Vorspiel im Gästezimmer: VfL gegen den FC Ingolstadt 04

Unsere ohnehin umfangreiche VfL-Berichterstattung wird ab sofort um ein neues Format ergänzt, und zwar um das „Vorspiel im Gästezimmer“ und das „Vorspiel im Wohnzimmer“.
Verantwortlich für das „Gästezimmer“ ist Janis Weber, der schon einige interessante Beiträge für die OR verfasst hat und VfL-Fans vom Podcast Ostkurvenchor hinlänglich bekannt sein dürfte.

Das Wohnzimmer räumt Lars Mosel vor jedem Heimspiel auf, der vor allem als Mitglied der ersten Stunde des VfL-Podcasts auf OS-Radio 104,8 berühmt und zugleich berüchtigt wurde: „Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten“, ein unvergessener Satz, mit dem der erste VfL-Podcast eröffnet wurde und der schon früh die mafiöse Grundstruktur der OR offenbarte.

 

Vorschau auf das Auswärtsspiel gegen den FC Ingolstadt 04
mit persönlichen Einschätzungen von Lars Mosel, Janis Weber und Sven Dirkes

Am Samstag reist der VfL zum vierten und damit auch letzten Mal in dieser Saison nach Bayern. Im Freistaat erwarten den Tabellenführer angeschlagene Schanzer, die die letzten vier Spiele allesamt verloren haben, aber realistisch betrachtet den Abstiegskampf nicht mehr zu fürchten brauchen.

Das letzte Gastspiel in Ingolstadt weckt in vielen sicherlich noch böse Erinnerungen. Nach 56 gespielten Minuten stand es bereits 4:0 für die Gastgeber, drei Treffern von Sebastian Grönning folgte noch ein Tor eines gewissen David Kopacz. Der Doppelschlag von Simakala und Gnaase rund eine Viertelstunde vor Schluss war zu wenig, um noch etwas Zählbares mitzunehmen und der fast schon ikonische Platzverweis von Timo Beermann direkt nach den beiden Treffern hat der versuchten Aufholjagd auch keinen guten Dienst erwiesen.

Ansonsten liest sich die Bilanz in Ingolstadt ganz ordentlich: Zwei Siege und ein Unentschieden aus sechs Spielen klingt so schlecht nicht. An der Brücke ist der VfL in diesem Duell jedoch deutlich erfolgreicher, von sieben Spielen konnten sechs gewonnen werden, lediglich am dritten Spieltag der Saison 2022/23 musste man eine Niederlage daheim gegen Ingolstadt hinnehmen.


Auf’m Platz

Der FC Ingolstadt gehört in dieser Saison zu den Mannschaften der dritten Liga, die am schlechtesten zu greifen sind. Im Fußball wird dann oft die Formulierung „Wundertüte“ bemüht, wenn man nicht so recht weiß was man am nächsten Spieltag erwarten darf. Um das am Beispiel der Ingolstädter zu verdeutlichen: fünf Spieltage zu Saisonbeginn ohne Sieg? Check. Vor Weihnachten und zu Beginn der Rückrunde sieben Spiele ohne Niederlage? Check. Tabellenplatz 14 bei positivem Torverhältnis? Check. Systemwechsel mitten in der Saison? Check. Zwei Niederlagen gegen Viktoria Köln? Check. Keine Niederlage gegen Hansa? Check. In Rostock gewann man Anfang des Jahres sogar mit 3:0.

Unstete Zeiten in der Audi-Stadt. Es lässt sich aber interessanterweise eine gewisse Konstanz in diesem Auf und Ab erkennen. Nachdem man in der Hinrunde am 15. Spieltag verdient mit 1:0 an der Brücke verloren hatte und auf den Relegationsplatz abgerutscht war, verlor man von den zehn Spielen darauf nur eines und bewegt sich seitdem konstant zwischen Tabellenplatz 9 und 14. Ambitionen für den Aufstiegskampf oder Abstiegsängste? Beides Fehlanzeige. Wundertüten können halt auch langweilig sein…

