Vorspiel im Gästezimmer: VfL gegen den SV Wehen

Unsere ohnehin umfangreiche VfL-Berichterstattung wird ab sofort um ein neues Format ergänzt, und zwar um das „Vorspiel im Gästezimmer“ und das „Vorspiel im Wohnzimmer“.
Verantwortlich für das „Gästezimmer“ ist Janis Weber, der schon einige interessante Beiträge für die OR verfasst hat und VfL-Fans vom Podcast Ostkurvenchor hinlänglich bekannt sein dürfte.

Das Wohnzimmer räumt Lars Mosel vor jedem Heimspiel auf, der vor allem als Mitglied der ersten Stunde des VfL-Podcasts auf OS-Radio 104,8 berühmt und zugleich berüchtigt wurde: „Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten“, ein unvergessener Satz, mit dem der erste VfL-Podcast eröffnet wurde und der schon früh die mafiöse Grundstruktur der OR offenbarte.

 

Vorschau auf das Auswärtsspiel gegen den SV Wehen
mit persönlichen Einschätzungen von Lars Mosel, Janis Weber und Sven Dirkes

Der SV Wehen mag historisch betrachtet ein eher kleines, und für viele sicherlich auch uninteressantes Licht sein, aber eines hat in Wiesbaden Tradition: Spiele gegen den VfL. Am Sonntag treffen beide Vereine zum 34. Mal aufeinander. Seit der ersten Begegnung 2007 gab es nur zwei Spielzeiten, in denen man sich aus dem Weg gehen konnte. Sowohl 2010/11 als auch 2020/21 spielte der VfL in der 2. Bundesliga, während die Hessen in Liga 3 verweilen mussten.

Viel zu feiern gab es für Osnabrück nicht in diesen 19 Jahren. Der SV Wehen ging 18 Mal als Sieger vom Platz, die Lila-Weißen konnten lediglich neun Partien für sich entscheiden. Vor allem in Wiesbaden nahm man nur selten Punkte mit. Drei Siege stehen zehn Niederlagen gegenüber, drei Mal trennte man sich mit einem Unentschieden.

Die wirklich schmerzhaften Niederlagen hat der VfL sich jedoch daheim abgeholt und neben dem 2:6 in der Rückrunde 2019/20, samt Schäffler-Hattrick, sticht eine besonders heraus: die 0:4 Klatsche beim ersten Heimspiel der Saison 2017/18. Die Ostkurve war damals vom DFB wegen Pyro-Aktionen und geworfener Becher in der Vorsaison in Teilen gesperrt worden. Dieser triste Heimauftakt wirkt in der Rückbetrachtung fast wie ein Omen für die weitere Saison, an deren Ende man auf Platz 17 in der 3. Liga einlief. Vielen VfL-Fans dürfte es sicherlich recht sein, wenn man die nächste Spielzeit nicht mehr in der gleichen Liga wie die Wiesbadener antritt.


Auf’m Platz

Schwach angefangen, gut aufgeholt und wieder stark nachgelassen. So lässt sich die Saison des SV Wehen Wiesbaden in Kurzform zusammenfassen. Mit nur 16 Punkten aus zwölf Spielen wurde Trainer Nils Döring auf Tabellenplatz 13 entlassen. Ab dem 14. Spieltag übernahm Ex-VfL-Trainer Daniel Scherning das Ruder an der Seitenlinie und führte die Mannschaft sukzessive nach oben. Es wirkte fast so als wolle der Fußballgott diese ungewollte Ehe zwischen dem VfL und dem SV Wehen Wiesbaden weiter aufrechterhalten, so als dürfe der eine Verein nicht ohne den anderen in die 2. Bundesliga zurückkehren. Doch wie schaffte Scherning diese Trendwende mitten in der Saison?

Da ist zu einem der Kader zu nennen. Die Mannschaft weist eine hohe Qualität auf, die Döring nicht in der Lage war auf den Platz zu bringen. Florian Stritzel, Sascha Mockenhaupt, Fatih Kaya, Lukas Schleimer, Niklas May. Das sind Namen, die man im Aufstiegskampf vermuten würde und deren PS Scherning besser auszunutzen wusste als sein Vorgänger. Und das gelang ihm ohne Hurra-Fußball oder Offensivspektakel, sondern mit defensiver Stabilität, Effektivität und immer wieder auch mit einer ordentlichen Portion Glück. Beobachter*innen des Hinspiels dürften wissen was gemeint ist…

