Hans Calmeyer: Bald kein „Gerechter unter den Völkern“ mehr?

Gedenkstätte Yad Vashem überprüft ihre frühere Entscheidung

Kurz vor der endgültigen Entscheidung zur Benennung der Villa im Museumsquartier sind der OR-Redaktion Neuigkeiten übermittelt worden, die für das bald anstehende Rats-Votum zur Namensgebung des neuen “Friedenslabors” im Museumsquartier brisant sein dürften: Innerhalb der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem befasst man sich offenkundig erneut grundlegend mit der Frage, ob Hans Calmeyer posthum weiter den Titel „Gerechter unter den Völkern“ tragen darf oder man ihm diese Ehrung rückwirkend wieder entzieht.

Die Entscheidung fällt in Jerusalem. Yad Vashem  ist laut ihres Selbstverständnisses eine „Gedenkstätte des Holocausts und des Heldenmuts“. Weltweit gilt letztere als bedeutendste Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert. Die Verleihung des Titels „Gerechter unter den Völkern“ ist ein in Israel nach der Staatsgründung 1948 eingeführte Ehrung für nichtjüdische Einzelpersonen, die unter nationalsozialistischer Herrschaft während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten. Im Jahre 1992 hatte die Gedenkstätte den Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer in ihre Ehrenliste aufgenommen.


Gesichtspunkt zur Benennung der Villa im Museumsquartier

Die Auszeichnung zählt seither zu den stärksten Argumenten derer, welche die Villa im Museumsquartier „Hans-Calmeyer-Haus“ nennen möchten. Sollte dies nicht durchsetzbar sein, gibt es insbesondere aus der CDU-Ratsfraktion um ihren vormaligen Vorsitzenden Dr. Fritz Brickwedde Bestrebungen, Calmeyer zumindest im künftigen Untertitel zur Bezeichnung des Museumsgebäudes zu berücksichtigen. „What about Calmeyer“, eine vom Wissenschaftlichen Beirat zur Hausprofilierung alternativ erwogene Variante steht dabei ebenso im Raum wie eine von dritter Seite vorgeschlagene Variante namens „Hans-Calmeyer-Forum“.

Der Soziologe Martin Sijes, der abwechselnd in den Niederlanden und in Israel lebt, übermittelte der Osnabrücker Rundschau einen neuen Sachstand in der brisanten Angelegenheit

„Im vergangenen Jahr“, so Sijes, „hat Yad Vashem das Verfahren eingeleitet, ob die Anerkennung von Hans Calmeyer rückgängig gemacht werden soll oder nicht.“ Yad Vashem hat dieses Überarbeitungsverfahren als Reaktion auf ein Buch und einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Das Rätsel von Femma, Beute eines Menschenretters“ über die Amsterdamerin Femma Fleijsman eingeleitet. Die junge Femma hatte während der deutschen Besatzung auf fatale Weise mit Calmeyer zu tun. Über einen weiteren Fall, in dem Calmeyer sich weigerte, ein Leben zu retten, obwohl er dazu ohne Weiteres in der Lage gewesen wäre, hat die Osnabrücker Rundschau kürzlich ebenso berichtet: 
Hans Calmeyer und der Fall Kurt Reilinger

Zwar bleibt unklar, zu welcher Entscheidung die dort Verantwortlichen am Ende gelangen werden. Dass es in Yad Vashem aber ernsthafte Überlegungen aufgrund aktueller Erkenntnisse gibt, steht offenkundig außer Frage. Die aktuellen Erkenntnisse zu Calmeyer und seiner Rolle bei der Deportation von Juden aus den Niederlanden haben die Debatte ganz offenkundig entscheidend belebt.


Gespräche in Jerusalem

Martin Sijes hat in Jerusalem mit dem zuständigen Direktor von Yad Vashem gesprochen. Sijes dazu zur OR: „Er teilte mir mit, dass er interessante neue Informationen über Calmeyer erhalten habe.“ Diese neue Information läge jetzt auch den zuständigen Richtern der Kommission für die Anerkennung der „Gerechten unter den Völkern“ vor. Sijes: „Dies ist wichtig, da eine Überarbeitung nur auf neuen Informationen beruhen darf, die zum Zeitpunkt der Anerkennung Calmeyers noch nicht bekannt waren.“ Selbstverständlich sind die nun entscheidenden Persönlichkeiten bei ihrem Votum völlig unabhängig.

Sijes ist der Sohn des renommierten niederländischen Historikers Benjamin Aaron Sijes, der, seinerzeit als Mitarbeiter des niederländischen NIOD-Instituts für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien, Calmeyer am 12. Juli 1967 intensiv zu seinem Wirken in den Niederlanden während der Besatzungszeit persönlich befragt hat.

Benjamin Sijes zitierte Calmeyer in 1967 in seinem Bericht mit den Worten, „dass er wusste, dass die Juden als zwangsläufige Folge des zertretenen Rechts in den Tod gingen“. Nach mehr als 3 1/2 Stunden Redezeit sagte Calmeyer danach: „Jede Nacht bin ich verzweifelt. Ich bin mir vorgekommen wie ein Mörder.“ Weiter sagte Calmeyer in der von Sijes Senior dokumentierten Aussage„ dass er eigentlich auch auf der Anklagebank sitzen müsste. Und dann müsste der Richter entscheiden.“

Vielbeachtet in der bisherigen Calmeyer-Debatte war ein Beitrag, den Martin Sijes im GeschichtsBLOG des Historischen Vereins veröffentlicht hat. Wörtlich brachte der Niederländer seine Position darin so auf den Punkt:

„Nein! Calmeyer ist kein Held! Er ist auch kein Nazi. Wahrscheinlich nicht einmal ein Antisemit. Er ist ein gequälter jedoch ehrgeiziger Angestellter des NS-Regimes. Ein Mitarbeiter, der auch versucht, nach dem Krieg ein möglichst günstiges Bild von sich zu zeichnen. Ich nehme an, er hat dafür einen hohen psychologischen Tribut gezahlt. Als Mensch kann ich mich in dieses Verhalten einfühlen. Dies ist jedoch vor dem Hintergrund der Frage, mit der wir uns jetzt konfrontiert sehen, nicht wichtig. Calmeyer verdient kein Museum.“

Ob der Genannte aufgrund vieler neuer Erkenntnisse keine Ehrung mehr in Yad Vashem verdient, entscheidet sich in Israel. Ob man eine derart ambivalente Persönlichkeit zum derzeitigen Zeitpunkt in seiner Heimatstadt ehren soll, entscheidet sich vor Ort. Es wäre ein Votum mit deutlicher Nachwirkung, wie der renommierte Historiker Prof. Gerhard Hirschfeld im Vorjahr beim Rathaus-Symposium warnte: “Nichts ist peinlicher, als Benennungen wegen neuerer Erkenntnisse zurücknehmen zu müssen“.

Wer den oben erwähnten, sehr ausführlichen Beitrag von Martin Sijes, der seit dem 5. Mai 2020 abrufbar ist, studieren will, gelangt über diesen Link zu dem bemerkenswerten Aufsatz „Calmeyer ist kein Held. Noch ausführlicher ist Sijes hier: https://hvos.hypotheses.org/5219#more-5219  oder Ja, zu einem museum, aber er darf nicht nach Calmeyer genennt werden!

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