Depressionen im Jugendalter: Licht am Horizont

Interview mit einer Betroffenen

Von Barbara Theilmeier 

Über Depressionen im Jugendalter wird selten gesprochen. Zu selten findet Marianna*(19) vom Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium. Von ihr stammt die mutige Initiative zu diesem Artikel. Sie ist bereits in unserem Leistungskurs Englisch mit ihren MitschülerInnen sehr offen und artikuliert – im Übrigen in bewundernswert makellosem Englisch – über diesen seelischen Ausnahmezustand ins Gespräch gekommen. Das rege Interesse Ihrer MitschülerInnen zeigt deutlich, dass zu diesem Thema Gesprächsbedarf besteht. Für die Osnabrücker Rundschau habe ich Marianna, in verspieltem Gothic style gewandet, interviewen dürfen.


Marianna, was hat Sie bewogen, sich offen und sogar öffentlich – allerdings jenseits von Social Media – zum Thema Depressionen im Jugendalter zu äußern?

Das Thema Depressionen wird häufig bagatellisiert, auf Social Media ist das Thema zwar erstaunlich präsent, aber der Content verführt nicht selten zu äußerst fragwürdigen Selbstdiagnosen. Mir hingegen geht es um ernsthafte Aufklärung, geknüpft an den Appell, sich im Zweifelsfall professionelle Hilfe zu suchen, statt auf Social Media zu setzen. Ich würde mir wünschen, dass das Thema nicht tabuisiert, aber auch nicht – wie auf Social Media – geradezu inflationär abgehandelt wird.

Auch das Gleichsetzen von modischen Trends (z.B. Gothic oder Emo) mit einer Depression ist mehr als irreführend. Nur weil eine Person sich mit morbidem Charme kleidet, ist sie nicht gleich depressiv. Überhaupt wird dieser Begriff allzu unreflektiert in der Alltagssprache verwendet. Es muss sauber unterschieden werden zwischen einer vorübergehenden Beeinträchtigung, wie sie jeder erlebt, und einem über Wochen andauernden Problem. Depressionen sind eine schwerwiegende Beeinträchtigung, nicht ein Lifestyle Phänomen. Man ist eben nicht nur ein wenig „depri“.


Wann haben Sie das erste mal gemerkt, dass Sie seelisch aus dem Gleichgewicht geraten sind?

Meine aufmerksamen Eltern bemerkten bereits früh in meiner Kindheit Auffälligkeiten wie beispielsweise eine ausgeprägte Zurückgezogenheit, haben aber erst einmal abgewartet, wie ich mich entwickeln würde, ohne mir dabei zu suggerieren, dass etwas mit mir nicht stimme. Depressionen sind ein Problem in meiner Familie, so dass eine Sensibilität gegenüber dieser Erkrankung vorhanden ist. Sie haben die Sache schließlich medizinisch abklären lassen und bei der Caritas seelsorgerische Hilfe für mich organisiert. Zunächst schien die Sache im Griff, aber mit mit 14 Jahren in der Pubertät kam der Zusammenbruch, der engmaschigere und spezifischere Therapien erforderlich machte. Die Initiative ging von mir selbst aus. Das ist eine notwendige Voraussetzung für das Gelingen einer Therapie. Auch wenn der Kinderpsychologe, zu dem ich dann kam, sich nicht als glückliche Wahl erwies, bekam ich als Jugendliche verhältnismäßig schnell Hilfe. Jetzt im Erwachsenenalter ist das deutlich schwieriger.


Was sind alarmierende Anzeichen?

Symptome können sehr unterschiedlich sein. Klassischerweise zählen dazu Trägheit, Niedergeschlagenheit, Motivationsverlust. Das sind Erscheinungsformen, die jeder als problematisch erkennt. Das unfassbar perfide an der Erkrankung ist aber, dass sie sich auch durch extreme Extrovertiertheit zeigen kann. Das führt bei Außenstehenden nicht selten zu Fehlschlüssen. Betroffene befinden sich dann in einem Stadium, in dem sie innerlich schon mit sich abgeschlossen haben und häufig schon konkrete Selbstmordgedanken hegen. Nach außen wirkt ihr Zustand so, als habe sich die Person gefangen, zeige wieder Interesse am Leben, an Aktivitäten, an ihren Mitmenschen. Tatsächlich ist die vermeintliche Gelassenheit aber auf die Aussicht auf ein nahes Ende des Lebens und damit des Leidensdrucks zurückzuführen.

Die Skizze für ein Tatoo verdeutlicht die positive Grundhaltung der Schülerin.Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Lena von Livingroom Tatoo

 

Können Sie den Zustand einer Depression beschreiben?

Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf unter einer Bettdecke, die Tonnen wiegt und deren Gewicht es Ihnen unmöglich macht, sie zu heben. Das macht mutlos, Tätigkeiten des Alltags fallen unnatürlich schwer, man schläft unverhältnismäßig viel oder aber leidet unter Schlaflosigkeit, kann sich nicht konzentrieren, in der Schule ergeben sich zahlreiche Fehltage, schulische Leistungen fallen ab, das führt zu Frustration.


Damit nicht Betroffene das Gefühl einer Depression ansatzweise nachvollziehen können, haben Sie mit Ihren MitschülerInnen eine freiwillige Übung durchgeführt.

Genau, einem sitzenden Schüler drückt ein anderer Schüler so fest auf die Schultern, dass der Sitzende nicht oder nur unter großen Mühen sich vom Stuhl erheben kann. Man stelle sich nur ein solches Gewicht auf seinen Schultern für den ganzen Tag vor.


Im Gespräch mit Ihren MitschülerInnen haben Sie bewusst die abstoßenderen Aspekte zwar angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt, um Ihre ZuhörerInnen nicht zu schockieren. Mögen Sie für den Artikel nun doch konkreter werden?

Da selbst alltägliche Tätigkeiten unverhältnismäßig viel Kraft erfordern, kommt es unter Umständen zur Vernachlässigung der Körperhygiene. Auch extremes Sexualverhalten wie einerseits die Vermeidung von Intimität oder andererseits die exzessive Ausübung von Sexualität können Ausdruck von Depressionen sein.


Sie haben eine Auswahl von Gegenständen, sogenannte Sinnesskills, mitgebracht, die Ihnen helfen, den (Schul)alltag zu bewältigen. Was bewirken diese einzelnen Gegenstände?

Grundsätzlich geht es im Umgang mit diesen Gegenständen darum, Betroffene über Sinneserfahrung in die Realität zurückzuholen, sie zu erden und intensiv den Moment erleben lassen. Einige Gegenstände lösen einen leichten Schmerzreiz aus, ohne dabei – wie im Fall von Selbstverletzungen – gravierende Verletzungen zuzufügen. Andere verschaffen das Gefühl sanften Drucks (Akupressur). Salze verströmen angenehme Aromen, die Schmerzen lindern und Energie verleihen können. Man ist auf das unmittelbare Erleben fokussiert und das Gedankenkarussel, diese unfreiwillige Schleife aus sich wiederholenden Sorgen ohne Aussicht auf eine Lösung, wird unterbrochen.


Sie haben Glück, dass Sie in Ihrer Familie immer ein offenes Ohr gefunden haben. Wie haben Ihre Lehrer, ihre Altersgenossen, besonders Ihre MitschülerInnen reagiert?

Lehrer zeigen nicht immer Verständnis. Solange sie keine weitere Information haben, ist es für sie natürlich nicht leicht, zwischen faulen, aber psychisch gesunden und psychisch beeinträchtigten Schülerinnen zu unterscheiden.

Jüngere Mitschüler neigen dazu, die Situation nicht zu verstehen, was schon mal zu Mobbing und Ausgrenzung führen kann, eine bittere Erfahrung. Ältere Schüler zeigen durchaus Verständnis, wie das Gespräch im Leistungskurs gezeigt hat.


Als sich Ihr Zustand erneut verschlechterte, waren Sie zwischen den Herbst- und den Weihnachtsferien in einer Tagesklinik. Können Sie uns den Alltag dort beschreiben?

Ja, ich war in einer neuen Einrichtung der Niels-Stensen-Kliniken Bramsche. Zu Beginn erfolgt eine körperliche Untersuchung. Man bekommt einen Tagesplan, auf dem unterschiedliche Maßnahmen vorgesehen sind wie Einzeltherapie, Gruppentherapien daneben Physio, Sport, Tabata, Chi Gong, Ergotherapie… Man nimmt zusammen das Mittagessen ein und trifft sich mit anderen Patienten im Gruppenraum. Die Teilnahme an den jeweiligen Angeboten wird engmaschig dokumentiert. Abwesenheiten von mehr als einer Stunde ist man gehalten anzumelden.

Dabei werden Eigeninitiative und der Kontakt zur Außenwelt durchaus begrüßt. Cafébesuche, Aktivitäten an der frischen Luft wie Spaziergänge um den Hasesee, gelten als förderlich, eine Anbindung an den Alltag (z.B. das Übernachten zuhause) erleichtern den Wiedereinstieg in das Alltagsleben nach Beendigung der Therapie. Ich besuche nach wie vor eine Erwachsenengruppe, in der eine gewisse Fluktuation herrscht, in Abhängigkeit davon, ob es gelingt, einen individuellen Therapieplatz zu bekommen.

