Verantwortlich für das „Gästezimmer“ ist Janis Weber, der schon einige interessante Beiträge für die OR verfasst hat und VfL-Fans vom Podcast Ostkurvenchor hinlänglich bekannt sein dürfte.
Das Wohnzimmer räumt Lars Mosel vor jedem Heimspiel auf, der vor allem als Mitglied der ersten Stunde des VfL-Podcasts auf OS-Radio 104,8 berühmt und zugleich berüchtigt wurde: „Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten“, ein unvergessener Satz, mit dem der erste VfL-Podcast eröffnet wurde und der schon früh die mafiöse Grundstruktur der OR offenbarte.
Vorschau auf das Auswärtsspiel beim FC Erzgebirge Aue
mit persönlichen Einschätzungen von Janis Weber, Lars Mosel und Sven Dirkes
Zum fünften Mal in Folge darf der VfL samstags um 14:00 Uhr ran, diesmal geht es ins Erzgebirge zu den Veilchen. Es ist das 26. Aufeinandertreffen der beiden Vereine in Lila in den letzten 25 Jahren, 2001 traf man zum ersten Mal in der Regionalliga Nord aufeinander. Der VfL konnte gegen Aue insgesamt zehn Spiele für sich entscheiden, achtmal gingen die Sachsen als Sieger vom Platz und siebenmal trennte man sich Unentschieden. Der letzte Auswärtssieg in Aue liegt mittlerweile über 15 Jahre zurück, von den fünf Spielen seither gingen zwei verloren, dreimal teilte man sich im Erzgebirge die Punkte.
Auf’m Platz
In der letzten Saison war noch vor der Winterpause Schicht im Schacht für Pavel Dotchev. Die Ansprüche im Erzgebirge waren hoch und die Punkteausbeute des Bulgaren den Verantwortlichen um Matthias Heidrich nicht ausreichend genug für eine Weiterbeschäftigung. Zum Beginn der Rückrunde übernahm Jens Härtel die Veilchen auf Platz 7 und beendete die Saison auf Platz 13, nur zwei Punkte vor dem VfL Osnabrück. Trotzdem sprach Heidrich ihm in der Sommerpause weiter das Vertrauen aus.
Der Kader wurde mit Erfahrung (Ryan Malone, Julian Günther-Schmidt) und Qualität (Julian Guttau, Tristan Zobel) verstärkt, und doch stotterte der Motor beim FC Erzgebirge von Beginn an. Zu keinem Zeitpunkt in dieser Saison konnte man einen einstelligen Tabellenplatz belegen, ganz im Gegenteil, in Aue herrscht seit Spieltag 1 Abstiegskampf.
Heidrich hielt trotzdem an Härtel fest und musste dann im Dezember selbst, noch vor seinem Trainer, die Koffer packen. Ende Januar folgte die Entlassung Härtels und seit drei Spielen steht nun Christoph Dabrowski an der Seitenlinie, der bei Hannover 96 zum Trainer ausgebildet wurde und 2,5 Jahre lang Rot-Weiss Essen in Liga 3 trainierte. Dabrowski ist sicherlich ein modernerer Trainer als Härtel, eine andere Philosophie auf dem Platz verfolgt er auf jeden Fall. Wo Härtel sein Augenmerk auf eine stabile Defensive, intensives Zweikampfverhalten und „einfachen“ Fußball legt, ist Dabrowski eher einer, der in allen Spielfeldteilen nach spielerischen Lösungen sucht. Ob Ballbesitz und gefälliges Passspiel die richtigen Mittel für den Abstiegskampf sind, wird sich zeigen müssen.
Abstiegskampf kennt Dabrowski bereits aus Essen und Hannover und abgestiegen ist er jeweils nicht. Allerdings scheint er für Aue noch nicht den richtigen Plan gefunden zu haben: Nur zwei Punkte aus den ersten drei Spielen und jedes Mal eine etwas andere Formation deuten aktuell nicht auf ein großes Selbstvertrauen im Erzgebirge hin.
Womit man, trotz Formationsänderungen unter Dabrowski, ziemlich sicher rechnen kann, ist, dass die Sachsen mit einer Viererkette auflaufen werden. Härtel hatte ganz zu Beginn der Saison erfolglos mit der Dreierkette experimentiert, um dann auf ein 4-2-3-1 umzustellen, an dem er stoisch bis zu seiner Entlassung festgehalten hatte.