Dabei war man 2022 nach dem letzten Abstieg aus der 2. Bundesliga noch sehr ehrgeizig unterwegs und hatte als Ziel den direkten Wiederaufstieg ausgerufen. Was folgte waren ein 11. und zwei 10. Plätze. Der FCI hat es sich gemütlich gemacht in Liga 3, es wird weniger Geld von außen (selbstverständlich von Audi) reingepumpt als früher, der Kader wird sukzessive schlechter, der Zuschauerschnitt geht weiter zurück, alles riecht nach schleichendem Niedergang. Vielen Fans in der 3. Liga dürfte es recht sein. Dass ein Verein, der vor zehn Jahren noch zwei Saisons lang Bundesligaluft schnuppern durfte, so langsam Richtung Regionalliga trudelt, zeigt nur zu gut was Abhängigkeit von externen Geldgebern bedeutet. Ohne Moos nix los, Ingolstadt als aktuelles Exempel.

Die Schanzer haben allerdings zwei Argumente auf ihrer Seite, die dem aktuellen Negativtrend entgegenstehen. Da ist zum einen eine super Nachwuchsarbeit, in die in den vergangenen Jahren zugegebenermaßen auch viel Geld geflossen ist. Can Uzun, Merlin Röhl, Marin Pongracic, Damion Downs, Filip Bilbija, Deniz Zeitler, Lars Gindorf, Fatih Kaya und noch einige mehr haben schon das NLZ in Ingolstadt als Spieler von innen sehen dürfen. Und das zweite Argument ist eng mit dem NLZ verwoben: Sabrina Wittmann. Niemand kennt Verein und und Nachwuchsabteilung besser als die Cheftrainerin der Schanzer. Seit fast zehn Jahren steht die 34-Jährige bei Mannschaften des FC Ingolstadt an der Seitenlinie. Ihre Bilanz mit der ersten Mannschaft ist noch positiv. Ob sie in den kommenden Monaten (und Jahren) den Sparkurs und den damit einhergehenden Qualitätsverlust weiter abfedern kann, bleibt abzuwarten. Eine Abkehr von ihr würde ein gewisses Risiko bergen und das sieht offensichtlich auch der Geschäfstführer Sport Dietmar Beiersdorfer so. Anfang März wurde der Vertrag mit Sabrina Wittmann verlängert nachdem sie ihre UEFA-Pro-Lizenz erhalten hatte.

All das sollte die Lila-Weißen am Samstag nicht zu sehr beschäftigen. Der VfL ist gut beraten an einem seiner Erfolgsrezepte dieser Saison festzuhalten: Bei sich zu bleiben. Die Top-Mannschaften, die gegen Ingolstadt konzentriert und fleißig waren und Fehler möglichst vermieden haben, gingen meistens auch als Sieger vom Platz.


Im Fokus

Deniz Zeitler konnte im Sommer nicht gehalten werden und so verloren die Ingolstädter ihren besten Spieler. Dass Zeitler immer noch in der 3. Liga auf Torejagd geht, ist eigentlich ein schlechter Witz, aber das ist ein anderes Thema… Mit Marcel Costly hat man allerdings jemanden auf Rechtsaußen, der nach drei sehr soliden Drittligajahren für Ingolstadt mit 30 Jahren nochmal richtig durchstartet und die Scorerwerte von Zeitler aus der Vorsaison längst übertrifft. Aktuell steht Costly bei 13 Treffern und 8 Vorlagen, ist damit an 40% der Tore beteiligt und hat in jedem Ligaspiel in der Startelf gestanden.

Eigentlich ist Costly Rechtsverteidiger, wenn auch schon immer mit großem Offensivdrang. In der letzten Saison hat David Kopacz meist vor ihm gespielt, nach dem Kopacz-Abgang zum VfL zog Sabrina Wittmann Costly weiter nach vorne und hat damit ein goldenes Händchen bewiesen. Zum weiter oben bereits erwähnten 3:0 in Rostock steuerte er zwei Treffer bei, für seinen zweiten Treffer zum 3:0 lohnt sich der Blick in die Highlights: Selbst eingeleitet und mit einem schönen Fernschuss abgeschlossen, der Mann hat einen wirklich starken rechten Schlappen.