Diese eher ruhige und auf Fehlervermeidung ausgelegte Spielweise lässt sich auch in manchen Statistiken wiedererkennen. Im Pressing zum Beispiel geht Wehen behutsam vor, die Mannschaft von Daniel Scherning greift gegen den Ball sehr spät an. Um die Intensität des Pressings einer Mannschaft in Zahlen ausdrücken zu können, gibt es den PPDA-Wert (Passes per Defensive Action). Berechnet wird die durchschnittliche Anzahl an Pässen, die der Gegner ausführen kann, bevor es zu einer Defensivaktion (Balleroberung, Tackling etc.) kommt. Die Wiesbadener lassen im Schnitt 13.22 Pässe des Gegners zu bevor sie eingreifen, so viel wie kaum ein anderes Team der Liga. Das muss nichts schlechtes sein, der Wert gibt lediglich an wie intensiv bzw. wie schnell im Angriff und im Mittelfeld gepresst wird, nicht wie erfolgreich das Pressing ist. Der VfL hat einen PPDA-Wert von 12.64 und ist damit nur 16. in der Tabelle, presst allerdings deutlich cleverer und erfolgreicher. Bei den hohen Balleroberungen sind die Lila-Weißen Fünfter im Ligavergleich, Wiesbaden nur 15.

In Sachen Ballbesitz befindet sich Wehen auf dem 16. Platz der 3. Liga (VfL 17.). Man steht sehr tief, wartet ab, lässt gern den Gegner machen. Das dürfte Beobachter*innen des VfL abermals bekannt vorkommen, allerdings macht die Truppe von Timo Schultz es nach Balleroberung ungleich besser im Spiel nach vorne als die Wiesbadener, die bislang lediglich 49 Treffer erzielen konnten. Und so reichte es dann auch nicht für den Angriff auf ganz oben. Konnte man zwischendurch sogar bis auf vier Punkte an den Relegationsrang heranrücken, so befindet man sich mittlerweile nach zuletzt sieben sieglosen Spielen auf dem 9. Tabellenplatz ohne dass es nach oben oder unten noch um etwas gehen würde.


Im Fokus

Nur 49 Treffer nach 35 Spielen sind definitiv zu wenig für eine Mannschaft, die um den Aufstieg mitspielen könnte und im Vorjahr noch den Torschützenkönig der 3. Liga gestellt hat. Daher lohnt es sich einen Blick auf die Wiesbadener Offensive zu werfen, insbesondere auf die Mittelstürmer.

Fatih Kaya brauchte in der letzten Saison nur 134 Minuten pro Treffer, landete bei insgesamt 20 Drittligatoren und durfte sich somit nach dem letzten Spieltag die Torjägerkanone abholen. Auch in dieser Saison trifft er ordentlich und hat bereits zehn Tore und dazu noch acht Vorlagen auf seinem Konto. Das sind gute Werte für einen Offensivspieler einer Mannschaft aus dem Tabellenmittelfeld, die sich eher über ihr Defensivverhalten definiert.

Bereits letzte Saison hat sich Moritz Flotho im Schatten von Kaya gut entwickelt, in dieser Saison tritt er sogar aus seinem Schatten hervor. Der 1,92m große Mittelstürmer traf schon zwölf Mal und legte acht Tore vor. Man sieht schon: einen reinen Goalgetter haben die Wiesbadener nicht. Wer trifft, muss auch vorlegen können. Dass einem so groß gewachsenen Stürmer das genauso leicht fällt wie einem Kaya, ist dabei durchaus beeindruckend.

Der geborene Kasseler fand im Sommer 2024 seinen Weg über die zweiten Mannschaften von Schalke und Paderborn zum SV Wehen Wiesbaden. Seitdem zeigt seine Leistungskurve stets nach oben. Und die Wiesbadener haben sich mit ihm ein sehr interessantes Spielerprofil zugelegt: spielerisch gut, robust in den Zweikämpfen, kopfballstark, abschlussstark und darüber hinaus nie verletzt. Er fühlt sich als einziger Stürmer genauso wohl wie in einem Doppelsturm, vollendet und legt auf. Doch eine Möglichkeit bietet sich dem VfL Flotho zu entschärfen: er hat keinen linken Fuß. Seine Tore erzielt er mit dem Kopf oder mit seinem rechten Fuß, wenn er den Ball auf links hat fühlt er sich unwohl, auch außerhalb des Strafraums. Sollte es Müller und Jacobsen gelingen ihn bei Kopfbällen (sowohl bei langen Bällen als auch bei Standards) aus dem Spiel zu nehmen, dem Rest der Mannschaft ihm nur seinen linken Fuß zu lassen und Kaya nicht nochmal ein Traumtor auspacken, dürfte dem 20. Spiel zu Null eigentlich nichts im Wege stehen.