Dabrowski setzt weiterhin auf diese Viererkette, geht das Ganze allerdings bedeutend risikofreudiger an als sein Vorgänger. Am letzten Spieltag gegen Cottbus hatte er fünf Offensivspieler (Bär, Ehlers, Stefaniak, Guttau, Clausen) für die Startelf nominiert, dahinter durfte der spielstarke Jonah Fabisch im zentralen Mittelfeld ran. Nach abgesessener Gelbsperre wird Sechser Eric Uhlmann voraussichtlich in die Startelf zurückkehren, gut möglich, dass dafür einer dieser fünf Offensiven „geopfert“ wird.
Im Fokus
Im Sommer verpflichtete der FC Erzgebirge Eric Uhlmann, der in der Vorsaison in der 3. Liga bei der Zweitvertretung von Hannover 96 einiges an Aufmerksamkeit auf sich zog. Ausgebildet in der Jugend von RB Leipzig zog es ihn 2022 in die niedersächsische Landeshauptstadt. Während er in Leipzig meistens im defensiven Mittelfeld ran durfte, ließ Daniel Stendel ihn in Hannover als Innenverteidiger auflaufen, und das mit Erfolg: in seiner zweiten Saison stieg Uhlmann mit 96 in die 3. Liga auf, verpasste dabei keine Minute (wenn er im Kader war) und steuerte vier Tore und drei Vorlagen bei. Diese Stärke behielt er auch in Liga 3 bei, eigentlich baute er sie sogar aus: Mit acht Treffern war der Innenverteidiger in der Saison 24/25 der treffsicherste Hannoveraner, am Ende stieg man trotzdem direkt wieder ab.
Uhlmann war nun allerdings im Profifußball angekommen, ging den Schritt Richtung Regionalliga nicht wieder mit zurück und so verpflichtete Matthias Heidrich ihn im Sommer als Pepic-Ersatz für das Auer Mittelfeldzentrum. Und dort, auf neuer „alter“ Position, hat Uhlmann sich sehr ordentlich eingefunden. In einer wackeligen Mannschaft ist er bislang eine der wenigen Konstanten, fällt nur selten unter ein gewisses Niveau und hat mit teils wichtigen Scorern (zwei Tore, vier Vorlagen) in der Hinrunde den ein oder anderen Punkt für den FC Erzgebirge sichern können. In dieser Hinsicht brauchen sie ihn dringend wieder in Topform für den Abstiegskampf, die letzte Vorlage gab er Anfang Dezember, sein letztes Tor ist noch länger her: Ende September legte er beim 2:0 Heimsieg gegen 1860 erst den Führungstreffer auf und erzielte das 2:0 anschließend selbst.
Uhlmann kann aber auch dazwischengrätschen und macht davon nicht selten Gebrauch: Im letzten Spiel gegen Cottbus fehlte er, bereits zum zweiten Mal in dieser Saison, gelbgesperrt. Somit ergänzt er sich recht gut mit Jonah Fabisch, der den eher kreativeren Part im Mittelfeld übernimmt, fürs Grobe ist Uhlmann verantwortlich.
Stadion
In den Zeiten der Weimarer Republik entstand in Aue-Bad Schlema zum ersten Mal ein größeres Stadion, das sogenannte „Städtische Stadion“, das als Spielstätte für unterschiedlichste Sportarten diente. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zuerst von der Roten Armee genutzt, bevor es 1950 unter dem Namen „Otto-Grotewohl-Stadion“ im Beisein des namensgebenden DDR-Ministerpräsidenten wiedereröffnet wurde. Das 22.000 Zuschauer*innen fassende Stadion diente weiterhin als Stätte für ein Potpourri an Sportarten, unter anderem auch Schwimmen, aber wirklich Publikum lockte nur die BSG Wismut an. In der Endphase der DDR wurde das Stadion nochmal modernisiert und hatte seitdem das Erscheinungsbild, das einige VfL-Fans aus den ersten Begegnungen mit den Veilchen aus den 2000er-Jahren noch vor Augen haben dürften.
