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Freitag, 6. Februar 2026

Teil 15 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: Willi Baumert (1909-1984)

Der „Herodes von Lüneburg“

Jedes Jahr im November putzt der Bürgerverein Katharinenviertel die dortigen Stolpersteine. Einer davon, vor dem Haus Herderstraße 29, ist dem Kind Christa Feldkamp, geb. am 6. Mai 1941 und ermordet am 22. Mai 1944, gewidmet.

In dem tötungsbegründenden Gutachten heißt es: „Keine Entwicklung feststellbar, tiefstehendes Kind, unsauber, muss in allem versorgt werden, gleichbleibend tiefstehend, keine Entwicklung feststellbar, sehr unsauber. Vor dem Tod habe sie 40 Grad Fieber gezeigt und sei an „Bronchopneumonie“ verstorben.“[1]

Ein ähnliches Schicksal erlitten 14 weitere Kinder aus unserer Stadt, fast alle noch im Vorschulalter, fast alle – vorgeblich nach fiebriger Erkrankung – an Lungenentzündung verstorben. Der einzige etwas Ältere war Siegfried Spitzley. Er war gerade 13 geworden, ein „ruhiger, freundlicher Junge“, folgsam, sauber und selbständig. Jedoch litt er unter epileptischen Anfällen. Das bedeutete für ihn das Todesurteil.


„Kinderfachabteilung“

Was verbarg sich hinter dieser „unschuldigen“ Bezeichnung? Die Kinderfachabteilung Lüneburg wurde Ende 1941 an der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg für schwerbehinderte Kinder eingerichtet. Bis 1945 wurden dort 695 Kinder aufgenommen, von denen 418 nicht am Leben geblieben sind.

„Kinderfachabteilung Lüneburg“. Quelle: https://geschichte-bewusst-sein.de/euthanasie-gedenkstaette-lueneburg/

Die Mehrzahl von ihnen wurde überwiegend durch hohe Dosierung von Barbituraten getötet, synthetische Medikamente, die das zentrale Nervensystem dämpfen und sedierende, schlaffördernde und krampflösende Eigenschaften haben und die bei Überdosierung zu Koma und Tod führen können, – möglicherweise aber auch durch induzierte Elektrokrämpfe.

Die vulgärdarwinistischen Theorien um das Prinzip des „Überlebens des Stärkeren“[2] hatten zu der Idee geführt, das „Schwache“ müsse vernichtet werden, damit die „arische Rasse“ die Welt zu weltbeherrschender Stärke führen könne. Das führte dann ab 1933 zu „Euthanasie-Aktionen“, denen in den Jahren bis 1945 insgesamt etwa 120.000 psychisch Kranke und geistig-körperlich behinderte Menschen zum Opfer fielen. Hinzu kam die Sterilisierung „minderwertiger“ Personen, – mehr als 200.000 Opfer.

In Osnabrück traf das insbesondere Sinti-Frauen. Die Sterilisationen wurden in einer privaten Entbindungsklinik in der Herderstraße durchgeführt. Unter der Leitung des Reichsärzteführers Conti wurde der „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ eingerichtet. Dieser „Reichsausschuss“ verpflichtete die Amtsärzte der jeweiligen Bezirke, an die Eltern von behinderten Kindern heranzutreten und sie von der Notwendigkeit einer Schnelleinweisung etwa in „Kinderfachabteilungen“ zu überzeugen. Den Leitungen der „Kinderfachabteilungen“ wurde mitgeteilt, dass einer „Behandlung“ der eingewiesenen Kinder nichts mehr im Wege stünde.

Die Kinder wurden dann mit Morphium-Hydrochloral, Luminal oder durch Nahrungsentzug getötet.[3] Am 1. September 1939 sicherte ein Erlass Hitlers die Straffreiheit bei „Euthanasiemaßnahmen“ zu. Im Oktober 1941 wurden, zunächst im Haus Nr. 25 der Heil- und Pflegeanstalt, 91 Jungen und 56 Mädchen aufgenommen, und der Anstaltsdirektor Bräuner forderte einen zusätzlichen Arzt an: Den Obersturmführer der Waffen-SS, Dr. Willi Baumert.

Geistigbehinderte Kinder des Gottlob-Weißer-Hauses in Schwäbisch Hall spielen Rigelreihen mit zwei Diakonieschwestern (Archivfoto von ca. 1930).


Osnabrücker Kinder begegnen einem Osnabrücker Arzt

Willi Baumert wurde am 25. Mai 1909 in Osnabrück, wahrscheinlich als Sohn des Heizers und späteren Lokomotivführers Heinrich Baumert, geboren. Nach der Schulzeit absolvierte Baumert ein Medizinstudium und war in dieser Zeit Mitglied der Burschenschaft Holzminda Göttingen, eine schlagende und farbentragende Studentenverbindung.[4] Am 1. Februar 1932, also mit 23 Jahren, trat er der NSDAP bei, und 1933 der SS.

Nach dem Studienabschluss 1935 arbeitete er von 1936 bis 1940 an der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Osnabrück, dem heutigen Ameos Klinikum. Eine Meldeadresse hatte Baumert in dieser Zeit nicht in Osnabrück, – wahrscheinlich ist er in die Wohnung der Eltern zurückgezogen. In einer politischen Beurteilung des NSDAP Ortsgruppenleiters in Göttingen vom 23.07.1936 heißt es dazu: „Im Einvernehmen mit den vorgesetzten Dienststellen der SS spezialisiert [Baumert] sich jetzt für Psychiatrie (erbliche Geisteskrankheiten im Rahmen der allgemeinen Rassenforschung).“[5]

Ab 1940 arbeitete er dann als Arzt bei der Waffen-SS in Wunstorf und in diesem Rahmen für je eine Wochenhälfte an der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Bei der Einführung in die ihn erwartende Tätigkeit in der „Kinderfachabteilung“ erfuhr Baumert dann davon, dass es auch um das „Einschläfern“ von Kindern gehen könnte. Gemäß dem Hitler-Erlass wurde Baumert zu einer „Behandlung“ der eingewiesenen Kinder ermächtigt. Dabei dürfte klargewesen sein, dass es sich bei der „Behandlung“ um Tötungen handeln könnte.