Stadion

Es gibt Stadien, über die lohnt es kaum zu schreiben oder zu reden. Und selbst unter diesen Stadien dürfte die BRITA-Arena in Wiesbaden Spitzenreiter sein. Stahlrohrtribünen, Wellblech, komische Blechwände in den Ecken. Hier hat man 2007 in Rekordzeit für läppische und aus heutiger Sicht unvorstellbare 16 Millionen Euro eine „Arena“ hingerotzt (die Ausdrucksweise sei mir verziehen), um etwas für den Profibetrieb vorweisen zu können. Und das mit der Rekordzeit ist nicht mal nur dahergesagt. Mit einer Bauzeit von nur 112 Tagen hat es die BRITA-Arena ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft.

Auch die Zuschauerzahlen sind in Wiesbaden seit Jahren rekordverdächtig, allerdings im negativen Sinne. Im Schnitt kommen nur gut 4.000 Leute pro Spiel. Selbst diese Zahl ist stark dadurch geschönt, dass es in der 3. Liga Vereine gibt, die mit einer vierstelligen Anzahl an Auswärtsfans aufkreuzen. Zur Verdeutlichung: Gegen Hansa Rostock war das Stadion in dieser Saison mit 6.700 Zuschauer*innen am besten gefüllt, gegen die Viktoria aus Köln kamen lediglich 2.400 Zuschauer*innen.

Am Sonntag dürfte der VfL folglich für die mit Abstand größte Kulisse in einem Heimspiel des SV Wehen Wiesbaden in dieser Spielzeit sorgen. Und wer weiß? Vielleicht muss man danach ja nie wieder hin …


Geschichten aus der Geschichte

Saison 2007/08. Der SV Wehen Wiesbaden spielt zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte zweitklassig und mischt das Unterhaus, wenn auch nicht mit seinen Fans, so aber doch mit Leistungen auf dem Platz, ordentlich auf. Ihre Zweitligapremiere gewinnen die Hessen mit 3:2 gegen die mit Stars gespickte Millionärstruppe in Hoffenheim, die an diesem Tag ebenfalls Zweitligapremiere feiern darf. Am 2. Spieltag steht der Heimauftakt an und niemand Geringeres als der VfL Osnabrück ist zu Gast. Den Führungstreffer von Tommy Reichenberger kann der eingewechselte Valentine Atem Mitte der zweiten Halbzeit ausgleichen, Endstand 1:1. Aus lila-weißer Sicht bleibt dieses erste Aufeinandertreffen mit den Wehenern aus zwei Gründen in Erinnerung: Die hochbegabte Neuverpflichtung Pierre De Wit zieht sich nur wenige Minuten vor dem Gegentreffer einen Kreuzbandriss zu und steht erst im März des Folgejahres wieder auf dem Platz. Und das Spiel findet weder in Wehen noch in Wiesbaden statt, sondern im Frankfurter Waldstadion, da die neue Spielstätte des Zweitliganeulings noch nicht fertiggestellt ist.

Kurzer Exkurs: ziemlich genau ein Jahr später musste der VfL wieder im Waldstadion ran, diesmal allerdings gegen den FSV Frankfurt im DFB-Pokal. Die Frankfurter, damals mit in Osnabrück bekannten Namen wie Angelo Barletta, Henrich Bencik und Amir Shapourzadeh im Kader, gewannen 2:0. Da beide zu dem Zeitpunkt auch Ligakonkurrenten waren, fand das Rückrundenspiel, das aus Osnabrücker Sicht mit 0:1 verloren ging, ebenfalls im Waldstadion statt. Seitdem hat der VfL dort nicht mehr gespielt.

Aber zurück zum SV Wehen Wiesbaden in die Saison 2007/08. Die beiden Heimspiele nach dem 1:1 gegen den VfL gewinnen die Wehener jeweils deutlich. Die Alemannia wird mit 3:0 nach Hause geschickt, Carl Zeiss Jena bekommt eine 5:1 Packung. Danach warten richtige Highlight-Spiele auf die Wiesbadener, die von der namhaften Konkurrenz beflügelt zu sein scheinen. Am 7. Spieltag wird der Betzenberg mit einem 2:0 Auswärtssieg beim 1. FC Kaiserslautern eingenommen, am 8. Spieltag heißt es wieder Wehen gegen den 1. FC, diesmal allerdings der aus Köln. Die frühe 2:0 Führung durch die Domstädter dreht Ronny König noch vor dem Halbzeitpfiff mit einem lupenreinen Hattrick innerhalb von nur sieben(!) Minuten. Rekordverdächtig, aber kein Rekord. Man soll es nicht für möglich halten, aber es reihen sich sogar einige Hattrick-Schützen im Unterhaus vor König ein, weil sie schneller waren. Einer aus dieser Riege ist VfL-Legende Paul Linz, dem das Kunststück 1979/80 innerhalb von nur sechs Minuten für den OSC Bremerhaven gelang. Im Spiel gegen den 1. FC Köln treffen beide Mannschaften noch einmal nach der Pause, sodass Wehen erneut als Sieger vom Platz geht und sogar auf einen Aufstiegsplatz klettert.