Viele erinnern sich sicherlich an die Kiebitze auf dem Hügel im Wald, die die Eintrittskosten scheuten, aus der Entfernung das Geschehen auf dem Rasen verfolgten und zu jeder TV-Zusammenfassung eines Aue-Heimspiels gehörten wie der Nudeltopf zum Groundhopping-Bericht aus dem Lößnitztal.
Dieser Anblick gehört seit dem Umbau zwischen 2015 und 2018 der Vergangenheit an. Wer nichts zahlt, der nichts mehr sieht. Die Tartanbahn und die Lücken, die den kostenlosen Fußballkonsum ermöglichten, wichen einem reinen, blickdichten Fußballstadion.
Seitdem ergibt sich allerdings für die Fans innerhalb des Stadions ein großes Manko: Die Westtribüne, auf der sich der Stimmungskern der Auer Fans befindet, ist in der Mitte durch ein Mundloch getrennt. Da die Ultraszene sich immer auf der einen Seite dieses Mundlochs positioniert hat, ergab sich ein sehr ungleichmäßiges Kurvenbild, das man so von Vereinen ähnlicher Größe eigentlich nicht kennt. Am Samstag dürfte sich ein homogeneres Bild der Auer Fankurve ergeben, da mehrere (Ultra-)Gruppierungen nach einem Überfall im November letzten Jahres ihre Zaunfahnen verloren und seitdem nicht mehr als Gruppe im Stadion auftreten. Supportet wird mittlerweile wieder, aber in Sachen (Zaun-)Fahnen darf man sich auf ein eher tristeres Bild einstellen.
Was allerdings positiv auffällt im neuen Erzgebirgsstadion: Von den LED-Banden abgesehen ist die Werbung im Stadion komplett in den Vereinsfarben gehalten, was ein schönes und einheitliches Bild ergibt. Von allen Seiten spring einem das Lila-Weiß entgegen, ein Anblick, den wir so aus Osnabrück nicht kennen.
Geschichten aus der Geschichte
Fußball aus Aue-Bad Schlema ist seit Langem eine Institution im Osten. Von 1951 bis 1990 spielte die BSG Wismut ununterbrochen in der DDR-Oberliga und krönte sich in den 50er-Jahren drei Mal zum Meister. Kein anderer Verein kann mehr Spiele in der obersten Spielklasse vorweisen als die Veilchen.
Doch mit dem Ende der DDR geriet auch die Wismut ins Wanken. In der vorletzten DDR-Oberliga-Saison 1989/90 stieg Aue zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Liga-Staffel-B ab, in der man in der darauf folgenden Saison die Chance hatte sich für die 2. Bundesliga zu qualifizieren. Das Nadelöhr war klein, nur eine Mannschaft qualifizierte sich für die Aufstiegsspiele am Ende der Saison. Und das Ziel Aufstieg rückte schnell in weite Ferne für die Sachsen. Trainer Jürgen Escher wurde nach 14. Spieltagen auf dem fünften Tabellenplatz entlassen und durch den pfälzischen Trainer-Neuling Klaus Toppmöller ersetzt.
Diese Entscheidung für Toppmöller entpuppte sich in den folgenden Wochen und Monaten als goldrichtig. Man verlor für den Rest der Saison kein Spiel mehr, gewann derer 14 und spielte vier Mal Remis. Mit dem überragenden Punkteschnitt von 2,56 und einem Torverhältnis von 51:12 mischte Aue unter Toppmöller zum Saisonende wieder kräftig im Aufstiegsrennen mit.
Das brisante Spitzenspiel beim anderen Favoriten, dem FSV Zwickau, fand am vorletzten Spieltag statt – und Zwickau war in diesem Derby völlig von der Rolle. Nach nur 23 Minuten stand es bereits 3:0 für die Veilchen. Beim Stand von 4:1 flog der Zwickauer Andre Köhler mit Gelb-Rot vom Platz und bei den Fans des FSV entlud sich der Frust in maßloser Art und Weise. Der Platz wurde gestürmt, das Schiedsrichtergespann und Spieler tätlich angegriffen, Wismut-Kicker Michael Geßner musste gar schwer verletzt im Krankenhaus behandelt werden. Die Polizei bekam die Situation nicht in den Griff, das Spiel wurde abgebrochen und im Nachhinein am grünen Tisch als 4:1 für Aue gewertet, die damit in der Tabelle an Zwickau vorbeizogen.