Wenn Costly in der aktuellen Saison die Versicherung in der Offensive für den FCI ist, dann müssen wir auch über die Defensiv-Versicherung der Schanzer sprechen: Kai Eisele. In Karlsruhe kam er in Liga 2 nicht über die Reservistenrolle hinaus, letztes Jahr in Unterhaching ersetzte er im Laufe der Saison den Youngster Konstantin Heide, um der Mannschaft im Abstiegskampf mit Sicherheit und Erfahrung zu helfen. Gereicht hat es nicht, die SpVgg aus der Münchener Vorstadt musste trotzdem den Gang in die Regionalliga antreten. Im Sommer folgte dann der Schritt nach Ingolstadt, wo er sich hinter dem Eigengewächs Markus Ponath einreihen musste. Ponath zog sich am 9. Spieltag gegen den SC Verl einen Mittelhandbruch zu, seitdem steht Kai Eisele zwischen den Pfosten, und wie! Kein Torhüter der 3. Liga wehrt mehr Bälle ab, kaum ein Wochenende ohne Glanzparade von Eisele. Zugetraut hätten es ihm vor der Saison wahrscheinlich nur wenige, aber trotz der Fülle an guten Torhütern hat sich Eisele als einer der sichersten Rückhalte der Liga erwiesen.


Stadion

Als der ESV Ingolstadt und der MTV Ingolstadt 2004 zum FC Ingolstadt fusionierten, war schnell klar, dass die beiden Stadien der Vorgängervereine den Ambitionen des neugegründeten Klubs auf Dauer nicht genügen würden. 2006 stieg man in die drittklassige Regionalliga auf und als es nur zwei Jahre später noch weiter nach oben in die 2. Bundesliga ging, war allen klar: ein neues Stadion muss her. Die DFL erteilte dem ESV-Stadion eine Ausnahmegenehmigung, allerdings nur für zwei Jahre und so musste schnell gehandelt werden.

So lieblos sieht dieser Schnellschuss leider auch aus. Ingolstadt reiht sich ein in die Riege austauschbarer Blechbüchsen, die verkehrsgünstig an der Autobahn gelegen sind. Man spielt in einem Gewerbegebiet am Stadtrand in unmittelbarer Nähe zur A9. Der Audi Sportpark ist ein Stadion, das die Herzen von Fußballfans langsamer schlagen lässt und dient auch als mahnendes Beispiel für etwaige Neubauprojekte: so sieht ein Stadion aus, wenn Fan-Belange keinen Anklang finden.

Aber wem soll man es verübeln? Fans waren nur wenige vorhanden. In der damaligen Aufstiegssaison zur 2. Liga kamen magere 3.000 Zuschauer*innen pro Spiel. Aktuell ist das 15.200 Zuschauer*innen fassende Stadion im Schnitt zu einem Drittel gefüllt. Da lohnt fast eher der Besuch beim ERC, dem Eishockeyverein aus Ingolstadt, der fast genauso gute Besucher*innen-Zahlen vorweisen kann und mit der Saturn-Arena viel mehr Teil der Stadt ist als der FC an der A9 …


Geschichten aus der Geschichte

FC Ingolstadt und Geschichte? Klingt kontraintuitiv, nicht zu unrecht. Der Verein hat gerade mal fünf schmale Jahre mehr auf dem Buckel als RB Leipzig. Was beide „Vereine“ gemeinsam haben ist die Tatsache, dass sie am Tropf externer Geldgeber hängen (obwohl, kann man das überhaupt „extern“ nennen?). In der Gründungsgeschichte unterscheiden sich beide jedoch deutlich. Der FC Ingolstadt wurde letztendlich wegen Geldproblemen gegründet. Das kann man in Leipzig, wo die Worte Geld und Problem nie gemeinsam in einem Satz auftauchen, nicht von sich behaupten. Also schauen wir auf die Gründung des Fußballclub Ingolstadt 04 e.V.

Anfang des Jahrtausends plagten den ESV Ingolstadt zunehmend finanzielle Probleme. Als diese 2003 dem Verein über den Kopf wuchsen, bat man den lokalen Unternehmer Peter Jackwerth um Unterstützung. Das wiederum bekam der zweite größere Fußballverein der Stadt, der MTV Ingolstadt, mit und bat Jackwerth ebenfalls um Geld, da man nun Angst vor dem Erstarken des Lokalrivalen hatte.

