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Sonntag, 31. August 2025
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Umsturz in Syrien: fatale rechte Abschiebefantasien

Fakten gegen Verunsicherung

Es war zu erwarten: Bildzeitung, AfD, natürlich auch Haudraufs aus den Unionsparteien melden sich nach dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien alltäglich mit markigen Forderungen zu Wort. Danach sollen Geflüchtete aus Syrien postwendend die Rückreise in das zerstörte Land mit ungewisser Zukunft antreten. Statt populistischer Drohgebärden ist es aber hilfreich, zunächst auf Fakten zu schauen.

Über wen reden wir? Rund eine Million Menschen mit syrischer Einwanderungsgeschichte leben insgesamt in Deutschland. 712 000 von ihnen waren Ende 2023 als Schutzsuchende registriert. Damit bilden sie in Deutschland die zweitgrößte Gruppe hinter Ukrainerinnen und Ukrainern. Ein knappes Fünftel der syrischen Menschen ist sogar hier geboren. Aus Syrien Eingewanderte leben im Schnitt (!) seit gut 8 Jahren bei uns. Rund 214 000 von ihnen, also fast jede fünfte Person, besitzt mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Mai 2024 insgesamt 222.610 Menschen mit syrischer Staatsangehörigkeit sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das heißt, sie zahlen unter anderem in die Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung ein, was allen in Deutschland Lebenden zugute kommt.

Gleichwohl zeigt die Quote, dass hier deutlicher Verbesserungsbedarf besteht – mehr Angebote, bessere Vermittlung, weniger Bürokratie und schnelle Sprachkurse eingeschlossen. Nach aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit leben etwas mehr als 350.000 Menschen aus Syrien von Bürgergeld. Darunter sind etwa 57.000 Kinder, die noch zur Schule gehen, und Studierende.

Zur Einschätzung des Gesamtproblems helfen auch Vergleiche: Die Türkei hat mit 3,1 Millionen die höchste Zahl syrischer Flüchtlinge weltweit aufgenommen, während der Libanon und Jordanien zu den direkten Nachbarländern mit der höchsten Flüchtlingszahl gehören. Allein im malträtierten Libanon besitzt jeder dritte Bewohner einen Staus als Geflüchteter. Und da soll in Deutschland die Grenze der Aufnahmekapazität erreicht sein? Zynisch und menschenverachtend.

Außerdem gilt: Weil sich zahllose Syrerinnen und Syrer bis heute gut integriert haben, sind sie für etliche Unternehmen völlig unverzichtbar. Fast alle von diesen Menschen haben bei uns eine zweite Heimat gefunden und Familien gegründet. Ihre Kinder besuchen Kitas und Schulen. Vom Handwerk bis hin zur Pflege würde ein rechtskonservatives „Syrer-Bashing“ zu katastrophalen Konsequenzen für die deutsche Volkswirtschaft führen.

Denn richtig bleibt bei nüchterner Betrachtung: Der Sturz des brutalen Diktators Assad bedeutet trotz verständlicher Euphorie auf den Straßen nicht, dass Syrien über Nacht eine sichere Demokratie werden wird. Bisherige Erfahrungen, beginnend mit der ins Ajatollah-Regime abgedrifteten  Revolution gegen den iranischen Schah 1979, der tragisch gescheiterte Arabische Frühling von 2011 bis hin zum Terrorregime des IS machen auch Skepsis verständlich.

Und auch aktuell füllen sich im Norden des Landes provisorisch errichtete Zeltlager mit Zigtausenden von Verzweifelten, weil Erdogan und islamistische Fundamentalisten einen brutalen Krieg gegen kurdische Menschen führen. Ganz abgesehen von Raketen, die Netanjahu mit Beifall seiner rechtsextrem-rassistischen Koalitionspartner unablässig auf Ziele in Syrien abfeuern lässt.

Es gibt also viele, sehr rationale Gründe, um populistische Abschiebefantasien zurückzuweisen. Umso mehr Denkanstöße gibt es, besser über humanitäre Hilfen für das zerstörte Land nachzudenken und Erdogan wie Netanjahu in den Arm zu fallen.

Deshalb gilt: Wer, wie deutsche Rechte und Konservative, laut nach Abschiebungen von Menschen aus Syrien ruft, setzt nicht nur Hunderttausende einer existenziellen Gefährdung aus. Er gefährdet zusätzlich die gesellschaftliche Integration und schadet zugleich der eigenen Wirtschaft.

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