Doch ein Spieltag war noch zu spielen und aus Auer Sicht trat der Super-GAU ein. Man konnte zwar das eigene Spiel deutlich gegen Motor Weimar gewinnen, am Ende stand wieder ein 4:1 auf der Anzeigetafel, doch die Zwickauer schossen zeitgleich Kali Werra Tiefenort (ein Verein aus Thüringen, der bis heute besteht) mit 9:0 ab und zogen am Ende mit nur einem Tor Vorsprung wieder an Aue vorbei.
Der Frust über diese verpasste Chance ist bis heute groß in Aue, vor allem weil das Spiel gegen Zwickau ohne eigenes Verschulden 25 Minuten vor Abpfiff abgebrochen wurde und am Ende nur ein Tor fehlte. Dass Zwickau im Anschluss die Qualifikation für die 2. Bundesliga verpasste, dürfte nur ein schwacher Trost gewesen sein. Klaus Toppmöller beendete seine Arbeit im Erzgebirge als unbesiegter Trainer und kehrte in den Westen zurück, wo er Vereine wie Waldhof Mannheim, Eintracht Frankfurt, den VfL Bochum und den HSV trainierte. Mit Bayer 04 Leverkusen zog er 2002 im DFB-Pokal und in der Champions League ins Finale ein und verpasste am letzten Spieltag nur knapp die Deutsche Meisterschaft. Im Osten trainierte er nie wieder einen Verein.
Prognose Lars Mosel (VfL-Podcast der OS-Rundschau)
Nach dem starken 3:0 im Spitzenspiel gegen Rot-Weiss Essen lässt der VfL auch im Erzgebirge nichts anbrennen und gewinnt nach kontrollierter Leistung mit 2:0.
Nachdem Niklas Wiemann nach einer von Lars Kehl getretenen Ecke die ohnehin verunsicherten Veilchen weiter verunsichert, macht Julian Kania nach Vorlage von Robin Meißner den Deckel drauf. Damit springt der VfL auf Platz 1 der 3.Liga.
Prognose Janis Weber (Ostkurvenchor)
Es wird mal wieder Zeit für einen Sieg in Aue. Den letzten bescherte uns Dennis Schmidt per Last-Minute-Treffer auf einem Platz, der mehr an Kartoffelacker als an Fußballplatz erinnerte – und das ist ganze 15 Jahre her.
Das Geläuf wird sich besser als damals präsentieren, was dem Ballbesitzansatz von Dabrowski entgegenkommen dürfte. Aber Ballbesitz in einem Heimspiel gegen den VfL hat sich in dieser Saison zumeist als eine Waffe ohne Munition erwiesen und so dürften die echten Lila-Weißen mit diszipliniertem Defensivverhalten und erfolgreichen Gegenstößen den Sachsen den Zahn ziehen. Meißner trifft in der ersten Halbzeit mit links, in der zweiten mit rechts und da Jonsson zum 14. Mal in dieser Saison die weiße Weste behält, fahren wir mit einem verdienten 2:0-Auswärtssieg im Gepäck wieder nach Niedersachsen.
Prognose Sven Dirkes (Ostkurvenchor)
Der VfL ist im Flow! Ein Punkteschnitt von 2,3 Punkten im Jahr 2026 – mehr braucht man dazu nicht sagen. Jetzt geht es allerdings gegen Erzgebirge Aue, die bei einer Niederlage und einem Sieg des 1 FC. Saarbrücken am Sonntag bereits 7 Punkte Rückstand auf das rettende Ufer hätten. Dementsprechend erwarte ich ein letztes pressing-intensives Aufbäumen der Auer.
In einem Spiel auf Augenhöhe reicht es „nur“ zu einem 1:1 für den VfL. Nach früher Führung durch Lars Kehl bekommen wir in der zweiten Halbzeit noch den Ausgleichstreffer. Wenn am Ende der englischen Woche dennoch 7 Punkte herausspringen, können wir damit gut leben.














