Sonntag, 14. Juli 2024

Geplatzte Kragen – Teil 3

Neupräsentation einer vielgelesenen OR-Serie in 6 Teilen
Vorbemerkung: Wenige Monate nach ihrer Neugründung zum Jahresbeginn 2021 startete die Osnabrücker Rundschau eine vielbeachtete historische Serie. Im Mittelpunkt stand jener Aufstand von Handwerksgesellen im Jahre 1801, der als blutigster Arbeitskampf in die Stadtgeschichte eingegangen ist. Passend zu freundlichen Gaben der Weihnachtszeit erlaubt es sich die OR-Redaktion, unserer deutlich gewachsenen Leserschaft die Serie zum Jahresende als aktualisierte Fassung donnerstags erneut zu präsentieren.

 

Osnabrücks Gesellenaufstand von 1801

13. Juli 1801: 120 rot uniformierte Soldaten eines Hannoverschen Regiments marschieren vom Osnabrücker Schloss in Richtung Gartlage. Die Truppe soll einen Streik Osnabrücker Handwerksgesellen beenden. Zahllose Menschen aus der Bürgerschaft bekunden ihre offene Sympathie mit den Streikenden. Es herrscht Aufruhr in der Stadt!

Auf dem Areal eines Gasthauses in der Gartlage kommt es zu einem blutigen Gemetzel. Der erste Osnabrücker Generalstreik endet mit zehn Toten. Um was ging es damals, und wie konnte es dazu kommen? Die OR setzt ihre Zeitreise in Osnabrücker Geschehnisse fort, die in diesem Sommer exakt 220 Jahre zurückliegen.

Teil 2 unserer Serie hatte sich mit der großen Empörung der Schuhmachergesellen befasst. Begründet hatte sich die Unruhe, nachdem sich die Gildemeister unbefugt in interne Streitigkeiten der Gesellen eingemischt hatten. Empfindliche Geldstrafen bis hin zu Entlassungen hatten auch solche Gesellenbrüder getroffen, die gar nicht am Streit um eine vorgeschriebene Kleiderordnung um geschlossene Rockkragen während einer Versammlung beteiligt gewesen waren.

Teil 3 unserer Serie befasst sich mit weiteren Hintergründen, die letztendlich zum Streikbeschluss der jungen Schuhmacher führen.

Zeugnis der Geschichte am Wegesrand: Gesellenweg und Informationstafel zum Osnabrücker Gesellenaufstand von 18o1 in der Gartlage, gelegen am Haster Weg. Foto: Heiko SchulzeZeugnis der Geschichte am Wegesrand: Gesellenweg und Informationstafel zum Osnabrücker Gesellenaufstand von 18o1 in der Gartlage, gelegen am Haster Weg. Foto: Heiko Schulze

Teil 3:
Streikbeginn und Zukunftsträume

Es gärt in den Werkstätten

Donnerstag, 2. Juli 1801: Die Vorfälle in der Herberge der Schuhmachergesellen haben längst die Runde gemacht. Die Revoltierenden stellen landauf, landab die stärkste Gesellengruppe. Denn jeder fünfte deutsche Wandergeselle zählt zu den Schuhmachern, die wegen der Arbeitsweise mit dem schwarzen Gebräu etwas spöttisch „Pechhengste“ genannt werden.

In den Werkstuben der Schuhmacher, die meist allein aus je einem Meister, Gesellen und Lehrling bestehen, türmen sich schon seit langer Zeit heftige Probleme. Das bedrückendste davon ist die Ausweglosigkeit für die große Mehrheit der Gesellenbrüder, jemals Meister werden zu können. In keinem gängigen Handwerk ist das Missverhältnis von Gesellen und freiwerdenden Meisterstellen so groß. Der Gesellenstatus scheint einen Lebensweg vorzuzeichnen, aus dem kein Aufstieg mehr zu erwarten ist. Dass man mittlerweile Schuhmachergeselle und nicht mehr, wie vor gar nicht allzu langer Zeit, „Schuhknecht“ heißt, ist dafür nur ein schwacher Trost.

