Entnazifizierungsverfahren Unfugs nicht bekannt gewesen sein. Es handelt sich um ein Schreiben der SA-Standarte 78, das von Karl Unfug als „Fürsorgereferent der Standarte 78“ unterschrieben und an das Kreispersonalamt zu Händen von Obersturmbannführer Heidt gerichtet ist. Daraus geht hervor, dass die NSDAP dem Oberbürgermeister Dr. Gaertner bereits die „Parteigenossen Hesse, Hebestreit, Hörr, v.d.Heiden, Alfred Tiemann und Wachsmann“ für die Ernennung zu Beamten „vorgeschlagen“ habe. Nun „wären noch die Parteigenossen Adolf Wächter, Hömmen, Debusson, Schwarzmann und Schwammborn, die vor September 1930 den Eintritt in die Partei erklärt haben und deswegen für die Übernahme in das Beamtenverhältnis in Vorschlag zu bringen.“

Hätten die Mitglieder des Entnazifizierungs-Hauptausschusses davon Kenntnis gehabt, dass Unfug, wie dieses Schreiben belegt, sehr wohl Einfluss auf die Bevorzugung von NSDAP-Mitgliedern bei der Vergabe von Stellen in der Stadtverwaltung genommen hätte, wäre die Entscheidung womöglich anders ausgefallen.

Schreiben der SA-Standarte 78 an das Kreispersonalamt, das von Karl Unfug als „Fürsorgereferent der Standarte 78“ unterschrieben ist Foto. Repro Przygode

Der bei seiner Vernehmung 62-jährige Zeuge Theodor Aulfes berichtet über einen besonderen Vorfall, den er mit Unfug erlebt habe. Danach habe er für seine Frau die Kleiderkarte abholen wollen und Unfug hat ihm in krasser Form entgegengehalten: Juden und Ausländer bekämen keine Kleiderkarten. Frieda Aulfes, die Frau des Zeugen, war Jüdin, während ihr Ehemann Theodor katholisch war. Weil der Ehemann es ablehnte, sich von seiner „nicht-arischen“ Ehefrau zu trennen, wurde das Ehepaar fortan von der Gestapo überwacht und mehrfach verhört.

Theodor Aulfes wurde 1944 zunächst im Arbeitserziehungslager Ohrbeck inhaftiert und anschließend zur Zwangsarbeit bei den Teutowerken am Limberg „dienstverpflichtet“. Seine Frau Frieda, die als Jüdin den stigmatisierenden Zusatznamen „Sara“ tragen musste, war ebenfalls zu einem „geschlossenen Arbeitseinsatz“, wie die Zwangsarbeit im Amtsdeutsch umschrieben wurde, vorgesehen. Aufgrund erheblicher gesundheitlicher Probleme war sie allerdings „nicht arbeitsfähig“, was sie vor der schweren körperlichen Zwangsarbeit bewahrte.

Am 7. April 1949 hat der „Spruchausschuss des Entnazifizierungshauptausschusses für besondere Berufsgruppe – Osnabrück“ unter Vorsitz von Hermann Hettlich festgestellt, „dass Karl Unfug den Nationalsozialismus unterstützt hat. – Kategorie IV – Die Wählbarkeit wird Unfug abgesprochen. Unfug darf 5 Jahre nicht befördert werden.“

Gründe:

Der Betroffene war seit Oktober 1932 Mitglied der Partei, in der er zeitweise als Blockleiter eingesetzt wurde. In der SA, in der er seit 6.2.33 Mitglied war, wurde er bis zum Sturmführrer eines Sanitäts-Sturms befördert. Der Betroffene war überzeugter Nationalsozialist, das besagt seine Tätigkeit in der Partei, sein Einsatz in der SA sowie sein Kirchenaustritt. Wie die Verhandlung ergab, hat er seine nationalsozialistischen Ideen in seiner Stellung beim Wohlfahrtsamt auswirken lassen. Es gilt als erwiesen, dass er bei Einstellungen Parteigenossen bevorzugte. Dass er Einstellungen selbständig vorgenommen hat, wurde durch Zeugenaussagen bestätigt. […]