Am darauffolgenden Spieltag fällt dann doch noch ein Rekord und es ist sogar einer, der bis heute hält. Auswärtsspiel in Fürth und die Fürther legen sich den Ball zum Anstoß bereit. Doch Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus hat aufgepasst, nicht Fürth, sondern Wehen hat Anstoß. Und die Hessen wissen das auszunutzen. Kurzer Ball vom Anstoßpunkt zurück, danach hoher Ball in die gegnerische Hälfte, Benjamin Siegert kommt an die Kugel, die danach vom Gegenspieler wieder zu ihm zurückprallt. Ein kurzer Blick nach oben und ein Volleyschuss aus knapp 30 Metern später darf Siegert sich schnellster Torschütze im deutschen Profifußball nennen. Die Uhr zeigte gerade mal acht Sekunden an als der Ball im Netz zappelte.

Der SV Wehen bleibt die Saison über stabil und schafft mit einem 8. Platz souverän den Klassenerhalt. Im Jahr darauf ging es allerdings schon wieder eine Liga runter. Begleitet wurden sie, wie sollte es anders sein, vom VfL Osnabrück, der sich nach dem gemeinsamen Abstieg die Dienste von Benjamin Siegert sicherte.





Prognose Lars Mosel (OS-Rundschau)

Eine Prognose für das Spiel ist schlichtweg nicht seriös zu erstellen. Nach Erreichen des fast sicheren Aufstiegs kann es durchaus passieren, dass mit Spielbeginn der Aufstieg auch rechnerisch sicher ist. Tatsächlich kann auch Samstag dieser Fall schon eintreten, wenn Essen nicht gewinnt. Auch wenn der Trainer noch so sehr auf Disziplin setzen wird, weiß man nicht genau, wie Spieler diese Vorgabe interpretieren und ob die Konzentration leidet. Wenn der VfL noch nicht durch ist, gewinnt man nach konzentrierter Leistung mit 1:0, ansonsten nicht. Und wie Thioune schon sagte:“Muss jeder entscheiden, wie viel er sich heute in den Rachen wirft“ So oder so: Wir feiern!!!


Janis Weber (Ostkurvenchor)

Was soll man da prognostizieren? Den Aufstieg? Reicht das? Dann prognostiziere ich den Aufstieg. Auch wenn der nicht mal mit Gewissheit vorausgesagt werden kann.

Das berühmte „Nie wieder“-Zitat wird normalerweise nur für wirklich wichtige Ding verwendet und meist ein „Faschismus“ oder „Krieg“ angehangen. Ich bin mal so egoistisch und frech und sage „Nie wieder Wiesbaden!“. Nun steht der SV Wehen weder für Krieg noch für Faschismus, also bitte verzeiht mir den Missbrauch dieser Parole, aber ich habe einfach keine Lust mehr auf Auswärtsfahrten in die Blechhütte …


Sven Dirkes (Ostkurvenchor)

Der VfL gewinnt in einem wilden Spiel 3:2 gegen die Wasserfilter. Das Spiel hat etwas von einem heiteren Sommerkick, welcher von der lila-weißen Invasion frenetisch gefeiert wird. Wieso? Weil wir vor dem Spiel beim Warmmachen aufgestiegen sind. Das geht auf Kosten unser defensiven Stabilität, aber who cares? Die Tore für den VfL schießen Christensen, Lesuer und Meißner. Am Ende steht also der Aufstieg. Ohne euch liebe Wasserfilter. Auf nimmer Wiedersehen.

spot_img
1. Mai 2026spot_img
Mai 2026spot_img
April 2026spot_img
Oktober 2023spot_img
Oktober 2025spot_img
August 2024spot_img
Juni 2025spot_img
2015spot_img
November 2020spot_img
August 2024spot_img
erscheint Oktober 2026spot_img