Samstag, 20. Juli 2024

Heute vor einem Jahr in der Osnabrücker Rundschau: „Ich war Nummer 401!“

Veranstaltung des VfL-Bündnisses „Tradition lebt von Erinnerung“
Zwangsarbeiterin berichtete aus ihrem Osnabrücker Lageralltag

Schillernde Fußballtriumphe und menschenverachtende Zwangsarbeit im Nationalsozialismus: Passen diese Themen überhaupt zusammen? Eine Gemeinschaftsaktion des Vereins Gedenkstätten Augustaschacht-Gestapo-Keller und des VfL-Bündnisses „Tradition lebt von Erinnerung“ beantwortet diese Frage mit einem klaren „Ja“. Die Fußball-Kooperation, die unter anderem Aktive des Fanprojekts, des VfL-Museums, der VfL-Fanabteilung und der Ultra-Gruppe „Violet Crew“ umfasst, macht bereits seit einiger Zeit immer wieder deutlich, dass die Befassung mit Fragen der Erinnerungskultur mit interessanten Projekten und informativen Themenabenden verbunden sein kann. Ein solcher durfte jüngst aufgrund der Corona-Pandemie als digitale Veranstaltung stattfinden.

Ankündigung der Veranstaltung. Auf dem Foto: das ehemalige VfL-Stadion an der GartlageAnkündigung der Veranstaltung. Auf dem Foto: das ehemalige VfL-Stadion an der Gartlage

Aus der Ukraine zugeschaltet: Antonina Vasilijewna Sidoruk

Aus ihrer ukrainischen Heimat direkt zugeschaltet, berichtete die ehemalige Osnabrücker Zwangsarbeiterin Antonina Vasilijewna Sidoruk in einem Zeitzeuginnengespräch per Monitor über ihre Osnabrücker Erlebnisse. Mehr als 50 Teilnehmende dokumentierten visuell ihr hohes Interesse. Es galt dem aktuellen Projekt des Bündnisses, der Erforschung des früheren Zwangsarbeitslagers in der Gartlage.

Das Interesse der Fußballfans kommt nicht von ungefähr. Denn am besagten Ort war in Kriegszeiten exakt dort ein Arbeitslager errichtet worden, wo zuvor ein traditionsreiches Stadion gestanden hatte. Dort wiederum hatte der VfL noch in den späten 30er Jahren große sportliche Triumphe wie den Einzug in die Endrunde der deutschen Fußballmeisterschaft feiern können.

Die ehemalige Zwangsarbeiterin Antonina Vasilijewna Sidoruk wiederum verknüpft mit dem gleichen Standort überhaupt kein schönes Geschehen. Es sind weit eher traurige Erinnerungen, die sie mit dem ehemaligen Lager am gleichen Standort verbindet.


Zwangsarbeit für Wehrmachtsmunition

Diskussionsleiterin Nadine Tauchner vom Gedenkstätten-Verein war es, die bereits vor der ausgiebigen Fragerunde auf historische Daten zum Lager hinwies:  Im „Gemeinschaftslager Gartlage“ waren spätestens ab 1942 in nur 16 Holzbaracken bis zu 1.300 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter untergebracht. Zwölf Stunden an täglicher Arbeitszeit, Misshandlungen durch das Wachpersonal, katastrophale Hygienebedingungen in überbelegten Baracken bildeten nur wenige Stichworte, um die Zeitzeugin nach ihren eigenen Erlebnissen zu befragen.

Die zugeschaltete Antonina Vasilijewna Sidoruk stellte sich zunächst vor. Sie wurde 1927 in der Ukraine geboren. Im Frühling 1942, im noch kindlichen Alter von nur 14 Jahren, war sie nach Deutschland deportiert worden. In Osnabrück musste sie Zwangsarbeit für das Kupfer- und Drahtwerk (OKD) und die dort am Limberg angesiedelte Munitionsfabrik Teuto-Metallwerke leisten. Alle Zwangsarbeitenden hätten Nummern zugeteilt bekommen. „Ich war Nummer 401“, berichtete sie. Gut drei Jahre habe sie dort mit schweren Tätigkeiten verbringen müssen.


