Donnerstag, 22. Februar 2024

Miteinander auf 3 Stufen

Lettische Gäste beim Begegnungsfest in der Jüdischen Gemeinde

Wer sich angesichts der aktuellen Weltlage solidarisch für jüdisches Leben und aktive Erinnerungskultur einsetzen will, kann dies bei uns in einem besonders engagierten Verein tun. „Drei Stufen“ nennt sich der Zusammenschluss, der sich im November 2017 konstituiert hat und ein ganz besonderes Ziel verfolgt: Im lettischen Ort Viški bei Daugavpils soll eine dauerhafte Gedenkstätte an die Ermordung von 423 Menschen jüdischen Glaubens und die Vernichtung jüdischer Kultur durch Nationalsozialisten errichtet werden. Ein Vernetzungsabend zur Unterstützung des Projekts wurde nun vom Verein Drei Stufen in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Osnabrück  organisiert. Alles gestaltete sich zu einem reich besuchten Begegnungsfest, bei dem zur großen Freude der Einladenden eine lettische Delegation aus Viški angereist war.


Herz, Stimme und Impulsgeber: Baruch Chauskin und „Drei Stufen“

Jedes Projekt hat seinen Impulsgeber und Motor. In diesem Fall ist es im Jahre 2012 eine Reise Baruch Chauskins gewesen, der nicht nur in Osnabrück als stimmgewaltiger Kantor der Jüdischen Gemeinde bekannt ist. Chauskins Großmutter stammte aus dem lettischen Ort Viški. Im Jahre 1935 lebten dort 423 Menschen. 1941 begann die deutsche Armee, nach der Besetzung Lettlands, die systematische Vernichtung der jüdischen Einwohnerschaft. Alle von ihnen, die nicht innerhalb von nur zwei Tagen geflohen waren, wurden Opfer eines nationalsozialistischen Sonderkommandos. Es bestand aus deutscher Waffen-SS und lettischen Kollaborateuren mit NS-Gesinnung, von denen es damals viele gab.

Chauskin nutzte den Schlussteil der Veranstaltung, um mit technischer Hilfe seiner Frau ein eindrucksvolles Video aus 2012 zu zeigen. Damals hatte er sich mit anderen auf den Spuren seiner Großmutter begeben und war in deren Heimatort Viški gereist. Inmitten eines dicht bewachsenen Grundstücks entdeckte der Kantor nach Hinweisen Einheimischer im tiefen Gestrüpp drei Stufen, die einst zur Synagoge der Gläubigen geführt hatten. Heute prägen jene Stufen den Namen des Vereins.

Baruch Chauskin kreierte fortan ein Projekt, das seiner Familie wie der damaligen Gemeinde gewidmet ist. Ein Teil seiner Motivation ist persönlicher Dankbarkeit geschuldet. Seine Großmutter, Haja Kovnat, geboren im Jahre 1912 in Višķi, überlebte die systematische Vernichtung der Jüdinnen und Juden. Sie konnte im letzten Moment mit ihrer kleinen Tochter, Chauskins Mutter, fliehen. Als 1944 die Nazis aus Lettlands Hauptstadt Riga vertrieben wurden, konnte die Familie endlich zurück in ihre Heimat kehren. Doch in Višķi gab es nach 1945 kein jüdisches Leben mehr, weder Menschen noch Häuser. „Die Synagoge ist nicht mehr da, und die Menschen, die ihr Herz dort vor Gott ausschütteten, auch nicht“, musste Moshe Baumel, ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, seinerzeit feststellen. Großmutter Haja Kovnat, geb. Bleiman, starb am 30.04.2000 in Riga.


Impulse einer Reise

Die Reise von 2012 bildete den eigentlichen Impuls, zumindest in der Zukunft an das frühere Leben in Višķi zu erinnern. In guter Kooperation mit Gleichgesinnten aus Višķi, der Region Osnabrück sowie mit dem Verein Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht ist auf dem Areal der früheren lettischen Synagoge inzwischen der Kern einer Gedenkstätte entstanden, die inzwischen auch von Einheimischen reichhaltig aufgesucht wird.

