Leben in Corosnabrück

Wenn ich am altvertrauten Schreibtisch sitze und auf verhuschte Gestalten blicke, die das gesetzliche Vermummungsverbot, behördlich angeordnet, wieder mal umgehen, kommt mir immer eine Frage in den Sinn. Wie sähe es in unserer Stadt eigentlich aus, wenn wir ein „Pandemie Forever“ hätten?

Neulich habe ich mich zurückgelehnt, bin fest eingeschlafen und durfte dabei einen unheimlich tiefen Tagtraum erleben. Einen aus der Zukunft. Einen aus Corosnabrück. Die Stadt, die ich dabei erlebe, ist natürlich total clean und technisch auf dem neuesten Stand.

Es beginnt schon morgens beim Tutpiep der Postzustellung. Längst vergessen ist der verhuschte und elendig ausgebeutete Paketzusteller, der seine Utensilien im Bogen über die aufgedröhnte Haustür auf die Stufen des Treppenhauses schmeißt. Nein!

Auf der Straße beobachte ich den gewohnten, prallgefüllten Fernlenkbulli, aus dem eine Drohne mein Paket per Loslassklick in den aufsurrenden Postschacht befördert. Aus dem magnetischen Vakuumrohr, das sich bei mir oben öffnet, erschallt sofort eine grässliche Stimme. „Ihr Zusteller wünscht Ihnen einen wundervollen Tag!“, dröhnt es, akustisch flambiert mit stimmungsvoller Musik von Helene Fischer aus der wegsummenden Drohne.

In der vorletzten Paketsendung befanden sich noch die vorgekühlten Lebensmittel für diese Woche. Den Frühstückstisch habe ich mit meinen selbstdesinfizierenden Sicherheitshandschuhen schon vorher ganz persönlich gedeckt, um außer den Zeigefingern über meiner Tablet-Tatstatur auch mal andere Gliedmaßen unter der flauschigen Plastikfolie zu bewegen.

„Moin!“, rufen mir verschiedene Familienmitglieder aus diversen Monitoren der Küche entgegen. Nächste Woche muss ich noch einen 3D-Extra-Monitor für Tante Elli, vierter Platz links, installieren. Falls sie das mit dem Zugangscode hinbekommt, ist sie immer furchtbar gern dabei. Dann nervt sie permanent den Rest der Monitore mit Erzählungen, wie schön das Frühstück früher vor Corona war. Alle umrahmten Köpfe grinsen und nicken im Dreivierteltakt. Doch sie haben längst auf einen anderen Hörkanal umgeschaltet, aber das weiß Tante Elli ja nicht.

Oje! Alexa 2:0 erinnert mich mit anheimelnder Stimme an meine nächste Video-Konferenz. Ich rolle ins Büro zum Großraum-Monitor. Früher hat mich das volle Bild darauf an Fußballmannschaften meiner Kindheits-Sammelalben oder an Fahndungsplakate irgendwelcher Terroristen erinnert. Aber die guckten wenigstens still und stumm ins Bild. Heute sabbeln Freimuth und Tusnelda wieder mal dauernd durcheinander. Darum habe ich schon siebzehnmal „Halts Maul, Friedbert ist dran!“ in die Chat-Tastatur getippt. Erst als der Gong „Feierabend 2.0“ aus dem Lautsprecher surrt, sind alle still, winken hektisch und grinsend in ihre Webcam, ehe es finster wird.

Alexa 4.0 hat automatisch Protokoll geführt und erinnert mich im Laufe des Tages im Halbstundentakt mit säuselnder Stimme daran, was ich wieder machen soll. Irgendwann hatte die Regierung durchgesetzt, dass man Alexa 4.0 nicht abschalten kann, weil ja ständig wichtigere neue Verhaltensmaßregeln zu beachten sind. Die Einhaltung wird gespeichert und dem Arbeitgeber, dem Oberbürgermeister und der Regierung gesendet.

Endlich darf ich auf mein Laufband! Auf dem 3D-Monitor oberhalb der Tempoanzeige läuft wieder ein Nostalgieprogramm. Es zeigt Laufwege im Nettetal, bevor der Borkenkäfer die Bäume zerfressen und Cyrill 2.0 den Rest weggepustet hat. Ich bin stolz wie Bolle, dass ich die Sequenzen seinerzeit noch mal mit meiner Body-Cam am Sicherheitsanzug gefilmt habe. Selbst Vogelgezwitscher habe ich eingefangen, später aufgezeichnet und jetzt über jede Waldszene gelegt. Häärlich!

Leider ist meine Duft- und Geruchsbox seit Monaten lädiert. Wenn ich Pech habe, sehe ich Waldbilder und rieche zugleich das Billigangebot aus dem blöden Douglas-Full-Service-Paket, das ich beim letzten Quiz „Entdecke Sinn!“ gewonnen habe.

Nach Lauf und Desinfektionsdusche steht der übliche, innerfamiliäre Sorgenchat auf dem Programm. Oma hat mal wieder vergessen, die richtigen Tasten unter ihrer Home-Medicus-Haube zu drücken. Sie besitzt jetzt ein neues Gebiss, obwohl sie nur ihre Kopfschmerzen kurieren wollte. Mein zugeschalteter Neffe hat ein Bewerbungsgespräch verbaselt, weil er nach einer schwierigen Frage des Jobhunters aus Versehen eine Ladesequenz von der Bazooka aus seinem letzten Ballerspiel versendet hatte.

Beim abendlichen Filmprogramm gibt es wieder eine langweilige Schnulze aus Zeiten, als sich Menschen noch auf Mundlippen küssten und sich beim ekeligen Umarmen auch noch Backen und Hälse vollsabberten. Wo war damals der Hygieneminister? Widerwärtig.

Trotzdem schlafe ich irgendwann ein und werde elektronisch vom Sofa ins Schlafzimmer gerollt. Vorher habe ich mir noch einmal die Gute-Nacht-Botschaft des neuen Osnabrücker Oberbürgermeisters angeguckt. Der grinste wie ein Zinshahn, weil er meinte, die Stadtgesellschaft sei ja inzwischen sowas von toll zusammengewachsen! Aber das hatte ich nur noch im Halbschlaf vernommen.

Alexa 5.0 säuselt mir danach noch die morgige To-do-Liste in meine gepolsterten Einschlafkopfhörer. Wird aber aufgezeichnet und mit dem charmanten Weckruf morgen früh wiederholt.

Jaja. Ich komm zum Glück aus Corosnabrück.

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