Teil 18 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: Rudolf Wohlrab (1909-1995)

KZ-Mediziner und Leiter des Medizinal Untersuchungsamtes Osnabrück von 1950 bis 1952

„[Der Jude] ist und bleibt der ewige Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins aber gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: Wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab.“ (Hitler, A.: Mein Kampf, München 1942). Die Gleichsetzung von Juden mit Schmarotzern, Schädlingen, Ratten oder Läusen war eine Generallinie der antisemitischen Hetzpolitik der NSDAP. Ähnlich wie schon im Mittelalter Angehörige dieser religiösen Minderheit für die Pestzüge verantwortlich gemacht wurden, galten sie für die erstarkende faschistische Bewegung in Deutschland auch als Verursacher von Seuchen.


NS-Horrorvision: Schwächung der Kriegstüchtigkeit der „arischen Rasse“

Besonders die polnischen „Ostjuden“ galten aufgrund ihrer oft prekären Lebensumstände als intensiv von Läusen befallen und damit als Überträger des Fleckfiebers. Der Leiter der Abteilung Gesundheitswesen des Generalgouvernements Polen, Jost Walbaum[1], hatte sich eine eigene Argumentation zurechtgelegt: In Ostpolen bestünden größere Fleckfieberherde als in Westpolen; dies liege daran, dass in Ostpolen der jüdische Bevölkerungsanteil sehr viel höher sei.

Für Walbaum war aber nicht nur die Statistik von Belang; er sprach auch von der „Durchseuchung des Volkskörpers“, die den Polen und auch den Deutschen gefährlich werde. Er erweiterte die allgemeine Stigmatisierung der Juden als „Zersetzer“ ihres Gastvolkes, die sich durch „bolschewistische“, „liberale“ oder „wirtschaftliche“ Mittel bemerkbar mache, um eine medizinisch-spezifische Variante: Sie brächten ihre todbringenden, mit Fleckfieber infizierten Läuse ins Spiel, um das „Gastvolk“ zu schädigen. Er sei sich absolut sicher, dass das Fleckfieber in Polen gar kein Problem mehr wäre, wenn man die Juden entfernte.

Somit ist festzuhalten, dass die Gesundheitsführung des Generalgouvernements das Fleckfieber nicht als eine Infektionskrankheit wie jede andere betrachtete, sondern als geopolitisch und rassisch zuweisbare Gefahr, die insbesondere von den Juden ausging. Aus dieser Positionierung heraus war es nur logisch, die Krankheit „Fleckfieber“ nicht als solche zu bekämpfen, sondern die Menschen zu beseitigen, die als angebliche Läuseträger diese Krankheit verbreiten konnten. In der Konsequenz bedeutete dies die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Polens.

Mit dieser Argumentation hatten er und andere deutsche Ärzte in Polen medizinische Argumente für die Ghettoisierung der Juden geliefert. Damit hatte sich die Militärmedizin dem lange vorher formulierten Gedankengut Julius Streichers genähert: „Ein Jude ist ein Bazillus und die Pest. Er ist kein menschliches Wesen, sondern er ist ein Feind, ein Verbrecher, ein Krankheitsträger, den man im Interesse der gesamten Menschheit vernichten muss.“ (Streicher, 1939. Zit. nach Werther 2004)

Nationalsozialistisches Propagandaplakat aus dem Generalgouvernement 1941: „Juden, Läuse, Flecktyphus“


Fleckfieber und Militärmedizin

Eine frühe große Fleckfieber-Epidemie hatte Napoleons Armee in Russland getroffen. Wohl wegen der Winterkälte mussten die Soldaten ihre Kleidung durchgehend tragen, ohne sie wechseln oder säubern zu können. Dadurch konnten sich Kleiderläuse gut vermehren, die die bakteriellen Erreger übertrugen. Mehrere zehntausend Soldaten und Zivilpersonen starben an dem, was zunächst als Nervenfieber bezeichnet wurde.

Dass Läuse die entscheidenden Überträger waren, konnte wissenschaftlich erst am Anfang des 20. Jahrhunderts nachgewiesen werden, u.a. am Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten in Hamburg. Weitere Forschungen zum Fleckfieber folgten u.a. am Georg-Speyer-Haus in Frankfurt. Fleckfieber wurde dann auch im Ersten Weltkrieg zu einer ernsthaften Epidemie und die medizinische Wissenschaft intensivierte die Suche nach Impfstoffen.