Er wurde sehr oft auch im Dienst in Parteiuniform gesehen, und da der Betroffene selbst angibt, diese nur bei dienstlichen Anlässen getragen zu haben, muss angenommen werden, dass er sich sehr aktiv für die Belange der Partei ins Werk setzte. Die Belastungen, die die Verhandlung ergab, gaben dem Ausschuss Veranlassung, ihn als Unterstützer des Nationalsozialismus zu bezeichnen. Dem Antrag des Öffentlichen Klägers auf Einstufung in Kategorie III konnte nicht entsprochen werden. Eine wesentliche Förderung nach unseren Rechtsgrundsätzen hat nicht vorgelegen. Da der Betroffene aber bereits versuchte, sich wieder in das politische Leben einzuschalten, musste auf Absprechung der Wählbarkeit erkannt werden. Da er ferner sein Amt bei der Stadtverwaltung zu Gunsten einer Parteirichtung ausgenutzt hat, wurde auf eine Beförderungssperre von 5 Jahren erkannt.

Entnazifizierungs-Entscheidung Unfug im mündlichen Verfahren Foto: Nds Landesarchiv Osnabrück

Am 10. Januar 1952 werden aufgrund von Änderungen der Rechtsvorschriften und Abschluss der Entnazifizierungsverfahren die Beschränkungen aufgehoben und Unfug lediglich als „Unterstützer des Nationalsozialismus“ eingestuft.


Vergangenheitsbewältigung durch Namensänderung?

„Aufgrund der Verfügung des Regierungspräsidenten in Aurich wird vermerkt, dass das nebenbezeichnete Kind mit Wirkung vom 2. September 1953 an Stelle des bisherigen Familiennamens „Unfug“ den Familiennamen „Freymann“ führt.“ Das ist die ergänzende Notiz, die in der Geburtsurkunde von Georg Unfug, dem Bruder Karl Unfugs, nachgetragen wurde, der zu dieser Zeit in Norden / Ostfriesland als Lehrer lebte. Nicht nur dessen Familie heißt ab jenem Zeitpunkt „Freymann“, sondern auch Karl Unfugs Familie ist seitdem in Melderegistern und Adressbüchern unter dem Namen „Freymann“ geführt.  Was mit dieser Namensänderung bezweckt werden sollte, ist nicht bekannt.

Hingegen hat der Vater der beiden offensichtlich seinen Namen beibehalten: er ist nach seinem Tod 1965 als Michael Unfug auf dem Neuen Friedhof in Norden bestattet worden.

Dass die Namensänderung die „braune“ Vergangenheit nicht verdecken konnte, bestätigten ältere Kollegen der Stadtverwaltung in Osnabrück: immer wieder sei es vorgekommen, dass Karl Freymann im Dienst als der „stramme Nazi Karl Unfug“ wiedererkannt worden sei.


Grab auf dem Heger Friedhof

Grabstein für Karl Freymann (Unfug), seine Frau Gertrud und deren Sohn Hans auf dem Heger Friedhof

Nach dem Tod seiner Frau Gertrud im März 1989 zog Karl Freymann (Unfug) noch im September 1989 in das Alten- und Pflegeheim Haus am Bürgerpark. Dort starb er am 25. Juni 1993. Beerdigt wurde er auf dem Heger Friedhof. Die Grabstelle befindet sich – nur durch einen Zaun getrennt – neben den unmittelbar angrenzenden Gräberreihen des dortigen Jüdischen Friedhofs.

Karl Unfug (oder Freymann, wie er sich später nannte) war keine herausragende Führerfigur des Nationalsozialismus. Aber er hat, wie viele seiner Parteigenossen, als linientreuer NS-Funktionär dazu beigetragen, das NS-System zu stärken und zu stützen, indem er an exponierter Stelle in der öffentlichen Verwaltung die elementaren Vorgaben der menschenverachtenden NS-Ideologie ohne Skrupel ausgeführt und angewendet hat.

Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises


Redaktioneller Hinweis

Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.

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