SS-Bestie und Todesschütze von Esterwegen
Als Rapportführer, Blockleiter bzw. Angehöriger der Wachmannschaften, der sowohl in Esterwegen als auch in den Konzentrationslagern Dachau, Neuengamme sowie Groß-Rosen tätig war, erlangte der junge Nationalsozialist, der aus Wellingholzhausen im Landkreis Osnabrück stammte, in den Lagern mit seinen berühmt-berüchtigten Taten den Ruf als kaltblütiger Sadist, „SS-Bestie und Todesschütze von Esterwegen“, was folgerichtig letztlich zur Hinrichtung in Hameln durch den meistbeschäftigten Henker des Vereinigten Königsreichs führte.
Lütkemeyer wurde am 17. Juni 1911 in Wellingholzhausen (bei Melle, Landkreis Osnabrück) als Sohn eines Tischlermeisters geboren, erlernte auch das Tischlerhandwerk und trat bereits mit fast 22 Jahren am 01. Mai 1933 der NSDAP (Mitgliedsnummer 1.598.919) und 1934 der SS bei (SS-Nummer 270.485).
Ab 1934 war er Angehöriger der Wachmannschaft des KZ Esterwegen (Landkreis Emsland), was neben dem KZ Dachau auch Ausbildungslager für den KZ-Dienst war bzw. ab dem 1. Juni 1936 Angehöriger der Wachmannschaft des KZ Dachau, wo er als Rapportführer für die täglichen Zählappelle und Strafrapporte verantwortlich war.

Im KZ Dachau polnische Häftlinge mit Peitsche geschlagen
Nach Aussage von Lütkemeyer in britischer Haft in Minden am 4. November 1946: „Ich erinnere, dass gegen das Ende des Jahres 1939 die ersten Transporte von Polen ich Dachau ankamen. Ich war damals Spieß/Rapportführer. Ich erinnere mich besonders an einen Transport von Polen, die in das Lager zur Exekution gebracht wurden. Soweit ich mich entsinne, wurden diese Polen jedoch nicht exekutiert. Die Polen, die mit diesem und auch mit anderen Transporten nach Dachau kamen, wurden in besonderen Baracken untergebracht, um erstens zu verhindern, dass sie mit den anderen Gefangenen in Berührung kamen, und zweitens, weil ihr sanitärer Zustand sehr schlecht war. Ich gebe zu, dass ich einige dieser Gefangenen mit meiner Peitsche geschlagen habe, ich habe jedoch nie einen Häftling blutig oder gar zu Tode geschlagen.“
Heirat mit 17-jähriger Tochter eines SS-Oberscharführers
1939 heiratete er, nach Antrag und Genehmigung beim SS-Rasse- und Siedlungshauptamt, die 17-jährige Helene H., die Tochter eines SS-Oberscharführers, 1940 und 1943 wurden zwei Söhne geboren. Mit dieser Eheschließung entsprach Lütkemeyer dem Ideal einer Heirat innerhalb der SS-Sippengemeinschaft.

„Todesschütze von Esterwegen“
Als Blockführer war Lütkemeyer 1936 unter den Häftlingen als „Todesschütze von Esterwegen“ bekannt. Im Zuge des Aufbaus des KZ Neuengamme gelangte Lütkemeyer im April 1940, in Begleitung des künftigen Lagerkommandanten Martin Gottfried Weiß, nach Hamburg-Neuengamme.
Das KZ Neuengamme wurde 1938 zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen errichtet und bis 1940 zu einem selbständigen Lager ausgebaut. Das Lager Neuengamme hatte mindestens 86 Außenlager, die sich bis an die dänische Grenze erstreckten. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit für die auf dem Gelände befindliche Ziegelei der Schutzstaffel (SS) in der Rüstungsindustrie und beim Bau militärischer Anlagen (Friesenwall) leisten. Von den dort bis 1945 inhaftierten ca. 100.000 Häftlingen (9% aus Deutschland und 91 % aus besetzten Ländern) starben mindestens 50.000 infolge der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, durch Morde (so wurden etwa 1942 bei zwei Mordaktionen sowjetische Kriegsgegangene mit dem Gas Zyklon B getötet) und bei der Lagerräumung (Todesmärsche). Am 3. Mai 1945 verloren fast 7000 Häftlinge ihr Leben auf den Schiffen „Cap Arcona“ und der „Thielbeck“ bei einer Bombardierung dieser Schiffe.