Von der Schule ins bewachte Lager

„Im Jahre 1941 hatte ich gerade die 6. Klasse beendet, als ich in meinem Heimatdorf wie andere Altersgenossinnen von der deutschen Wehrmacht aufgegriffen und zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht worden bin“, berichtete sie. Nachdem die kräftigsten und gesündesten Zwangsarbeitenden auf Bauernhöfe der Umgebung aufgeteilt worden seien, sei sie mit anderen den Teuto-Metallwerken zugeteilt worden, um sich in jeweils 12-stündigen Tag- oder Nachtschichten um die Rüstungsproduktion zu kümmern.

Vom Bürgerverein Schinkel erstellte Lager-Grafik auf dem heutigen KME-GeländeVom Bürgerverein Schinkel erstellte Lager-Grafik auf dem heutigen KME-Gelände

„Immer dann, wenn Bomben fielen“, so Frau Sidoruk, „hatten wir eine Todesangst, denn Luftschutzbunker waren oft viel zu weit weg, um uns schützen zu können.“ Immer wieder hätten die Zwangsarbeitenden infolge des Bombenkrieges über viele Tote und Schwerverletzte trauern müssen.


Tragischer Tod von Freundinnen

Besonders betroffen machte die Zuhörenden eine Erzählung, die eine enge Freundin Frau Sidoruks betraf.

„Wir sind, wie etliche Tage, schon um 4 Uhr früh geweckt worden, um unseren bewachten Marsch zum Werk am Limberg anzutreten. Im dunklen Wald ist es passiert, dass meine Freundin dabei in einen Bach gefallen ist. Sie ist dabei entsetzlich nass geworden und hat sich in der Eiseskälte einen schweren Infekt geholt. Sie ist daran, nur zwei Tage später, gestorben. Ich bin furchtbar traurig gewesen.“

Eine andere Zwangsarbeiterin, die zuweilen unter epileptischen Anfällen litt, sei von Wachsoldaten deswegen totgeprügelt worden. Eine weitere gute Freundin von ihr sei am Inhalt schlecht gewordener Fischkonserven gestorben. Frau Sidoruk: „Während eines Besuchs in Osnabrück, wo ich 2016 auf Einladung der Stadt und des Vereins Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht sehr gern zu Gast sein durfte, habe ich die Gräber der drei Freundinnen besucht. Ich habe dort Blumen niedergelegt. Das hat mich sehr bewegt.“

Grassiert habe im gesamten Lager zunehmend ein entsetzlicher Hunger. Von Einheimischen Brot zugesteckt zu bekommen oder solches, beispielsweise, gegen ukrainischen Tabak einzutauschen, die zuweilen aus der Heimat geschickt worden seien, sei offiziell verboten und deshalb überaus gefährlich gewesen. „Es hat uns aber geholfen, zu überleben“, berichtete die Ukrainerin. Nicht ohne hinzuzufügen: „Obwohl viele Deutsche, vor allem im Wachpersonal und in den Reihen der Geheimen Staatspolizei, brutal zu uns waren, hat es auch Osnabrückerinnen und Osnabrücker gegeben, die gut zu uns gewesen sind.“

Ein Beispiel hatte Frau Sidoruk gleich parat: „Ein Meister in der Werkstatt brachte mir regelmäßig ein Butterbrot und hat es in einem, unter uns beiden vereinbarten Versteck hinterlegt. Als ich ihn auf seine Güte angesprochen habe, hat er mir berichtet, dass er selbst eine Tochter in meinem Alter besaß, die noch mit Puppen gespielt hat.“


Spärliche Nahrung, zerlumpte Kleidung und kaputte Schuhe

Auf die Frage, wie es sich im Lager mit Nahrung und Kleidung verhalten habe, antwortete Frau Sidoruk sehr schnell: „Unsere Tagesration hat aus 150 Gramm Brot, etwas Spinat und Steckrüben-Stücken bestanden. Getragen haben wir Lumpen, mit den Füßen haben wir uns mit meist kaputten Gummischuhen fortbewegt, oft auch ganz barfuß.“