Kein angenehmes Arbeiten: historischer Schuhmacherarbeitsplatz mit Schusterkugel. Abbildung: Heimatmuseum Heidelberg – Kirchheim

Unzufriedenheit produziert aber auch immer wieder die ungesunde, stets gebückt auf einem Hocker versehene Arbeitshaltung. Das Werkeln selbst ist außerdem mit ziemlich üblen Gerüchen gepaart, die in den winzigen Räumen von ausdünstendem Pech und frisch gegerbtem Leder ausgehen. Unruhe verbreitet auch die zunehmende Praxis vieler Handwerksmeister, die Entlohnung an die Stückzahl des bearbeiteten Schuhwerks anzupassen, statt dafür, wie zuvor, einen festen Betrag zu zahlen. Dies verursacht oft Arbeitszeiten von täglich bis zu 14 Stunden, die, je nach Jahreszeit, bis zum späten Abend bei Kerzenlicht unter bescheiden schimmernden Schusterkugeln absolviert werden müssen.  Manche Gesellen lässt die Werkstatt sogar des Nachts nicht los. Denn der Arbeitsort ist oft die Schlafstätte, sobald der Meister keine andere Kammer in seinem Wohnhaus bereitstellt.

Es ist deshalb nicht nur die Wut über Gildemeister wie Fürbrock oder Heune, welche die Wandergesellen wütend macht. Immer wieder fließen Erzählungen aus der Erlebniswelt von Wandergesellen ein, die andernorts gemacht worden sind. Nur zu genau kennen alle das wachsende Register von Repressalien, denen sich Wandernde auf ihrer Walz durch eine Fülle deutscher Staaten tagtäglich ausgesetzt sehen.

Über großformatige Versuche der Herrschenden, Rechte zu beschneiden, war schon im ersten Teil unserer Serie ausführlich berichtet worden: das Ende des arbeitsfreien „Blauen Montag“, das Verbot überregionaler Verbindungen, der Selbstverwaltung entzogene Hilfskassen und Herbergen befinden sich längst auf der Liste repressiver Regierungspraxis. Und in Osnabrück ist, so scheint es, den Gesellen infolge des Vorfalls in der Schuhmacherherberge zu allem Überfluss auch noch die „Gerechtsame“ genommen worden, auf deren Grundlage die Gesellenschaft ihre internen Streitigkeiten stets allein unter sich zu regeln pflegt.

Unzählige Verschlechterungen treffen Wandergesellen fast aller Gewerke. Etliche beginnen auch an frühen Folgen der Industrialisierung zu leiden, deren Massenproduktion etliche Produkte aus Großbritannien viel günstiger macht als jene aus deutschen Handwerksbetrieben.

Vor allem die Schneider, Schmiede oder Tischler, die ähnlich stark vertreten sind wie die Schuhmachergesellen, können viel aus eigenem Erleben beitragen, sobald man sich in der Stadt oder auf den langen Wanderungen begegnet. Bei Bauhandwerkern wächst überdies die Unzufriedenheit aufgrund überaus geringer Löhne. Auf großen Unmut stößt auch woanders die Berufsperspektive. „Zunftdenken“, das allenfalls Meistersöhnen oder solchen, die eine Meisterwitwe ehelichen, Zugang in die Gilde gewährt, steht in der Kritik. Endlose Schikanen bestimmen Aufnahmeprüfungen, sobald ein Geselle tatsächlich zur Meisterprüfung zugelassen wird. Es ist somit kein Wunder, dass „Böhnhasen“, die heimlich – oft auf dem Dachboden – ohne Meistertitel produzieren ebenso zunehmen wir „Pfuscher“, die ohne handwerkliche Ausbildung sind. Dass alles gemeinsam das Handwerk schädigt, bildet die andere Seite der Medaille.


Solidarität, Widerstandsformen und Träume von einer besseren Welt

Umgekehrt ist es kein Wunder, dass Repressalien der Regierenden und Handwerksmeister Gesellen unterschiedlicher Gewerke vielfach eng zusammenschweißen. Nicht umsonst nennen sie sich „Brüder“ und wissen nach ihren Wanderungen immer wieder von gemeinsamen Widerstandsformen zu berichten. Wandernde Gesellen sind im Gegensatz zur einheimischen Bevölkerung recht „kundig“ über das, was andernorts vor sich geht. Das verschafft auch in Osnabrück Selbstbewusstsein.

