Sonntag, 14. Juli 2024

Die Larmoyanz debattenbelasteter DFB-Kicker …

… eine Strickvorlage für die Legende vom „Bindendolchstoß“

Meinen Respekt zolle ich gegenüber den DFB-Kickern, die ein Zeichen für Diversität und gegen Diskriminierung setzen wollten. Enttäuschend ist jedoch, wie schnell die Einheit der Mannschaft anscheinend zerbrach, nachdem die FIFA die zynische Entscheidung getroffen hatte, das Tragen der „One Love“-Binde mit sportlich relevanten Sanktionen zu belegen. Das DFB-Team ließ sich spalten, weil die politische Haltung im Kader leider so instabil war wie die Verteidigung auf dem Rasen bei dieser WM und in der Nations League zuvor.

Die Berichte aus dem Innenleben der Mannschaft legen nahe, dass etliche Spieler nicht aus einer starken inneren Überzeugung handelten, als sie Gesten zeigten, die öffentlich als Bekenntnis zur Diversität verstanden werden sollten. Ansonsten hätten sich diese DFB-Kicker nun nicht „instrumentalisiert“ gefühlt, ebenfalls wären sie von der Debatte keineswegs so „genervt“ gewesen, dass sie am liebsten vor dem Spiel gegen Japan auf ein weiteres Bekenntnis verzichtet hätten. Hierbei übersehen sie, dass dieses Nichtbekenntnis im Sinne einer paradoxen Bekenntniskommunikation doch ein Bekenntnis gewesen wäre, nämlich für einen Zynismus, der dazu verleitet, den Schutz der eigenen Wohlfühloase wichtiger zu finden als den Einsatz für Menschenrechte.

Das, was nun durch die journalistischen Recherchen herauskommt, entwertet die „Mund zu“-Geste, die aus der Sicht der Beteiligten als maximal möglicher Verlegenheitskompromiss gezeigt werden konnte. Da viele Nationalspieler von der Debatte genervt und belastet waren, kann diese Pose des Protests jetzt anders gedeutet werden – nämlich als ein Zeichen dafür, über Menschenrechte nicht mehr sprechen zu wollen. Das wäre ein Unterwerfungsutilitarismus gegenüber der FIFA und Katar gewesen.

Für die debattengeplagten Nationalspieler ging die Rechnung bekanntlich nicht auf, mit einer Haltungsabstinenz den sportlichen Erfolg wahrscheinlicher zu machen. Dafür ist der Fußball doch zu komplex. Wer den symbolischen Einsatz für Menschenrechte als „belastend“ erlebte, ist in jedem Fall bei der WM verdient frühzeitig ausgeschieden. Die Mentalitätsprobleme in der Mannschaft sind anscheinend noch viel größer, als die Blackouts im Abwehrverhalten bislang schon offenbart haben.

In der öffentlichen Debatte wird von populistischer Seite so getan, als wären die DFB-Kicker als Vollzeitaktivisten aufgetreten. Tatsächlich ging es nur um kleine symbolische Gesten, die mit großen fußballerischen Erfolgen vereinbar gewesen wären, sofern die Adlerträger in der Chancenverwertung und in der Restverteidigung eine weltmeisterliche Qualität gehabt hätten. Diejenigen, die politisch motiviert den Konflikt um die „One Love“-Binde ausschlachten wollen, ignorieren die fußballspezifischen Defizite, die vor allem das fühe WM-Aus verursachten.

Die viel zu große Fraktion der Genervten, die nach der autoritären Drohung seitens der FIFA zunächst am liebsten gar nichts unternommen hätte, blamiert den DFB. Denn das Verhalten dieser Spieler entlarvt die Verbandskampagne für Menschenrechte als eine marketinggetriebene Inszenierung: als eine Identitätsfassade, die brüchig war, weil der Kitt der Authentizität fehlte. Daher war die WM für den DFB nicht nur sportlich ein Desaster, sondern auch für die Glaubwürdigkeit seiner Kampagnen.

Politisch instrumentalisiert werden die DFB-Kicker tatsächlich. Das geschieht jedoch durch jene Debattierende, die im Namen eines vermeintlich unpolitischen Fußballs populistisch und ausschweifend darüber klagten, dass die Nationalelf politisch instrumentalisiert würde. So wird von dieser Seite aus die Larmoyanz der debattengeplagten DFB-Kicker benutzt, um wilde Mythen zu verbreiten, die das eigene politische Kalkül prima bedienen. Anstatt einen argumentativ gehaltvollen Debattenbeitrag zum WM-Aus zu liefern, wird ein Bullshit kommuniziert, der auf einer politischen Agenda der Anti-Wokeness beruht. In dieser diversitätsfeindlichen Gesinnung wird in den sozialen Medien eifrig die „Legende vom Bindendolchstoß“ gestrickt, verübt durch ein vermeintlich „linksgrün versifftes“ Establishment – als ob symbolische Gesten für Menschenrechte Fußballerbeine und -köpfe schlappmachten.

Wer eine tiefgründige sportliche Analyse zum WM-Aus durchführen möchte, sollte einen großen Bogen um das Thema der „One Love“-Binde machen. Sportlich wird sich die Nationalelf nur rehabilitieren können, wenn die Mehrheitsfraktion der Genervten den internen und externen Streit um das offene Eintreten für Menschenrechte nicht als ein Alibi für das WM-Versagen benutzt. Die Handlungsmaxime fürs Krisenmanagement ist somit: Spieler und Funktionäre sollten sich bei der Aufarbeitung der WM auf den Fußball konzentrieren – und sich nicht von dem Getöse ablenken lassen, das die Stimmen des Populismus mit ihrer „Legende vom Bindendolchstoß“ erzeugen.

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