Offiziell habe es für die Zwangsarbeit sogar eine Entlohnung von monatlich 15 Reichsmark gegeben. Das Geld ei aber im Grunde für die eigenen Bedürfnisse vollkommen wertlos gewesen: „Vor allem Essen hat es ja nur ganz allein auf Lebensmittelmarken für Deutsche gegeben. Ich habe das Geld darum meistens gar nicht erst genommen.“


Fehlen jeder Freizeit

Als Frau Sidoruk gefragt wurde, wie sich denn der arbeitsfreie Alltag im Lager dargestellt habe, brachte sie die Situation für alle kurz und knapp auf den Punkt: „Bei 12 Stunden harter Arbeit und jeweils einer Stunde Fußweg durch den Wald zur Fabrik ist höchstens noch Zeit dafür geblieben, unsere enge Baracke einigermaßen sauber zu halten. Da war viel zu tun, denn dort haben ja zwischen 18 und 30 Menschen gelebt, die in zweistöckigen Betten schlafen mussten.“ Erst zum Kriegsende hin habe sich die Möglichkeit ergeben, samstags ab 14 Uhr in Zehnergruppen und mit Aufsicht das Lager zu verlassen. Zuweilen hätten sich hier auf Bauernhöfen der Umgebung offiziell verbotene Tauschgeschäfte ergeben. Von der Geheimen Staatspolizei, der Gestapo, hätte man sich dabei allerdings niemals erwischen lassen dürfen. Ein einziger Satz Frau Sidoruks brachte die furchtbare Gefahr, die damit verbunden war, auf den Punkt: „Immer, wenn jemand zur Gestapo musste, ist er nie wiedergekommen.“


Nach der Befreiung

Als das Lager im April 1945 von der Britischen Armee befreit worden war, habe, so die Zeitzeugin, zwar allerorten große Erleichterung geherrscht. Doch auch dies zählte für sie zur vollen Wahrheit: „Wir mussten auch von vielen Menschen hören, die aus den Lagern befreit worden waren, aber von unverbesserlichen deutschen Faschisten trotzdem in der Folgezeit ermordet worden sind.“

Natürlich interessierte das Publikum zum Schluss, was mit Frau Sidoruk selbst nach ihrer Rückkehr in die Heimat geschehen ist. Die Stalin-Zeit bis 1953, so die Befragte, sei dort sehr problembeladen gewesen. Erst danach habe es allmählich genug Essen, Arbeit und gegenseitiges Vertrauen gegeben. Sie selbst habe mehrere Jahrzehnte mit viel Engagement als Lehrerin an einer Schule gearbeitet. „Die größten Freuden, die ich im Leben hatte, waren aber die Geburt von Kindern, Enkelkindern und zuletzt die eines Urenkelkindes.“


Blick auf das Heute

Lächeln trotz aktueller Sorgen

Ganz zum Schluss wurde Frau Sidoruk natürlich noch mit der Frage konfrontiert, wie sie die aktuelle Lage in der Ukraine einschätze. Schnell kamen dabei naturgemäß deutliche Befürchtungen zutage: „Ich habe Angst. Nicht um mich, viel mehr noch um meine jüngeren Familienangehörigen. Die Grenzsituation zu Russland erzeugt schwere Probleme, obwohl wir so lange Jahrzehnte friedlich miteinander gelebt haben.“ Auch die aktuelle Pandemie bereitet der alten Dame große Sorgen.

Michael Gander, Leiter der Gedenkstätten Augustaschacht und Gestapo-Keller, bedankte sich am Ende im Namen aller für die reichhaltigen Informationen und für einen überaus interessanten Abend. „Auf ein Wiedersehen!“, gab er nach gut eineinhalb Stunden ein Bedürfnis aller zum Ausdruck.

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