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Freitag, 2. Januar 2026

Teil 10 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: Kurt Gosdek (1923-2022)

Massaker in Babyn Jar – „nur das Schießen ist eine ahndungswürdige Tat“

Seinen Ruhestand als Pensionär hat Kurt Gosdek in Georgsmarienhütte genossen und ist im  Januar 2022 verstorben. Damit hat Gosdek die russische Invasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 knapp verpasst. Vielleicht hätte er sich ansonsten daran erinnert, dass er bereits mit 18 Jahren an einem Massaker in der Nähe von Kiew beteiligt gewesen war. Als Mitglied der Waffen-SS war er beim Massenmord an jüdischen Männern, Frauen und Kindern in Babyn Jar dabei.

Kurt Wilhelm Gosdek wurde, wie in der Entnazifizierungsakte im Niedersächsischen Landesarchiv nachzulesen, am 10. Mai 1923 in Gelsenkirchen-Buer/Resse geboren, hat die ev. Volksschule von 1929 bis 1937 besucht und von 1938 bis 1940 im Kreis Herford Schlosser gelernt. Vor dem Krieg hat er in Herten (Westfalen) gewohnt und hat sich bereits 1937 der HJ (Hitler-Jugend) angeschlossen. Ab 1940 bis 1945 war er Mitglied der Waffen-SS, wo er bis zum Unterscharführer befördert wurde und die Wintermedaille und das Eiserne Kreuz II erhalten hat.

Nach den Massenmorden sucht ein Wehrmachtssoldat unter den Kleidungsstücken der Ermordeten nach „Verwertbarem“. Foto: Johannes Hähle/Hamburger Institut für Sozialforschung

Er soll sich am 29. und 30. September 1941 im Alter von gerade einmal 18 Jahren am Massaker von Babyn Jar bei Kiew beteiligt haben, als die Wehrmacht dort einfiel und in Zusammenarbeit mit der SS alle Juden der Stadt ermordete.

Laut einem Augenzeugen lief der Massenmord wie folgt ab: „Die Juden mussten sich mit dem Gesicht zur Erde an die Muldenwände hinlegen. In der Mulde befanden sich drei Gruppen mit Schützen, mit insgesamt etwa 12 Schützen; gleichzeitig sind diesen Erschießungsgruppen von oben her laufend Juden zugeführt worden. Die nachfolgenden Juden mussten sich auf die Leichen der zuvor erschossenen Juden legen. Die Schützen standen jeweils hinter den Juden und haben diese mit Genickschüssen getötet.“

Der Zeuge weiter: „Mir ist heute noch in Erinnerung, in welches Entsetzen die Juden kamen, die oben am Grubenrand zum ersten Mal auf die Leichen in der Grube hinunterblicken konnten. Viele Juden haben vor Schreck laut aufgeschrien. Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Nervenkraft es kostete, da unten diese schmutzige Tätigkeit auszuführen. Es war grauenhaft … “.

Heutiges Mahnmal für die ermordeten Kinder. Foto: Uni Gießen


Erschossene Kinder und Säuglinge lagen wie Puppen in der Grube herum

Das Blut stand knöcheltief in der Grube, aus geborstenen Schädeln quoll Gehirnmasse, erschossene Kinder und Säuglinge lagen wie Puppen herum. Abends gab es Schnaps für die Mörder.

Schießen, Laden, Pause. Schießen, Laden, Pause. So ging das 48 Stunden lang, bis nach den Feststellungen des Landgerichts Darmstadts, das 1968 sieben ehemalige Täter zu Haftstrafen verurteilte, 33.771 „jüdische Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien, vom jüngsten Säugling bis zum ältesten Greis“ ermordet waren.


Einsatzgruppe C ermordete bis Ende 1941 insgesamt ca. 95.000 Menschen

Die Einsatzgruppen waren Mordkommandos, die vor der Errichtung der Vernichtungslager und Todesfabriken, den Holocaust einleiteten. Die Einsatzgruppe C bestand aus 700 Männern, die in motorisierten Unterkommandos ein großes Gebiet durchkämmten. Sie ermordeten bereits zwischen Mitte 1939 und 1941 besonders die jüdische Bevölkerung, aber auch Sinti und Roma, Behinderte und vermeintliche oder tatsächliche bolschewistische Kommunisten und Kommunistinnen. Die Einsatzgruppe C ermordete bis Ende 1941 insgesamt ca. 95.000 Menschen.


ARD-Magazin „Kontraste“ stöberte Gosdek im Jahre 2017 in Georgsmarienhütte auf

Im Jahre 2017 stöberten Reporter des ARD-Magazins „Kontraste“ zwei noch lebende Helfer auf. Sie besuchten die ehemaligen Waffen-SS-Mitglieder Herbert Wahler und Kurt Gosdek und befragten beide zu Babyn Jar. Beide Männer gehörten der SS-Einsatzgruppe 4a an. Deren Chef, Paul Blobel, wurde 1951 in Landsberg hingerichtet.