Ein paar Treffen später, unter anderem auch mit dem Ingolstädter Oberbürgermeister, war die Idee einer Vereinsfusion geboren. Und die Verantwortlichen machten schnell Nägel mit Köpfen: Am 5. Februar 2004 wurden beide Vereine zum FC Ingolstadt fusioniert. Man einigte sich auf die Vereinsfarben Schwarz-Rot-Weiß und schmiedete ambitionierte Pläne, um in Ingolstadt einen Standort für Profifußball zu etablieren. Wie man heute weiß verlief dieses Unterfangen recht erfolgreich, nur schaffte man es in den gut 20 Jahren bis heute nicht die Leute aus Stadt und Umgebung wirklich nennenswert für den neuen Verein zu begeistern.

Überraschend ist das nicht, befinden sich doch mit München, Nürnberg, Augsburg und Regensburg andere Fußballstandorte in unmittelbarer Umgebung, die über Jahrzehnte bereits vieles an potenziellen Fans abgegrast haben. Hinzu kommt, dass Ingolstadt nie wirklich ein Standort für Profifußball war.

Nennenswerte Erfolge der beiden Vorgängervereine beschränken sich auf einen kurzen Zeitraum Ende der 70er Jahre. 1979 gelang es dem ESV Ingolstadt gegen Hertha Zehlendorf die Deutsche Amateurmeisterschaft zu gewinnen und in die 2. Liga aufzusteigen. In der 2. Liga wartete bereits der Lokalrivale MTV Ingolstadt, dem es kurz davor gelungen war zwei Jahre in Folge aufzusteigen. Doch selbst in dieser zwar kurzen, aber erfolgreichen Phase des Ingolstädter Fußballs ließen sich nur wenige für das runde Leder begeistern. Zum ESV kamen im Schnitt weniger als 3.500 Zuschauer*innen, beim MTV waren es sogar nur 2.000. Nach jeweils zwei Jahren, wenn auch um ein Jahr versetzt, ging für beide das einmalige Abenteuer 2. Liga wieder zu Ende, die Stadt musste fast 30 Jahre auf Zweitligafußball warten. Und das Gefühl bleibt: eigentlich hat niemand in der Audi-Stadt drauf gewartet.





Prognose Lars Mosel (OS-Rundschau)

Nachdem auch Cottbus in einem emotionalen Spiel besiegt werden konnte, hält den VfL auch Ingolstadt nicht auf. Es wird zumindest auf dem Feld kein Feuerwerk angezündet, aber eine konzentrierte Leistung reicht gegen biedere Bayern. Kopacz und Badjie erzielen die Tore und dem Gegner gelingt es einfach nicht, den VfL in Bedrängnis zu bringen.


Janis Weber (Ostkurvenchor)

Ich fahr mit einem guten Gefühl nach Ingolstadt. Und ja, ich gebe gerne zu, dass das vermutlich anders gewesen wäre, wenn wir am Sonntag verloren hätten. Ham wa aber nich.

Costly sollte in den Griff zu bekommen sein und auch wenn wir in unserer Aufstellung diesmal mehr umdisponieren müssen als gewohnt, ist die Truppe fokussiert und stark genug für diese Aufgabe. Mit Geduld und Tempoverschärfungen im richtigen Moment stellen wir die Schanzer vor unlösbare Rätsel und fahren einen späten, aber ungefährdeten 2:0 Sieg ein. Und da man sich an Weihnachten was wünschen darf und Siege über Pele so ein bisschen was von Weihnachten haben, wünsche ich mir mal wieder ein Jacobsen-Kopfballtor. Wer das zweite macht ist mir wurscht. Hauptsache Auswärtssieg.


Sven Dirkes (Ostkurvenchor)

Wir gewinnen 2:0, spielen abermals zu null und vorne reichen zwei Tore von Robin Meißner und Frido Wagner. Warum ich die Sperren und Ausfälle nicht erwähne? Weil sie nicht weiter ins Gewicht fallen.

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