„Die Polensäue brauchen kein Essen, die sollen verrecken“
Zunächst fungierte Lütkemeyer in Neuengamme als Rapportführer und 2. Schutzhaftlagerführer. Eines Tages wurde eine Gruppe kranker Häftlinge nach Dachau verlegt. Lütkemeyer begleitete den Zug, weil er die Neuen sehen wollte. Beim Betreten des Zuges sahen die Neuengamme-Häftlinge die Essenskübel, die von der Küche für den Transport nach Dachau vorbereitet wurden. Nun standen die Häftlinge vor dem Viehwaggon, der sie in den Süden bringen sollte. Alle waren dem Tod näher als dem Leben. Die SS fuhr im Auto vor. Lütkemeyer stieg aus, knallte die Wagentüre zu. „Wollt ihr Hunde gerade und im Glied stehen!“, schnarrte er. Keiner in Neuengamme hatte diesen Ton so drauf. „Still … gestanden, Mützen ab!“, kommandierte ein SS-Mann. Die Neuengammer „Muselmänner“ standen stramm, das Haupt entblößt. Lütkemeyer ging prüfend vorbei:
„Alles in Ordnung?“, fragte er einen der SS-Männer. „Jawohl Herr Rapportführer.“ Dann sah Lütkemeyer die Essenskessel. „Was soll das? Wozu so viele Kübel?“ „Kaffee und Essen für die Fahrt, Herr Rapportführer.“ „Wieso Essen?“ „Die Küche hat heute Nacht Essen gekocht und für den Transport mitgegeben. Das letzte Mal …“ „Was?! Essen für den Transport?“, der Rapportführer geriet völlig außer sich, „Essen? Die Kübel kommen zurück ins Lager, nur der Kaffee geht mit! Die Polensäue brauchen kein Essen, die sollen verrecken! Verstanden? Los, die Kübel weg!“ „Jawohl Herr Rapportführer“, sagte der SS-Mann, und die Häftlinge sahen den verschwindenden Kübeln hinterher.
Nilpferd-Peitsche, rücksichtslos, zynisch, kaltblütig und am laufenden Band Hinrichtungen
Lütkemeyer war ein intelligenter, rücksichtsloser, zynischer Bursche, der in der KZ-Arbeit aufging. Er war in der Lage, die Not eines Häftlings mit einem Blick zu erfassen und ihn auf jede nur erdenkliche Weise zu demütigen. Ständig nahm sich Lütkemeyer Häftlinge vor und hatte an ihrer dreckigen, zerrissenen Kleidung etwas auszusetzen, was unweigerlich Strafen nach sich zog. Er war ein Meister der Schikane. Sein besonderes Vergnügen bestand darin, die Taschen der Häftlinge zu untersuchen. Und immer fand er etwas. Das gab mindestens einen Fußtritt oder einen Schlag mit der Nilpferd-Peitsche. Lütkemeyer nahm kaltblütig und am laufenden Band Hinrichtungen vor, lachte dabei wie ein dummer Junge und riss Witze. Während er Gefangene aufhängen ließ oder vergaste, während des Abtransports von Leichen, im Angesicht blutender, von Hunden zerfetzter Flüchtlinge, die im Sterben lagen, ließ er das Lager antreten und fröhliche Lieder singen. Für ihn war das Leben eines Häftlings weniger wert als ein Strohhalm.
„Ihr müsst euch darauf gefasst machen, völlig erniedrigt und gedemütigt zu werden“
Als eine Gruppe von dreißig Mann, Überlebende einer in Neuengamme tobenden Typhusepidemie, zur Kleiderkammer geführt wurde, um dort frische Lumpen zu bekommen, schaute sich Lütkemeyer die Häftlinge an und sagte: „Man sollte euch allesamt verbrennen.“ Das meinte er ernst. Lütkemeyer hatte den Zustand der Männer taxiert, die noch auf Monate hin nicht arbeiten konnten. Sie waren unnütze Esser, die am Ende doch sterben, warum also nicht gleich? Schutzhaftlagerführer Lütkemeyer sprach also zu den auf dem Appellplatz angetretenen Neuen.
