Mittwoch, 17. April 2024

13. Februar 1934: Das sowjetische Forschungsschiff „Cheljuskin“ sinkt vor 90 Jahren im Nordpolarmeer

Für die 103 auf einer Eisscholle festsitzenden Passagiere folgt eine beispiellose Durchhalte- und Rettungsaktion, die sich über zwei Monate hinzieht …

„cheljuskin“ (der name eines polarforschers) wurde ein unvergessliches zauberwort für mich, nachdem mir mein alter herr aus seinen bibliophilen beständen ein 1936 in london gedrucktes kinderbuch überlassen hatte, das die geschichte von fünf jungs aus prag erzählt, die von zuhause ausreißen, um bei der rettung der schiffbrüchigen zu helfen. es hieß „das eismeer ruft“, stammte von der österreichischen jüdin alex wedding (eigentlich margarete bernheim, verh. grete weiskopf) und war so aufregend, dass ich es immer wieder las.

doch die reale geschichte, die damals durch die gesamten weltpresse ging, war mindestens genauso spannend. 1929, im zweiten jahr des fünfjahresplans, überzog die sowjetunion die inseln und küsten des arktischen ozeans mit forschungsobservatorien und radiostationen, an orten, die oft erst kürzlich entdeckt worden waren oder an denen noch nie zuvor menschen gelebt hatten. die wissenschaftler blieben trotz der harten bedingungen den ganzen winter in diesen stationen und sammelten material über das wetter, die bewegung der eisschollen, flora, fauna, geologie.

und sie waren auf der suche nach einem nordöstlichen seeweg in die beringsee (hier waren erst drei expeditionen, die von nordenskjold, amundsen und vilkitski gewesen, die aber alle dort überwintert hatten). 1932 hatte professor otto schmidt, ein russischer arktisforscher mit deutsch-lettischen wurzeln, mit seiner mannschaft auf dem eisbrecher „sibirjakov“ die nordostpassage erstmals in einer fahrt ohne winter-stopp bewältigt. nun wollte er mit einer zweiten expedition herausfinden, ob die reise durch die passage und zurück auch für gewöhnliche frachtschiffe in einer einzigen (sommer)saison machbar war.

im august 1933 legte die cheljuskin in leningrad richtung wladiwostok ab. außer besatzung und wissenschaftlern waren zehn frauen und ein baby an bord; ein zweites wurde unterwegs geboren. das schiff dampfte monatelang durch packeis, schneestürme und nebel richtung beringstraße, bis der pilot des mitgeführten kleinen wasserflugzeugs eines januar-tages meldete, dass das offene wasser keine zehn kilometer vor ihnen lag, sie es also fast geschafft hatten. damit hätte die geschichte glücklich enden können. doch urplötzlich entwickelte sich die sanfte brise zu einem wütenden schneesturm, der das schiff zwischen hartgepressten eisschollen einschloss und manövrierunfähig machte. die cheljuskin trieb in der polarnacht ihrem untergang entgegen.

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es gab nur eine hoffnung auf rettung: die funker an bord schickten notrufe in die welt, die von funkamateuren aufgefangen wurden und jede nacht in den folgenden drei langen monaten von weiter nördlich kamen, weiter entfernt von jeder möglichen hilfe. am 13. februar 1934 schließlich riss in der südlichen tschuktschensee eine seite des schiffes unter dem druck des eises auf. dass sich bis auf einen mann, der von einem fass erschlagen wurde, alle 103 auf eine eisscholle retten konnten, war der weitsicht des teams schmidt zu verdanken. sie hatten die dreimonatige drift dazu genutzt, eine evakuierung vorzubereiten. als das schiff zu sinken begann, verteilten sie alles, was beweglich war, alle vorräte, wissenschaftliche instrumente und drahtlosen apparate auf der eisscholle. nachdem es vollends gesunken war, machten sich die männer daran, eine hütte für die frauen und kinder zu errichten. danach bauten sie sich selbst unterstände, um auf die rettung oder auf den tod zu warten.