Die beiden Bilder zeigen mögliche „Skills“, die der Schülerin helfen, sich im Hier und jetzt zu verankern.


Wieviel Kontakt hatten Sie in der Zeit zur Außenwelt, z.B. auch zur Schule? Wie haben Sie den Anschluss nach mehreren Wochen Abwesenheit geschafft?

Ich stand in Kontakt mit Schulleitung, um zu klären, wie meine schulische Laufbahn weitergehen könne. Auch mein Jahrgangsstufenkoordinator hat sich für mich engagiert. In Abstimmung mit meiner Therapeutin haben wir aber beschlossen, dass ich mich komplett auf meine Therapie konzentriere. Das ist eine sehr anspruchsvolle, kräftezehrende und bisweilen schmerzhafte Auseinandersetzung. Ich hätte nicht die Energie gehabt, daneben auch noch das Arbeitspensum für die Schule zu bewältigen. Schüler aus den Kursen haben mich aber auf dem laufenden gehalten, so dass der Wiedereinstieg ziemlich reibungslos geklappt hat. Ich verspüre dem EMA gegenüber eine große Dankbarkeit, dass man für mich nach individuellen Lösungen gesucht hat, wie ich trotz meines überdurchschnittlich hohen Alters meine Schullaufbahn fortsetzen kann.


Welche Strategien – außer dem Umgang mit den oben erwähnten Gegenständen – hat man Ihnen zur Bewältigung des (Schul)alltags vermittelt?

Ich habe zeitweilig ein Gefühlstagebuch geführt. Das hat mir geholfen, meine über den Tag empfundenen Regungen wahrzunehmen, zu gewichten, einzuordnen, mir meiner Befindlichkeit bewusst zu werden. Ich widme mich meinen Hobbys wie Malen, Zeichnen, Kochen. Das löst Belohnungsmechanismen aus, produziert Glückshormone und verleiht mir das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Sogar gelegentliches Gaming erlaube ich mir, wobei ich darauf achte, dass es nicht in Eskapismus ausartet. Auch Bewegung hilft.


Wie sieht es mit Medikamenten aus?

In der Regel wird eine Psychotherapie von dem Einsatz von Medikamenten flankiert. Ich habe meine Medikation mit meinem Psychiater abgestimmt. Es gibt heutzutage recht wirkungsvolle Medikamente, die bei Depressionen zum Einsatz kommen. Die neuere Generation hat sogar clevere Zusatzstoffe, die dem Körper signalisieren, wenn – versehentlich oder beabsichtigt – eine zu hohe Dosis eingenommen wird, die dann vom Körper abgestoßen wird, so dass ein Missbrauch ausgeschlossen ist.


Sie wirken auf mich im Moment ausgesprochen souverän und ausgeglichen. Wie schaffen Sie im Moment Ihren Alltag?

Das ist tatsächlich sehr unterschiedlich. Nach wie vor habe ich Problem mit dem schulischen Pensum, dem Ganztag, den Hausaufgaben, versuche aber, soweit es geht, am Ball zu bleiben.


Was können andere unterstützend tun?

Mit meiner Mutter erstelle ich manchmal als Orientierungshilfe eine Liste, auf der ich abhaken kann, was ich geschafft habe. Manchmal reicht es, wenn sie mich mit kleinen Gesten (z.B. beim Aufräumen meines Zimmers) unterstützt.

Außenstehende sollten sich nicht scheuen, hinzuhören, Hilfe anbieten, Signale wahrnehmen, nachzufragen, wie es einem geht, entgegenkommend zu sein und dabei keine Sorge vor Zurückweisung haben. Sie dürfen sich dabei aber auch eingestehen, dass sie nicht immer helfen können. Oft sind es die kleinen Gesten, die den Alltag erträglich machen. Ein Lächeln kann Leben retten – Ignoranz kann töten.


Sie haben zur Illustration des Themas für diesen Artikel das Bild einer Motte gewählt. Was drückt dieses Bild in Ihren Augen aus?

Auf den ersten Blick erscheint eine Motte als hässlicher Schädling, auf Depressionen bezogen, ein nachvollziehbares Bild. Aber die Motte strebt unbeirrbar zum Licht. Genau das ist das Faszinierende. Sie symbolisiert somit den Hoffnungsschimmer, den wir alle in uns tragen.


Marianna, ich danke Ihnen für Ihre Offenheit. Ihre Initiative, Depressionen im Jugendalter aus der Tabuzone zu holen, ringt mir gehörigen Respekt ab. Ich wünsche Ihnen für Ihre Zukunft bei uns am EMA von Herzen alles Gute und hoffe, dass Ihrem Abitur bei uns nichts im Wege steht.

* Der Name ist aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert

 

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