Vorspiel im Gästezimmer: Der VfL beim SSV Jahn Regensburg

Unsere ohnehin umfangreiche VfL-Berichterstattung wird ab sofort um ein neues Format ergänzt, und zwar um das „Vorspiel im Gästezimmer“ und das „Vorspiel im Wohnzimmer“.
Verantwortlich für das „Gästezimmer“ ist Janis Weber, der schon einige interessante Beiträge für die OR verfasst hat und VfL-Fans vom Podcast Ostkurvenchor hinlänglich bekannt sein dürfte.

Das Wohnzimmer räumt Lars Mosel vor jedem Heimspiel auf, der vor allem als Mitglied der ersten Stunde des VfL-Podcasts auf OS-Radio 104,8 berühmt und zugleich berüchtigt wurde: „Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten“, ein unvergessener Satz, mit dem der erste VfL-Podcast eröffnet wurde und der schon früh die mafiöse Grundstruktur der OR offenbarte.

 

Vorschau auf das Auswärtsspiel bei Jahn Regensburg
mit persönlichen Einschätzungen von Janis Weber, Lars Mosel und Sven Dirkes

Am Samstag um 16:30 Uhr folgt der letzte Teil der englischen Woche, für den VfL geht es nach Bayern zum SSV Jahn. Gegen die Regensburger weist man eine Bilanz auf, die so positiv ausfällt wie gegen kaum einen anderen Gegner in Liga 3. Von 17 Spielen konnte der VfL acht gewinnen, vier Mal ging man als Verlierer vom Platz und fünf Mal trennte man sich Unentschieden. Zum ersten Mal trafen beide Vereine in der Zweitligasaison 2003/04 aufeinander, die Premiere in Regensburg konnte der Jahn mit 1:0 für sich entscheiden. Seitdem wartet man vergeblich auf den nächsten Heimsieg gegen Lila-Weiß, in den folgenden sieben Versuchen gewann der VfL drei Mal und vier Mal endete das Spiel mit einem Remis. In diesen sieben Partien konnte der VfL ganze 15 Tore erzielen.


Auf’m Platz

Dem Jahn widerfährt in dieser Saison das, was schon so vielen Absteigern vor ihnen passiert ist: trotz gutem Kader kommt man nicht so richtig in der 3. Liga an und ist mehr mit Abstiegskampf als mit Wiederaufstieg beschäftigt. Das dürfte den Regensburgern im Spätsommer letzten Jahres ziemlich schnell bewusst geworden sein, das 2:0 aus der Hinrunde an der Bremer Brücke war die bereits sechste Niederlage nach nur neun Spielen. Und dann beginnt die Suche nach den Gründen, müsste der Kader nicht viel konkurrenzfähiger sein? Mit Noel Eichinger hat man einen Zehner, der genauso viele Scorerpunkte sammelt wie ein Meißner. Adrian Fein im Mittelfeld dürfte die beste Passquote aller Drittligaspieler haben. Nicolas Oliviera beackert die rechte Seite fleißig wie wenig andere und ist jederzeit für einen Scorer gut.

Vielleicht hat sich die Mannschaft nach der Niederlage in Osnabrück wieder auf ihre Stärken berufen, von den folgenden sechs Spielen ging nur eines verloren. Doch aus der unteren Tabellenhälfte konnte sich die Truppe von Michael Wimmer über den ganzen Saisonverlauf bislang nicht befreien. Man wird Ulm und Aue dankbar sein, dass 35 Punkte aktuell zu einem sehr komfortablen Polster zur Abstiegszone reichen. Mit sieben Punkten aus den letzten drei Spielen dürfte man sich der letzten Abstiegssorgen entledigt haben.

Was der Jahn seinen Gegnern im Abstiegskampf voraus hatte ist, dass man gegen die beiden Kellerkinder Schweinfurt und Havelse alle neun möglichen Punkte geholt hat. Aber wenn man sich dann alle zehn Siege in dieser Saison genauer anschaut, dann bleiben erneut Fragezeichen. Man konnte nämlich mit dem Sportclub aus Verl die vermutlich spielstärkste Mannschaft der Liga zwei Mal schlagen, das gelang aber genauso gegen Selimbegovics Aachener, die einen völlig anderen Ansatz spielen. Man gewann deutlich mit 4:0 gegen die Altherrentruppe von 1860, im Heimspiel davor konnten aber auch die Amateure aus Stuttgart besiegt werden. Wiesbaden, neben dem VfL die Mannschaft der Stunde, holt sieben Siege aus neun Spielen, geht aber in Regensburg zum ersten Mal in der Rückrunde baden. Nur eine Woche zuvor spielte man gegen Essen, die seit acht Spielen nicht mehr verloren hatten, verlor allerdings mit 3:2. Der Waldhof kommt mit drei Siegen im Gepäck nach Regensburg und wird mit 3:0 wieder nach Hause geschickt. Man erkennt, dass man nichts erkennt. Kein Muster, kein Gegner oder Spielsystem, die dem Jahn besonders liegen würden, Regensburg ist jederzeit im Stande ein Spiel zu gewinnen – aber auch zu verlieren.

Diese auffällig konstante Inkonstanz wird sich auch Trainer Michael Wimmer vorwerfen lassen müssen. Als er vor der Saison nach seinem Spielstil gefragt wurde, antwortete er mit „mutiges Spiel, intensives Spiel, aktives Spiel, den Gegner stressen, im eigenen Ballbesitz intensiv spielen, auch im eigenen Ballbesitz Spiele dominieren zu können, einfach ne Klarheit im Spiel zu haben. (…) Unsere Identität soll unsere Intensität sein.“ Das klingt alles erstmal nicht verkehrt, aber im Grunde sind es oft gehörte Trainer-Formulierungen. Die „Klarheit“, die Wimmer im Sommer ansprach, geht den Regensburgern immer wieder ab. Ob sie eine Ballbesitzmannschaft sind oder nicht, wissen sie vermutlich selbst nicht so genau. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, der Jahn macht viele Dinge gut, aber ein übergeordneter Plan ist nur schwer auszumachen. So ist es für die Gegner nicht allzu leicht sich auf Regensburg einzustellen, andererseits muss einem auch nicht bange werden vor dieser Truppe.

Was man dem Jahn in dieser Saison definitiv nicht vorwerfen konnte ist den Abstiegskampf nicht angenommen zu haben, Betonung liegt auf „Kampf“. Mit vier glatt roten und 80 gelben Karten ist man das Schlusslicht der Fairnesstabelle. Unter der Woche fehlten beim Auswärtsspiel in Verl Strauss, Saller und Beckhoff gelbgesperrt, dem VfL nützt es allerdings nichts: für den kommenden Samstag ist kein Spieler gesperrt.


Im Fokus

Der Jahn hat mit dem 19-Jährigen Leopold Wurm eines der größten Talente der Liga in seinem Kader. Der 1,95m große Innenverteidiger spielt bereits seine zweite Profisaison in Regensburg. In der vergangenen Spielzeit verhalf Joe Enochs ihm zu seinem Zweitligadebüt, im weiteren Saisonverlauf war er bis zum letzten Spieltag kaum noch aus der Startelf wegzudenken und war in der Rückrunde bei den teils desolaten Regensburgern noch einer der besseren Verteidiger. Und so schrieb er sich auch in die Notizbücher einiger Zweitligascouts, unter anderem sollen Hannover 96, die Fortuna aus Düsseldorf und Schalke 04 Interesse bekundet haben.

Doch Wurm ging den Weg mit in Liga 3 und tat sich zu Beginn der Saison ähnlich schwer wie der Rest der Mannschaft. Am zweiten Spieltag wurde er im Heimspiel gegen Duisburg nach sehr schwacher Leistung bereits zur Halbzeit beim Stand von 0:2 ausgewechselt. Der kicker quittierte seinen Auftritt berechtigterweise mit der Note 5,5.

In den kommenden Wochen festigte er sich etwas, zeigte zum Beispiel im Hinspiel an der Brücke trotz 2:0 Niederlage einen sehr ordentlichen Auftritt. Doch es dauerte noch bis zum 14. Spieltag bis er der Liga zeigen konnte was er für ein Potenzial hat. Beim 4:0 Kantersieg gegen 1860 ließ er die Löwen-Offensive auflaufen, brachte 50 seiner 53 Pässe an den Mann und krönte das ganze mit seinem ersten Drittliga-Tor für den Jahn. Und wenn wir gerade eh schon bei kicker-Noten waren: Diesmal verdiente er sich eine 1,5.

Im Zentrum der Dreierkette ist Kapitän Strauss gesetzt, Wurm spielt entweder als linker oder rechter Innenverteidiger. Dabei überzeugt er durch gutes Passspiel und clevere Tacklings, in dieser Saison hat er erst zwei Mal Gelb gesehen. Sein Vertrag läuft zum Saisonende aus und auch wenn er in dieser Saison nicht so sehr heraussticht, wie manche Beobachter es im Sommer erwartet hatten, so scheint es doch sehr wahrscheinlich, dass ein Zweitligist sich das Talent nach der Saison „für lau“ unter den Nagel reißen wird.


Stadion

Seit über zehn Jahren spielt der SSV in seiner neuen Heimat im Süden der Stadt. Der Name „Jahnstadion“ wurde vom alten Stadion übernommen, auch wenn weder Erscheinungsbild noch Standort irgendetwas mit der vorherigen Spielstätte gemein haben. Die einzige Parallele ist, dass weiterhin der Jahn im Stadion spielt und so kann man die Namenswahl sicherlich nachvollziehen, auch wenn es der am häufigsten genutzte Stadionname Deutschlands sein dürfte…

Die Pläne für den Neubau stammten, wie so oft bei neuen deutschen Stadien der letzten 25 Jahre (u.A. Aachen, Köln, Mainz), aus der Feder des in Osnabrück ansässigen Architekten Stefan Nixdorf. Ein cooles „Gimmick“ sind die an den Dächern befestigten Flutlichtmasten, die dem Stadion einen Wiedererkennungswert verleihen. Ansonsten versprüht die Spielstätte nur wenig Flair. Im Endeffekt ist es ein weiterer, moderner Stadionbau mit massig Parkplätzen direkt an der Autobahn. Stadionliebhaber kommen eher woanders auf ihre Kosten.

Doch der Neubau war nötig geworden, weil im alten Jahnstadion nur 12.500 Zuschauer*innen (zu wenig für die 2. Bundesliga) Platz fanden, und auch das nur mithilfe von Stahlrohrtribünen. Als sie 1926 eröffnet wurde, war die Sportanlage noch am Stadtrand mit viel Platz und Wiese in unmittelbarer Umgebung. Die Stadt wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings immer weiter, sodass sich das Stadion im 21. Jahrhundert inmitten eines Wohngebietes befand, in dem es keine Möglichkeiten mehr zu einer Vergrößerung bzw. einer Erhöhung der Kapazität gab. Nach dem Neubau wurde die gesamte Anlage abgerissen, um Platz für Wohnraum zu schaffen. Dabei hatte das alte Jahnstadion durchaus Geschichten zu erzählen, es durfte sich sogar Olympiastadion nennen. Bei den Sommerspielen 1972 in München wurde ein Teil der Fußballspiele in Regensburg ausgetragen, unter anderem der 1:0 Sieg des Iran gegen enttäuschende Brasilianer, die ohne Sieg im Gepäck die Heimreise antreten mussten.

Doch die alte Schüssel ist Geschichte und so reist der VfL am Samstag zum mittlerweile vierten Mal in die neue, 15.210 Zuschauer*innen fassende Arena, die in dieser Saison im Schnitt zu weniger als 60% ausgelastet ist.


Geschichten aus der Geschichte

In der letzten Woche war er mal wieder in aller Munde. „Ich bleibe dabei, es ist kein Frauensport“ offenbarte Mario Basler zum wiederholten Male sein Weltbild in einem Podcast des SWR gegenüber der Moderatorin Katharina Reckers, die ihn daraufhin, durchaus erfrischend, fragte, ob es nicht manchmal besser sei „einfach mal die Fresse zu halten“. Angesprochen wurde er auf seine Aussage „Fußball ist nichts für Frauen“ aus dem Jahr 2011. 15 Jahre sind schon ein bemerkenswerter Zeitraum, um die eigene Lernresistenz zu beweisen. Aber das gehört auch zum Konzept der Medienfigur Mario Basler. Wahrscheinlich schaffen es im deutschen Fußballkosmos nur wenige sich so gut durch eine Mischung aus Stammtischparole, Ignoranz und Selbstbezogenheit im Gespräch zu halten wie er.

Was viele sicherlich vergessen haben: Regensburg war von 2004 bis 2005 Baslers erste Trainerstation. Der Jahn war im Sommer 2004 aus der 2. Liga abgestiegen, Günter Brandl wurde entlassen und Basler hatte soeben seine Karriere beim katarischen Erstligisten Al-Rayyan SC beendet. Obwohl, so ganz wollte der Pfälzer seine Karriere noch nicht beenden. Eigentlich schwebte ihm vor neben seinem Traineramt auch noch seine Fußballschuhe für den Jahn zu schnüren, scheiterte mit diesem Vorhaben allerdings am Veto des DFB.

In der Oberpfalz kannte man Basler jedenfalls bestens, Regensburg war der Schauplatz für seinen vermutlich größten Skandal in ein einer an Skandalen nicht armen Karriere. Im November 1999, zu diesem Zeitpunkt beim FC Bayern unter Vertrag, verweilten er und Ersatztorhüter Sven Scheuer, der später noch den Weg zum VfL finden sollte, zur Reha in Regensburg. In einer Pizzeria, in der viel getrunken wurde, kam es am Ende des Abends zu einer Schlägerei, bei der beide involviert gewesen sein sollen. Der FC Bayern suspendierte beide, Basler wehrte sich gegen die Vorwürfe, Hoeneß konterte mit weiteren Geschichten von Eskapaden Baslers, der nie wieder ein Spiel für den Rekordmeister machte. Die „Pizzeria-Affäre“ war geboren und bestimmte die Landschaft des deutschen Sportjournalismus für einige Wochen.

Doch zurück nach 2004 und dem Beginn Baslers Trainerkarriere: Als Aufstiegsfavorit in die Saison gegangen, kam man schnell in der Realität der Regionalliga Süd an. In der Hinrunde gewann man nur fünf Spiele, blieb zwischendurch für sieben Spiele sieglos, schoss in der gesamten Saison nur 47 Tore (so wenig wie kein anderer aus der oberen Tabellenhälfe) und trudelte am Ende 16 Punkte hinter den Aufstiegsrängen ein.

Die Verantwortlichen hielten trotzdem über den Sommer hinaus an Basler fest, was man im Nachhinein bereut haben dürfte: Die neue Saison startete desolat für die Regensburger, man konnte keines der ersten acht Spiele gewinnen und nun wurde Basler vor die Tür gesetzt. Gestört hat es ihn nicht. Er ging nach eigenem Bekunden „ohne Groll“ und habe schon wieder Angebote aus dem Ausland vorliegen. Trainer im Ausland wurde er übrigens nie, doch nun war genug Zeit, um zumindest die Trainerlizenz zu machen, die er noch gar nicht besaß. Anschließend fungierte Basler als Co-Trainer unter Uwe Rapolder in Koblenz, es folgten Engagements als Cheftrainer in Trier, Burghausen und Oberhausen. Oberhalb der Drittklassigkeit tauchte er nicht mehr auf.

Der Jahn stabilisierte sich nach der Entlassung Baslers, gewann bis zur Winterpause noch sechs Spiele und konnte sich so aus der Abstiegszone befreien. Eine schwache Rückrunde bedeutete am Ende der Saison allerdings den Abstieg in die Viertklassigkeit unter Trainer Günter Güttler. Mit Güttler stieg man prompt wieder auf und konnte sich 2008 für die eingleisige 3. Liga qualifizieren.


Prognose
Lars Mosel (VfL-Podcast der OS-Rundschau)

Nachdem in Aue und gegen Köln der Matchplan des Trainers voll aufgegangen ist, spielt die Mannschaft auch in Regensburg kontrolliert. Leider gerät man dort in der ersten Halbzeit durch ein unglückliches Standardtor in Rückstand und kann nicht den eigentlichen Plan umsetzen. Der VfL übernimmt zwar die Spielkontrolle, kommt aber nur noch durch ein Tor von Niklas Wiemann zum Ausgleich. Der 1:1 Endstand ist erst einmal ein Rückschlag, der Punkt kann am Ende aber wichtig sein.


Prognose Janis Weber (Ostkurvenchor)

Wer oder was soll diese Truppe aktuell in die Knie zwingen? Der Jahn ist es nicht. 2:0 Auswärtssieg. Doppelpack Meißner.


Prognose Sven Dirkes (Ostkurvenchor)

Im Laufe der englischen Woche hat sich der Jahn mehr oder weniger jeglicher Abstiegssorgen entledigt. Dementsprechend hält am Samstag Bruder Leichtfuß Einzug im Jahnstadion. Ein Spitzenreiter weiß sowas natürlich auszunutzen. Also gewinnt der VfL folgerichtig mit 3:0 und legt eine perfekte englische Woche hin. Die Tore kommen von Lars Kehl, Isy Badjie und Robin Meißner. Samstag wird also endgültig das lila-weiße Licht angemacht.

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