Er schaute sie nicht an, er schaute auf seine makellosen schwarzen Handschuhe oder über die Köpfe der Häftlinge weg: „Ihr müsst euch darauf gefasst machen, völlig erniedrigt und gedemütigt zu werden. Ihr betretet eine Welt, in der ihr keinen Kontakt mit der Außenwelt habt. Habt ihr eine Frau, Kinder, Verwandte oder Freunde in der Außenwelt, dann vergesst sie, ihr werdet sie nie wiedersehen – und vergessen, das kann ich euch versichern, ist für eure Seelenruhe viel leichter. Von nun an werdet ihr jede Sekunde des Tages, wenn nötig, auch die ganze Nacht zur Förderung der Interessen des Großdeutschen Reiches arbeiten!“

„Pfahlhängen“ als Strafe eingeführt
Er führte das „Pfahlhängen“ als Strafe ein: Häftlinge wurden an ihren auf dem Rücken zusammengebundenen Händen an einem Strick an einen Pfahl gehängt. Der Kommandant des KZ Neuengamme, Martin Weiß, beurteilte Lütkemeyer am 25. Februar 1942 als „einen sehr zuverlässigen und bescheidenen SS-Führer mit raschem Auffassungsvermögen und energischem Auftreten. (…) Die ihm übertragenen Arbeiten verrichtet er gewissenhaft und pflichtbewusst. (…) Sein Auftreten in und außer Dienst ist einwandfrei und militärisch; weltanschaulich gefestigt.“
Unter den Häftlingen als „SS-Bestie“ verschrien, für Exekutionen verantwortlich
Im Oktober 1942 löste er Wilhelm Schitli aus Osnabrück als 1. Schutzhaftlagerführer ab und wurde damit verantwortlich für die Arbeit der Rapport-, Arbeits- und Blockführer. Unter den Häftlingen war er als „SS-Bestie“ verschrien, da er grundlos und spontan misshandelte und Gewalt ausdrücklich gestattete. Lütkemeyer war auch für Exekutionen verantwortlich und wurde auf diesem Posten als Schutzhaftlagerführer, da er sich auch nicht mit dem Kommandanten Pauly verstand, so dass er im Pril 1944 seine Versetzung aus dem KZ-Neuengamme beantragt hatte, im April 1944 von Anton Thuman abgelöst und war anschließend Lagerführer eines Nebenlagers des KZ Groß-Rosen (Arbeitslager Riese im Eulengebirge). Das Lager wurde am 18. Februar 1945 geräumt.
Zeugenaussage Ewald Gondzik am 13.08.1945: „an der Erschießung der 45 russischen Offiziere im Bunker im September 1941 hat Lütkemeyer persönlich teilgenommen. Einmal riss er einem Posten das Gewehr aus der Hand und schlug damit einen Häftling, der im Glied gesprochen hatte. Nachher erhielt der Häftling 25 Stockschläge. An den Exekutionen und den beiden Vergasungen der russischen Kriegsgefangenen ist er beteiligt gewesen.“
Zeugenaussage Josef Händler am 27.09.1984: „Einmal fehlten zwei Leute. Daraufhin hat der Lütkemeyer uns bis in die Nacht einfach stehen lassen. Gegen Morgen sind diese zwei Leute von den Hunden aufgestöbert und zerrissen worden. Lütkemeyer hat die Leichen auf den Appellplatz bringen lassen. Das ganze Lager musste an den beiden zerrissenen Leichen vorbeimarschieren.“
Aussage Albert Lütkemeyer in britischer Haft in Minden am 4. November 1946: „Ich gebe zu, dass Hunde gebraucht wurden, um flüchtige Häftlinge zu suchen, oder versteckte Gefangene aufzutreiben. Es ist mir weiter bekannt, dass viele Häftlinge von diesen Hunden verwundet wurden. Es sind mir 2 oder 3 Fälle bekannt, in denen die Hunde die Häftlinge so zerfleischten, dass der Tod folgte.“
„Ich selbst habe fünf russische Offiziere erschossen“