Was für gewöhnlich besonders die Runde macht, sind die bereits in Teil 1 unserer Serie berichteten Widerstandsformen gegen Meister, städtische oder staatliche Obrigkeiten. Besonders beliebt bleiben Aktionsformen wie beispielweise jene, den „Schimpf“ über eine Stadt zu bringen. Dabei wird anderen Wandergesellen davon abgeraten, bestimmte Orte oder – im Gesellendeutsch – „Kaffs“ aufzusuchen, weil sie dort eine ungerechte Behandlung erwarte. Auch das freche „Auswandern“ in den nächstgelegenen Ort produziert so manche Geschichte. Besonders die Runde machen naturgemäß Erzählungen über Streiks, damals meist „Aufstände“ genannt, was vom „Aufstehen“ abgeleitet ist: Gesellen beschließen das Einstellen ihrer Arbeit, schließen sich zusammen und verziehen sich in ihre Herberge oder in eine vertraute Gastlichkeit. Da für die Zeit der Arbeitsverweigerung naturgemäß kein Lohn anfällt, sind die Verzehrkosten in Herberge oder Gastlichkeit im Falle einer erfolgreichen Aktion von der Meistergilde zu bestreiten. Im negativen Fall wirft man das Geld entweder zusammen oder nutzt dazu die gemeinsam finanzierte Gesellenlade.

Bei den meisten, auch infolge der in Osnabrück bekannt gewordenen Streiks hatten die Gesellen mit ihrer Strategie offenbar Erfolg, und die Meister mussten teils üppige Zechen begleichen. Tatsächlich machen auf den Wanderungen zur Zeit des Osnabrücker Geschehens besonders viele Aufstandsgeschichten die Runde, von denen die einen gehört, die andere aber auch selbst erlebt haben. Große Arbeitsniederlegungen in Berlin, Hamburg, Bremen oder Frankfurt am Main, die allesamt zeitnah stattgefunden haben, bieten Stoff für begeistert aufgenommene Erzählungen.

Die mit Abstand bedeutendste Erzählung stammt allerdings aus dem französischen Paris und hat nur wenig mit Handwerk zu tun. Die dortige Revolution von 1789 ist seit einem Dutzend Jahren in aller Munde. Es ist also tatsächlich irgendwie möglich, so interpretiert man das ferne Geschehen, die Obrigkeiten zum Teufel zu jagen und Kräfte aus dem einfachen Volke an die Macht zu bringen. Andere erzählen auch begeistert von der Revolution im fernen Nordamerika: Hier ist 1787 eine Verfassung verabschiedet worden, die Menschenrechte beinhaltet und keine Vorrechte des Adels mehr kennt. Kurzum: Freiheit scheint für Osnabrücker Gesellen keine ferne Utopie mehr zu sein. Man streitet also um das, was andernorts bereits, wie es scheint, erreicht worden ist.


Der Streikbeschluss

Am Samstag, 4. Juli 1801, sind alle Versuche der Osnabrücker Schuhmachergesellen, gütliche Vereinbarungen mit den Gildemeistern abzuschließen, endgültig gescheitert. Das Recht auf Arbeitsniederlegung wird weiterhin verweigert. Die Arbeitsaufnahme bleibt angeordnet. Teilweise sind, was besonders erzürnt, die persönlichen Habseligkeiten und vor allem die zum Weiterwandern nötigen „Kundschaften“ von Gesellen ohne deren Zustimmung durch Meister konfisziert worden.
Alles geht nun recht schnell. Die jungen Schuhmacher begeben sich in ihre Herberge, lassen sich dort vom Krugmeister Penning bewirten und beschließen nach kurzer Aussprache die gemeinsame Arbeitsniederlegung. Der schon andernorts erfolgreich beschrittene Weg, die Verzehrkosten nach dem erhofften Erfolg des Aufstands durch die Gildemeister begleichen zu lassen, wird frohgemut und optimistisch beschritten. Dass dabei manche Flasche Branntwein ihre fröhliche Runde macht, verstärkt die gute Stimmung.