In Osnabrück selbst war zuvor anno 2017 der Verein Drei Stufen ins Leben gerufen worden. Neben der Gewinnung von Unterstützenden gibt es mittlerweile einen regen Besuchsaustausch. Die nun angereiste lettische Delegation ist eine partnerschaftliche Reaktion auf einen deutschen Besuch im Juni dieses Jahres in Višķi. Darüber hinaus sorgte inzwischen vor allem Peter Befeldt als zweiter Vorsitzender des Vereins, der immer wieder viele Verbindungslinien stärkt, für eine sehr lebendige Schulpartnerschaft der agrarwirtschaftlichen Berufsschule in Viški und der BBS Haste.  Bei seinem Engagement ist es kein Wunder, dass Befeldt schon zuvor bei der Vorbereitung des zweitägigen Empfangs für eine hochrangige Delegation aus dem lettischenLandkreis Augšdaugava eine große Unterstützung geleistet hatte.


Einblick in jüdische Stadtgeschichte

Vor dem eigentlichen Festakt im Gemeindesaal erfuhren die Gäste zwei gut angenommene Informationsangebote. Tatjana Tschernjawski, Vorstandsmitglied der Gemeinde, geleitete eine Gruppe zunächst durch einen hell belichteten Flur, der fest installierte Informationstafeln zur Geschichte der örtlichen Gemeinde enthält. Offenbart wird damit zugleich ein bedeutender Teil der Osnabrücker Stadtgeschichte. Die Historie jüdischer Zusammenschlüsse weist dabei weit in das dreizehnte Jahrhundert. Deutlich wurde in Tschernjawskis Vortrag, wie schwer es Menschen mit jüdischem Glauben im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gemacht worden ist, gleichberechtige Mitglieder der jeweiligen Stadtgesellschaft zu werden. Die blutigen Pogrome während der Pest nach 1350 wurden beim Rundgang ebenso wenig verschwiegen wie die Verweigerung einer Tätigkeit in „ehrbaren“ Handwerksberufen. Erst während der französischen Besatzung Osnabrücks zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe sich, so Frau Tschernjawski, so etwas wie Rechtsangleichung ergeben. Naturgemäß betroffen macht Besuchenden auf den letzten Informationstafeln der auch in Osnabrück praktizierte Holocaust und die bereits am 9. November 1938 von SA-Horden gebrandschatzte Synagoge. Hoffnungsvoll zur Kenntnis nahmen Besuchende das eindrucksvolle Anwachsen der örtlichen Jüdischen Gemeinde in den letzten Jahrzehnten.


Im Innern der Synagoge

Rafael Tschernjawski, Sohn Tatjanas, führte im Inneren der Synagoge anschaulich in die Abläufe jüdischer Gottesdienste ein. Gekleidet war er dabei in einen Tallit, dem jüdischen Gebetsschal. Ausführlich erläuterte Rafael jüdische Feiertage wie den Sabbat (Schabbat) als höchsten wöchentlichen Feiertag, Rosch ha-Schana als Jahresauftakt, Channukka als Lichterfest über den karnevalsähnlichen Feiertag Purim bis hin zum Pessach, der beinahe zeitgleich, aber mit anderem Hintergrund in der christlichen Osterzeit begangen wird.

Viel Erstaunen löste bei weniger Informierten die Vorstellung der Tora-Rolle aus, die zu den wohl wichtigsten Schätzen in einer Synagoge zählt. Die Gebetstexte auf dem handgefertigten Pergament müssen auf der Haut koscherer, also „reiner“ Huftiere geschrieben sein. Bemerkenswert für Außenstehende sind auch die Tefillin, die sich der junge Erklärer zum Demonstrieren kurz angelegt hatte. Letztere sind Gebetsriemen aus Leder. Männliche Juden, so Rafael Tschernjawski, wickeln sie zum Gebet siebenmal um den Arm und dann dreimal um Hand und den mittleren Finger. Eindrucksvoll demonstrierte Rafael auch ein Schofar Kudu Horn (Foto oben). Geblasen wird der Schofar unter anderem zum Morgengebet beim jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana.