otto schmidt funkte als erstes nach moskau, sie hätten genug lebensmittel und öl, um
zwei monate auszuhalten und unweit des lagers gäbe es eine ebene eisfläche, auf der ein flugzeug bei gutem wetter landen könnte. von da an verlief das leben in „camp schmidt“ nach einem strengen plan. jeden morgen punkt sechs übermittelte schmidt den neuesten stand der dinge, punkt acht gab es frühstück, tagsüber besserten arbeitsgruppen das lager und die heizungsanlagen aus, die frauen flickten die kleidung oder kochten. mittags und um acht uhr abends bekamen alle eine weitere mahlzeit und anschließend hielt der professor vorträge.

auf dem festland liefen indes fieberhafte vorbereitungen zur rettung der expedition. der berühmte eisbrecher „krassin“, der in leningrad auf reede lag, wurde hastig zusammengeflickt und mit höchstgeschwindigkeit an die arktisküste geschickt, ebenso flugzeuge aus verschiedenen teil der sowjetunion. den sieben erfahrenen piloten, die sich als freiwillige gemeldet hatten, war klar, dass sie das unmögliche versuchen würden. sie hatten in beide richtungen zwar nur eine strecke von 150 kilometern zurückzulegen, aber jeder zentimeter dieser reise führte über eisfelder, auf denen eine landung unmöglich war, durch temperaturen, die in jeder höhe bis zu 100 grad frost erreichten, und, was am schlimmsten war, durch schneestürme oder dicke gefrorene nebel.

drei wochen nach dem untergang der cheljuskin geschah das wunder. die in der arktischen stille gefangenen männer und frauen hörten plötzlich ein geräusch vom himmel und sahen bald darauf ein flugzeug über sich kreisen. anatoli liapidevski war der erste, dem die landung gelang und der die zehn frauen und zwei babys in seiner maschine nach providence bay flog. andere hatten weniger glück, sie wurden von schneestürmen aufgehalten, die ihre maschinen begruben, ein flugzeug stürzte gar ab.

es dauerte weitere drei wochen, bis es wieder piloten schafften, teilweise von alaska kommend, heil auf der eisscholle zu landen. schmidt hatte inzwischen eine liste zusammengestellt, die die reihenfolge des geplanten abtransports nach dem körperlichen zustand der männer bestimmte. der waghalsige pilot vasily molokov, der beim ersten mal sechs leute in seine für zwei personen ausgelegte maschine und in die für die fallschirme bestimmten schlitze gequetscht hatte, rettete in den kommenden tagen noch allein 39 cheljushkin-mitglieder. der letzte mann, den er am 13. april, exakt zwei monate, nachdem die cheljuskin gesunken war, zurückbrachte, war professor schmidt, der mit 42 grad fieber und einer rippenfellentzündung so geschwächt war, dass er auf einem schlitten zum landeplatz gezogen werden musste. da hatte die vor sich hinschmelzende eisscholle schon so große risse bekommen, dass ihr auseinanderbrechen nur noch eine frage von tagen gewesen war…

für die sieben an der spektakulären rettungsaktion beteiligten piloten erfand das zk der kpdsu den titel „held der sowjetunion“. die zwei beteiligten amerikanischen bordmechaniker wurden mit dem „leninorden“ dekoriert und die expeditionsmitglieder mit dem „orden des roten sterns“. sie trafen sich noch über jahrezehnte an jedem 13. februar im restaurant „prag“ am moskauer arbat, um ihre zweite geburt zu feiern. karina vasilieva, das mädchen, das auf der cheljuskin zur welt gekommen und nach der karasee benannt worden war, die das schiff zum zeitpunkt ihrer geburt durchfahren hatte, ist die letzte noch lebende der einstigen „cheljuskinzy“

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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