Die Tötungen waren allerdings nur als Anregung gemeint gewesen – die letzte Entscheidung hierzu hatten die Leiter der „Kinderfachabteilungen“ in eigener Verantwortung zu treffen. In die anstehenden Tötungen eingeweiht wurden dann auch zwei eigens zugewiesene Pflegerinnen, die auch an der Durchführung der Maßnahmen beteiligt waren.


Reichsweit gab es Kinderfachabteilungen an 18 Standorten, davon zwei in Berlin.

In Lüneburg war es Baumerts Aufgabe, die dorthin eingewiesenen Kinder zu begutachten, um gegebenenfalls dem „Reichsausschuss“ die Tötung des betreffenden Kindes vorzuschlagen. Nach einer Frist von vier bis sechs Wochen folgte die Behandlungsermächtigung des „Reichsausschusses“. Von Baumert kam daraufhin die Anweisung zur Frage der Dosis der verabreichten Medikamente.

Als Todesursache wurde fast immer, wie auch bei den Osnabrücker Kindern, „Lungenentzündung“ vermerkt. Von den insgesamt 695 in der „Kinderfachabteilung“ aufgenommenen Patienten verstarben 418, demnach also 60 Prozent.

Nach Kriegsende wurde Baumert zunächst von den Alliierten interniert, erhielt aber schon 1947 wieder die Anerkennung als Facharzt für Nerven- und Geisteskrankheiten. Im Entnazifizierungsverfahren wurde er als „Unterstützer“ eingestuft. Eine Zeit lang war er Betriebsarzt bei den Physikalischen Werkstätten Göttingen. 1951 kehrte er an die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf zurück, wo er letztlich bis zum Medizinalrat aufstieg. Seine Berufslaufbahn beschloss er 1964 als Direktor der Landesheilanstalt Königslutter. Auch war er Vorsitzender des Verbandes niedersächsischer Neurologen und Psychiater. Die staatsanwaltlichen Ermittlungen 1948/49 hatten keine Baumert belastenden Erkenntnisse erbracht. In einem weiteren Verfahren 1962 räumte er Verantwortung für die Tötung psychisch kranker Kinder ein.

Nach einem Herzinfarkt galt er als „vernehmungsunfähig“, und wurde 1966 durch das Oberlandesgericht Celle aus gesundheitlichen außer Strafverfolgung gesetzt. Der „Herodes von Lüneburg“, wie Baumert auch bezeichnet worden war, starb – versorgt mit einer üppigen Beamtenpension – am 10. Februar 1984.


Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises

Literaturliste

  • Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum 3. Reich. Fischertaschenburg, 2005
  • Reimond Reiter: Opfer aus Osnabrück in der „Kinderfachabteilung“ der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg im 2. Weltkrieg. 2011. Unveröffentlichtes Manuskript/Friedensbüro der Stadt Osnabrück
  • Sueße, T. & Meyer, H.: Die „Kinderfachabteilung“ in Lüneburg: Tötung behinderter Kinder zwischen 1941 und 1945. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, Heft 42, 1993


Anmerkungen

[1] Reimond Reiter: Opfer aus Osnabrück in der „Kinderfachabteilung“ der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg im 2. Weltkrieg. 2011. Unveröffentlichtes Manuskript/Friedensbüro der Stadt Osnabrück.

[2] Ein fast unauslöschbarer Übersetzungsirrtum: Darwin hatte vom Survival oft the Fittest geschrieben, also dem Überleben des Bestangepassten und eben nicht unbedingt des Stärkeren.

[3] Zusammenfassend hierzu: Sueße, T & Meyer, H.: 1993.

[4] Seite „Burschenschaft Holzminda“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 6. August 2025, 13:28 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Burschenschaft_Holzminda&oldid=258637924 (Abgerufen: 21. November 2025). Ein Verbindungsbruder Baumerts war – etwas älter – der 1894 in Bielefeld geborene Friedrich Ludwig Kurt Blome, gestorben im Oktober 1969 in Dortmund. Blome war Reichstagsabgeordneter der NSDAP und Reichsärzteführer.
Blome war 1918/1919 Mitglied der Freicorps „Organisation Escherich“ sowie der „Marinebrigade Erhard“ und der „Organisation Konsul“, – mit letzterer hatte auch der Osnabrücker Seifenfabrikant Frömbling in Verbindung gestanden.
Als Reichsärzteführer hatte er auch prägende Funktion im ärztlichen Fortbildungswesen und somit leitende Funktion in der nationalsozialistischen Prägung der Medizin. Des Weiteren gehörte er dem „Reichsausschuss zum Schutze des Deutschen Blutes“ an. Im Jahr 1942 war Blome an einem Plan beteiligt, 35.000 an Tuberkulose erkrankte Polen durch Vergasung zu ermorden. Im April 1943 wurde er „Bevollmächtigter für Krebsforschung“, was – nach Ernst Klee – ein „Tarnwort“ für Biowaffen war. (Ernst Klee, 2005). Nach 1945 ließ Blome sich als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Dortmund nieder. In den 1950er Jahren bestand Kontakt zum US-Geheimdienst.

[5] Zitiert nach Sueße & Meyer, S .237.

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