Stimmungsvolles Saalgeschehen

Ernste wie heitere Wortbeiträge, Videos, musikalische Begleitklänge und ein reichhaltiges Buffet mit koscheren Speisen bestimmten das Geschehen der eigentlichen Festveranstaltung im hell erleuchteten Gemeindesaal.

Still wurde es erwartungsgemäß zu Beginn. Michael Grünberg, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, kam notwendigerweise auf das aktuelle Terror- und Kriegsgeschehen in Israel und im Gaza-Streifen zu sprechen. Wie wohl nahezu alle im Saal zeigte er sich tief betroffen: „Es ist das erste Mal seit dem Holocaust, dass so viele Menschen allein deshalb, weil sie Juden sind, in so hoher Zahl mit aller Brutalität umgebracht worden sind.“

Trotz der verständlichen Bedrückung im Saal lag es am ursprünglichen Anlass des Abends, dass man sich bewusst, Schritt für Schritt, dem aktuellen Drei-Stufen-Projekt zuwenden konnte. Dies gelang nicht zuletzt Baruch Chauskin, der stimmgewaltig wie auch einfühlsam in unterschiedlichen Beiträgen das dargestellte Projekt im lettischen Višķi vorstellte. Details dazu können jederzeit über die Homepage des Zusammenschlusses unter http://drei-stufen.eu/ studiert werden.

Adrian Schäfer, Bürgermeister in Hasbergen, seit Jahren engagiert in der Gedenkstätte Augustaschacht und heute Vorsitzender des Vereins „Drei Stufen“, betonte die wachsende Verbundenheit zu Višķi: „Mich hat im letzten Sommer auch persönlich der Besuch in Lettland sehr tief beeindruckt. Dass wieder einmal Gäste aus Višķi unter uns sind, zeigt, dass unsere Beziehungen weiter wachsen. Die Arbeit zum kulturellen und interreligiösen Dialog zwischen Deutschland, Lettland und dem Judentum begeistert mich unverändert.“

Persönlich wurde auch der Sprecher der Delegation aus Višķi, als er auf seine eigene Beziehung zum Projekt der Gedenkstätte darstellte: „Ich bin in Višķi geboren und wusste früher nichts über die frühere Synagoge und das jüdische Leben im Ort. Jetzt haben wir eine neue gemeinsame Aufgabe bekommen und dabei sogar neue Freundschaften aufbauen können.“

Eine stimmungsvolle musikalische Abrundung erfuhr das Abendprogramm durch Auftritte des israelisch-niederländischen Gesangsduos Bobby Rootveld & Sanna van Elst, die Baruch Chauskin immer wieder mit seiner eindrucksvollen Stimme unterstützte (siehe Bild oben). Ein kleines Highlight des Abends war die im Video gezeigte und m Stadion Bremer Brücke gedrehte VfL-Hymne auf Jiddisch, die mittlerweile immer mehr die Runde über die Regionsgrenze hinaus macht. Das Lied war seinerzeit bereits mit großer Resonanz in der OR präsentiert worden. https://os-rundschau.de/vfl/grossartige-vfl-hymne-auf-jiddisch/


Was bleibt?
Was bleibt dem Verfasser dieses Beitrags als Resümee des Abends – unabhängig von frischen Erkenntnissen zur jüdischen Religion und entsprechenden Gebräuchen? Es ist vor allem die Erkenntnis, dass der Friedensstadt Osnabrück, gern in Partnerschaft mit Landkreis-Gemeinden, ein neues Projekt zuwachsen könnte, das viel positives Potenzial besitzt.


Foto oben: Baruch Chauskin (links) sowie Adrian Schäfer und Peter Befeld (rechts) umrahmen die lettische Delegation. Alle Fotos: OR
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