Die Stadt kommt ins Spiel

Drohen örtliche Handwerksgesellen wie die Schuhmacher mit Streik, leuchten schnell auch im Rathaus die Alarmlichter, sobald die Information dort durchdringt. Denn die Obrigkeiten aus Städten wie Osnabrück haben schreckliche Angst, durch das „Schimpfen“ fortgehender Wandergesellen in Verruf und dadurch in ökonomische Notlagen zu geraten. Ein örtliches Handwerk ohne nachziehende Gesellen trifft eine Stadt in ihrem Lebensnerv. Vom städtischen Magistrat, den die Gildemeister um Unterstützung ersucht haben, erfolgt deshalb sofort eine Geste, die weit mehr Empörung bei den Gesellen hervorruft, als dass sie zu Kompromissen verleitet: Zum Feindbild wird ein Ratsdiener.

Am sehr späten Samstagabend, die Turmuhren zeigen auf 22 Uhr, entsenden die beiden Bürgermeister Stüve und von Gülich jenen Ratsdiener in die Herberge. Der Ratsbedienstete fordert ultimativ im Namen der Stadt, die Gesellen sollten gefälligst am Montag früh wieder arbeitswillig in ihren Werkstätten erscheinen. Überdies hätten sie die Zeche für Krugvater Penning aus der eigenen Tasche zu zahlen. Nicht minder auf Empörung stößt tags darauf ein Vorschlag des stadtbekannten Meisters Schledehaus, der das Osnabrücker Handwerk als einer von zweien sogenannter Altermänner im Stadtrat vertritt. Schledehaus fordert am Sonntag für den Folgetag ebenfalls ultimativ die Wiederaufnahme der Arbeit. Er bietet allerdings an, die „Klagen gehörigen Orts vorzubringen“, was die Schuhmachergesellen aufgrund schlechter Erfahrungen und wegen der einseitigen Besetzung handwerksinterner wie auch städtischer Schiedsgremien als Scheinalternative ablehnen.


„Spaziergang“ in der Zweierreihe

Am Montag, dem 7. Juli, geht somit kein Schuhmachergeselle mehr in seine Werkstatt. Die offizielle Arbeitsniederlegung beginnt! Wichtig ist es den Arbeitsverweigerern allerdings, dass es nicht beim Verweilen in eigenen Reihen bleiben soll. Ins Auge fassen die Streikenden vorab das Bündnis mit Gesellen anderer Gewerke. Etliche Zusammenkünfte haben dazu bereits den Weg bereitet. Ebenso wichtig ist ebenfalls der Zuspruch aus der Osnabrücker Bevölkerung, den man zu spüren beginnt. Um diesen zu erlangen, wird das bewährte Mittel des „Spazierengehens in Zweierreihen“ durch die Straßen der Stadt gewählt. Es ist eine frühe Form dessen, was wir heute „Demonstration“ nennen.
Zu diesem Zweck baut man sich in den besagten Zweierreihen auf, wirft sich ordentlich in Schale, lässt farbenprächtige Fahnen schwingen und stimmt Lieder an. Musizierende gehen vorweg. Etliche heften sich zudem auffällige Kokarden ans Revers oder an die breitkrempigen, eifrig geschwungenen Hüte. Auch Werkzeug und prächtige Gehstöcke erden mitgeführt. So wird ein „Spaziergang“ aufmüpfiger Gesellen schnell zu einer innerstädtischen Attraktion, die viele Schaulustige anzieht und auch Beifall erzeugt.

Der Hamburger Gesellenstreik von 1791 mit seinem typischen Umzug in Zweierreihen, hier dargestellt in einer zeitgenössischen Darstellung, setzte Maßstäbe für öffentliche Umzüge der Gesellenbruderschaften. Bild: Deutsches Historisches MuseumDer Hamburger Gesellenstreik von 1791 mit seinem typischen Umzug in Zweierreihen, hier dargestellt in einer zeitgenössischen Darstellung, setzte Maßstäbe für öffentliche Umzüge der Gesellenbruderschaften. Bild: Deutsches Historisches Museum

Damit stehen die Fronten des Gesellenaufstandes. Noch herrscht auf Seiten der Gesellen eine gelassene Stimmung. Und noch ist die Stadtspitze nicht übertrieben emsig dabei, die Arbeitsniederlegung zu beenden. Beide Seiten werden sich tragisch irren.


Blick auf die nächste Folge

In der nächsten, mittlerweile 4. Folge werden der Streikverlauf und die Reaktionen der Stadtbevölkerung im Mittelpunkt stehen, in dessen einfacher Bürgerschaft sich die Sympathie mit den Streikenden von Tag zu Tag vermehrt. Droht etwa eine Osnabrücker Revolution?

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