Fleckfieber im Zweiten Weltkrieg – oder: Antisemitische Bevölkerungspolitik im besetzten Polen

Im Warschauer Ghetto wurden nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen mehr als 400.000 Juden auf engstem Raum ohne basale hygienische Strukturen und ohne ausreichende Nahrung eingesperrt. Hier breitete sich schnell das Fleckfieber (manchmal auch Flecktyphus genannt) aus. Die Menschen litten an Fieber und einem typisch roten Hautausschlag an den Extremitäten und im Gesicht, – die meisten starben.

Trotz erheblicher Infektionsschutzbemühungen breitete sich die Seuche auch in der Wehrmacht aus. Der Besetzung von Polen folgten weitere, zunächst erfolgreiche Kriege gegen europäische Staaten und deren Besetzung. Damit wurde die Fleckfieber-Bekämpfung zu einem zentralen Thema der Militärmedizin. 1942 wurde in Warschau das Staatliche Institut für Hygiene gegründet. Zum Leiter der Fleckfieber-Abteilung wurde Rudolf Wohlrab berufen.

Nach Auftreten der ersten Fleckfieberfälle erhielt der Warschauer Judenrat im Frühjahr 1940 den Befehl, eine 2,20 Meter hohe „Seuchenmauer“ zu errichten. In Warschauer Krankenhäusern wurden pharmazeutische Produkte auf ihre Wirksamkeit überprüft, indem die Krankheitsverläufe von behandelten und unbehandelten Fleckfiebererkrankten gegenübergestellt wurden.

Der Versuchsleiter war Robert Wohlrab. Er formulierte folgendes Ergebnis: „Die Letalität [Sterblichkeit] wurde nicht beeinflusst und für Komplikationen gilt das Gleiche (…). Insgesamt gesehen kann eine Wirkung vermutet werden, die aber nur dem experimentellen Chemotherapeuten bedeutsam ist, dem Kliniker aber noch keine wesentliche Hilfe.“ (zit. nach Werther). Statt zu helfen, verschärften die eingesetzten Mittel die Nebenwirkungen (Erbrechen und Durchfall) und auch den Krankheitsverlauf.

Die Fleckfieber-Forschung konnte sich nunmehr auf experimentelle Methoden stützen, – in zahlreichen Konzentrationslagern, in Stutthof, Buchenwald, Neuengamme und insbesondere auch in Auschwitz wurden Menschenversuche zur Erforschung der Infektionswege, zur Entwicklung und Erprobung von Impfstoffen und ähnlichen Themen durchgeführt.

Auch hier infizierte man Häftlinge absichtlich mit den Fleckfiebererregern, wobei eine Gruppe Geimpfter einer anderen Gruppe Ungeimpfter gegenüberstand. Die Fäden dieser europaweiten Forschung liefen insbesondere auch im staatlichen Institut für Hygiene in Warschau zusammen, und von dort wurden die Forschungsdesiderata [Forschungswünsche] formuliert.

Für den Antritt seiner Leitungsstelle hatte sich Rudolf Wohlrab durch einen Fachartikel in der Klinischen Wochenschrift, Heft 20/1942, mit folgendem Hinweis empfohlen: „Eigene frühere tierexperimentelle Erfahrungen bei Flecktyphus konnten wir seit 1914 in Seuchenhospitälern von Warschau an Menschen auswerten.“ (zit. nach Klee, E.: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt 2003)


Zum Lebenslauf des Dr. Wohlrab

Rudolf Emil Wohlrab wurde am 31. Januar 1909 in London als Sohn eines Schlossermeisters geboren und verbrachte seine Kindheit in Greiz. Er absolvierte ein Studium der Medizin an verschiedenen Universitäten, das er bereits 1933, also als 24-jähriger abschloss.

Der Betreuer seines Medizinal-Praktikums vom Krankenhaus in Moabit war das in höchstem Maße linientreue NSDAP-Mitglied Viktor Schilling. Es folgten Assistenzzeiten am Robert-Koch-Institut und am Paul-Ehrlich-Institut. Bereits 1941 habilitierte sich Wohlrab sich dann an der Universität Frankfurt. Sein Forschungsschwerpunkt lag im Bereich der Seuchenbekämpfung.