Und weitere Aussage Lütkemeyer am 4. November 1946: „Ich erinnere mich an die erste Gruppe russischer Kriegsgefangener, die nach Neuengamme kamen. Diese Gruppe bestand aus 59 russischen Offizieren, die zur Exekution unserem Lager überstellt waren. Sie wurden im Arrestbunker durch Genickschuss erschossen. Die Offiziere traten in Gruppen zu Fünfen, einer in jede der fünf Zellen, auf, wo sie, ohne dass sie Möglichkeit hatten, einen Pfarrer zu sehen oder einen letzten Wunsch zu äußern, erschossen wurden. Die Exekution wurde von mir, Stroink, Keuss, Döring und Jauch ausgeführt. Ich selbst habe 5 russische Offiziere erschossen. Es ist mir bekannt, dass der Lagerführer Weiß dagegengesprochen hatte und äußerte, dass die Wehrmacht dies selber machen sollte. Diese Hinrichtung wurde auf Befehl von Berlin ausgeführt. Diese Exekution habe ich auf ein Fernschreiben von Berlin hindurchgeführt. Zu dieser Zeit war ich Hauptscharführer und somit der rank-älteste unter denen, die die Hinrichtung vornahmen.“
Weitere Aussage Lütkemeyer am 4. November 1946: „Ich erinnere mich weiterhin an 7-8 polnische oder russische Frauen, die in das Lager Neuengamme kamen. Ich wusste nur aus einem Fernschreiben, dass diese Frauen durch Standgericht zum Tode verurteilt waren. Sie wurden im Arrestbunker untergebracht, wo sie ein paar Tage später erhängt wurden. Es ist mir nicht mehr bekannt, wer bei der Erhängung anwesend war, doch war ich selber als Zeuge da.“
Nach Kriegsende wurde Lütkemeyer von der Familie die finanzielle Unterstützung versagt
Nach Kriegsende nahm er die Identität eines gefallenen Soldaten an und plante, sich in die Schweiz abzusetzen. Da ihm die Familie die finanzielle Unterstützung versagte, kehrte er in seinen Heimatort Wellingholzhausen zurück. Hier wurde er von Nachbarn gesehen und gemeldet. Er wurde verhaftet und beim 8. Neuengammeprozess wegen der Teilnahme an Verbrechen im KZ-Neuengamme angeklagt.
Im Jahre 1947 Hinrichtung durch den Henker Albert Pierrepoint im Zuchthaus Hameln
Lütkemeyer wurde, obwohl er versuchte, die Verantwortung für die Hinrichtung von 59 sowjetischen Offizieren im Oktober 1941 im KZ-Neuengamme, auf den bereits hingerichteten Martin Weiß abzuwälzen und für die Vergasung von 448 sowjetischen Kriegsgefangenen im Herbst 1942, die er selbst vorbereitet hatte, die Verantwortung Max Pauly zuschieben wollte, der bereits zum Tode verurteilt war und auf seine Hinrichtung wartete, zum Tode durch den Strang verurteilt.
Seiner Schwester Cecilia schrieb Lütkemeyer am 2. Dezember 1946, er sei „auch nicht ohne Schuld“, er habe zwar „gesündigt, aus verbrecherischer Neigung und Haltung (aber) niemals“.
Lütkemeyer wurde am 26. Juni 1947 im Zuchthaus Hameln durch den aus Großbritannien stammenden, erfahrenen Scharfrichter und Henker Albert Pierrepoint hingerichtet, der aufgrund von Todesurteilen der britischen Militärjustiz in Deutschland bzw. Österreich nach 1945 an ca. 200 Menschen die Todesurteile vollzogen hat, die meisten waren Kriegsverbrecher.
Ausgewählte Quellen
- Bundesarchiv R 9361-II/659674.
- KZ-Gedenkstätte Neuengamme – Biografie Albert Lütkemeyer.
- Kaienburg, Hermann: Vernichtung durch Arbeit – Der Fall Neuengamme, HG. Dietz, J.H.W., Bonn, 1991, ISBN: 3801250091.
- „Leg Dich, Zigeuner“, HG. Repplinger, Roger. 2008 Piper Verlag GmbH, München. ISBN 978-3-492-30054-4.
Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises













