Verantwortlich für das „Gästezimmer“ ist Janis Weber, der schon einige interessante Beiträge für die OR verfasst hat und VfL-Fans vom Podcast Ostkurvenchor hinlänglich bekannt sein dürfte.
Das Wohnzimmer räumt Lars Mosel vor jedem Heimspiel auf, der vor allem als Mitglied der ersten Stunde des VfL-Podcasts auf OS-Radio 104,8 berühmt und zugleich berüchtigt wurde: „Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten“, ein unvergessener Satz, mit dem der erste VfL-Podcast eröffnet wurde und der schon früh die mafiöse Grundstruktur der OR offenbarte.
Auswärtsvorschau Alemannia Aachen
mit persönlichen Einschätzungen von Janis Weber, Lars Mosel und Sven
Am kommenden Samstag um 16:30 ist der VfL bei der Alemannia aus Aachen zu Gast. Beide Klubs treffen zum 47. Mal aufeinander, die Bilanz spricht klar für die Gelb-Schwarzen aus der Kaiserstadt: Nur 13 Spiele konnte der VfL für sich entscheiden, elfmal trennte man sich Unentschieden und 22-mal ging die Alemannia als Sieger vom Platz.
In den Drittligaduellen haben die Lila-Weißen jedoch die Nase vorn: Bei zwei Siegen und zwei Unentschieden ging nur eines von bislang fünf Aufeinandertreffen in Liga 3 verloren.
Die letzten beiden Spiele in Aachen endeten jeweils 1:0, einmal mit dem glücklicheren Ende für den VfL, einmal mit dem Heimsieg für den Turn- und Sportverein.
Auf’m Platz
Seit dem Abgang von Heiner Backhaus in Richtung Braunschweig im vergangenen Sommer ist die Alemannia auf der Suche nach ihrer sportlichen Identität. Der neue Trainer Benedetto Muzzicato verfolgte eine andere Spielidee als sein Vorgänger, mehr Ballbesitz, mehr Passspiel, mehr „Fußball“. Das Problem: Der Kader genügte diesen Anforderungen nur sehr bedingt. Hinzu kamen massive Verletzungsprobleme in der Vorbereitung und zu Saisonbeginn, sodass das Experiment Muzzicato bereits nach elf Spieltagen vom neuen Geschäftsführer Sport Rachid Azzouzi beendet wurde.
Seit dem 14. Spieltag steht nun Mersad Selimbegovic an der Seitenlinie. Der Bosnier steht für einen physischen Spielstil, hohe Laufbereitschaft, intensives Pressing und schnelles Umschaltspiel. Zudem legt er einen höheren Wert auf die defensive Kompaktheit als sein Vorgänger Muzzicato. Selimbegovic hat auf diese Weise den Jahn aus Regensburg, trotz überschaubarer finanzieller Mittel, über drei Jahre in der 2. Bundesliga halten können. Die Verpflichtung von Selimbegovic wirkt wie ein Anknüpfen an die vergangene, durchaus erfolgreiche Saison unter Heiner Backhaus, eine nachvollziehbare Entscheidung.
Sein Auftaktspiel gegen die Zweitvertretung aus Stuttgart konnte Aachen dann auch mit 3:1 für sich entscheiden, in den fünf restlichen Spielen bis zur Winterpause kamen jedoch nur noch zwei weitere Punkte hinzu. So befindet sich die Alemannia aktuell, sehr zum Unmut des eigenen Anhangs, der seinem Ärger gegenüber der Mannschaft nach dem letzten Hinrundenspiel (1:1 bei Havelse) lautstark Luft machte, auf dem 17. Tabellenplatz, dem ersten Abstiegsplatz.
Die Winterpause in Aachen wiederum weist erstaunliche Parallelen zu der des VfL auf: man hat ebenfalls einen Regionalligisten deutlich schlagen können (3:0 gegen Jena) und gegen einen Zweitligisten eine Niederlage hinnehmen müssen (1:2 gegen Bochum). Auf dem Transfermarkt hat man zudem auch exakt einmal zugeschlagen. Doch im Gegensatz zu Osnabrück verstärkte man sich nicht in der Offensive, sondern in der Defensive. Innenverteidiger Petros Bagalianis kam vom griechischen Erstligisten AE Larisa, wo er am Ende der Hinrunde keine Rolle mehr spielte. Der robuste und beidfüßige Grieche hat seine Stärken in der Spieleröffnung, scheut aber auch keinen Zweikampf, was er im Test gegen Bochum in der zweiten Halbzeit unter Beweis stellen konnte. Ob der 24-Jährige bereits ein Kandidat für die Startelf am Samstag ist, muss alerdings noch mit einem Fragezeichen beantwortet werden.
Im Fokus
Nachdem im Sommer bereits die ersten drei Spieltage gespielt waren, konnte die Alemannia kurz vor Transferfensterschluss noch einen echten Coup landen und Lars Gindorf von Hannover 96 ausleihen. Der technisch hochbegabte Gindorf hat sich auf Anhieb zu einer Art Lebensversicherung in der Aachener Offensive entwickelt. Mit zwölf Toren und drei Vorlagen war er an mehr als 50% aller Aachener Hinrundentore beteiligt. Sieben der zwölf Tore erzielte er vom Elfmeterpunkt, alleine bei seinem Debüt verwandelte er drei Strafstöße gegen Rot-Weiss Essen.
Doch Gindorf scheint noch etwas mit der neuen Spielweise unter Selimbegovic zu fremdeln. In den letzten fünf Spielen der Hinrunde konnte er nur noch eine Torvorlage verbuchen.
Stadion
Nur wenige Stadionnamen in Deutschland lösen bei Fußballfans so viele Gedanken und Erinnerungen aus wie der Tivoli. Bereits seit 1928 spielt die Alemannia in Soers im Nordwesten von Aachen und der alte Tivoli war dabei Schauplatz unzähliger Fußballschlachten: Bundesligaaufstieg, Pokalsensationen, UEFA-Cup, noch bis in die 00er-Jahre hinein hat dieser Ort Geschichte(n) geschrieben. Die Enge des Stadions ließ Gegner regelmäßig zur Verzweiflung bringen.
Seit 2008 wird im neuen Tivoli gespielt. Das Stadion, entworfen von Stefan Nixdorf, befindet sich in unmittelbarer Nähe zum alten Tivoli, der 2011 abgerissen wurde um Wohnhäusern Platz zu machen. Die Erfolge vergangener Zeiten wirken weit entfernt, es riecht weniger nach Rasen, weniger nach Schweiß und auch ein bisschen weniger nach Bier. Und trotz sehr hoher Zuschauerzahlen für die 3. Liga wird das Stadion aufgrund seiner Kapazität von knapp 33.000 Plätzen eher selten zu einem echten Hexenkessel, wie man es vom alten Tivoli kannte.
Was bis heute bleibt, ist der Name, der sich von der Villa Tivoli in Soers ableitet. Doch seit einigen Jahren wird über die Hinzunahme eines Namenssponsors debattiert, auf den man bis dato aufgrund des „Tivoligroschens“ (ein Euro pro Ticket dient der Kompensation der finanziellen Ausfälle) verzichten konnte. Vor zwei Jahren gab der Verein bekannt, dass die Merkur Spielbanken NRW Namensgeber werden sollten („Tivoli Merkur“), man hat sich jedoch bis heute nicht auf einen endgültigen Vertrag einigen können.
Geschichten aus der Geschichte
1931 gewann die Alemannia die Bezirksmeisterschaft, qualifizierte sich so für die Endrunde der Westdeutschen Meisterschaft und spielte damit die bis dato erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte. Dieser Erfolg war nicht zuletzt auf zwei Namen zurückzuführen: Vorne stürmte Max Salomon, der insgesamt in rund 140 Meisterschaftsspielen für die Alemannia 80 Tore erzielte und in der Abwehr hielt Reinhold Münzenberg die Stellung. Münzenberg war der erste Aachen-Spieler, der es bis in die Nationalmannschaft schaffte, 1934 und 1938 an den Weltmeisterschaften teilnahm und insgesamt 41 Länderspiele bestritt.
So wichtig beide sportlich für die Alemannia in der Schlussphase der Weimarer Republik waren, so unterschiedlich verliefen ihre Biografien danach. Münzenberg lief in den 30er-Jahren weiterhin für die Alemannia auf und trat 1934 der SA und 1937 der NSDAP bei. Den Namen Max Salomon hingegen sucht man ab 1933 in den Kaderlisten vergebens. Als Jude floh er zuerst in die Niederlande und im Anschluss nach Belgien, wo er jedoch keine Arbeitserlaubnis bekam. So kehrte er nach Aachen zurück und wurde dort 1935, aufgrund eines Verhältnisses zu einer „arischen“ Frau, wegen „Rassenschande“ zu fünf Monaten Zuchthaus verurteilt. Im Anschluss floh er wieder nach Belgien und später nach Frankreich, wo er zuerst als Deutscher und damit als Bürger eines Feindstaates interniert und später von den deutschen Besatzern in das Konzentrationslager Gurs verschleppt wurde. 1942 verlieren sich seine Spuren, er sollte per Zug nach Auschwitz deportiert werden, bestieg auch den Zug, kam dort jedoch nie an.
Nach dem Krieg trug Reinhold Münzenberg wieder das gelb-schwarze Trikot, trat mit über 40 Jahren noch für die Alemannia gegen den Ball und wurde schließlich Ehrenmitglied. Von 1974 bis 1976 übte Münzenberg darüber hinaus noch das Amt des Vereinspräsidenten aus. Er verstarb 1986 im Alter von 77 Jahren.
Max Salomon blieb die Ehrenmitgliedschaft bis heute verwehrt. In der Thomashofstraße in Aachen erinnert ein Stolperstein an ihn. Zudem gedachten die Fans der Alemannia Salomon und allen weiteren Alemannen, die dem Holocaust zum Opfer fielen, im vergangenen November mit einer Choreo über die gesamte Heimkurve.
Die Prognose
Lars Mosel (VfL-Podcast der OS-Rundschau):
Nachdem die Mannschaft in beiden Testspielen gegen RW Oberhausen (5:2) und den FC Schalke 04 (0:2) unter Beweis stellen konnte, dass sie insbesondere im Spiel nach Vorne variantenreicher geworden ist, steht beim Spiel in Aachen auch mal wieder die Defensivstärke im Fokus. Aus einer stabilen Grundordnung heraus lässt der VfL am Tivoli in der Anfangsphase nichts zu und geht durch die hängende Spitze Meißner früh mit 1:0 in Führung. Unterstützt durch den lautstarken Support der mitgereisten Fans kann der VfL alle Angriffsversuche der Alemannia abwehren und spätestens mit dem 2:0 durch Neuzugang Kania nach Flanke von Kammerbauer verstummen die Aachen Fans endgültig.
Auf dem Feld passiert danach wenig, auf den Rängen sind nur noch die VfL Fans wahrnehmbar.
Janis Weber (Ostkurvenchor):
Was man in Aachen erwarten darf? Pöbeleien in Richtung Gästeblock, wie immer. Und da hilft es wahrscheinlich auch nicht, dass sich ein Teil der gelb-schwarzen Anhängerschaft am Mittag vor dem Spiel noch fromm im Dom den Segen abholt, wo anlässlich des 125. Vereinsgeburtstags eine Messe stattfindet.
Was man jedoch nicht erwarten darf: einen fußballerischen Leckerbissen. Und das obwohl sowohl die Alemannia als auch der VfL mit einer guten Portion Motivation aus der Winterpause kommen und sich auch offensiv viel vornehmen, um das von beiden schwache 0:0 aus der Hinrunde vergessen zu machen. Leider klappt das nur bedingt. Nach einer etwas wilden Anfangsphase entwickelt sich ein Spiel auf Augenhöhe, in dem der VfL über die meiste Zeit die Kontrolle behält und das bessere Ende findet, da der eingewechselte Neuzugang Julian Kania zehn Minuten vor Schluss das Spiel mit einem Abstauber entscheidet.
Sven (Ostkurvenchor):
Der VfL möchte Samstag am Tivoli zum Party Crasher anlässlich des 125. Geburtstags der Alemannia werden. Ich habe zugegebenermaßen etwas Bauchschmerzen, ob dies gelingt. Die Öcher stehen mit dem Rücken zur Wand und wollen sicherlich direkt ein Ausrufezeichen im Abstiegskampf setzen. Mersad Selimbegovic hatte in Interviews schon mehrfach angedeutet, dass hohes Pressing ein präferiertes Mittel der Wahl sein wird.
Sollten unsere lila-weißen die Anfangsphase überstehen und die erste Pressinglinie gut überspielen können, holen wir aber drei Punkte in der Kaiserstadt. Robin Meißner fühlt sich durch Julian Kania angespornt und trifft zum 1:0. Außerdem wird es mal wieder Zeit für einen Freistoßtreffer vom Kehler – mit dem 2:0 ist dann auch der Deckel drauf und der Gästeblock dreht frei …