Anschließend konfrontierten die Reporter die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg, die sich um NS-Verbrechen kümmert, mit ihren Recherchen. Denn während die gesund wirkenden alten Männer sich nicht erinnern wollten oder alles abstritten, sind die Ermittler den letzten Tätern sehr wohl auf der Spur. Bereits im September 2014 übergab der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, Efraim Zuroff, der Zentralen Stelle eine Liste mit NS-Verbrechern.

Auf diesem Dokument waren Mitglieder der sogenannten Einsatzgruppen verzeichnet, den mobilen Mordkommandos der SS, die im Hinterland der Front Jagd auf Juden machten. Diese Männer – häufig ganz normale Polizisten, die in Reservepolizeibataillonen dienten – ermordeten zwischen 1,3 und 1,4 Millionen Menschen, ähnlich viele, wie allein in Auschwitz in die Gaskammern geschickt worden sind. Auch dabei: die beiden Teilnehmer der Massenhinrichtung von Babyn Jar, Gosdek und Wahler. Doch ihnen geschah nichts … angeblich wegen der „dünnen Personaldecke“ in der zuständigen Behörde, die eben keine umfassenden Ermittlungen im gebotenen Umfang erlauben würde.

Paul Wilhelm Hermann Blobel (1894 -1951): verurteilter Kriegsverbrecher und SS-Offizier, der unter anderem das Massaker von Babyn Jar leitete. Nach dem Krieg wurde er 1948 im Einsatzgruppen-Prozess in Nürnberg zum Tode durch den Strang verurteilt und 1951 hingerichtet. Foto: US Army Signal Corps – available from National Archives


Gosdek suggerierte „nur das Schießen ist eine ahndungswürdige Tat“

Gosdek gab gegenüber den Journalisten an, im Werkstattdienst tätig gewesen zu sein: „Man hatte nur den  Arbeitseinsatz gehabt. Nicht das Schießen.“ Gosdek bestritt, vom Morden etwas mitbekommen zu haben, und suggerierte, nur das Schießen sei eine ahndungswürdige Tat.


Monatliche Rente für SS-Dienst

Die Rechtsprechung sieht dies jedoch inzwischen in der Regel anders. Und die Schutzbehauptung „von nichts gewusst“ ist von Historiker und Historikerinnen zurückgewiesen worden, da alle Mitglieder der Einheiten an den Mordaktionen beteiligt waren. Die Unterlagen zu seiner Einheit, die möglicherweise konkrete Beweise hätten liefern können, habe er kürzlich vernichtet, weil sich keiner dafür interessiert habe, so die Behauptungen des Pensionärs Gosdek, der für seinen SS-Dienst seinerzeit immer noch eine monatliche Rente erhielt.

Das Sonderkommando 4a, das zur Einsatzgruppe C gehörte, führte die Praxis des Mordens übrigens fort und nutzte die erworbene „Expertise“ später im Rahmen von Terror- und „Sühnemaßnahmen“ auch gegen die nichtjüdische Bevölkerung. Unter dem Kommando des SS-Sturmbannführers Theodor Christensen ermordeten SS-Mitglieder zusammen mit ungarischen Besatzungstruppen sowie ukrainischen Schutzmannschaften am 1. März 1943 zwischen 1.500 und 7.000 Menschen in der Kleinstadt Korjukiwka, in der heutigen Nordukraine. Sie brannten die Stadt und mehrere benachbarte Dörfer nieder. Ähnlich war Christensens Einheit bereits seit November 1942 in 18 Dörfern und Kleinstädten vorgegangen.


Nach dem Krieg bei Georgmarienhütte AG gearbeitet und Gründungsmitglied des SoVD

Gosdek hat übrigens nach dem Krieg als Schlosser und Heizungsmonteur in Herten, Recklinghausen und ab 1948 in Georgsmarienhütte und Osnabrück sein Geld verdient, bevor er ab dem 17. August 1948  bei der Georgsmarienhütte AG beschäftigt war. Seinen Ruhestand als Pensionär hat er  im beschaulichen Georgsmarienhütte  genossen. Hier gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Sozialverbands Deutschland (SoVD) und wurde 2007 für sein 60-jähriges Vereinsjubiläum geehrt. Gosdek war verheiratet und hatte 2 Kinder.

Ein Ermittlungsverfahren gegen Gosdek wurde Ende Dezember 2018 von der Staatsanwaltschaft Celle, an die  die  Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen  ihr Vorermittlungsverfahren gegen Kurt Gosdek am 1. Februar 2018 abgegeben hatte,  mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt.


„Großvater hat nichts von Verbrechen an oder hinter der Front erfahren“

Bemerkenswerterweise führte die Staatsanwaltschaft Celle in ihrer Begründung zur Einstellung zudem eine Aussage des Enkels Gosdeks an. Dieser habe der Zentralen Stelle mitgeteilt, „sein Großvater habe auch im privaten Umfeld stets betont, nichts von Verbrechen an oder hinter der Front erfahren zu haben“. Warum die beliebteste aller Legenden, man habe nichts gewusst, dem eigenen Enkel aufgetischt, die Einstellung eines Ermittlungsverfahrens mitbegründen soll, ist nicht ersichtlich.

Gosdek verstarb am 10. Januar 2022.


Ausgewählte Quellen:

Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises

 

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