In Warschau unternahm er dann ab 1942 auch eigene Versuche mit pharmazeutischen Produkten der Firma Bayer. Für seine Verdienste um die Fleckfieber-Bekämpfung wurde er durch den Generalgouverneur der besetzten Gebiete Polens, Hans Frank mit dem Kriegsverdienstkreuz I. Klasse ausgezeichnet.


Weitere Karriere ab 1945

Nach Kriegsende kehrte er im Sommer 1945 zunächst nach Greiz zurück, wechselte dann aber – wohl in der Befürchtung, wegen seines Wirkens in Warschau könnte er von der sowjetischen Militäradministration zur Rechenschaft gezogen werden – nach Niedersachsen. Dort wurde er – trotz seiner Vergangenheit – Flüchtlingsarzt und Seuchenreferent. Von 1950 bis 1952 führte Wohlrab das Medizinal Untersuchungsamt in der Schlagvorder Straße 1 in Osnabrück. Im gleichen Gebäude bezog er eine Dienstwohnung.

Wer jetzt glaubt, seine Vergangenheit hätte ihn dann eingeholt und er sei wegen seiner Menschenversuche vielleicht strafverfolgt worden, der irrt sich: Die Karriere ging weiter. Als nächste berufliche Station leitete er das Medizinal Untersuchungsamt in Hannover.

An der Fleckfieberforschung hatte sich auch der deutsche Tropenmediziner Gerhard Rose beteiligt, der später gemeinsam mit Wohlrab am Warschauer Hygieneinstitut beschäftigt war und intensive medizinische Untersuchungen an KZ-Gefangenen betrieben hatte. Im Unterschied zu Wohlrab war Rose in das Blickfeld der Anklage im Nürnberger Ärzteprozess geraten und dort zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Er wurde aber schon 1955 vorzeitig aus der Haft entlassen. Mit dem Ziel der Wiedereinsetzung in ärztliche Funktionen kam es dann 1960 zu einem Verfahren vor der Bundesdisziplinarkammer. Als Sachverständiger trat Rudolf Wohlrab auf. Letztlich wurde Rose dann am 3. Oktober 1963 in einem Revisionsverfahren von der Düsseldorfer Disziplinarkammer freigesprochen.

In einer „Dokumentation“ von 1973 schrieb Rudolf Wohlrab im Vorwort: Im Warschauer Ghetto habe er „eine positive Gesundheitsvorsorge“ betrieben, und wenn notwendig, sogar im „offenen Widerstand gegen die Staatsgewalt“. In einem späteren Interview leugnete Wohlrab die rassistischen und antisemitischen Hintergründe der in Polen betriebenen Seuchenpolitik: „Fleckfieber ist nicht eine Frage der Rasse, sondern der Klasse.“ Auch seinen engen Freunden und Mitarbeitern im Ghetto unterstellte Wohlrab nur lautere medizinisch-ethische Motive.

Wohlrab selber engagierte sich später in Hannover als Mitglied der SPD in der Kommunalpolitik und gehörte von 1968 bis 1981 dem Rat der Stadt an, und von 1981 bis 1986 dem Bezirksrat in Döhren-Wülfel. In keiner Weise zur Rechenschaft gezogen, konnte er bis zu seinem Tod am 30. September 1995, gestützt auf eine üppige Beamtenpension als Medizinaldirektor, ein geruhsames und auskömmliches Leben führen.


Literaturliste

Werther, T.: Fleckfieberforschung im Deutschen Reich 1914 bis 1945. Untersuchung zur Beziehung zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik unter besonderer Berücksichtigung der IG Farben. Marburg 2004

[1] Jost Walbaum, geb. am 22. Januar 1889 in Steinham/Westfalen, gestorben am 06. Dezember 1969 in Laatzen, Amtsarzt sowie nationalsozialistischer Politiker und SA-Oberführer- Beitritt zur NSDAP 1930, u.a. Behandlung von Hermann Göring wegen Morphinabhängigkeit. Ab 1940 Leiter der Gesundheitskammer im Generalgouvernement. Medizinisch verantwortlich für die Ghettos in Warschau, Lublin und Lodz. „Es gibt nur zwei Wege, wir verurteilen die Juden im Ghetto zum Hungertode, oder wir erschießen sie.“ Nach 1945 Niederlassung als homöopathischer Arzt. Ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts auf Beihilfe zum Mord, wurde November 1968 eingestellt.

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